Ausgabe 
26.7.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 172 Erstes Blatt. DonncrSIa-i den 26. Juli

1894

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Quarantäne eingerichtet für Solche, die aus Adrianopel nach anderen Orten der Türkei reisen.

Bombay, 24. Juli. Ein Orkan hat im Westen Indiens große Verheerungen angerichtet. Tausende von Aeckern Landes wurden überschwemmt, die Ernte wurde vollständig vernichtet, die Eisenbahnen unterbrochen und an verschiedenen Orten zahlreiche Personen getödtet.

Philadelphia, 24. Juli. Der wegen seiner Reise von Wien nach Paris in einem Koffer bekannte Schneider Hermann Zeitung behauptet,wie Dowe einen kugelsicheren Panzer erfunden zu haben, der aus Fasern von Kokosnüssen ange­fertigt ist. Diesbezügliche Versuche wurden angestellt.

224 Stimmen abgelehnt und darauf der erste Theil des Artikels 3 mit 316 gegen 180 Stimmen angenommen. Die Radtcalen und Socialisten beschweren sich, daß die Discussion unterdrückt werde und verlangen Vertagung bis morgen, die aber abgelehnt wird. Darauf wird der zweite Theil des Artikels 2 mit 327 gegen 148 Stimmen und dann der ganze Artikel 2 des Anarchistengesetzes angenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Juli. Das hochherzige Beispiel des Kaisers, welcher unter Bekundung seiner Theilnahme an den Prinzregenten Luitpold für die durch einen furchtbaren I Sturmwind schwer geschädigten oberbayertschen Ortschaften 3000 Mk. gespendet hat, wird ohne Zweifel von vielen hoch- I herzigen Männern und Körperschaften in Deutschland Nach- I ahmung finden, und wird voraussichtlich in vielen deutschen I Städten eine Sammlung zu Gunsten der Noth leidenden I Oberbayern vorgenommen werden.

Die frühzeitige Einberufung des Reichs­tags soll doch stattfinden, und entspringt die Absicht der Reichsregierung, den Reichstag zu seiner Winter­session frühzeitig einzuberufen, in erster Linie dem Wunsch, diesmal eine gründliche Durchberathung der Steuerreform zu ermöglichen. Bekanntlich ist in der vorigen Session Alles, mit Ausnahme der Stempelsteuer, kurzer Hand, ohne jede ernsthafte Berathung abgethan worden. Das damals zu Stande gekommene Stempelsteuergesetz ist nun ein Tropfen auf einen heißen Stein.

Der preußische Handelsminister Freiherr von Berlepsch hat sich bei einem zu seinen Ehren in Sorau veranstalteten Esten, an dem mehrere Mitglieder der Handelskammer theilnahmen, über die von ihm geplante Neuorganisation der Handelskammer ausgesprochen. Der Minister sagte: Es sei nothwendig, wenn die Staatsregierung daS Gedeihen von Industrie und Gewerbe thatkräftig fördern wolle, daß dieselbe im Lande Organe besitze, welche mit Verständniß und Objectivität ihre Gutachten in allen wichtigen rommerziellen Angelegenheiten abgäben. Diese Körperschaften, wie sie hier durch die Handelskammer vertreten seien, mit mehr Befugnissen auszustatten und dadurch ihren Wirkungs­kreis zu erhöhen, sei sein Bestreben, an dem er als Freund der Selbstverwaltung, die sich im preußischen Staatswesen seiner Ansicht nach bestens bewährt habe, festhalte. Er beabsichtige, bei den Handelskammern Umfrage zu halten, wie durch eine Neuorganisation derselben am besten weiterhin die Interessen von Handel und Industrie gefördert werden könnten, und auf Grund dieser Gutachten, Ansichten und Wünsche werde er dann der Volksvertretung einen Gesetzentwurf vorlegey, der hoffentlich zu einer segens­reichen Fortentwickelung von Handel und Industrie bei­tragen werde.

