1884
Dienstag den 28. August
Rr. 200
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Gießener Anzeiger
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gesetzlichen Grundlage durchaus entbehren. Hoffentlich tritt I man an maßgebender Stelle diesen Klagen der bäuerlichen Bevölkerung näher.
— Unter den Bergarbeitern von Rheinland und Westfalen ist eine lebhafte Bewegung im Gange, um eine großartige Organisation aller Bergleute zu schaffen. An dieser Bewegung find sowohl die socialdemokratischen Bergleute, als auch die in den evangelischen Arbeitervereinen, in den katholischen Gesellenvereinen und anderen christlichen Vereinigungen organisirten Bergleute beteiligt. Am Sonntag, den 26. August, hielten die Delegirten der evangelischen und katholischen Bergarbeiter-Vereiuigungen eine Besprechung in Essen in dieser Frage ab.
— Nach einer Meldung der „Correspondenz des Bundes der Landwirthe" hatte Herr v. Hertzberg-Lottin, ein Mitglied des Bundes der Landwirthe, eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet und ihn gebeten, sich für die Einführung von Getreidesilos zu interesfiren resp. die Staatshilfe dazu in Aussicht zu stellen. Graf Caprivi hat hierauf sehr wohlwollend geantwortet, die Bedeutung der Frage anerkannt, den Antragsteller aber an den Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten, von Heyden, verwiesen. Herr von Hertzberg hat nunmehr den gleichen Antrag unter Beisügung des Antwortschreibens des Reichskanzlers dem Landwirthschaftsminifter unterbreitet und hierbei noch einzelne weitere Wünsche ausgesprochen. Auf dieses Gesuch hat Herr von Hertzberg noch keine Antwort erhalten, auch ist ihm trotz wiederholten Ersuchens das Schreiben des Reichskanzlers nicht wieder zurückgesandt worden.
— Der Reichscommissar Major Dr. von W:ßmann theilte dem Redacteur Tippel von der „Tägl. Rundschau' in Schweidnitz auf dessen Anfrage mit, daß er als Reichs- commisfar auch seine fernere Thätigkeit den deutschen Colonien widmen werde. .
— Wie dem „Reichsanzeiger" von amtlicher Sette mit- getheilt wird, ist die neuerdings von verschiedenen Zeitungen gebrachte Mittheilung von einer seitens der General-Lotterie- Direction erlassenen Warnung in Betreff des Privathandels mit Antheilscheinen von Staatslotterie- losen nicht zutreffend.
— Der Erbprinz Leopold von Jsenburg- Btrftein läßt für sich und die übrigen Prinzen die durch die Zeitungen gegangene Nachricht von der Verlobung mit Fräulein Pullman kategorisch für unbegründet erklären.
— Es steht jetzt fest, daß die Könige von Sachsen
der Sonne hatten verlaffen.
Unter heiteren Haus des Kuraten nachten wollten.
Gesprächen kehrten die Reisenden in das von Ober-Gurgl zurück, wo sie über- in einem der einfachen Gastzimmer nieder
und Württemberg und der Prinzregent von Braunschweig dem Kaisermanöver beiwohnen werden. Alle drei werden im Köntgl. Schloß zu Königsberg wohnen und sich von dort täglich mit Sonderzügen in das Manövergelände begeben. Das Hauptquartier des Kaisers wird während der ganzen Dauer des Manövers im Schloß in Schlobitten auf- geschlagen werden. In der Marienburg wird der Kaiser nur vorübergehend Aufenthalt nehmen, und zwar in den Nachmittagsstunden des 7. und 8. September.
Hamburg, 25. August. Gegenüber der Zeitungsmeldung, daß eine englische Dampfer-Gesellschaft in Nordenham die nöthigen Hasenplätze für Errichtung einer Dampferlmie zwischen der Weser und Newyork gemiethet habe, erklärt die oldenburgische Verwaltung der Direction der Hamburg- Amerika-Linie, daß sie keinen solchen Pachtvertrag geschlossen habe und auch keine derartigen Anträge bei ihr eingegangen seien.
Königsberg i. Pr-, 25. August. Geheimrath Dr. Robert Koch ist heute hier eingetroffen und hat die zur Abwehr der Cholera getroffenen Anordnungen gebilligt.
Deutscher Reich.
