1894
Mittwoch den 25. Juli
Nr. 171
Gießener Anzeig er
Kenerat-Wnzeiger
Rcdaction, Expedition und Druckerei:
Schutstraße Kr.7.
Fernsprecher 51.
Vierteljähriger Avonnemcntspreis: 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener Aamirienvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.
Der
Kleiner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
Amts- und Anzeigeblutt fflt den Tkveis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Aamitienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juli. Kaiser Wilhelm ist auf seiner Heimreise von der Nordlandsfahrt am Sonntag Abend in Oldören angelangt. Am Samstag früh hatte der Kaiser bet prachtvollem Wetter nach dem 1000 Meter über dem Meer gelegenen Djubvand eine Tour unternommen, die er größten- theils zu Fuß zurücklegte.
— Der Kaiser hat, wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, dem Prinz - Regenten von Bayern seine Theilnahme wegen der durch einen Wirbelsturm angerichteten Zerstörungen in Oberbayern ausgesprochen und für die heimgesuchten Ortschaften eine Beihilfe von 3000 Mark bewilligt.
— Die Verleihung von Fahnen an die neuerrichteten vierten Bataillone der preußischen Infanterie- Regimenter wird, wie verlautet, im Herbst, wahrscheinlich am 18. October, durch den Kaiser persönlich in Berlin oder in Potsdam erfolgen. Es soll eine besonders eindrucksvolle Feier werden, zu dec alle deutschen Fürsten Einladungen erhalten.
— Am Sonntag wurde in Schleswig unter überaus reger Betheiligung das zwölfte niedersächsische Sängerfest zugleich als 50jähriges Jubiläum des Liedes „Schleswig- Holstein meerumschlungen" gefeiert. Nachdem Samstag Abend ein Fest - Commers abgehalten worden war, fand Sonntag Vormittag ein Festzug, an dem 120 Vereine mit 1600 Sängern theilnahmen und Nachmittags ein großartiges Fest-Concert statt.
Breslau, 22. Juli. Nachdem gestern im Laufe des Nachmittags mächtige Extrazüge mit auswärtigen Turnern hier angelangt waren, wurde um 8 Uhr Abends durch den Oberpräsidenten Dr. von Seydewitz das 8. deutsche Turnfest officiell feierlichst eröffnet. Zuerst begrüßte Oberbürgermeister Bender die Turner Namens der Feststadt, sodann brachten General von Lewinski das Hoch auf den Kaiser Wilhelm und Oberpräfident von Seydewitz das auf dessen treuen Freund und Bundesgenossen Kaiser Franz Josef von Oesterreich aus. Oberbürgermeister Bender übergab hierauf die Leitung des Festes dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses, Professor Böthke aus Thorn. Dieser dankte Namens der Turnerschaft für den herrlichen Empfang. Rechtsanwalt Wetzel aus München übergab sodann das Bundesbanner an die Stadt Breslau. — Der heutige Festzug fand bei dem günstigsten Wetter statt und nahm einen glanzvollen Verlauf. 16 000 Turner, 12 Prunkwagen und 17 Musikchöre
nahmen Theil. Die Einwohnerschaft erging sich in begeisterten Ovationen.
Ausland.
— Die anarchistische Verschwörung in Prag zeigt sich als außerordentlich weit verzweigt, denn die Verhaftung von Mitgliedern des anarchistischen Geheimbundes werden fortgesetzt. Bis jetzt sind zwölf Personen davon betroffen. Die Polizei veranstaltete eine förmliche Razzia. .Sechzig Polizisten umzingelten zwei Häuser entlegener Stadt- theile und verhafteten acht Insassen, die gefesselt in das Stadtgefängniß eingeliefert wurden. Eine Hausdurchsuchung ergab compromittirende Correspondenzen und Gegenstände zur Anfertigung von Dynamitbomben.
— In dem Grenz st reite, welcher zwischen Portugal und Deutschland in Afrika in der Kiongafrage ausgebrochen ist, schwärmen plötzlich die Portugiesen für ein Schiedsgericht, nachdem sie vorher rundweg erklärt hatten, daß Deutschland zu Unrecht das Kiongagebiet besetzt habe. Dabei beruft sich Portugal auf die Congoacte, wonach das Kiongagebiet allein Portugal gehöre. Wenn dies so klar aus den Congoacten hervorgeht, so wird Deutschland das Kiongagebiet sicher wieder an die Portugiesen abtreten. Deutschland hat mit dem Congo- staate aber auch einen Vertrag über die Gebietsbegrenzung abgeschlossen und es fragt sich, ob danach nicht das Ktonga- gebiet Deutschland gehört.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegrrphtscheS Correspondenz-Bureiu
Berlin, 23. Juli. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Der Reichskanzler theilte kürzlich den verbündeten Regierungen den Entwurf der vom Bundesrathe zu erlassenden Ausnahmebestimmungen für die Saison-Industrie mit. Der Entwurf sieht Ausnahmen vor für Präserven- und Conserven-Fabriken, Anlagen zur Herstellung von Schlitt- . schuhen und Schlittschuhtheilen, Anlagen zur Herstellung von Chocoladen, Zuckerwaaren, Honigkuchen, Bisquit, Christbaumschmuck und Spielwaaren. Für andere Saisonindustrien erkennt der Entwurf ein berechtigtes Bedürsniß nach Sonntags- i ruhe nicht an. Der Handelsminister ersuchte die Regierungs- ' Präsidenten, etwaige Wünsche auf Abänderung oder Ergänzung ' dieses Entwurfs, die aus den Kreisen der Betheiligten vor- ' gebracht würden, spätestens bis zum 15. August vorzulegen.
