Nr. 148
Donnerstag bett 28 Juni
1894
Der Hiehkncr Anzeiger rrldjriiit täglich, mit Ausnahme des Montag-.
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Gießener Anzeiger
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Deutsche» Reich.
Berlin, 26. Juni. Der Kaiser unb ble Kaiserin treffen am 3. Juli in Stavanger im südlichen Norwegen em, um alsdann die Seefahrt über den Lyse * Fjord und den Hardanger-Fjord nach Odde fortzusetzen. Bon Odde aus erfolgt die Landreise über Bassevangen nach Stalheim, in deffen Hotels bereits die Zimmer für daS Kaiserpaar und dessen Gefolge bestellt sind. Der Kaiser gedenkt bis zum 30. Juli auf norwegischem Boden zu weilen, während die Kaiserin etwa vierzehn Tage vorher die Rückreise nach Deutschland antreten wird.
— Die Sensationsafsaire Kotze bedarf noch immer sehr der Aufklärung, und da die meisten bisherigen Nachrichten hierüber widerspruchsvoll lauten, oder sich lediglich als Muthmaßungen erweisen, so ist es für den Uneingeweihten schlechterdings unmöglich, eine bestimmte Stellung in der Angelegenheit etnzunehmen. Jedenfalls liegen zunächst nur VerdachtSgründe gegen den kaiserlichen Ceremonienmeister von Kotze vor, es ist keineswegs außgeschloffen, daß Herr von Kotze durch den Verlauf der Untersuchung rehabilitirt wird.
— Die seit vergangenem Sonnabend im Reichsamte des Innern zu Berlin tagende Commission für Arbeiter st ati st ik hat zunächst die Entwürfe über die Regelung der Arbeitszeit in den Bäckereien und Conditoreien in Angriff genommen- die Berathungen hierüber dürften am Dienstag zu Ende geführt worden sein. Die Verhandlungen der Commission werden vom Unterstaat^secretär Dr. v. Rottenburg geleitet.
— Der preußische Finanzminister Dr. Miquel und der LandwirthschaftSminister von Hey den werden Ende dieses Monats eine gemeinsame Reise nach West Preußen und Posen unternehmen. Dieselbe gilt der Besichtigung der Rentengüter und Ansiedelungen m den genannten Provinzen. Insbesondere wünschen die Minister, das RentengutSwesen im Einzelnen und die Erfolge der Rentengutsbildung überhaupt kennen zu lernen.
Spandau. 25. Juni. Die Erwerbungskosten des neuen, eine Quadratmeile großen UebungsplatzeS für das GardecorpS zwischen Potsdam und Spandau belaufen sich auf nahezu 7 Millionen Mark- diese Ausgabe wird gedeckt durch den Verkauf eines großen militärfiscalischen Terrains dicht bei Berlin. Der Uebungsplatz verschlingt das Rittergut und Dorf Döberitz gänzlich und schneidet von den Gemeinden Rohrbeck, Seebnrg, Dallgow und den Rittergütern Groß-Glienecke und Dyrot große Stücke ab. Als Durchschnittspreis pro Morgen Land, einschließlich der dazu gehörigen Gehöfte ist der Betrag von 350 Mark angenommen. Die ursprünglichen Forderungen der Besitzer gingen auf das Doppelte und Dreifache. Als die Eigenthümer tndeß sahen, daß es der Militärverwaltung ernst war mit der Anlage des UebungsplatzeS und dem MilitärfiScuS das Recht der Enteignung verliehen worden war, ermäßigten sie ihre Forderungen ganz bedeutend. Der bewilligte Preis entspricht vollkommen dem wirklichen Werth der Besitzungen.
Danzig, 25. Juni. Während deS Kaisermanövers nimmt nach den bisherigen Bestimmungen Kaiser Wilhelm im Schloß Schlobitten Aufenthalt, der Großfürst-Thronfolger von Rußland und der König von Sachsen in Prökelwitz. Kaiser Franz Joseph wird mit seinem Gefolge in Gr.-Waplitz wohnen.
