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Nr. 199 Zweites Blatt. Sonntag bett 26. August
1894
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Deutsches Reich.
Berlin, 24. August. Im unmittelbaren Anschlüsse an die Rückkehr unseres Kaisers aus England haben einschneidende Veränderungen in höheren Commandostellen der Marine stattgefunden, wie sie bereits durch die jüngste CabinetSordre des Monarchen begeben worden sind. U. A. wurden jetzt sämmtliche Commandenten der neuen Panzerschiffe erster Klaffe „Weißenburg", „Wörth", „Brandenburg", und „Kurfürst Friedrich Wilhelm", ernannt. Ferner wurden die Commandanten der in Kiel in Ausrüstung befindlichen neuen Kreuzer vierter Klasse „Cormoran" und „Condor" ernannt. Ersterer ist bekanntlich bestimmt, das seit 1878 auf der ostasiatischen Station befindliche Kanonenboot „Wols" abzulösen, während der „Condor" nach Ostasrika zur Ablösung des VermeffungSschiffes „Möwe" geht. Auch sonst sind jetzt noch verschiedene bemerkenswerthe Veränderungen im Osfiziercorps der Marine allerhöchfterseits verfügt worden.
— Die Volksversammlungen im freisinnigen Lager zur Besprechung des neuen Programmentwurfes der freisinnigen Volkspartei haben bereits begonnen, zunächst natürlich in Berlin. Daselbst fanden am Mittwoch Abend zwei derartige Versammlungen statt, deren einer, vom freisinnigen Wahlverein des zweiten ReichtagSwahl- kretseS veranstaltet, auch Herr Eugen Richter beiwohnte. Der veröffentlichte Programmentwurf erfuhr von einem Theile der Anwesenden in zahlreichen Punkten eine ziemlich abfällige Kritik, und obwohl Herr Eugen Richter die betreffenden Einwendungen in längerer Rede als unbegründet zurückwtes, so erzielte er mit seinen Ausführungen keineswegs einen durchschlagenden Erfolg. Vielmehr bezeichneten viele andere Redner diese in erster Linie von Mitgliedern des freisinnigen Potsdamer Thor-BezirksvereinS ausgegangenen Angriffe auf die fraglichen Punkte deS neuen Programmes als im Allgemeinen gerechtfertigt.
— Die jüngst, zuerst von der „Straßburger Post" gemeldete Verbrüderungsscene zwischen deutschen und französischen Soldaten an der Grenze des Ober- Elsaß (s. das Nähere unter „Vermischtes." Red.) war von französischen Blättern als auf Erfindung beruhend hingestellt worden. Jetzt aber ist ein officieller Bericht des französischen Kriegsministeriums über jene eigenartige Begegnung veröffentlicht worden, aus welchem erhellt, daß die deutscherseits
Fettilleton.
Wochenbrikfe aus der Residenz.
(Originalbertcht für den „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 24. August.
Sommerfest des Mozartvereins. — Wettrennen. — Ein Gedächtnißtag. — Allerlei.
Schon seit mehreren Wochen plant der Mozartverein die Abhaltung eines großen Sommerfestes im städtischen Saalbau, doch immer schenkte der Himmel dem Unternehmen nicht seine Gunst und so blieb denn nichts übrig, als kühn allen Unbilden der Witterung Trotz zu bieten und das Fest trotz Regen und Wind getrost anzuberaumen und abzuhalten. Am Sonntag ging denn die Veranstaltung auch ganz gut von statten. Zuvor verbot die niedrige, ungewiffe Temperatur den Aufenthalt im schönen Saalbaugarten, und im großen Saale, wo die baulichen Umänderungen noch nicht zum Abschluß gekommen sind, fehlte die große Bühne, indeß es ging auch so und Dank der trefflichen Leistungen, die geboten wurden, kam eine fröhliche, ungezwungene Stimmung auf. Zwar verlief das Concert, aus Vorträgen der Hilge'schen Capelle und Gesängen des Männerchors gebildet, etwas rascher, als das wohl unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre, doch kam dafür die tanzlustige Jugend um so früher zu ihrem Rechte. Eine große Polonaise durch den Garten, der festlich illuminirt war, eröffnete den Tanzreigen, der, wie üblich, bis zum frühen Morgen währte.