Ostende, 23. Juli. General v. Winterfeld ist infolge eines Schlaganfalls plötzlich gestorben.
Kopenhagen, 23. Juli. Prinz Heinrich von Preußen wird am nächsten Freitag an Bord deS Panzerschiffes „Sachsen" hier erwartet. Auch der Großfür st- Thronfolger trifft zur silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares hier ein.
Depeschen deS Bureau .Herold".
Berlin, 23. Juli. Nachträglich wird bekannt, daß bei der Schteßprobe mit dem Dowe'schen Panzer in den Schießständen der Gewehrprüfungscommtssion zu Ruheleben bei Spandau Major Brinkmann den Panzer mit unserem Jnfanteriegewehr aus einer Entfernung von 600 Meter glatt durchgeschossen hat.
Berlin, 23. Juli. In dem Befinden des Professors Helmholtz ist eine kleine Wendung zum Besseren eingetreten. Mehr Grund zur Besorgniß als sein körperliches Befinden erregt der „Kreuzzeitung" zufolge sein seelischer Zustand, der fast Bewußtlosigkeit gleichkommt. Helmholtz glaubt sich in Amerika, und die Zeit von seinem Unfall bis in die letzten Tage herein ist in seinem Gedächtniß ausgelöscht.
Berlin, 23. Juli. Der „Reichsanzeiger" bezeichnet die Angriffe der socialistischen Presse über angebliche Mißstände auf staatlichen Bauten als jeder thatsächlichen Grundlage entbehrend und widerlegt dieselben im Einzelnen.
Berlin, 23. Juli. Wie der „B. B. C." hört, ist in der Nähe Berlins neuerdings ein Cholerafall vorgekommen. Ein Schiffer, der mit seinem Kahn in Charlotten- burg lag, erkrankte und ist leider gestorben. Die nöthigen Vorsichtsmaßregeln sind auf der Stelle getroffen worden.
Berlin, 23. Juli. Wie aus Wernigerode gemeldet wird, ist dort gestern der General der Infanterie z. D., Graf v. Bose, gestorben.
Wiesbaden, 23. Juli. Der Kaiser hat den Wunsch ausgesprochen, am Tage seines Besuches in Wiesbaden zur Eröffnung des neuen Theaters vor Besichtigung des Theaters das Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu sehen. Es soll — dem „Rhein. Cour." zufolge — deßhalb am Vormittag deS Kaiserbesuches oder, wenn der Enthüllungsact die Zeit deS Kaisers, welcher nur einen Tag hier weilt, zu sehr in Anspruch nehmen sollte, einige Tage vorher enthüllt werden.
Wien, 23. Juli. Der „Polit. Corresp." wird aus Rom gemeldet, die Aufhebung des Belagerungszustandes über Sicilien stehe unmittelbar bevor. Dem comman- direnden General werde die Leitung der Präfectur übertragen werden.
Lemberg, 23. Juli. Der demnächst hier stattfindende polnische Aerzte- und Naturforschertag beabsichtigt, Beschluß
——BBSBB—
Feuilleton.
Der fslsche Preuße.
Von Georg Payfen Petersen.
(3. Fortsetzung.)
Der Thatbestand war leicht ermittelt, da von keiner Seite versucht ward, ihn zu verdunkeln. In jugendlichem Leichtsinn, ungeachtet der sich nicht nur der Sündhaftigkeit, sondern auch der Strafbarkeit. seiner Handlung so wett bewußt war, wie solches bei einem zwölfjährigen Kinde überhaupt möglich ist, hatte Fritz verfälschtes Geld als achtes in Verkehr gebracht. Die mildeste gesetzlich zulässige Strafe für ein derartiges Verbrechen war damals und ist auch heute noch zweijährige Zuchthausstrafe, an deren Stelle für jugendliche Verbrecher Gefängnißstrafe von gleicher Dauer zu treten hat. Mochte man dem jungen Sünder auch in ausgedehntestem Maße Milderungsgründe zubilligen, so mußte doch, dem klaren Wortlaut des Gesetzes gemäß, gegen ihn auf Gefängnißstrafe erkannt werden. Das geschah, aber seine Richter selbst empfahlen den Verurtheilten der Gnade des Königs. Conrad Heßlein ging straflos aus; er war am Tage des Betruges noch nicht zwölf Jahre alt gewesen, ein Monat hatte daran gefehlt.
