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Nr. 119
Freitag den 25 Mai 1894
Der Hithencr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.
Die Gießener Aamllie»6tL11er werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
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2imtlid?er Lyeil.
Lekanutmaibung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Der Oberhessische Bienenzüchterverein beabsichtigt, in Verbindung mit der am 23. Juli d. I. zu Gießen ftattfub denden 34. Wanderversammlung eine Verloosung von Bienen Völkern, Bienenproducten und Utensilien zu veranstalten.
Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver« loofunq unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 2500 Loose zu 50 Pfg. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwen- den sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhesien gestattet worden.
Gießen, den 24. Mai 1894.
Grobherzogliches KreiSamt Gießen.
_______p. Gagern.___________________
Wrefeck, am 23. Mat 1894.
Betr.: Decanats Conferenz.
Das Grotzh. evang. Decanat Gießen
au die evang. Pfarrämter des Decanats.
ES wird Ihnen andurch mitgetheilt, daß wegen einiger anderer Eonferenzen unsere demnächstige Decanats-Conferenz auf Mittwoch den 6. Jnni d. I. hat verlegt werden müsien.
Wahl.
Deutsche» Reich.
Darmstadt, 23. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen gestern Seine Durcdlauchr den Fürsten zu Usenburg Büdingen und Seine Erl. den Grasen zu SolmS-Laubach behufs Entgegennahme einer Giückwunsch- Adresie der Ersten Kammer der Stände aus Anlatz der Verlobung Ihrer Grotzherzogl. Hoheit der Prinzessin Alix. — Sodann empfingen Ihre Königlichen Hoheiten der Groß- Herzog und die Großherzogin II. DD. den Fürsten und die Fürstin zu Solms-L.ch nebst Prinzessin Tochter, sowie den commandirenden General des 11. Armeecorps General der Infanterie v. Wittich, welche hierauf zur Tafel gezogen wurden.
Berlin, 23. Mai. In der preutzischen Volksvertretung ist am Dienstag die cndgiltige Entscheidung über das wich- tigste Gesetz der gegenwärtigen Session gefallen: In namentlicher Gesammtabstimmung hat das Abgeordnetenhaus die Vorlage über die ' Errichtung von Landwirthfchafts- kammern auf Grund der zur dritten Lesung eingebrachten conservativ'nationalliberalen Compromißanträge mit 213 gegen 126 Stimmen angenommen. Die Minderheit setzte sich auS dem Ccntrum, den Polen, den Freisinnigen beider Richtungen und dem kleineren Theile der NationaÜiberalen zusammen. Nachdem daS Landwirthschaftskammern-Gesetz mehr wie einmal zu scheitern drohte, ist eS in letzter Stunde nun doch noch zu Stande gekommen, Dank der erfolgten V-rständigung zwischen den beiden conservativen Fractioncn und der größeren Hälfte der nationalliberalen Fraction deS Abgeordnetenhauses über einige der hauptsächlichsten Punkte des neuen Gesetzes. Ob diese Vereinbarungen allenthalben Derbesierungen der Regierungsvorlage und ihres ganzen Grundgedankens bedeuten, mag dahingestellt bleiben, vorläufig muß man sich an die Thatsache halten, daß der Entwurf über die Landwirthschafts- kammcrn im Abgeordnetenhause doch noch unter Dach und Fach gekommen ist. Allerdings muß nun noch daS Herrenhaus sein Votum über den Entwurf abgeben, doch ist die schließliche Zustimmung der Pairskammer zu demselben nach den endgiltigen Beschlüssen deS Abgeordnetenhauses wohl nicht zu bezweifeln. Man kann nur hoffen und wünschen, daß daS neue Gesetz sich in der Praxis bewähren und das Seinige zur Verbesserung der Lage der Landwirthschast beitragen möge.
Nerreste 21<rchrichten.
Depeschen deS Bureau .Herold".
Berlin, 23. Mai. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verordnung, betr. die Aufhebung deS Ausfuhrverbots aus Streu- und Futtermittel.
Berlin, 23. Mai. Heute Vormittag trat daS Comits für das BiSmarckdenkmal unter dem Vorsitz des ' Reichstagspräsidenten v. Levetzow in dem bereits fertig- | gestellten Sitzungssaale deS neuen Reichstagsgebäudes [ zu einer Berathung zusammen. Die Mitglieder waren sehr zahlreich vertreten. Nach Verlesung eines Schreiben« des Kaisers, worin er der Aufstellung des Denkmals auf der Rampe des neuen ReichstagSgebäudeS beistimmi, hielt Baurath Wallot einen längeren Vortrag, worauf die Versammlung beschloß, auf der Mitte der Rampe des Gebäudes unterhalb deS Giebelstückes eine Broncestatue des Fürsten Bismarck aufzustellen. Wie von technischer Seite über die Höhe dcS Denkmals geäußert wurde, soll letztere 10 bis 12 Meter betragen. Es wurde ein Ausschuß zur Festsetzung der Be dingungen für die Betheiligung an der Concurrenz gewählt, der bereits in nächster Zeit einen Aufruf an die deutschen Künstler erlassen wird. Man hofft, im Laufe des nächsten JahreS, vielleicht schon am Geburtstage deS Fürsten, daS Denkmal aufstellen zu können.
