Ausgabe 
25.3.1894 Drittes Blatt
 
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Nr« 70 Erstes Blatt. Sonntag den 25. März

Der Giekener Anzeiger crfdjnnt tägltd), mit Ausnahme tti Montags

Die Gießener Aa m tfieu d lter »erden dem Anzeiger »üchenllich dreiutal bngrlrgt.

Gießener Anzeig er

Keneral-Zi'nzeiger.

1894

BikNeljihriger -S»»»e«e»lspe,i»: 2 Mark 20 Vlfl mit Vringerlohn. Durch dir Poft bezöge« 2 Marl 50 Ptg-

Ncdamon, «krpeditio» und Dnttferei:

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2lnrts- und Anzeineblatt für den Tkveis Giefzen.

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Amtliche» Theil.

Ausschreiben.

Bezugnehmend auf unser Ausschreiben vom 16. Februar * L I., belr. den vermißten Gericht-accessisten Karl Marx ' aus Gießen, theilen wir mit, daß der Hut desselben an der Lahn gesunden worden ist, wes darauf schließen läßt, daß der Vermißte seinen Tod im Wasser gefunden hat.

Auf die Auffindung der Leiche ist eine Belohnung von 200 Mk. gesetzt.

Nachstehend lassen wir nochmals genaue- Signalement folgen:

Beschreibung: Geboren am 14. April 1868, klein, dunkelbraunes, mehr schwarzes Haar, schwarzes Schnurrbärtchen.

Kleidung: Dunkelbraune-Jacquet, braun in sich ge­streifte Weste und Beinkleider, schwarzer Ueberzieher mit schwarzem Sammtkragen, Zugstiefeln, Zwicker, silberne Station« toiruhr und silberne Panzerkette.

Die Leibwäsche ist M. oder C. M. gezeichnet.

Gießen, den 24. März 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

__________________Fresenius.__________________

Gefunden: 1 goldener Zwicker, 1 Briefmarken album, 1 Haarpfeil, 1 seidenes Halstuch, 1 Muss, 1 Tasche mit Inhalt, 1 Velocipedenschraubenschlüssel.

Gießen, den 24. März 1894.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Astern.

Ostern, da- ewig große Sieges« und Triumphfest der erhabenen Religion des göttlichen Heilandes, ist wieder ein­gezogen in die Herzen der Christen, in die Kirchen und Ge­meinden und spendet Hoffnung und Befreiung in des Alltags Lasten und Sorgen. In wunderbarer und herrlicher Weife ist in den germanischen Ländern auch die uralte Sage von der im März zur Erde herabsteigenden Lenzgöttin Ostara mit dem christlichen Auferstehungsfeste verwoben und zu Ostern hält auch die Natur ihre holde Auferstehungsfeier, nach des