Ausland.
Paris, 26. Juni. Die SchrcckenSthat von Lyon, die feige Ermordung des Präsidenten Carnot durch einen nichtswürdigen Schurken, hat in der ganzen clvilisirten Welt einen Schrei des Entsetzens und der Entrüstung hervor- gerufen, zugleich aber auch zahlreiche Bekundungen lebhafter Theilnahme des Auslandes an dem Schmerze und der Trauer des französischen Volkes zur Folge gehabt. Sämmtliche Regierungen und Monarchen Europas haben der Wlttwe CarnotS ihr Beileid ausgedrückt und war die Beilkidsdepesche, welche der schwergeprüften Frau seitens deS Deutschen Kaisers — zugleich im Namen der Kaiserin — zuging, eine der ersten. Auch die französische Regierung empfing auS dem Auslande zahlreiche Telegramme, in welchen neben der Entrüstung über den verübten Meuchelmord die schmerzliche Antheilnahmc an dem traurigen Ereignisse ausgedrückt wird. In Frankreich selbst herrscht begreiflicher Weise noch immer große Aufregung, namentlich in Lyon, wo das furchtbare Verbrechen geschah. Es ist in dieser zweiten Stadt bereits zu wiederholten Ausschreitungen gegen die daselbst lebenden Volksgenossen des verruchten Attentäters, des Italieners Cesario, gekommen- auch an anderen Orten Frankreichs macht sich
anläßlich deS tragischen Vorfalles in Lyon eine bedenkliche Erregung gegen die Italiener geltend. — lieber die Gründe der schrecklichen Thai CesarioS herrscht noch Ungewißheit, der Attentäter selber verweigert hartnäckig jede weitere Auskunft, er will erst vor den Geschworenen sprechen. Doch glaubt der Lyoner Untersuchungsrichter, daß die Ermordung CarnotS mit den Vorgängen in Aigues-MorteS zusammenhänge, der Attentäter habe die Anarchisten und zugleich seine LandSleute rächen wollen. Anderseits macht sich die Anschauung geltend, daß Carnot einem anarchistischen Complott zum Opfer gefallen ist und daß Cesario durch daS LooS zur Ermordung des sranzösischen StaatSchesS bestimmt war; jedenfalls steht fest, daß der Attentäter mit den Anarchisten enge Beziehungen unterhalten hat. Hinsichtlich der Personalien u. s. w. deS Mörders ist mitzutheilen, daß er 1873 in Monte ViSconto in der Provinz Mailand geboren wurde und daS Bäckerhandwerk erlernte. Er genoß eine gute Familienerziehung und galt als ein weichherziger, braver und sehr religiös gesinnter junger Mann, aber als er nach Mailand kam, gerieth er in die Netze der Anarchisten und seitdem scheint Cesario ein willenloses Werkzeug dieser im Finsteren schleichenden Derbrecherrotte geworden zu sein. Vor sechs Monaten war Cesario nach Frankreich gekommen und hatte in der südfranzösischen HasenstadtCette Aufenthalt genommen; in Lyon war er erst am Morgen deS 23. Juni, deS TageS des schrecklichen Ereigntffes, erschienen. — Was nun die politischen Folgen deS jähen Endes deS Staatsoberhauptes Frankreichs anbelangt, so muß die Entwickelung der Ereig- niffe in dieser Beziehung natürlich abgewartet werden, doch gewinnt eS den Anschein, als ob der tragische Vorgang zunächst weder ernste innere Erschütterungen sür Frankreich zeitigen, noch bedenkliche Wirkungen über die Grenzen Frankreichs hinaus äußern werde. Senat und Kammer werden am Mittwoch als Congreß zusammentreten, um den Nach- folger CarnotS zu wählen. Die meisten Aussichten, daS neue Staatsoberhaupt Frankreichs zu werden, besitzt Casimir Perier, der gewejene Ministerpräsident. Challemel-Lacour, der Senatspräsident, hätte ebenfalls bedeutende Chancen, zum Präsidenten gewählt zu werden, indessen ist von ihm die Annahme einer solchen Candidatur abgelebnt worden.
neuefte Nachrichten.
