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26.5.1894 Erstes Blatt
 
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Nr 120 Erstes Blatt. Samstag den 26. Mai

®CT H>ikl»tn,r Anzeiger erscheint täglich, wie Au-nahme des Montags.

Die Gießener Ikamikle-Slälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelcgt.

Gießener Anzeig er

Kmerat-Itnzeiger.

1894

Viertel söhliger Adc">nemrat>preis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Poft dezogew 2 Mark 50 Psg.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Die deutsche Industrie auf dem Welt­märkte und (England.

Trotz vieler Klagen deutscher Fabrikanten und Ausfuhr­händler hat sich bekanntlich die deutsche Industrie auf dem Weltmärkte dennoch eine der ersten Stellen erobert. Diese Thatsachc geht am deutlichsten aus dem Umstande hervor, daß der größte Industrie- und Handelsstaat der Welt, daS reiche und thatkräftige England, die Concurrenz Deutschlands immer mehr zu fürchten beginnt und zu allerlei kleinlichen Mitteln und Listen treibt, um den Absatz deutscher Jndustrie- producte auf dem Weltmärkte zu erschweren. AlS früher die klägliche Unsitte noch herrschte, daß bei guten und billigen deutschen Maaren der deutsche Ursprung verleugnet und, um angeblich besieren Absatz zu erzielen, der deutschen Maare eine englische, französische oder gar amerikanische Etiquette aufgeklebt wurde, ein Verfahren, welches allerdings auch vielfach erst auf Verlangen der ausländischen Käufer statt­fand, da fühlten sich die englischen Industriellen darüber benachtheiligt, weil viele deutsche Fabrikanten und Exporteure gewisiermaßen unter fremder Flagge segelten und wenigstens zum Theil ihre Maare für englische verkaufen ließen, obwohl sie deutsches Fabrikat war. Daß dieses seltsame Verfahren meistens erst auf Wunsch englischer und amerikanischer Händler geschah, davon wollte man natürlich in dem stolzen England nichts wissen, und um daS berühmte und unvergleichliche echte englische Fabrikat" zu schützen, zumal vor Unter­schiebung deutscher Farikate, kam daS neue englische Marken- schutzgcsetz zu Stande, nach welchem jede von Deutschland nach England eingeführte industrielle Maare die deutliche BezeichnungMade in Germany (hergestellt in Deutschland) tragen muß. Nun hat sich aber herausgestellt, daß mit dieser strengen Maßregel die englischen Fabrikanten und Ausfuhr- Händler sich ganz gehörig in daS eigene Fleisch geschnitten, ja gewissermaßen bei dieser schlauen Rechnung ohne den Wirth, resp. ohne den deutschen Fabrikanten und seinen tüchtigen Leistungen gerechnet haben. Durch die BezeichungMade in Gormany haben nämlich eine Menge Käufer englischer Maaren gesehen, daß die Maare, die sie bisher alsecht englische" kauften,echt deutschen" Ursprungs ist, und da der Geschäftsmann in Indien, Brasilien, Nord - Amerika und Australien nun auch rechnet und darüber nachsinnt, wo er am billigsten kaufen kann, so haben es die überseeischen Kaufleute vielfach für vortheilhafter gefunden, die deutsche Maare nicht mehr von englischen Kaufleuten, sondern gleich von deutschen Fabrikanten zu beziehen. Es geht diese That- sache auch daraus hervor, daß die Ausfuhr deutscher Fabrikate nach England in den letzten Jahren etwas abgenommen hat, während die Ausfuhr deutscher Fabrikate nach den anderen überseeischen Ländern zugenommen hat. So ist denn daS jMade in Germany*, welches die englischen Industriellen alsSpitzmarke" jeder nach England eingeführten deutschen Maare aufbrennen wollten, einfach und natürlich eine Empfehlung für die Fabrikate Deutschlands geworden und die Industrie und der Handel des deutschen Reiches haben gerade durch die englische Markenschutzpolitik noch mehr Aus­sichten bekommen, sich auf dem Weltmärkte neue Gebiete zu erkämpfen und den Kaufleuten aller Zonen zu beweisen, daß die guten Qualitäten der deutschen Fabrikate ebenso schätzeos- werth find wie die englischen.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Mai. Obwohl der Juni vor der Thür stehl, ist in verschiedenen Bundesstaaten die par­lamentarische Mühle noch immer in lebhaftem Gange. In der bayerischen Abgeordnetenkammer z. B. steckt man zur Zeit in eifrigen Budgetdebatten, in der würrtem- be r gisch en Volksvertretung sind wichtige schulpolitische Debatten an der Tagesordnung, denen noch wichtigere Ver- Handlungen anläßlich des schwebenden Verfaffungsreoifions- projecteS folgen werden, und im Parlamente Badens steht die aufgeworfene Frage der LandtagSwahlreform im Vorder­gründe des Jnteresies. DaS preußische Abgeord­netenhaus dagegen ist allmählich am Ende seiner Thätig- keir angelangt, denn nachdem von dem Abgeordnetenhause das Gesetz über die Errichtung von Landwirthschaftskammern auf Grund deS zwischen den conservativen Fractionen und einem Theile der Nationalliberalen vereinbarten CompromiffeS in der Gesammtabfttmmung definitiv mit 213 gegen 126 Stim­men angenommen worden ist, sind für die preußische BolkS- verrretung alle wichtigeren Fragen der laufenden Session er­ledigt. WaS noch übrig bleibt, das ist so unbedeutend, daß daS Haus bequem in den nächsten Tagen geschloffen werden