Winters Todtenschlafe sprießen auS dem Schooße der Mutter Erde Myriaden von Blumen und Kno-pen, in Flur und Hain erwacht neues Leben und weihevoll wird dadurch jedes em» I pfängliche Gemüth gestimmt. Predigen die Erscheinung und Schönheit deS Frühling- schon in der vernunftlosen Natur ' die Allmacht und Liebe deS SchöpserS, welch einen Widerhall muß da erst die Osterbotschast in den Herzen der vernunft­begabten Menschen Hervorrufen! Sind doch auch nicht nur die Glücklichen und HoffnungSfteudigen, welche Hoffnung und Zuversicht durch die österliche Doppelfeier empfangen, sondern die Verheißung deS Osterfestes gilt noch vielmehr den Unglücklichen und Verzagten, den Elenden und Trüb­seligen! Wie bereits drei Tage nach dem Kreuzgange und Märtyrertode deS Heilandes daß kleine Häuflein feiner Getreuen göttlichen Muth und unerschütterliche Zuversicht erhielt, alß die Kunde von der Auferstehung deß Herrn zu ihnen drang und er sich selbst, erhabenen Trost spendend, unter ihnen zeigte, so kann sich auch noch jeden Tag und jede Stunde, ganz besonderß aber zu Ostern, jeder Mensch, jede- Volk, ja die ganze Menschheit an der christlichen Heilbotschast der Nächstenliebe, der Brüderlichkeit und der Hoffnung auf ein ewigeß Leben aufrichten. Und sie hat auch gethan, denn daß Christenthum mit seiner Humanität, Duldung, Freiheit und Zuversicht ist doch ftetß die wahre Leuchte der Menschheit seit Christi Geburt gewesen. Dies lehrt schon ein Blick auf die Völker und Staaten, in denen daß Christenthum nicht bekannt oder nicht geehrt wird. Die Osterbotschast deß Dichters:( muß doch Frühling werden!" gilt daher nicht nur den Menschenherzen, sondern sie muß auch dem Völkergetriebe gelten. Nach Ruhe und Frieden, nach Hoffnung und Vertrauen sehnen sich auch heut­zutage alle Völker und wächst die Zuversicht, daß dieses Ostern der Wendepunkt für eine neue Blütheperiode der menschlichen (Eultur, hervorgebracht durch friedliche Arbeit, werden möge!

Neuefte Nachrichten»

Wolff- telegraphisches Correfpondenz-Bureau.

Abbazia, £8. März. Ihre Majestäten der Deutsche Kaiser und die Deutsche Kaiserin nebst den Kaiser!. Prinzen wohnten heute Vormittag in der Villa Amalia dem vom Hofprediger Fromme! abgehaltenen Gottesdienste bei und begaben sich sodann auf dem nördlichen Strandweg nach Voloßca zum Besuche der Großherzogin von Toßcana. Mittag- erfolgte die Rückkehr auf demselben Wege.

CocaUs und provinzielles.

Gießen, den 24. März 1894.

** Ostern fällt diese- Jahr auf eben der frühmögliche« Kalendertermine, der in diesem zu Ende gehenden 'Jahr­hundert nicht wieder vorkommt. Volle vier Wochen betrügt der Zeitunterschied gegen den spätesten Ofterzeitpunkt, den 25. April. Der Frühling hat allerdingß seinen kalendarischen Einzug schon am Dienstag, also vier Tage früher, gehalten und zwar mit einem wirklich herrlichen FrÜhlingßtag. Frühling und Ostern find Geschwister, aber doch ist bei einer solchen Früh­feier deß Ostersesteß sagen wir scheinbar nur wenig von dieser Geschwisterschaft zu erblicken. Wohl hat bereit- Schneeglöckchen die Vorboten deß Lenzeß mit seinem Auser- stehungßgeläute begrüßt und auch Blauveilchen lugt schon mit feinem allerdings noch verhüllten Köpfchen unter der schützenden Hecke hervor, aber noch leuchten vom Gebirge die weißen Laufgräben beß Winter-, der immer noch nicht ganz daß Feld geräumt und noch Nachtgefechte liefert. Dazu ver­scheuchen rauhe Nord» und Oststürme die Avantgarde beß anrückenden Lenzeß. Aber er wird doch kommen und bald kommen and seinen siegreichen Einzug halten. In der ge­heimen Werkstatt der Natur, da schafft und wirkt und treibt nach langem Winterschlafe zur Auferstehung. Wir sehen die Beweise dieseß Wirkens in dem Schwellen der Knospen, ' in dem Sprossen der Gräser, kurz in dem sich regenden neuen Leben. Und diese Frühlingshoffnung bestätigt unß der Gesang der Vögel, der verkündet: die lange Nacht ist hin, erlöst ist Herz und Sinn. Also trotz der Frühfeier deß geist­lichen Osterfestes geht mit ihm Hand in Hand das Ostern der Natur.

Ostereier Osterhasen. ist Schonzeit, die Hasen konnten ungestört ihrer wichtigen Mission, dem Brutgeschäft,

Einr Arlna-Brstrigung.