Wolffs trlegrapbtscheS Correspondmi-BureLU
Berlin, 26. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz über die Rechte d e s VermietherS an den in . die Miethräume eingebrachten Sachen vom 12. Juni 1894.
Paris, 26. Juni. Die irdische Hülle CarnotS soll im Hose deS Elysöe ausgestellt werden. — Minister von GierS richtete an den russischen Botschafter Baron von Mohrenheim eine Depesche, in der der französischen Regierung und Madame Carnot aufrichtige Beileidsgefühle und lebhafte Sympathie auSgedrückt werden. — Zweihundert Mitglieder des italienischen Parlaments sandten an den General 3)ung, der am vergangenen Sonntag bei einem Bankett zur Erinnerung an die Schlacht bei Solferino den Vorsitz führte, eine Depesche, worin gesagt wird: „Wir betrachten Ihr nationales Unglück als das unsrige." — Fünfundzwanzig bei den Vergrößerungsbauten der Milttärschule von Saint Cyr beschäftigte italienische Arbeiter wurden entlassen. Mehrere Bauunternehmer werden gleichfalls bei ihnen beschäftigte italienische Arbeiter entlasten.
Paris, 26. Juni. Der Wortlaut des Telegramme- des Zaren an Madame Carnot ist folgender: „Tief ergriffen von der Nachricht über daS Attentat drücken Ihnen die Kaiserin und ich unser tiefstes Beileid aus und versichern Sie der Sympathie und lebhaften Antheilnahme an dem Unglücke, daS Ste betroffen und ganz Frankreich in Trauer versetzt."
Paris, 26. Juni. Etwa hundert Deputirte und Senatoren der Rechten kamen heute überein, im ersten Wahlgang einen eigenen Candidaten sür die Präsidentschaft aufzustellen und bei der zweiten Abstimmung ihre Stimmen auf den die meisten Garantieen bietenden Candidaten zu vereinigen.
Paris, 26. Juni. In einer Zusammenkunft der drei Gruppen des S e n a t S , der republikanischen Bereinigung, der republikanischen Linken und deS linken Centrums wurden für die Candidatur Caiimir PerierS 144 von 179 Stimmen abgegeben. Sine gemeinsame Versammlung von Senatoren und Deputirten fand um 5 Uhr iw 1 Luxembourg statt.
Paris, 26. Juni. DaS „Scho de Paris" sagt in einem
„Mort en Soldat“ betitelten Leitartikel; „Biele beredte Stimmen werden die öffentlichen Tugenden des betrauerten Präsidenten preisen und diesem bürgerlichen Würdemrager die verdiente Huldigung barbringen, aber wenige Lobsprüche werden daS concise kraftvolle Wort erreichen, mit dem die Condolenzdepesche Kaiser Wilhelms an Madame Carnot schließt."
Paris, 26. Juni. Dem Conseilspräsidenten Dupuy fiel die schwere Ausgabe zu, Frau Carnot, deren Extrazug sich mit dem (einigen, der ihn nach Paris brachte, kreuzte, das schwere Unglück mitzutheilen, daS sie getroffen hat. Frau Carnot wußte also schon, alS sie gestern srüh in Lyon eintraf, daß sie ihren geliebten Gatten nicht mehr am Leben finden würde. Ihr ältester Sohn, der in Dijon alS Lieutenant bet der Infanterie steht, war schon um 4 Uhr Morgen- in Lyon, wo General Bonus ihn empfing. Lieutenant Sadi Carnot hatte noch vor wenigen Tagen seinen Vater aus der Reise nach Lyon gesehen und war so ties erschüttert, daß General BoriuS thn stützen mußte. Der zweite Sohn, der Ingenieur Ernest Carnot, der mit seinem Bruder Francois seine Mutter begleitete, ist bekanntlich mit der Tochter deS Senators ChiriS verlobt und gerade gestern wurde die Vermählungsanzeige zum ersten Male in der Marie deS 8. ArrondiffxmentS angeschlagen. Die Hochzeit war aus den 15. Juli angesetzt gewesen und wird natürlich verlegt.