könnte, wenn eben nicht das Herrenhaus sich noch mit den in der Abgeordnetenkammer zu Stande gekommenen Gesetzen beschäftigen müßte. Vor Allem wird die Pairskammer Stel­lung zu der Vorlage über die Landwirthschaftskammern zu nehmen haben, in deren erste Lesung die betreffende Herren­hauscommission am Mittwoch eintrat^ am 31. Mai soll die Vorlage dann zur Plenarberathung gelangen.

Berlin, 24. Mai. Fürst Bismarck hat an einen ihm befreundeten Herrn im Rheingau geschrieben, er werde dieses Jahr kein Bad besuchen, sondern zu Hause bleiben, und einige Monate in Varzin zubringen.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 24. Mai. Seine Majestät der Kaiser kehrt morgen früh aus Prökelwitz zurück.

Berlin, 24. Mai. Nach dem Saatenstandbericht für Deutschland für Mitte Mai stehr Winterweizen 2,2, Sommerweizen 2,3, Winterspelz 1,8, Sommerspelz 1,1, Winterroggen 2,2, Sommerroggen 2,2, Sommergerste 2,2, Hafer 2,4, Kartoffeln 2,4, Klee 3,1, Wiesen 2,2. Die Ziffern bedeuten: 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering, 5 sehr gering. Die Decimalen bezeichnen die Zwischenstufen. Der Stand des Wintergetreides ist vornehmlich in Süd­deutschland und Mitteldeutschland sehr günstig, weniger im Osten, doch auch hier darf eine Durchschnittsernte erwartet werden. Das Sommergetreide ist durch Drahtwurm, Enger­linge ic. stellenweise erheblich geschädigt. Aelrerer Klee und Luzerner stehen meist gut. Den Wiesen steht in den mklsten Gegenden eine gute, theilwcise sogar reichliche Heu­ernte in Aussicht.

Plauen, 24. Mai. Bei der Reichstags-Ersatz­wahl erhielten bisher Gerisch (Soc.) 6577, Hebet (Cartell) 4220, Subert (Antisemit) 1960, Schwarze (Freis. Volksp.) 1395 Stimmen. ES ist Stichwahl erforderlich.