Ein großes Sportfest lockte am Sonntag Nachmittag die Neugierigen in Schaaren zur Rennbahn des Darmstädter Bicycleclubs am KarlShof. Der Bicycleclub hatte, wie schon jüngst gemeldet, zu seinem großen Herbftrennen ganz besondere Vorbereitungen getroffen, und insbesondere das „30-Ktlometerfahren für Herrenfahrer" bildete eine noch nicht gebotene Programmnummer, auf die alle Freunde des hier so eifrig gepflegten RadfahrsporieS mit großer Spannung blickten. Glücklicherweise hatte sich das Wetter, das anfangs nicht viel Gutes versprach, doch ziemlich gut gehalten und so konnte denn um 3 Uhr der stattliche Corso, an dem außer den hiesigen Vereinen auch zahlreiche Freunde theilnahmen,
gegebene Darstellung von dem betreffenden Grenzvorfall völlig richtig ist. Nun werden wohl die chauvinistischen Fanatiker jenseits der Vogesen erst recht ein Zetergeschrei erheben!
— Privatnachrichten aus Kamerun hatten eine daselbst drohende neue Meuterei signalistrt, und zwar sollte diesmal unter den sudanesischen Soldaten des Gouvernements eine drohende Gährung herrschen. Die „Nordd. Allg. Ztg." weiß nun in dieser Affaire auf Grund amtlicher Berichte mitzutheilen, daß von den Sudanesen verschiedene Excesse und Schlägereien verübt worden seien, in Folge dessen der Gouverneur die Haupträdelssührer nach Hause geschickt habe. Der größere Thetl der anderen Excedenten sei nach den Stationen des Innern verschickt worden, wo ihnen der Branntwein leicht entzogen werden könne. — Es scheinen demnach diese neuesten Zwischenfälle in Kamerun keinen ernsteren Hintergrund zu besitzen.
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Ausland.
Petersburg, 23. August. Ueber die jüngste Unpäßlichkeit des Czaren lauten die bisherigen Meldungen aus Petersburg einigermaßen verschieden. Während die eine Nachricht erklärt, Kaiser Alexander lride an einem leichten Jnfluenza-Anfalle, versichert die andere Meldung, er habe sich lediglich überarbeitet und bedürfe der Ruhe, doch sei der Zustand gefahrlos. Der Entschluß des Czaren, die großen Manöver bei Smolensk ausfallen zu lassen, soll auf den Wunsch der Aerzte zurückzusühren sein, der Czar möge sich den Anstrengungen solcher Uebungen nicht aussetzen.
— Die Sensationsgerüchte über eine bevorstehende Abdankung des Königs Alexander von Serbien zu Gunsten seines Vaters Milan erfahren jetzt von offictöser serbischer Seite wie auch von anderen Seiten her ein entschiedenes Dementi. Die wunderbare Mär von einer angeblichen „Reactivirung" des modernen „Königs Luschtik" war allerdings gleich bei ihrem ersten Auftauchen wohl überall mit Zweifeln ausgenommen worden. Auch mit den Meldungen über Veränderungen im Cabinet Nicolajewitsch ist es zunächst nichts, dasselbe verbleibt bis auf Weiteres auf seinem Posten ohne irgendwelche Personalveränderungen. Dagegen wiffen neuere Nachrichten aus Belgrad mitzu- theilen, daß die Ausarbeitung eines neuen VerfaffungS-Entwurfes nahezu vollendet sei, man spreche von der Einführung eines Zweikammer-ShstemS in die Gesetzgebung.