Paris, 26. Juni. Die Senatoren und Deputirten der Rechten ernannten eine Commission zur Nominirung deS PräsidentschastS - Candidaten. Deffen Name wird erst bei Eröffnung des morgigen CongreffeS bekannt gegeben. Mehrfach wird Admiral Gervais als Candidat der Rechten bezeichnet.
Lyon, 26. Juni. Eine Proclama t ion deS Bürgermeisters besagt: Unter dem Vorwavde des Patriotismus begingen in verschiedenen Punkten der Stadt UebelthLter Acte des Vandalismus und der Plünderungssucht. Diese Leute müßten als gemeine Verbrecher betrachtet uub bestraft werden. Die Proclamation fordert alle Bürger aus, solche schmählichen Handlungen nicht zu dulden und die Behörden zu unterstützen.
Marseille, 26. Juni. In der Stadt herrscht andauernd Ruhe, nur einige unbedeutende Zwischenfälle kamen vor, so wurde ein Italiener am Quai Fraternite von einer Gruppe junger Leute verhöhnt und zwei Italiener wurden in ent- legencren Stadttheilen mißhandelt.
Petersburg, 26. Juni. Der „Regierungsbote" sagt in einem Nekrolog aus Carnot: „Frankreich verlor in der Person Carnots einen tadellos, ehrenhasten, sreimüthigen und hochherzigen Bürger, einen großen Patrioten, musterhafte» Familienvater und musterhaftes Staatsoberhaupt, welches jeden Parteiinteressen fernstand und Frankreichs Wohl über Alles stellte." Das Amtsblatt weist schließlich daraus hin, daß der Zar die Berdienste CarnotS durch die Derleihung des AndreaSordenS gewürdigt habe.
Depeschen bet Bureau »Herold*.
Berlin, 26. Juni. Die französische Botschaft in Berlin war auch beute roieber bat Ziel zahlreicher Personen, welche ihre Namen in bie ausliegenben Listen eintrugen.
Berlin, 26. Juni. Die „Post" erfährt zu ber in bex Zeitungen ausgesprochenen Befürchtung, baß bie Sicherheit ber Deutschen in Frankreich eventuell gefährdet sein könne, der deutsche Botschafter in Paris, Graf Münster, habe die Zuversicht bekundet, daß Dank ber von ber französischen Regierung ergriffenen Maßregeln bie SchreckenSthat vom 24. Juni keine schweren inneren Unruhen zur Folge haben werbe.
Berlin, 26. Juni. Fürst Pleß erklärt in ber „Post" zur Angelegenheit Kotze, baß er roeber bie anonymen Briefe betreff enbe noch Kotze persönlich angehende Mittheil- ungen dem Kaiser gemacht habe, wie dies von einigen Blättern behauptet worden.
Berlin, 26. Juni. Die Berliner Herbstmesse findet bestimmt vom 20. biS 31. August d. I. statt.
Berlin, 26. Juni. Für Zwecke des Reiches sind Erhebungen im Gange über den Einfluß der Arbeiterversicherung auf die Kosten der Armenpflege.
Berlin, 26. Juni. Der „Vorwärts" bezeichnet die Ermordung Carnots alS eine erschütternde Katastrophe unb Carnot als einen burchaus ehrenhaften Mann. DaS Blatt spricht sich auf baS Schärfste gegen bie PräsibentschaftS- Sanbibaten aus unb höhnt über die schnöde, rotlbe Hetzjagb, welche schon jetzt um den Präfibentenstuhl beginne. Der Inhalt bc5 Artikels soll gestern in einer geheimen Sitzung