London, 24. Mai. Heute Vormittag wurde am rechten Auge Gladstones eine Operation glücklich vollzogen - der Staar wurde entfernt.

Depeschen deS BureauHerold"

Berlin, 24. Mai. Der Kaiser hat für daS Mainzer Bundesschießen als Kaiserpreis einen silbernen Pokal gestiftet.

Berlin, 24. Mai. DerReichsanzeiger" schreibt, daß die spanischen Zollämter angewiesen wurden, den Maximal- tarif gegen die deutschen Maaren anzuwenden, welche seit dem 21. Mai nach 12 Uhr Nachts in Spanien einge­troffen sind.

Berlin, 24 Mai. Von gut unterrichteter Seite werden alle Mittheilungen, wonach für die Einweihung des neuen ReichStagSgebäudeS ein bestimmter Zeitpunkt definitiv festgesetzt worden sei, für unzutreffend bezeichnet. ES ist sehr wahrscheinlich, daß der Reichstag im November in dem alten ReichStag-gebäude zusammentritt und dann erst der Umzug stattfindet.

Berlin, 24. Mai. Nach derNationalzeitung" sind die bisherigen Mirtheilungen über daS Zusawmentreten des ColonialrathS soweit zutreffend, als der Termin für den Anfang Juni in Aussicht genommen ist. Die Einladungen au die Mitglieder deS ColonialrathS find aber noch nicht ergangen- auch über die Vorlagen ist noch keine bestimmte Mittheilung gemacht.

Budapest, 24. Mai. Mekerle reift Abends nach Wien, um dem Kaiser Vortrag zu halten. Die Audienz wird die Entscheidung über das Schicksal des EhegesetzeS, so­wie die eventuelle Demission deS CabinetS bringen. Alle Mitglieder deS CabinetS, sowie die liberale Partei Ungarns erklärten sich solidarisch. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Kaiser die eventuelle Demission vorerst annimmt und so­dann die hervorragenden Parteiführer anhörr.

Paris, 24. Mai. Nachdem Bourgeois die Neubildung deS CabinetS abgelehnt hat, wird Präsident Carnot heute abermals Dupuy, mit welchem er schon gestern gemeinsam mit dem SenatSpräfidenten Challemel-Lacovr conferirt hatte, zu sich berufen. Die krifis kann sich möglicherweise bis zum 28. hinziehen, da am 27. auf dem Pöre la chaise eine revo- luttonäre Manifestation stattfindet.

Paris, 24. Mai. ES wird vielfach angenommen, daß sich Bourgeois, der die CabinetSblldung hauptsächlich wegen der gestrigen Resolution der Regierungsrepublikaner gegen ein Concentrationsministerium abgelehnt hat, sich doch noch bewegen laffen werde, ein neues Ministerium zu schaffen. Man spricht auch von einem GeschästSministerium mit Boulanger

an der Spitze, daS die laufenden Angelegenheiten bis nach der Präsidentenwahl zu besorgen hätte.

London, 24. Mai. Ein Telegramm derTimes" aus Petersburg bestätigt die Meldung derKöln. Ztg.", daß unter einem Schlöffe in der Nähe von Smolensk, das zu einem mehrtägigen Aufenthalt deS Kaisers Alexander während der Sommermanöver auSersehen war, Pulverminen ge­legt waren, ebenso unter der nahegelegenen Kirche.

Belgrad, 24. Mai. Die Verhaftungen nehmen ihren Fortgang- auch diejenige TauschanowicS und deS Trz- priefterS Giuric soll bevorstehen. Die entdeckte geheime Pattonenfabrik stellte Munition für die Prabodigewehre her, mit denen die Miliz bewaffnet ist.