In der letzten Versammlung dec Section Gießen deß Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins wurde über eine Besteigung beß Aetna berichtet, welche von vier Gießener Herren und der Gattin eineß derselben im Jahre 1892 unternommen wurde. Doch lassen wir ten Veranstalter der Fahrt selber sprechen.

Den Plan dazu hotte ich gefaßt während einer Eisen- dahnsahrt von Catania nach Syrakus im Januar 1891, als ich da- wundervolle Schauspiel genoß, das Licht des sinkenden Monds mit den Strahlen der aufgehenden Sonne im Streit um den schneeglänzenden Bergriesen zu sehen. Damals gings unmöglich.Aber sicherlich im nächsten Frühjahr", sagte ich «einem lieben Freund Otto bei einem Besuch in der alten Heimath.Wie hoch ist die Bergspitze?" war die Gegen­frage- denn als Alpenvereinsmitglied befaßt Otto sich nicht mit Kleinigkeiten. Die Mittheilung, daß der Gipfel 3313 Meter über Meeresspiegel liegt mit dem erschwerenden Rebenumstand, diese Höhe voll und ganz in einem Zug nehmen zu müssen, schlug durch, und mein Freund schlug ein, daß wir zusammen dem hohen Herrn unsere Aufwartung machen wollten. Der Gedanke war fruchtbar- eS fanden sich noch zwei Freunde aus der Heimath zum Unternehmen bereit und last not least meine Frau, der ich so wie so die Mitwirkung bei der sizilianischen Reise verheißen hatte. Am Charsreitag brachte der Postdampfer von Neapel die Aetnafahrer in Palermo unß Land, Alle in Loden, Otto mit Rucksack und Eispickel, drei Mann hoch mit Photo­graphenkasten. So konnte kein schöner Moment der Reise unß entgehen.

Verschiedene Tage später hatte Castrogiovaoni die Freude, unß in seinen Mauern zu sehen. Wer Sizilien besucht, sollte hier nicht vorüberfahren, wie bieß meiftenß geschieht. Denn daß alte Enna liegt fast genau im Schwerpunkt beß Dreieckß der Trinacria, in stolzer Höhe über den Thälern ringsum, so daß man vom Schloßthurm La Rocca eine entzückende Aussicht über die ganze Insel genießt, vor Allem «uf ihn, der bas Zwergvolk der andern Berge gewalttg überragt, auf den Aetna. Er lag klar und wolkenlos vor

unß, zwar noch recht tief hinab mit Schnee bedeckt, aber doch so verlockend, daß wir schleunigst nach Catania auf­brachen, um die Wolkenlosigkeit zur Besteigung zu benutzen. Eine telegraphische Anfrage beim Oberführer des italienischen Alpenclubß in Nicolosi belehrte unß, daß die Sache trotz der frühen Jahreszeit ausführbar wäre, wenn wir uns darauf einrichteten, einige Stunden über daß Schneefeld zu gehen. Nun war Freund Otto hoch. Er hatte alß erfahrener Berg­steiger für Alles vorgesorgt, während wir mit Hilfe unseres liebenswürdigen Consuls Herrn Poratoner in den ver­schiedensten Geichästen der Stadt die bergmäßige Ausrüstung noch rasch beschaffen mußten. Denn anderen Vormittag 8 Uhr, am 24. April, fuhren wir Fünf stolz aus Catania ab durch die lange Dia Etnea, die schnurstracks auf den Gipfel zu führen scheint. Aber kommt anberß, und der Weg wird später krumm genug. Beim ersten Carabinieri» posten waren wir gerührt ob der ehrerbietigen Begrüßung beßmaresciallo, der sich mit seinen Leuten auf flinken Roffen uns anschloß und meine Frau fragte, wassua altezza zu befehlen geruhte. Da dämmerte uns erst, daß die Erzherzogin Stephanie gemeint sei, deren Dampfyacht am Tage zuvor im Hafen von Catania eingelaufen war. So gings trotz Abwinken bei jedem neuen Poften - und hoch­herrschaftlich rollten wir in Nicolosi ein.

