Ausgabe 
25.12.1894 Erstes Blatt
 
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-K. 302 Erstes Blatt. Dienstag den 25. December

1894

Der

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Deutsches Reich.

Berlin, 22. December. Die gestrige Sitzung des GtaatsminifteriumS dauerte fünf Stunden, von 2 bis 7 Uhr.

Berlin', 22. December. DiePost" bezeichnet die Meldung, daß der preußische Finanzminister ersuchen wolle, den in der ReichStagS-Steuercommisston fast einstimmig ab- gelehnten QutttungSftempel als Landesstempelsteuer einzuführen, als aus der Luft gegriffen.

Berlin, 22. December. Bor der zweiten Strafkammer deS Landgerichts I begann heute abermals ein Wucher- proceß. Angeklagt des gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Wuchers ist der Agent Croner und Kaufmann Redlich.

Berlin, 22. December. DerReichsanzeiger" veröffent­licht die Verleihung des LegattonsrathS-Characters an den Prinzen Alexander zu Hohenlohe * Schillingsfürst, Prinzen von Ratibor und Corvey.

Berlin, 22. December. Der Fernsprechverkehr zwischen Celle und Berlin ist eröffnet worden. Die Gebühr für ein Gespräch bis zur Dauer von drei Minuten beträgt 1 Mk.

Berlin, 22. December. Dem russischen General Sw et sch in, der die Thronbesteigung des Zaren Nikolaus am hiesigen Hofe anzeigte, ist das Großkreuz des Rothen AdlerordenS und dem Sohne des Generals, der als Offizier dem Leib-Garde-Husarenregiment angehört, der Kronenprden dritter Klaffe verliehen worden.

Berlin, 22. December. DerNordd. Allg. Ztg." zu­folge ist es unrichtig, daß dem Reichstage die in der letzten Tagung nicht erledigte Zolltarifnovelle wiederum zu­gegangen fei.

Berlin, 22. December. Die Abberufung des der­zeitigen ruffifchenBotfchafterS amBerlinerHofe, Grafen Schuwalow, ist, wie diePost" gegenüber gegen- theiligen Mittheilungen aus sicherster Quelle erfahrt, zur Zett noch nicht hier eingegangen. Es ist bisher weder im russischenReichsanzeiger" die Ernennung des Grasen Schuwalow zum General-Gouverneur von Polen veröffent­licht worden, noch ist in der hiesigen Botschaft bis heute Nachmittag eine amtliche Meldung darüber eingetroffen. Arotzdem erscheint die Rückberufung des Grafen sicher.

Berlin, 22. December. DasArmeeverordnungsblatt" enthält eine Cabinetsordre vom 17. November, wonach das Westfälische Husarenregiment Nr. 8 fortan den Namen Hufarenregiment Kaiser Nikolaus II. von Ruß­land führen soll.

Berlin, 22. December. Die kaiserlichen Jagden in den Forsten von Königs-Wusterhausen sind am Freitag Nachmittag zu Ende gegangen, worauf der Kaiser mit seinen fürstlichen Gästen, dem König und dem Prinzen Georg von Sachsen, sowie dem Herzog von Altenburg, nach Berlin resp. Potsdam zurückreiste. Die sächsischen Herr­schaften begaben sich alsdann sofort weiter nach Dresden, ebenso fuhr der Herzog von Altenburg wieder nach feiner Residenzstadt zurück. UebrigenS hatte an den Hosjagden in Königs-Wusterhausen u. A. auch der frühere preußische Ministerpräsident Graf Eulenburg auf fpecielle Einladung des Kaisers theilgenommen, was bekundet, daß Graf Eulen­burg sich nach wie vor der kaiserlichen Huld erfreut.

Die Vorlagen über die anderweitige Rege­lung des Finanzwesens des Reiches und über die Tabaksabrtkatsteuer befinden sich nunmehr in den zu­ständigen Bundesraths-AuSschüffen zur Vorberathung. In Berliner parlamentarischen Kreisen ist man der Anschauung, daß die Specialerörterung der beiden Gesetzentwürfe in den Ausschüffen sich nicht allzulange hinziehen dürfte, so daß sie wohl bald an das Plenum des BundeSratheS zur defini­tiven Befchlußfaffung werden zurückgelangen können, lieber den Inhalt des neuen Tabaksteuer-Gesetzentwurfes find schon zahlreiche Einzelheiten bekannt geworden, so daß die amtliche Veröffentlichung des Entwurfs kaum noch etwas wesentlich ReueS bringen würde. Was die abermalige Vorlage über die anderwette Ordnung des Reichsfinanzwesens anbelangt, so erfährt diePoft", daß der neue Entwurf die sogenannte Frankenftetn'sche Clausel Ueberweisung bestimmter Summen aus gewiffen Zolleinnahmen des Reiches an die Einzelstaaten in ihrem Rechtsbestande unangetastet läßt. Die Grund­absicht des Entwurfes soll dahin gehen, daß in einem fünf­jährigen Zeiträume die Matricularbeiträge die Ueberweisungen nicht übersteigen dürfen.