Aus Lissabo n kommt die Nachricht, daß die ,,Streitfrage" zwischen Deutschland und Portugal betreffs Kionga, das in dem südlichen Zipfel der Colonien Deutsch- Ostarika liegt, zumGegenstand einer Vermittelung gemacht werde." Eine solche Vermittelung ist nicht nöthig, da Kionga unbestritten Deutschland gehört.

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Gießen, den 25. Juli 1894

** Zur Rechtsanwaltschaft am Landgericht der Provinz Oberhesteu wurde Herr Regierungsrath i. P. Carl Jost hier zugelasten.

** Die Bahnsperre wird, wie nunmehr feststeht, end- giltig beibehalten. Der bisherigeVersuch" damit soll zum 1. October eine wesentliche Erweiterung erfahren. Im Laufe des Etatsjahres 1895/96 soll sie auf allen Hauptbahn- strecken eingesührt werden, soweit dies bis dahin noch nicht geschehen sein wird.

* Diebstahl. In einem Neubau der Hofmannstratze wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. dss. Nits, eine Kiste erbrochen und die darin befindlichen, den Arbeitern ge- hörigen Kleidungsstücke gestohlen. Den Thätern ist man auf der Spur. ... ,

* * Grober Unfug wurde in letzter Zeit in einem Neubau in der Ltebigstraße durch Schuljungen verübt, indem sie mehrere Baugegenstände zerschlugen, die Wände zerkratzten und die Eßgeschirre der Arbeiter verunreinigten. Da die Thäter ermittelt find, werden die Eltern den nicht unbe­deutenden Schaden zu ersetzen haben.

* * Ausstellung in Darmstadt. Die Betheiligung an der Fachgewerbe-Ausstellung für Hotel- und Wirthschaftswesen, I welche vom 5. bis 12. August d. I. im Städtischen Saal­bau zu Darmstadt stattfindet, ist eine über Erwarten große, I so daß nicht nur sämmtliche Räume des Saalbaus in An- | spruch genommen, sondern noch Hallen errichtet werden müssen- die größte derselben soll mit dem Siemens'schen Drahtglas gedeckt werden. Unter den mannigsaltigen Schau­stellungen wird u. A. eine vollständige Waschanstalt mit Motorenbetrieb, Kraut- und Stopfenschneidereien, welche in regelrechtem Betriebe arbeiten sollen, die Aufmerksamkeit auf I sich ziehen, ebenso werden Champagner- und Mineralwasser- I Apparate in Thätigkeit treten und Koch- und Heiz-Apparate der verschiedensten Art im Gebrauche gezeigt werden. Keltern und Kellergeräthe, Billards rc. sind bedeutend vertreten. Ein Champagner-Ausschank erster deutscher Schaumwein­fabriken wird seine Anziehungskraft ausüben. Für die Dauer | der Ausstellung sind große Nachmittags- und Abend-Concerte I vorgesehen und ist daher auch in dieser Hinsicht gesorgt. In I der übrigen Zeit werden sowohl große Musikwerke, als I Musikautomaten neuester Construction ihre Weisen ertönen I lassen, und den Klaviervirtuosen ist reichlich Gelegenheit gr- I geben, Pianinos aus den hervorragendsten Fabriken zu I probiren. Erfreulicherweise haben fast sämmtliche Eisenbahn- Verwaltungen Deutschlands freie Rückbeförderung der Aus­stellungsgüter zugesagt, und gewährt die Hessische Ludwigs-

I Eisenbahngesellschaft am 5., 8. und 12. August den Aus- I stellungsbesuchern freie Rückfahrt auf ein einfaches Billet.

Es ist noch zu berichten, daß der Vertrieb der Ausstellungs- I loose einen befriedigenden Fortgang nimmt. So kann diese Ausstellung in jeder Hinsicht als eine bedeutende und sehr reichhaltig beschickte bezeichnet werden und dürfte auch dem­entsprechend der Besuch ein großartiger sein.