vom Marktplatze aus beginnen, um durch die Hauptstraßen der Stadt zur Rennbahn hinauszuführen. Hier hatte sich als hoher Gast Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Wilhelm mit Sohn etngefunden, ebenso harrte ein zahlreiches Publikum der Sportkämpfe. Der Verlauf des Rennens dürfte für Ihre Leser nicht von so großem Jntereffe sein, ich beschränke mich daher auf die Angabe der einzelnen Programmnummern. Die Eröffnung bildete ein Ermunterungsfahren für solche Herrenfahrer, die bet einem Herrenfahren noch keinen ersten Preis errungen hatten. (6 Runden — 2000 Meter.) Ein Erftfahren für Herrenfahrer (6 Runden) folgte, dann ein intereffantes DoppelsitzZweiradfahren (9 Runden — 3000 Mtr.) und ein Jugendfahren (3 Runden — 1000 Meter). Ein Niederradfahren (9 Runden) ging dann noch dem Hauptrennen, dem 30 Kilometerfahren (90 Runden), voraus. In diesem heißen und höchst interessanten Kampfe holten sich vier Frankfurter Herren die ersten Preise, da unser einheimischer Hauptsahrer, Georg Haun, infolge eines DefectS an seiner Maschine seinen glänzend begonnenen Lauf bei der 84. Runde aufgeben mußte. So hatte daS Rennen sein Ende erreicht und am Abend fand noch im „Darmstädter Hof" bei der PreiSvertheilung eine gemüthliche, stark besuchte Nachfeier statt.
Eine würdige Gedenkfeier des 18. August, des kaum verstrichenen Jahrestages der ruhmreichen Schlacht bei Gravelotte, fand an dem gleichen Nachmittag im Saalbau statt. Ihr Correspondent kann Ihren Lesern darüber freilich nur aufGrund der hiesigen Preßberichte Mittheiluug machen. Der „Kriegerverein", der „Kameradschaftliche Kriegerverein" und der „Milttärverein Darmstadt" hatten die Feier ver- anstaltet. Schon am Vormittag hatte eine stille Gedächtniß- feier zu Ehren der gebliebenen Kameraden an dem reich geschmückten Grabdenkmal der Gefallenen auf dem Friedhöfe stattgefunden. Hier hielt Herr Professor Trümpert eine ernste Ansprache au die versammelten Vereinsgenosien, dann wurden Kränze an den Gräbern niedergelegt. Eine ähnliche Feier fand auch auf dem Bessunger Friedhöfe statt. Am Nachmittag füllte eine stattliche Menschenmenge die Räume des SaalbaueS. Hier gedachte Herr Hauptmann Waldecker zunächst Seiner Majestät des Deutschen Kaisers, Herr Oberst-
* Deutsche und französische Soldaten int Grenzverkehr. Ein Straßburger schreibt der „Straßb. Post": Gelegentlich eines Ausflugs auf den Hoheneck war ich am Sonntag auf der Schlucht Zeuge einer Begegnung, die ich wegen der überaus wohlthuenden Wirkung, die sie auf alle Anwesenden, Deutsche wie Franzosen, ausübte, Ihren Lesern nicht vorenthalten möchte. Schon im Laufe des Vormittags war eine große Zahl — wohl 40 bis 50 — französische Soldaten in Uniform, den Regimentern 56, 69 und 149 angehörig, vor dem „Gasthof zur Schlucht" aus Gerardmer eingetroffen, neugierige Blicke über den Grenzpfahl nach Deutschland werfend. Wir Alle waren gespannt, ob nicht, wie das an Sonntagen so häufig der Fall, aus den benachbarten deutschen Garnisonen auch Soldaten sich einsinden würden, und wie dann wohl das gegenseitige Benehmen sich gestalten würde. Auf die Lösung dieser Frage sollten wir nicht allzulange warten. Kurz nach Tisch erschien ein Trupp Unteroffiziere des in Neubreisach garnisonirenden Bataillons der 142er, von einigen Colmarer Dragonern begleitet. Deutsche und Franzosen begrüßten sich