Berlin, 23. Mai. Die Commission des Herrenhauses zur Vorberathung des Gesetzentwurfs betr. die Landwirth- schäftskammcrn nahm heute Vormittag unter Vorsitz deS Herrn v. Puttkamcr ihre Berathungcn auf. Die Mitglieder waren fast vollzählich erschienen. Die Regierung war durch den Landwirthschaftsminister v. Heyden vertreten. Die Com- miifion beschloß, zwei Lesungen zu halten. Die Abstimmungen sollen unter dem Vorbehalt stattfinden, daß zwischen erster und zweiter Lesung eine Besprechung mit den Führern im Abgeordnetenhause siittfiuden soll. § 1 sand mit 11 gegen eine Stimme, § 2 einstimmig Annahme. Die erste Lesung soll heute beendigt werden.
Berlin, 23. Mai. Die „Nationalzeitung" scheint sich der „Köln. Ztg." in ihren Angriffen gegen den Ministerpräsidenten Grasen Eulenburg anschließen zu wollen. Sie kritisirt die Thätigkeit deffelben als Minister des Innern und sagt, für die Besetzung der Aemter der inneren Verwaltung scheine sich Eulenburg besonders zu interessiren. Er habe sich bei der Besetzung wichtigerer Aemter stets in dem Kreise gehalten, der tn Preußen ein unantastbares Privilegium auf dieselben zu haben glaube. Bisher sei auch unter Eulenburg nicht ein einziger Bürgerlicher für ein bedeutsameres Amt ernannt worden. Aber auch das Finanzministerium treffe Schuld. Die höheren Beamten der inneren Verwaltung in Preußen wurden gemeinschaftlich vom Minister des Innern und der Finanzen ernannt. Man habe aber noch nicht be merken können, daß aus dem Ministerium des Herrn Miquel auf Gleichberechtigung der Liberalen mit den Eoniervativen hingewirkt werde- gespannt müsse man auf die bevorstehenden zahlreichen Ernennungen sein.
Berlin, 23. Mai. Die neugegründete liberal-antisemitische Partei hielt gestern eine Versammlung ab, in der Schweinhagen über daS Thema: „Unser Kampf gegen daS Talmudchristenthum in Kirche, Schule und Generalsynode" sprach. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung ohne Hoch auf den Kaiser, weil, wie er sagte, der Kaiser ja doch nichts davon erfahre. Nach ziemlich lebhafter Debatte ist die Versammlung resultatloS auSeinandergegangen.
Berlin, 23. Mai. Zu der Meldung des „Hann. Cour.", Kanzler Leist sei nach .Amerika entwichen, schreibt die „Kieuzztg.": „Was ihm zur Last gelegt wird, weiß man nicht,- denn zunächst werden nicht die von den Zeitungen gegen ihn erhobenen Vorwürfe die Unterlage für die DiS- ciplinar-Untersuchung bilden, sondern die von dem Unter* suchungscommissar angestellien Erhebungen, deren Ergebniß bisher noch nicht zur Veröffentlichung gelangt ist. Wahrscheinlich befindet Kanzler Leist sich gegenwärtig auf der Heimfahrt und dürste im Monat Juni hier eintreffen."
Köln a Rh., 23. Mai. Ueber die neue, in Rußland entdeckte Verschwörung erfährt die „Köln. Ztg.", daß eine Verschwörung ernster Art vorliege. ES habe die Absicht bestanden, im Hochsommer einen Mordanschlag gegen den Ezarcn auszuführen. Die Verschwörer wollten das Haupt- quartier deö Kaisers wahrend der Kaisermanöoer in die Luft sprengen und hatten bereits mit den Vorarbeiten zur Schaffung von Minengängen zum Schloß und zur Kirche des betreffenden Dorfes begonnen. ES wurden besonders viele Beamte der WttebSk Orelbahn, darunter viele Ingenieure und ein Neffe des OberprocuratorS PobjedonoSzew, verhaftet und nach Petersburg gebracht.
Leipzig, 23. Mai. DaS Regiments - Commando der Halberstadter Kürassiere theilte dem hiesigen „Gene* ralanzeiger" mit, Fürst BiSmarck habe dem Regiment bisher seinen Besuch nicht angekündigt.
Hamborg, 23. Mai. Die DienStagS - Nummer deS
„Hamburger General-Anzeiger" ist gestern Abend wegen eine» Artikels, betreffend Kaiser Caligula, welcher der mehr- erwähnten historischen Studie deS Professors Quidde auszugsweise entnommen ist, beschlagnahmt worden. ES wurde Untersuchung wegen Majestätsbeleidigung eingeleitet.