Berlin, 25. August. Ein Gesetzentwurf über die Communalsteuerpflicht des Reiches wird, nach einer Aeußerung des Staatssecretärs Dr. von Boetticher, in der nächsten Reichstagssession wahrscheinlich eingebracht werden. Diese Frage würde, wie die „Berl. Pol. Nachr." erinnern, den Reichstag keineswegs zum ersten Male beschäftigen, denn schon 1874 wurde dem Parlamente ein Gesetzentwurf unterbreitet, welcher den Zweck verfolgte, die Heranziehung des Reiches zu Steuern persönlicher Natur ausdrücklich aus- zuschließen, indeffen blieb die Vorlage unerledigt. Es stellte sich aber im Laufe der Jahre heraus, daß eine solche gesetzliche Ausschließung der Communalsteuerpflicht des Reiches verschiedene Gemeinden dauernd geschädigt haben würde. Denn die Gemeinden mit großen reichSfiscalischen Eturtch- tungen, welche einen starken Zuzug von Arbeitern zur Folge hatten, mußten jetzt für Schulzwecke, Armenpflege u. s. w. erhebliche Mittel anwenden, für welche die von den zugezogenen Arbeitern erhobenen Steuerbeiträge einen nicht im Entferntesten genügenden Ausgleich bildeten, so daß die betreffenden Gemeinden meist in finanzielle Schwierigkeiten gertethen. In der Folge traten die zuständigen Reichsbehörden der Sache näher und es gelangte 1891 im Reichs- schatzamte ein Entwurf zur Ausarbeitung, welcher die Frage der Steuerpflicht des ReichsfiscuS in sachlicher wie formeller Beziehung regelte. Auf Grund dieses Entwurfes fanden dann eingehendere Erörterungen in der ganzen Angelegenheit zwischen den betheiligten Ressorts statt, bei welchen Verhandlungen nicht geringe Schwierigkeiten in manchen Einzelfragen hervortraten. Nunmehr scheint diese Frage gelöst zu fein, wie die Ausarbeitung einer neuen Vorlage über die Communalsteuerpflicht des Reiches beweist, und darf man wohl hoffen, daß der betreffende Entwurf dem Reichstage nach seinem Zusammentritte ohne jede Verzögerung zugehen wird.
— Aus verschiedenen Gegenden des Reiches kommen Klagen darüber, daß Bauern durch die Militärbehörde zur Räumung ihrer Gehöfte gezwungen worden seien, um dem Militär für seine Schießübungen Platz zu machen, ja, es soll sogar den Bewohnern ganzer Dorfschaften verboten worden fein, eine Woche lang ihre Fluren vor 1 Uhr Nachmittags zu betreten. Wenn sich die Sache wirklich so verhält, wie sie in den betreffenden Nachrichten geschildert wird, so liegt entschieden ein Uebergriff der Militärverwaltung vor, denn derartige Anordnungen würden der
Wetten um hohe Beträge aus.
Die Unterhaltung lenkte sich schließlich auf das Reiseziel des Bremer Kaufmanns. Dieser beabsichtigte, nachdem er das Oetzthal verlaffen, über Meran und Botzen einen Abstecher nach Riva am Gardasee zu machen, um dann über den Brennerpaß nach Deutschland zurückzukehren. Zunächst wollte er jedoch den Wunsch seiner Tochter erfüllen und mit ihr und zwei Führern die Wildspitze besteigen.
Landmann bot hierzu seine Begleitung an, die von Vater und Tochter mit freundlichem Danke angenommen wurde. „Very well!" sagte Sendel. „Morgen früh steigen wir also den Weg zum Ramoljoch hinauf, auf dem wir heute Vormittag herabkamen. Es führt doch kein anderer hinüber nach Fend?"
„Nein, es ist der einzige," antwortete Landmann.
„Es ist ein einsamer Pfad," bemerkte Mary. „DaS Dörfchen hier und eine einzige Sennhütte sind alles, wag man von menschlichen Behausungen erblickt."
„Und doch," erwiderte Landmann, „steht dicht am Wege ein Häuschen, das jedem Vorübergehenden auffallen muß, und zwar gerade an jener Stelle, wo man den schönen Blick auf die beiden Gletscher hat, also etwas unterhalb des „Köpfte", auf dem das Ramolhaus steht."
„Wie ist dies aber möglich?" fragte Mary. „Wir haben heute Morgen gerade an dieser Stelle verweilt und das Häuschen nicht bemerkt."
„Und doch verhält eS sich so, mein Fräulein l" entgegnete Landmann lächelnd.
(Fortsetzung folgt.)
Arr-laud.
Wien, 25. August. Kaiser Franz Joseph hat die Anzeige des Präsidenten Casimir Perier von dem Antritt seiner Regentschaft durch ein eigenhändiges Handschreiben beantwortet, welches der österreichische Botschafter in Paris dem Präsidenten überreichte. n
Budapest, 25. August. Der Ackerbauminister unterläßt dieses Jahr den üblichen Jahresbericht über den Stand der ungarischen Weizenernte, angeblich um die Interessen der Landwirthschast und den Weizenpreis nicht zu drücken.