zunächst von Weitem sehr höflich, gingen aber dann in dem Bestreben, die Uniformen der Anderen genauer betrachten zu können, näher auf einander zu, ängstlich die durch die beiden hohen Grenzpfähle bezeichnete Grenze beachtend. Als nun — von welcher Seite zuerst, vermochte ich nicht zu sagen — ein bon jour, came- rades gefallen war, war das Eis gebrochen. Es begann eine lebhafte Unterhaltung hinüber und herüber, an der sich, da von den Soldaten kaum einer der Sprache des Anderen mächtig war, viele Touristen mit Vergnügen als Dolmetscher betheiligten. Die verschiedenen Abzeichen der Uniformen wurden erklärt, und Jeder suchte den Anderen an Gefälligkeit zu überbieten. Bei den Franzosen schienen besonders die neuen, ihnen noch unbekannten Schützenschnüre der Deutschen Interesse und Neid zu erwecken. Während diese Bewegung sich unmittelbar vor dem Gasthof abspielte, umstand nicht weit davon, auf dem nach dem Hoheneck führenden Grenzgraben, eine andere Gruppe Fran- zosen zwei deutsche Unteroffiziere und einen Dragoner, sich gleichfalls nach Kräften gegenseitige Fragen beantwortend. Am französischen Grenzpfahl vor dem Gasthof hatte sich all- mählig das Hin und Her der lebhaften Unterhaltung immer
lieutenant Caspary feierte unseren geliebten Landesherrn- Es folgten zahlreiche patriotische Ansprachen und Toaste, die alle der vaterländischen Bedeutung des Tages gedachten. Mit besonderem Jubel wurde ein Begrüßungstelegramm ausgenommen, das die an diesem Tage auf den Metzer Kampfplätzen versammelten Kameraden abgesandt hatten. Um 8 Uhr etwa begann dann ein flotter Festball, der natürlich die Krone der schönen patriotischen Feier bildete und besonders „Jung- deutschlands" Wohlgefallen zu finden schien.
Nicht vergessen sei dann, im heutigen Briefe besonders zu erwähnen, daß man in der Residenz die ausführlichen Berichte über den glänzenden Verlauf des Gießener Feuerwehrtages mit größtem Interesse ausgenommen hat. Die Tagesblätter widmeten den Verhandlungen aus- führliche Specialberichte, die ßein getreues Bild von den Gießener Festtagen lieferten. — Indessen ist es in Darmstadt recht still geworden. Die Technische Hochschule hat ihre Pforten geschlossen und nur ganz vereinzelt taucht auf der Straße eine Gestalt mit bunter Mütze und farbigem Burschenbande auf. Nun ist auch das Militär größtentheils zu den Manövern ausgerückt, so kommt es, daß das ohnehin nicht sehr lebhafte Darmstadt nun erst recht keinen regen Verkehr aufzuweisen hat. Freilich fehlt es auch jetzt nicht an Unter- Haltungen mancherlei Art. In einer Woche wird auch daS Hoftheater seine Pforten wieder öffnen, dann beginnt die „Wintersaison" und von dieser erwartet man im kommenden Winter besonders viel, da sehr viele neue, tüchtige Kräfte gewonnen worden sind. Mit großem Eifer werden auch die Vorbereitungen zu Devrients Festspiel „Gustav Adolf" fortgesetzt. Die Leseproben folgen rasch aufeinander, so darf man von dem Unternehmen, das unter der bewährten fachmännischen Leitung des Herrn Dr. Bas sermann steht, ein schönes Resultat erwarten. — Ueber den Verlauf des morgigen „LudwigstageS", der in Darmstadt von jeher besonders festlich begangen wird, sende ich Ihnen im nächsten Briefe eingehenden Bericht, ebenso über den Ausfall der großen Geflögel- auSstellung, die der Verein für Geflügelzucht noch in dieser Woche veranstalten wird.


