Nr. 174 Erstes Blatt. Samstag den 28. Juli 1894
Der
Hießeuer -«zeig» erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Gießener Anzeig er
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Alle Annoncen-Burcaux deS In» und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Bekanntmachung.
Die von der Neustadt nach der Kirchstraße am Oswalds- garten entlang ziehende Straße ist von heute an bis auf Weiteres für den öffentlichen Verkehr gesperrt.
Zugleich wird in Erinnerung gebracht, daß das Befahren des Oswaldsgarten mit Lastfuhrwerken überhaupt verboten ist.
Gießen, 27. Juli 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________________I. V-: Roth.__________________
Bekanntmachung,
betr.: Oberhessischer Obftbauverein, Vereinsbezirk Gießen.
Arn Sonntag den 29. Juli findet in Bellersheim im .Rathhaussaale, Nachmittags um 3 Uhr, Versammlung statt, in welcher der Vorsteher der Pomologischen Gärten in Friedberg, K. Reichelt, einen Vortrag über
„Oberhessische Obstsorten und ihren Werth zum allgemeinen Anbau"
halten wird.
Die Mitglieder des Oberhessischen Obstbauvereins und andere Interessenten werden hierzu freundlichst eingeladen.
Der Vorsitzende des Bezirksvereins Gießen des Oberhess. Obstbau-Vereins:
Dr. Wallau.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 26. Juli. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin refften heute früh 7 Uhr nach Coburg, wo ein Aufenthalt bis zum 1. k. Mts. in Aussicht genommen ist- es werden daher sowohl am 28. d. Mts. als auch am 1. k. Mts. die Audienzen rc. hier ausfallen. — Sicherem Vernehmen nach ist das Programm der Uebersührung der Leiche weiland S. G. H- des Prinzen Alexander von Hessen von der Rosenhöhe auf den Heiligenberg zu Jugenheim nunmehr festgestellt. Dieselbe geschieht Samstag den 4. August in den frühen Morgenstunden in der Sülle und schließt sich die feierliche Beisetzung in dem neu erbauten Mausoleum um 8 Uhr an. Darmst. Ztg.
Berlin, 26. Juli. Die Heimkehr des Kaisers von feiner Norlandsfahrt dürfte spätestens am Samstag stattfinden, da der Monarch für Anfang August einen Ausflug nach England plant.
— Als Vertreter des Kaisers wohnte am Mittwoch und Donnerstag Prinz Leopold von Preußen der Jubelfeier der Universität Königsberg bei. Am Mittwoch Abend fand dort ein großartiger Fackelzug von vierhundert Studenten statt.
— In der gegenwärtigen Zeit der sommerlichen Ruhe ist vom Gebiete der inneren deutschen Politik in der letzten Woche wiederum nicht viel zu berichten. In der jetzigen stillen und dennoch von mancherlei Sorgen erfüllten Zeit darf aber das deutsche Volk einen Lichtstrahl in der Thatsache erblicken, daß sich die Finanzkraft des deutschen Reiches doch stärker gezeigt hat, als man im vorigen Jahre noch annahm. Denn vor einigen Tagen hat der „Reichs- avzeiger" gemeldet, daß der Reichshaushalt des Jahres 1893/94 nach vollständigem Abschluß der Rechnungen einen Ueberschuß von 14 199 980 Mark und 18 Pfennig ergeben habe. Dadurch ist aber das deutsche Reich noch nicht von finanziellen Sorgen befreit, denn der Ueberschuß bezieht sich fa nur auf das alte Jahr. Doch stellt sich auf diese Weise das Budget des Jahres 1894/95 schon jetzt günstiger und das Deficit kleiner. Nach der Berechnung des Reichsschatz- secretärs, die in der Steuercommission niedergelegt wurde, beträgt der nicht gedeckte Betrag für das Jahr 1894/95 18 710 516 Mark. Hierbei war ein Ueberschuß von nur 3 926 000 Mark aus dem Vorjahre in die Einnahme gestellt. Jetzt hat sich also herausgestellt, daß dieser Betrag um 10 273 980 Mark größer ist und daß folgerichtig sich das Deficit auf 8 436 536 Mark beschränkt.
— Der Bundesrath hat eine Anweisung zur zollamtlichen Prüfung von Mühlenfabrikaten erlassen. Es findet bet der Eingangsabfertigung von Kleie sowie bei der zollamtlichen Abfertigung von Mehl, welches mit dem Anspruch auf Zollnachlaß oder auf Ertheilung eines Einfuhrscheines zur Ausfuhr angemeldet wird, bis auf Weiteres das sogenannte Typenverfahren Anwendung. Zu diesem Zwecke sind den beteiligten Zollstellen eine Anzahl Mustertypen überwiesen.
— Die Meldung von einer in der nächsten Session zu erwartenden Vorlage über eine Erhöhung der Brausteuer wird osficiös als unrichtig bezeichnet. Richtig sei aber, daß für den Fall, daß wider Erwarten die Erhöhung der Einnahmen aus dem Tabak sich nicht verwirklichen sollte, die Erhöhung der Biersteuer ganz von selbst wieder auf das Tapet komme.