Rom, 25. August. General Morra, welcher, mit dictatorischer Gewalt versehen, nach Sizilien gesandt wurde, hat 5 0 00 Lire unter die Armen Palermos vertheilen lassen. m ,
Rom, 25. August. Die Präfectur von Palermo ver- . öffentlicht ein Manifest, wodurch bis auf Weiteres die Z u r ü ck - gäbe der Waffen, die während des Belagerungszustandes eingeliefert wurden, in Anbetracht der noch nicht vollständig normalen Zustände suspendirt wird. Die Präfectur von Messina ordnete gleichsalls die Suspension an.
— Das Räuberunwesen aus Sizilien blüht üppiger denn je, die Aufhebung des Belagerungszustandes auf der
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Herrn sehr ergötzte.
Nach einer Pause wandte sich Landmann an das junge Mädchen.
„Sie haben in Bremen ein Bild von der Wildspitze gesehen, gnädiges Fräulein? Ist Ihnen vielleicht der Name des Malers erinnerlich?"
Mary sann nach. Plötzlich rief sie überrascht: „Ist es nicht der Ihrige?"
„Allerdings," lachte der Maler. „Mein Bild von der Wildspitze war letzten Frühling in Bremen ausgestellt. Senator Carstens hat es gekauft." , v £ .
Das Mädchen schwieg wie betroffen, tndeß der alte Herr murmelte: „Strange in deed! Tobe sure!“ rief er dann aus: „Der alte Carstens'. Ich habe eS selbst bei ihm
und setzten äi einem Glase guten Tyroler Weins ihre Unter- Haltung fort. Auch der Kurat störte sie nicht, da die große Zahl seiner heutigen Gaste seine ganze Aufmerksamkeit in
Dämmerung war hereingebrochen und die Strahlen auch die höchsten Gipfel der Berge
D?e beiden jungen Leute schienen ein wachsendes Gefallen aneinander zu finden. ~
Der Maler empfand eine tiefe und seltene Sympathie der Anschauungen und Gefühle des schönen' Mädchens mit den [einigen, während Mary, nicht, wie sonst spröde und zurückhaltend, von hoher Achtung von seinem Talent erfüll war und mit lebhaftem Jntereffe seinen Worten lauschte, die einen ungezwungenen, doch kräftigen Character und eine reiche j8llbUau* ^em^^lten Herrn Sendel schien die Unterhaltung mit dem Maler sehr zu behagen, der auf alle seine bisweilen
Kruilleton.
Die Wette im Hochgebirge.
Von Adolph Thiele.
(1. Fortsetzung.)
Es ist das Großartigste, was ich je gesehen," antwortete Mary. „Schon als ich die Berge aus der Ferne winken sah, grüßten sie mich wie alte Freunde. In meiner Kindheit habe ich den Sommer meist in den Gebirgen von Cornwallis verlebt und auch später am liebsten Bilder auS dem Gebirge betrachtet. Daher überkam mich ein so trautes und heimisches Gefühl, als uns die Berge in ihrer Mitte aufaenommen hatten. Aber das höchste Ziel meiner Sehnsucht war stets daS Hochgebirge. Es ist nun erreicht, aber es hat meine Erwartung übertroffen."
Und mich hat das Mädchen mit seiner Naturschwarmerei anaesteckt," sagte der alte Herr jovial. „Da hatte ihr in Bremen ein Bild von der Wildspitze über alles gefallen, und die mußte sie nun sehen, abßolutely. Kaum aber find wir drüben in Fend feierlich auf Eseln eingeritten, in Fend, wo uns doch die Wildspitze vor der Nase liegt, so will sie hinauf auf das Ramoljoch." , t , 1(£
„Um die Wildspitze bis zuletzt aufzuheben, dear papal“ warf Mary verteidigend ein.
Well! Heute früh heißts dann im Ratmolhause, wo wir übernachteten: Dear papa, mir gefällt es hier so sehr, wollen wir nicht einmal hinunter nach Ober-Gurgl ?
Aber hast Du es denn benutzt, Papa?" fragte die Tochter schelmisch. „Hat eS Dir beim Kuraten unten nicht gefetten? dear!“ erwiderte der alte Herr, „der
Kurat" ist aber auch ein köstlicher Mann.
Behaglich schmunzelnd sprach er sich über die Kuraten aus, die er auf der Reise besucht hatte.
Der Maler kannte alle diese Herren, die neben ihrem . geistlichen Amte eine Gastwirihschaft betreiben, persönlich und
.h-m- B-r,chi-d.n-- au« >hr°m L-b-n ml», was ben a(t=n | der alte Herr eine große Vorliebe für daS Wetten besaß. Fast bei allen den erzählten Geschichten spielte eine Wette mit.
Sendel gab auch seine Neigung zu diesem Sport unumwunden zu, vertheidigte denselben damit, daß jeder der beiden Partner die Freude des RechtbehaltenS habe, während sie nur einer bezahlte, und sprach sich schließlich gegen daS