Bis dorthin führt der Weg durch den üppigsten Pflanzen- wuchs des Südens. Catania liegt freilich 30 Kilometer vom Gipfel entfernt, aber doch ist die Stadt fast ganz auf vulkanischer Asche und Lava erbaut, deren mächtige Ströme zu beiden Seiten des Hafen- ihre Gluthen im Meer gelöscht haben. Wo dieser Feuerboden genügend verwittert ist, ent­sproßt ihm em Dachsthum, daß in Europa wohl selten seinesgleichen findet. Daß im durchklüfteten Gestein des oberen Bergkegels spurlos versickernde Regen- und Schnee» schmelzwaffer tritt hier unten in zahllosen Quellen zu Tage. Wo aber unter diesem milden Himmel nachhaltige Feuchtigkeit vorhanden ist, da sproßt ein wahres Parodie- von Orangen und Limonen, dazwischen breitblättrige Feigen, dichtlaubige Karuben und zierliche Mandelbäume, mannshohe Hecken von Geranien, breitblättrige Kakruß in phantastischen Gestalten, hohe Blüthenstengel der Agaven, Rosen über Rosen und

Schlingpflanzen vielerlei Art. Daß blüht und leuchtet und glänzt in tausend Farben um den Grundaccord Grün, baß blüht und duftet und umschmeichelt die Sinne! Verzeihen Sie, wenn ich die Pflanzen nicht alle nenne- doch ersten- Namen sind Schall und Rauch", und zweitens weiß ich sie nicht. Aber himmlisch ober richtiger irdisch schön ist-, so schön, so wonnig, baß auch bie steifen Palmen nicht mehr wie Renommirpflanzen erscheinen, sonbern ganz alß dorthin gehörig.

Oberhalb Nicolosi, von wo unsere große Karavane mit zwei Führern, bret Trägern unb sieben Mauleseln nebst zu­gehörigen Eseljungen um l/,12 Uhr unter ben Segenßwünschen der beim Abschied zahlreich versammelten Ortsbewohner auf­gebrochen war, wurde bie Lanbschaft halb eine Zone nörd­licher. Der Weg führte um die Zwillingskegel der Monti Roffi herum, aus denen vor zweihundert Jahren die Lava biß herab nach der Stadt Catania gefloffen ist, von der sie nur durch den Schleier der heiligen Agathe zurückgescheucht wurde. Auf seinem Schlackensand unb glattem Gestein ritten wir nun zwischen ben aus Lavabrocken locker gefügten schwarzen Mauern ber Weingärten schattenloß berMuf mit mäßiger Steigung- aber jede Wegebiegung zeigte, baß wir boch rasch emporstiegen. Tief unten lagen die Agrumengärten, welche um jene Jahreszeit den Vorzug besitzen, glühende Goldorangen zugleich mit den berauschend süß duftenden Blüthen zu tragen. Die Kirschen glänzten dort schon roth, Pfirsiche und Mandeln hatten Früchte angesetzt. Hier oben waren sie noch in Blüthe. Daß zarte Weiß und Roth stand trefflich zum frischen Blattgrün der Fruchtbäume und Reben- unb Beibeß paßte wie gemalt zur braunroten Erbe. Noch weiter oben gingß über ben zackigen Lavaftrom von 1886 hinweg in den Kaftanienwalb, in dessen Mitte bie WaldwärterhütteCasa bei Bo-co" liegt, wo bie Thiere vor bem hier beginnenben steileren Aufstieg getränkt werben, falls nicht etwa ber Brunnen verschlossen ist. Des lieben Sonntags wegen war aber Niemanb zu Hau-, unb unsere Eselein mußten warten biß zum Schnee.

(Fortsetzung folgt.)