* Für die Fleischpreise steht ein weiterer Aufschlag zu gewärtigen, was freilich nicht Wunder nehmen kann, wenn man sich erinnert, daß, veranlaßt durch Futternoth im Vor­jahre, die Landwirthe genöthigt waren, alles irgend ent­behrliche Vieh zu jedem Preise loszuschlagen, während an­gesichts der diesjährigen guten Futterernte die Leute bemüht I sind, ihren Viehstand wieder zu ergänzen. DemFr. Journ/ I wird hierüber von sachverständiger Seile geschrieben:Die Metzger werden im Laufe dieser Woche Versammlungen wegen Preisaufschlag abhalten. Wenn heute kein Vieh aus Oefttr- I reich eingeführt gewesen wäre, so würde die Stadt ihren eigenen Bedarf nicht haben decken können. Viele kleine Landwirthe kamen und kauften Rinder, um solche bei der I großen Futterernte anzubinden. Auch die Preise für Schweine

Ausland.

Paris, 24. Juli. Der weitere Verlauf der Berathung des Anarchistengesetzes in der französischen Deputirten- kammer am Montag und Dienstag war im Allgemeinen für die Regierungsanträge sehr günstig. Der Berichterstatter der Gesetzes-Commission theilte am Montag zunächst den neuen Text des Artikels 2 des Anarchistengesetzes mit. Der Ministerpräsident Dupuy forderte die Kammer auf, als Zeugniß ihres Vertrauens dieser Entscheidung zuzustimmen und alle Gegenanträge zu verwerfen. Die Deputirten Brisson, Goblet, Naquet und Pourquerz protestirten in den schärfsten Ausdrücken gegen die Erklärungen Dupuys, welche sie als verfaffungswidrig und als einen neuen 2. December be­zeichneten. Naquet und Pourquerz erhielten dafür den Ordnungsruf. Hierauf wurden zwei Unteranträge Charpen­tiers, wonach Niemand wegen eines Privatbriefes oder in seiner Wohnung geführter Reden soll verfolgt werden können, mit 297 gegen 166, beziehungsweise 283 gegen 176 Stimmen abgelehnt. Im weiteren Verlauft der Sitzung bekämpfte der Radicale Pelletan den Artikel 3 des Anarchistengesetzes, welcher die Strafe der Verbannung ausspricht, und erklärte, es würde eine Schande für die Republik sein, wenn eine solche Strafe für ein Vergehen, das nur in einer Ansicht bestände, festgesetzt werden sollte. Justizminister Guertn erwiderte, das Gesetz habe nur die Bekämpfung der Anarchie und nicht die Bekämpfung der anständigen freien Willens- Meinung im Auge, übrigens wäre die Anwendung der Ver­bannung von allen wünschenswerthen Garantieen umgeben und das ganze Land billigte die Gesetzesvorlage gegen die anarchistische Secte. (Beifall.) Ein von Balsan befürworteter Antrag, nach welchem es nur den Schwurgerichten zustehen soll, die Verbannung auszusprechen, wurde mit 219 gegen

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondmz-Bureau.

Berlin, 24. Juli. DerRetchsanzeiger" meldet: Das kaiserliche Patentamt veröffentlicht aus Grund des Gesetzes I vom 12. Mai 1894 zum Schutze der Waarenzeichen ! Bestimmungen über Anmeldungen von Waarenzeichen.

Berlin, 24. Juli. DerReichsanzeiger" schreibt: Eine Uebersicht über die Betriebsergebnisse der deutschen Eisenbahnen ergibt pro Juni aus dem Personenverkehr Mehreinnahmen im Betrage von, 1,320,411 Mk., aus dem I Güterverkehr eine Mehreinnahme von 3,587,459 Mk. gegen I Juni des Vorjahres.