Wien, 23. Mai. Der deutsch nationale ReichSrathS- abgeordnete Kaiser wurde im Bezirk Wieden von zwei Männern überfallen und von einem derselben heftig mit einer Hundepeitsche geschlagen. Beim Nahen von Polizisten floh einer der Angreiser- der andere wurde verhaftet und nach der Polizeiwache gebracht. Dort erklärte er, Adolf Politzer zu heißen und Beamter der Versicherungsgesellschaft „Riunione Adriatica“ zu fein. Die Ursache deS Uebersall« sucht man darin, daß Kaiser vor Kurzem im ReichSrath den HandelSmtnister interpellirte, gegen die „Riunione Adriatica“ gerichtliche Untersuchung einzuletten, da dieselbe mit einer Unterbilanz arbeite, trotzdem aber sehr hohe Dividenden zahle.
Budapest, 23. Mai. In der Regierungspartei herrscht fortdauernd gedrückte Stimmung. Man ist der Ansicht, daß sich die (Situation zu Ungunsten deS Ministeriums Wckerle verändert habe. Er werden ernstliche Complicationen befürchtet, die für Ungarn verhängnißvoll werden könnten.
Belgrad, 23. Mai. In vergangener Nacht wurden in 1 den Provinzen noch weitere Verhaftungen vorgenommen. Bei dem Gemeindesecretär in Kragujewat, Djakovic, sand man höchst wichtige Papi.re, welche beschlagnahmt wurden. Djakovic wurde unter starker Bedeckung nach Belgrad verbracht und in der Festung internirt.
Belgrad, 23. Mai. Königin Natalie wurde drahtlich von der Verfassungsänderung verständigt und gebeten, zurückzukehren. Sie antwortete in verneinendem Sinne.
London, 23. Mai. Wie „Daily News" melden, haben Oesterreich und Rußland diplomatische Noten über die Lage in ©erbten gewechselt und sich dahin verständigt, Im Nothsalle gemeinsam oorzugehen.
Madrid, 23. Mai. Der Senat genehmigte in seiner heutigen Sitzung die von der Regierung verlangten Vollmachten für den Abschluß der Handelsverträge und zwar mit 129 gegen 77 Stimmen. Ein diesbezüglicher Antrag soll morgen auch in der Kammer eingebracht werden. Die Regierung hofft, daß bis zum 15. Juni alle Handelsverträge vom Parlament angenommen fetn werden.
Warschau, 23. Mai. Der „Marsch. Dnewn." meldet, daß seit Abschluß des deutsch - russi sche n Handelsvertrages im Warschauer Zollamte durchschnittlich sechs- undzwanzig Eisenbahnwagen täglich mit Sendungen au« Deutschland eintreffen, während früher nur fünf verkehrten.
Aus den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadt, 23. Mai 1894.
Die Kammer wird um 10 Uhr eröffnet. Vor Eintritt in die Tagesordnung theilt Staatsminister Finger dem Haufe mit, daß die Regierung zu dem Antrag Bogt und Genossen Stellung genommen habe. Die Regierung werde Alles aufbieten, um eine Gefährdung der Sonntags- zeich enf chulen durch die Sonntagsruhe hintenan zu halten. Der Großh. Centralftelle für die Gewerbe fei schon ent» sprechende Weisung zugegangen, sich mit dem Oberconsiftorium und dem katholischen Ordinal in Verbindung zu setzen, um einen Ausgleich zu erzielen. Sei ein solcher nicht zu er- reichen, bann bleibe nur noch übrig, diese SonntagSzetchen- schulen in gewerbliche Fachschulen umzuwandeln.
Nunmehr erfolgt die Berathung der Regierungs - Vorlage auf Anstellung von weiteren zehn HilfSgerichtS- schreib er n. ES wurde ohne Debatte beschlossen, für diesen Zweck nachträglich im Hauptvoranschlag 17 000 Mark vorzusehen.
Den Rückäußerungen Erster Kammer, den Gesetzentwurf die Städteordnung betreffend, sowie den Gesetzentwurf, die Befreiung gemeinnütziger, auf die Errichtung von Wohnungen für Unbemittelte gerichteten Unternehmungen von Gerichtsgebühren und Stempel, tritt das Haus ohne Debatte bei.
Nunmehr erfolgen die Rückäußerungen Erster Kammer zum Finanz-Budget.
Zu Cap. 40, LandeSuniverfi t ät, hatte die Kammer 2058 Mark für daS Reitinstitut zu Gießen gestrichen. Die Erste Kammer trat diesem Beschluß nicht bei. Nach einer lebhaften Debatte, in welcher die Abgeordneten Wasserburg, Jöst und Schönberger gegen Derwilligung sprechen, wird die Forderung mit allen gegen 14 Stimmen nochmals abgelehnt.