Belgrad, 24. Mai. Der frühere Präsident deS libe­ralen CabinetS, Avakumovic, theilte einer politischen Per­sönlichkeit mit, er habe dem Könige gerathcn, die Verfaffung vom Jahre 1888 ausrechtzuerhalten. Mit derselben sei gleichfalls eine Majorität in der Skupschtina zu erreichen. Die Verfaffung von 1869 sei heute nicht mehr anwendbar, da sie mit allen Zeitverhältniffen im Widerspruch stehe. Schließlich gab Avakumovic der Hoffnung Ausdruck, daß der neuen Skupschtina, welche in 9 Monaten zusammentreten könne, ein neuer VerfaffungSenlwurf vorgelegt werde.

Berlin, 25. Mat. Heute früh 33/4 Uhr fand in der militärischen Luftschifferabtheilung unter furchtbaren Delo- nottonen eine Explosion des Gasometers und einer größeren Anzahl gesülller GaScylinder statt. Die Ex­plosion zerstörte daS Aufbewahrungsgebäude, die Trümmer beschädigten vielfach die umstehenden bewohnten Baracken. Die GaScylinder wurden weit umhergeschleudert, die Fenster­scheiben der nahen Kasernen zertrümmert. Menschen wurden nicht verletzt. Die Ursache der Explosion ist noch nicht auf­geklärt.

CocoUs tmt prwhijkOef.

Gießen, den 25. Mai 1894.

Aus dem Justizdienst. Durch Entschließung Groß- herzogl. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 21. Mai ist der GerichtSaffeffor Fritz Zimmermann zu Darmstadt mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines AmlSanwaUs bei den Amtsgerichten Gießen, Hungen und Lich beauftragt worden.

* Das Brigade - Exerzieren der 49. Infanterie Brigade (der Regimenter Nr. 115 und 116) soll in diesem Jahre zwischen Babenhausen und Dudenhofen statlfinden. Der Commandant der 49. Brigade war dieser Tage mit seinem Adjutanten in Babenhausen behufs Besichtigung deS dafür ausersehenen Geländes.

** In der gestrigen Eihung des Oberhesfischen GeschichtS- Vereins gedachte zunächst der Vorsitzende, Herr Oberbibliothekar Dr. Haupt, der Vermählung Sr. Kgl. Hoheit deSGroß- Herzogs, dem ebenio wie bei der Verlobung die Glück­wünsche des Vereins übermittelt worden waren. Zum Zeichen deS Einverständnisses mit den dem hohen Paare dargebrachten Wünschen wurde der Aufforderung des Vorsitzenden, sich zu erheben, Seitens der Versammelten entsprochen. DaS Ab­leben eines verdienten Mitgliedes, des Herrn Prof. Birn­baum, gab Veranlaffung, deffen Andenken durch Erheben von den Sitzen zu ehren. Geschäftlich theitte Herr Dr. Haupt mit, daß in nächster Zett zwei Vereinsausflüge stattfinden würden, der eine am 10. Juni nach Wetzlar, und zwar mit Damen, der andere an einem noch zu bestimmenden Tage im Juli nach Büdingen. Gelegentlich beider Ausflüge finden Vorträge statt. Hierauf hielt Herr Privatdocent Dr. Collin einen Vortrag illier Karl Friedrich Bahrdt, Profeffor der Theologie an der Universität Gießen in den Jahren 1771 1775. Wir werden auf den Vortrag, durch welchen den zahlreich Anwesenden ein interessanter Einblick in das Leben BahrdtS als Mensch wie als Gelehrter, wie in die Zustände und Anschauungen der damaligen Zeit ge- geben wurde, noch näher eingehen. Herr Profeffor Dr. Buchner gab dem Wunsche Ausdruck, daß da§ HauS, in dem der mehr berüchtigte wie berühmte Profeffor Bahrdt gewohnt, nämlich das alte Häuschen in Steins Garten, photographirr werden möchte, ehe es ver­schwinde. Weiter machte Herr Profeffor Buchner Mittheilungnr über den Ausflug deS Marburger GeschlchrSvereius nach Schloß Eisenbach in Oberheffen, deffen zahlreiche Schätze an Alter- thümern er besonders erwähnte.