Ausland.
Paris, 26. Juli. Die französische Deputirten- kammer hat in letzter Woche die schwierige Berathung des Anarchiftengesetzes ziemlich zu Ende gebracht und besteht über das Zustandekommen des Gesetzes kein Zweifel mehr. Der übele Zwischenfall, bezüglich des Preßparagraphen, wonach den Zeitungen verboten wird, über Prozeßverhandlungen gegen die Anarchisten zu berichten, wurde durch einiges Entgegenkommen der Regierung beigelegt. Auch der letzte große Sturm der Radicalen und Socialisten auf das Anarchistengesetz wurde glücklich abgeschlagen. Der radicale Deputirte Jaures stellte nämlich den Antrag, daß alle Minister, Deputirten und Senatoren, welche Bestechungsgelder annahmen oder bei anrüchigen Finanzgeschäften betheiligt find, als Anarchisten bestraft werden sollen, denn die Quellen der Anarchie seien die in den höheren Kreisen gegebenen schlechten Beispiele. Dagegen führte der Deputirte Dechanel aus, daß die Republikaner die Untersuchung aller bedenklichen Finanzgeschäfte, zumal auch der Panamaangelegenheit gefördert hätten. Man suche jetzt die alten abgethanen Dinge wieder aufzufrischen, aber diejenigen, welche von Panama redeten, hätten davon geträumt, den General Boulanger zum Staatsoberhaupt zu machen. Dechanel wies die Angriffe Jaures unter dem Beifalle der gemäßigten Republikaner und dem Widerspruche der Radicalen und Socialisten zurück. Die Socialisten wollten das Volk zur Revolution ausreizen, es würde ihnen aber niemals gelingen, Frankreich für sich zu gewinnen. Der Antrag Jaures wurde darauf mit 264 gegen 222 Stimmen verworfen und der Artikel 6 des Anarchfften- gesetzes auch angenommen.
Heuefte Nachrichten.
WolffS telegraphisch-« Correspondenz-Bureau.
Berlin, 26. Juli. Die „Volkszeitung" veröffentlicht eine kaiserliche Entschließung, wonach die Aufstellung des Schulze-Delitzsch-Denkmals auf dem Hausvogteiplatz als ungeeignet bezeichnet wird. Der Polizeipräsident erwartet weitere Vorschläge vom Denkmals-Cornite.
Königsberg, 26. Juli. Bei der Universitäts-Jubiläumsfeier in der Aula verlas Prinz Friedrich Leopold den Glückwunschbrief des Kaisers, worin es heißt: die Albertina habe nie die bei ihrer Gründung mitgestellte Aufgabe vergessen, im vorgeschobenen Grenzlande eine Bildungsstätte deutschen Geistes und deutscher Cultur zu werden - zugleich sei sie zum anerkannten Mittelpunkte der geistigen Interessen und des wissenschaftlichen Lebens geworden. Der Kaiser gedenkt der Zugehörigkeit von Gliedern des Herrscherhauses zur Universität als rectores magnificentissimi namentlich des Rectorats Kaiser Friedrichs und schließt mit Wünschen für das Wohlergehen der Universität. Der Rector dankte mit einem Hoch aus den Kaiser.
Kopenhagen, 26. Juli. Der Großfürst-Thronfolger ist an Bord des „Polarstern" heute Nachmittag hier eingetroffen. Er wurde vom König, der königlichen Familie, dem Hof, dem russischen Gesandten und einer Deputation Osfiziere des russischen Regiments des Kronprinzen empfangen.
Bukarest, 26. Juli. Der officiöse „Timpul" lehnt jede Verantwortung der Regierung für jdie diesjährige Industrie-Ausstellung, au der auch deutsche Aussteller theilnehmen wollen, ab.
Depeschen 2eS Bureau .Herold".
Berlin, 26. Juli. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Reihe von Ordensverleihungen an Königsberger Prosefforen aus Anlaß der 350jährigen Jubelfeier der dortigen Universität.
Berlin, 26. Juli. Wie aus Heilbronn gemeldet wird, ist der württembergische Landtagsabgeordnete und frühere Reichstagsabgeordnete Härle gestorben.
Berlin, 26. Juli. Die am 11. September 1892 errichtete Cholera-Commission tritt am 27. d. M. zu einer Conferenz zusammen, um festzustellen, ob bei der in Rußland an Ausdehnung zunehmenden Choleraepidemie die I Seitens der betreffenden Regierungspräsidenten angeordneten
Vorbeugungsmaßregeln an der preußisch-russischen Grenze ausreichend sind oder verschärft werden müssen.