Senator Erich machte eine kurze Ruhepause und strich mit der Rechten durch das volle Haupthaar, in welches sich hier und da schon ein grauer Faden mischte. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort, anfangs mit leise zitternder Stimme, die aber bald einen harten, scharfen Klang annahm. Die ruckweise hervorgestoßenen Worte gaben Zeugniß von der tiefinnersten Erregung des Mannes und es sprach aus ihnen eine Bitterkeit, welche Männer der guten Gesellschaft nur äußerst selten zu verrathen pflegen.
„Nein, meine Herren," begann er, „es ist Ihnen allen bekannt, daß Seine Majestät, unser hochseliger König, während
der letzten Jahre seiner Regierung anders zu denken geruhte, als die übrige Menschheit. Dieser Umstand allein vermag zu erklären, weßhalb das Gnadengesuch des Verurtheilten trotz der Fürbitte seiner Richter abschlägig beschieden ward uud weßhalb mein Schulfreund wirklich ins Gefängniß wandern mußte, obgleich er doch völlig straflos gewesen wäre, hätte der betrogene Krämer nur vierundzwanzig Stunden mit seiner Anzeige gewartet. ES ist wahr, Fritz hat nicht lange das Brod der Gefangenen gekostet, denn seine Eltern waren wohlhabende Leute, die kein Opfer scheuten, um ihrem Sohne die Freiheit zurückzugeben, damit er nicht im Umgang mit anderen jugendlichen Verbrechern der Gefahr ausgesetzt wäre, sittlich vollends zu verkommen. Unsere Gefängnisse sind leider auch heute noch keine Besserungs-, sondern nur Strafanstalten. Dem Vater des Knaben gelang es, sich eine Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit zu erwirken, welcher gerade damals die Stellvertretung unseres erkrankten Königs übernommen hatte, und mein Kamerad wurde sofort entlassen. Aber war dadurch in Wahrheit viel gewonnen? Zwei Lebensjahre waren ihm geschenkt, zwei wichtige Jahre in der Ent- Wickelung, die sonst im günstigsten Falle ungenützt verflossen wären- aber der Makel, mit Gefängniß bestraft zu sein, klebte dem Knaben einmal an und machte ihn nicht nur in unserem städtischen, sondern in jedem deutschen Gymnasium unmöglich. Seine Eltern waren somit gezwungen, für die künftige Laufbahn ihres Sohnes ganz neue Entschließungen zu fassen. Unser Fritz, der eine ausgesprochene Neigung zum medicinischen Sti-'.dium hatte und welchen seine Mutter die Tochter eines berühmten Arztes, im Geiste schon in die Fußtapfen des Großvaters treten sah, mußte auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten, und seine Eltern waren froh, als es ihnen endlich gelang, den Knaben außerhalb des engeren Vaterlandes in einer bekannten Erziehungsanstalt unterzubringen. Der Vorsteher derselben meinte zwar, es sei eigentlich nicht Aufgabe seiner Anstalt, „verwahrloste" Knaben zu bessern, doch wolle er in diesem Falle eine Ausnahme
machen- wenn aber von irgend welcher Seite Beschwerden eiuliefen, müsse er sich die sofortige Entlassung des Knaben Vorbehalten. Man konnte dem vorsichtigen Mann diese Weltklugheit nicht sonderlich verübeln. Jedermann hält sich einen entlassenen Sträfling zehn Schritte vom Leibe, und dem Reu- müthigen begegnen die meisten Menschen fast mtt größerem Mißtrauen noch als dem Frechen- wäre bekannt geworden, daß sich in der Anstalt ein räudiges Schaf befand, die Eltern der gesunden Schäflein hätten gewiß nichts Eiligeres zu thun gehabt, als diese einem anderen Hirten anzuvertrauen.
Aber zu Fritzens Glück drang Über sein Vorleben nichts in die Kreise seiner neuen Schulkameraden. Wie der Knabe fortan mit peinlicher Sorgfalt alles vermied, was ihn in den Verdacht bringen konnte, irgend eine Unrechtfertigkeit begangen zu haben, wie er hinfort Lug und Trug verabscheute, wie glühender Haß gegen jegliche Unehrenhaftigkeit sein Herz erfüllte, wie, er sich selbst wieder achten lernte und allmählich die Fähigkeit wieder gewann, das Auge frei zu erheben, wie er sich das volle Vertrauen seiner Kameraden, die herzliche Zuneigung seiner Lehrer erwarb, wie er sich die Liebe seiner Mutter zurückeroberte und die leichtsinnig verscherzte Achtung des geliebten Vaters, das alles läßt sich in kurzen Worten nicht schildern - genug, daß Fritz ein durchaus braver Jüngling ward, trotz seines jugendlichen Fehltritts. Noch aber hatte er diesen nicht völlig gesühnt. Er wollte sich dem Handelsstande widmen und hatte die Berechtigung zum Einjährig - Freiwilligendtenst erworben- welche Gründe hätte er angeben sollen, die es seinen Schulkameraden nicht auffällig erscheinen ließen, daß er sich von der üblichen Prüfung ausschloß. Dennoch war für unseren Fritz das Examen nichts als ein werthloses Scheingefecht, fehlte ihm doch für den Dienst als Freiwilliger die moralische Befähigung, das „sittliche Führungsattest" der Polizeibehörde.
(Schluß folgt.)