Berlin, 24. Juli. Der ehemalige freisinnige Abgeord- nete, Stadtrath Gustav Eberty, ist gestern im Alter von 54 Jahren gestorben.

Berlin, 24. Juli. Die Durchschießung des Dow e'schen Panzers bei den Versuchen, die von der Gewehrprüfungscommission in Spandau vorgenommen waren, | bestätigt dieKreuzzeitung" und fügt hinzu, daß auch ein zweiter Panzer, den der Vertreter von Dowe zur Verfügung stellte, gleichfalls durchschossen wurde. Die Zustellung eines dritten ganz sicheren Panzers sei trotz gegebener Zusage nicht ] mehr erfolgt. Der Dowe'sche Panzer ist daher für milt- | tärische Zwecke gänzlich unbrauchbar.

Petersburg, 24. Juli. DerRegierungsanzeiger" theilt mit: Das Zolldepartement verfügte die Hinterlegung einer Zollcaution für die nach Rußland eing ehenden Fluß­schiffe, weil 1893 allein bei dem Weichselzollamt Neschawa | 55 Schiffe, für die der Zoll 75,000 Rubel Gold betrug, nicht zurückgeführt wurden.

Depeschen der BureauHerold*.

Berlin, 24. Juli. Bei dem gestern gemeldeten Todesfall eines Schiffers in Charlottenburg hat es sich, wie bacterio­logisch mit vollster Sicherheit festgestellt ist, nicht um asiatische Cholera, sondern lediglich um Brechdurchfall gehandelt.

Berlin, 24. Juli. Verschiedenen Meldungen zufolge ist der Reichstagsbauverwaltung amtlich der Auftrag zugegangen, das neue Reich stagsgeb äud e bis Mitte October zur I Benutzung ferrigzustellen.

Berlin, 24. Juli. Für den Aufenthalt des Kaisers in Cowes sind vier Tage, vom 7. bis 10. August, in Aus­sicht genommen. Die Abreise erfolgt voraussichtlich von I Wilhelmshaven aus am 5. August.

Paris, 24. Juli. Der Proceß gegen Caserio wurde auf den 2. August vertagt.

Paris, 24. Juli. Die Polizei verhaftete heute den Sohn des Directors der Revue Financiöre, welcher sich als I Anarchtst bekannte.

Paris, 24. Juli. Die Kammer hat bis jetzt die vier ersten Artikel des Anarchistengesetzes angenommen.

London, 24. Juli. Eine Kriegserklärung zwischen China und Japan ist noch nicht erfolgt, wird indeß jeden Augenblick erwartet. Japanische Kanonenboote sollen jedoch bereits koreanische Häfen bombardiren.

London, 24. Juli. Aus Tanger wird gemeldet, Sultan Abdul Az iz habe am 21. seinen Einzug in die Hauptstadt Fez gehalten. Die Bevölkerung habe ihn jubelnd aus­genommen. Alle Stämme erkannten ihn als Sultan an.

London, 24. Juli. Auf die Nachricht, daß China Truppen auf Korea gelandet habe, hat die hiesige Regierung an die chinesische und japanesische Regierung Telegramme gesandt, in denen sie dieselben auf die Folgen kriegerischer Ver­wicklungen aufmerksam macht und sie ermahnt, von den I Feindseligkeiten abzulassen.

London, 24. Juli. Zuverlässigen Nachrichten aus Kon- stantinopel zufolge sind durch das Erdbeben über 1000 Menschen umgekomwen.

Petersburg, 24. Juli. Die Vermählung des Thronfolgers ist nunmehr definitiv bis Januar 1895 verschoben. In den letzten Tagen fanden mehrere Ver- I Haftungen wegen nihilistischer Umtriebe statt.

Adrianopel, 24. Juli. Die Cholera wurde hier | amtlich ftstgestellt und in Mustapha Pascha eine fünftägige