Mtt der schwurgerichtlichen Derurtheilung des bis­herigen antisemitischen Vertreters deS Reichstagswahl- kreiseS Schmalkalden-Eschwege, Leuß, zu drei­

jähriger Zuchthausstrafe und entsprechendem Ehrverlust in Sachen seines bekannten Schnutz- und Scandalproceffes ist daS Mandat des genannten Wahlkreises von selbst zur Er- ledigung gelangt. Allerdings hatte Leuß noch vor Fällung des Urtheils wider ihn die Ntederlegung seines parlamen­tarischen Mandates ausgesprochen, selbstverständlich kam es aber auf diesen Schritt Leuß' nicht im Mindesten mehr an. j Die Parteiverhältnisse im Reichstagswahlkreise Schmalkalden- Eschwege sind recht zersplitterte und schwankende, so daß sich über den Ausgang der daselbst nothwendig werdenden Ersatz- Wahl noch gar nichts muthmaßen läßt. ;

Stuttgart, 22. December. Wie derStaatsanzeiger für | Württemberg" meldet, finden die Landtags wählen am 1. Februar 1895 statt.

Ausland.

Bern, 22. December. Die ordentliche Wintersession der \ Bundesversammlung ist geschloffen. Die nächste Session beginnt am 25. März.

Rom, 22. December. Die zur Vertheilung der Ent­schädigungssumme für die Opfer von Aignes-Mortes ' eingesetzte Regierungscommtssion hat beschlossen, 900 000 Lire ! zur Vertheilung zu bringen und 400000 Lire zur Gründung i einer internationalen Wohlthätigkeitsanstalt in Marseille zu { verwenden.

Paris, 22. December. Deputirtenkammer. Der Präsident Brisson verliest ein Schreiben des russischen Bot­schafters Baron von Mohrenheim, in welchem der Kammer für die Sympathie Kundgebung anläßlich des Todes des Kaisers Alexander der Dank ausgesprochen wird. Der Republikaner Denoix bringt einen Antrag ein, der dahin zielt, die Stellung einer Cautionssumme für die Zeitungen wieder einzusühren. (Lärm.) Denoix verlangt für diesen Antrag die Dringlichkeit, doch wird dieselbe mit 362 gegen 87 Stimmen abgelehnt. Die Kammer genehmigte sodann einstimmig einen Credit von 200000 Francs für die Anwendung von Diphtherie-Heilserum.

Loudon, 22. December. In der vergangenen Nacht wurde durch einen heftigen Sturm in England großer Schaden angerichtet. Nach den bisher aus der Provinz etn- gegangenen Meldungen wurden 12 Personen getödtet und viele verletzt, die Postdampfer erlitten Verspätungen. In Bradford wurden drei Straßenbahnwagen vom Sturm um­gerissen. Auch auf See sind Unglücksfälle vorgekommen- bei Halyhead ist eine Barke gestrandet- man befürchtet, daß die Mannschaft, im Ganzen 16 Personen, ertrunken ist.

Petersburg, 22. December. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen gestern eine außerordentliche persische Gesandtschaft, welche den Majestäten im Namen des Schahs die Insignien des Akdas Ordens beziehungsweise ein Perlen­collier überreichten.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Korrespondenz-Bure«v.

Wilhelmshaven, 23. December. In der vergangenen Nacht wurde die Garnison wegen der durch die Sturm- fluth hrrvorgerufenen Gefahr für die Deiche alarmirt. Das Wasser ist im Fallen begriffen.

Dresden, 23. December. Der König hat das Pro- te ct o rat über die im Jahre 1896 in Dresden stattfindende Ausstellung des sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes übernommen.

Hamburg, 23. December. Infolge des Nordwestfturmes von der letzten Nacht entstand hier eine ^Springf lnth. Die Elbe trat in mehreren Stadttheilen über die Ufer, sämmtliche Keller find überschwemmt. Das Waffer richtete überall bedeutenden Schaden an. In den niederen Stadt­theilen ist der Betrieb der electrischen Bahn und der Pferde­bahn eingestellt. Jetzt ist der Wind stiller - daS Waffer fällt. Sämmtliche Feuerwehren find in Thätigkeit, um die mit Kaufmannsgütern aogefüllten Keller leerzupumpen.

Hamburg, 23. December. Auch in Altona ist durch die Springflulh der vergangenen Nacht der an der Elbe ge­legene Stadttheil überflutet. Die Speicherkeller sind mit Waffer gefüllt. Der hier und in Altona angerichtete. Schaden ist noch nicht festzuftellen, wird aber auf mehrere hunderttausend Mark geschätzt. Ueberall treiben Ballen, Kisten und Fäffer.

Paris, 23. December. Es find ernannt worden: der französische Gesandte in| Belgien Bouröe zum Gesandten in Athen, der bisherige dortige Gesandte Graf de Mon- tholon zum Gesandten in Brüffel, der Botschastssecretär erster Klaffe Den aut zum Ministerresidenten in Luxemburg,

der Botschaftsrat DeSprey zum Ministerresidenten in Montenegro.