Köln, 26. Juli. Bet Emmerich mußte aus einem durch einen Raddampfer geschleppten, aus Holland kommenden Schiffszuge ein Schiff entfernt werden, weil sich ein Cholerakranker an Bord befand. Die übrigen Schiffe wurden in Düsseldorf und in Köln ärztlich untersucht.
Lemberg, 26. Juli. Der hiesige Club „Sibirien" hat alle noch lebenden Theilnehmer am Aufstande von 1863, welche damals nach Sibirien deporürt wurden, eingeladen, sich am 2. September zu einer in Lemberg stattfindenden festlichen Vereinigung einzufinden.
Paris, 26. Juli. Wie „Gaulois" berichtet, hat der Advocat Dubreuil, welcher Caserio vertheidigen will, diesem angerathen, Berufung einzulegen gegen den Beschluß der Anklagekammer, welche ihn vor den Asstsenhof verweist, damit er als politischer Verbrecher vom obersten Gerichtshof abgeurtheilt werden könne.
Madrid, 26. Juli. Die spanische Regierung wurde bei der französischen Regierung wegen des Aufenthalts Don Jayme, des Sohnes Don Carlos, in St. Jean de Luz vorstellig mit der Bitte, die französische Regierung möge Don Jayme ersuchen, seine Anwesenheit in St. Jean de Luz abzukürzen. Dieser Ort liege in der Nähe der Sornmer- restdenz der spanischen Königsfamilie und außerdem mehrten sich die Kundgebungen der Carliften täglich. Der Präfect der unteren Pyrenäen wurde beauftragt, das Ersuchen der französischen Regierung Don Jayme zu überbringen, worauf der letztere sofort seine Abreise bewerkstelligte- 80 Carlisten begleiteten ihn zum Bahnhofe.
CocäU* mtfc Lrovtirzielles
Gießen, den 27. Juli 1894.
* * Die Conferenz der ev. Geistlichen der Provinz Oberhessen findet am 7. August I. I. in Gießen in Steins Garten statt. Professor D. Rei sch l e-Gießen wird auf derselben über „Die Bedeutung der Sitte für das kirchliche Leben" vortragen. Hierauf soll die Frage der „Leichenverbrennung" (Referent: Pfarrer Wissig in Bad-Nauheim, Korreferent: Pfarrer Wahl in K rtorf) besprochen werden.
* * Diejenigen Studirenden des Finanz- und des Forstfaches, welche sich zu Anfang des Wintersemesters 1894/95 der Fachprüfung zu unterziehen beabsichtigen, haben ihre Meldungen unter Beifügung der im § 6 der Ordnung der Hochschulprüfungen im Finanz- und Forstfache in Gießen vom 25. Juni 1889 angeführten Belege bis zum 19. October dss. Js. bei dem Vorsitzenden der Großh. cameralistischen Prüfungs-Commission, Herrn Dr. Laspeyres in Gießen, einzureichen.
* * Denkmals • Enthüllung. Heute Nachmittag 4 Uhr wird auf hiesigem Friedhof das dem verstorbenen Professor Dr. Eduard Schwan (einem Gießener Kinde) von seinen Freunden und Collegen errichtete Denkmal mit entsprechender Feier eingeweiht.
* * Keilerei. Infolge des anhaltenden Regens hatten gestern die am Bahofumbau beschäftigten Arbeiter die Arbeit eingestellt und sich dafür in der am Platze befindlichen Kantine gütlich gethan. Es entwickelte sich hierbei eine Keilerei, wobei mit Schippen, Stöcken und auch mit einem Hammer darauflosgeschlagen wurde. Es setzte viele blutige Köpfe und wurden 13 Personen wegen Körperverletzung angezeigt.
* * Verschüttet. Heute Vormittag wurde am Bahnhofsumbau ein Arbeiter durch nachrutschende Erde verschüttet und erlitt Verletzungen an den Beinen. Er wurde in die Klinik verbracht.
* * Brod-Revision. Nachdem verschiedene hiesige und auswärtige Bäcker wegen zu leicht gebackenem Brode bestraft worden sind, hat man allenthalben Klagen darüber vernommen, daß das Brod in letzter Zeit nicht richtig aus- gebacken werde. Die betr. Bäcker und Brodhändler werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich ebenfalls strafbar machen, wenn sie Brod verkaufen, welches nicht ausgebacken und dadurch geeignet ist, die Gesundheit zu schädigen.
* ♦ Verbandsfest der Mittelrheinischen evaug. Arbeitervereine in Friedberg Sonntag den 29. Juli. Nachmittags l3/< bis 21/i Uhr: Empfang der auswärtigen Vereine an der Bahn. 2'/z Uhr: Fest-Gottesdienst in der Stadtkirche (die Festpredigt hält Herr Pfarrer Dr. Rade von Frankfurt a. M.). 4 Uhr: Festzug mit Musik nach dem Hofe des Großherzoglichen Schlosses, daselbst: Begrüßungsansprache, Festrede des Herrn Pfarrer Naumann von Frankfurt a. M., Concert, Ansprachen, Liedervorträge.