Sharleroi, 23. December. Durch zwei unmittelbar auf­einander folgende Dynamitexplosionen wurde in der vergangenen Nacht das HauS des CantineninhaberS einer Kohlengrube von Chatellineau 'teilweise zerstört. Der Sach­schaden ist bedeutend. Es scheint ein persönlicher Racheact vorzuliegen.

Gießen, ben 24. December 1894.

* * Empfang. Seine Königliche Hoheit der Grofi­tz erzwg empfingen am 22. December u. A. den Staats­anwalt Zimmermann von Gießen.

* * Kirchliche Dienstnachrichteu. Seine Königliche Hoheit der Grofiherzog haben Allergnädigst geruht, am 30. No­vember dem Pfarrverwalter Hermann Rückert in Griedel, Decanat Hungen, die evangelische Pfarrstelle daselbst zu übertragen.

* * Kunstvereiu. Gerade noch rechtzeitig zu einem für viele Mitglieder willkommenen Weihnachtsgeschenk ist daS Vereinsblatt für 1894 eingetroffen und zur Vertheilung gelangt:Römerin", gemalt von Kaulbach, gestochen von D. Raab. Dem Vernehmen nach wird die derzeitige Aus­stellung nach den Feiertagen gewechselt werden, an diesen selbst aber noch täglich von 11 bis 3 Uhr geöffnet bleiben bei einem Eintrittsgeld von 20 Pfg. für Nichtmitglieder.

* * Zur Einleitung deS Weihnachtsfestes. Heute Abend 5 Uhr nach dem Festläuten wird vom Thurme der Stadtkirche der Choral:Vom Himmel hoch da komm ich her" und ebenso am 1. Feiertag Morgens um 7*/z Uhr vom Thurme der Johanneskirche ein Weihnachtschoral geblasen werden.

* * Gedenket der Postboten! Es naht wiederum die Zeit, da wir Geschenke geben und empfangen. Man möge deshalb auch der Postboten gedenken- ihr Beruf ist ein schwieriger, und namentlich stellt die Zett um Weihnachten und Neujahr die größten Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit. Man erweist sich ihnen daher gerne dankbar mit einer Gabe.

Oeffeulltche Lustbarkeiten. Da nach dem Polizei- strafgesetz am ersten WeihnachtSfeiertag sowohl als auch am Vorabend im Großherzogthum alle öffentlichen Lustbarkeiten gänzlich untersagt sind, haben dieselben also am heute und morgen auch in hiesiger Stadt zu unterbleiben. Dagegen sollen nach einer älteren Bestimmung für den zweiten Feiertag die Concessionen zu öffentlichen Tanzbelusttgungen nicht ver­weigert werden.

* Ein Selbstmord Kandidat. Der Lehrling eines hiesigen Kaufmanns hatte sich am vorigen Samstag eine Unregel­mäßigkeit zu Schulden kommen lassen und war ihm darüber Vorhalt gemacht worden. Er nahm sich dies sehr zu Herzen und beschloß, sich in der Lahn zu ertränken. An der Pferdeschwemme, woselbst die Lahn sehr seicht ist, ging er ins Wasser, besann sich aber bald eines Besseren und schaffte sich wieder heraus. Nachdem er in einem Hause der Lahn­straße die Kleider gewechselt, begab er sich wieder ins Ge­schäft. Auf Befragen erklärte er, daß er sich habe ertränken wollen, das Wasser fei aber gar zu kalt gewesen.

* * Gebrauchsmuster-Eintragung. Ofen-Regulierscheibe mit von der Regulirschraube aus betätigtem Zeigerwerk, Hugo Buderus, Hirzenhain, 12.»11. 94.

i. Haiuchen, 22. December. Die Jagd in unserer Ge­meinde ist von sehr reichen Frankfurter Herren gepachtet. Es ist Wildschaden entstanden, aber bei Untersuchung desselben soll gefunden worden fein: Hunde hätten die jungen Obst- bäume benagt und die Losung der Hasen bei den beschädigten Bäumchen könnte auch von anders woher dorthin gelangt sein. Die beschädigten Leute haben nichts erhalten. Man kann nicht anders sagen als: es ist doch recht traurig für uns kleine Bauern, daß wir Millionären die Hasen zum Vergnügen halten müssen. Niemand weiß von uns, wie wir zu unserem Rechte kommen sollen. Die Gesetze und die Be­hörden wollen gewiß nicht, daß wir bei diesen schlechten Zeiten, wo wir unsere Steuern und Abgaben nicht erschwingen können und für unsere Frucht, Obst und Kartoffeln nichts lösen, auch noch die Obstbäume von Hasen ober Hunden verdorben bekommen. Viel trauriger ist es, daß Leute mit Millionen ein nobeles Vergnügen ausüben und glauben, Obstbäume thäten von Hunden benagt werden. Den kleinen Bauern kann man es ntcht verdenken, wenn sie nach und nach allen Muth verlieren. Am besten wäre es, die Ge-