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Nr. 47
Der Gte-e«er Auzetger erscheint täglich, mit Lutuahme de» Montag»
Die Gießener »•■WitilCiHet Werden dem Anzeiger »Gchentlich dreimal beigelegi.
1894
Drittes Blatt. Sonntag den 25. Februar
Meßmer Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
Vierteljährig er JH»*eeeeet»yr* I 2 Mark 20 Pfg. ■* Vnngerlohn. Duach die Post dez»G« 2 Mark 60 Ps».
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Zlnrts- und Zlnzeigeblntt füv den Ureis Gietzen.
Kraiisberlage: Gießener Kamilienblätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« fflr den folgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Alle Lnnoncen-Bureaux de» In- und Au»iande» nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
Zur Einführung billigerer Verkehrswege.
Trotz der großen Entwickelung deS Eisenbahnwesens bleibt die Entfaltung der deutschen BerkehtSstraßen in einem wichtigen Punkte zurück. ES ist dteS hinsichtlich der Einrichtung billiger Wasierstraßen, wie solche zumal England, Holland, Belgien und zum Theil auch Nordamerika besitzen und welche nicht nur für den Handel an sich, sondern auch für die Industrie, die Land- und Forstwirthschast große Dor- lheile bieten, denn für gewisse Producte auS dem Mineralreiche, für Erze, Metalle und Bausteine, ferner zumal auch für Kohlen, Torf, Holz, sowie für verschiedene landwirth- schaftliche Producte, wie auch für landwirthschaftliche Bedarfsartikel (Kunstdünger, Kraftfuttermittel, Maschinen) ist der Eisenbahntransport verhältnißmäßig doch noch zu theuer und die Hebung der Binnenschifffahrt durch Eanäle sehr wünschens- werth, denn diese Verkehrswege sind für gewisse Zweige deS Verkehrs die billigsten.
Bekanntlich ist eS nun einer der LieblingSpläne deS Kaisers, Deutschland mit einem Canalnetze zu überziehen und gewiß stehen Industrielle und Kaufleute, Landwlrthe und Gewerbetreibende diesem Plane sympathisch gegenüber. Leider lugen in Deutschland die natürlichen Verhältnisse aber so ungünstig, daß sich der Ausführung dieses ProfecteS sehr große Schwierigkeiten und deshalb auch große Bedenken entgegenstellen.
Verhältnißmäßig leicht und billig lassen sich nur Tief- und Flachländer canaltstren, weil in diesen erstens keine großen Terrainschwierigkciten zu überwinden sind und zweitens auch leicht die gehörigen Wassermengen anzusammeln und festzuhalten sind. Deutschland ist aber nur in seiner nördlichen Hälfte Flachland und noch dazu ungleichmäßiges Flachland, welches von Höhenrücken durchzogen ist, im Uebrigen ist aber Deutschland Berg- und Thalland, welches dem Canalbau große Schwierigkeiten entgegensetzt. Sehr bedauerlich ist eS ferner, daß die in den deutschen Staaten bereits vorhandenen Canäle meist, ns zu flach gebaut sind, um große Lastschiffe zu tragen. Endlich muß auch darauf hingewiesen werden, daß sich wegen der Terrain- und Wasserschwierigkeiten zwei Canalbauten in Deutschland als sehr unrentabel herausgestellt haben, es ist dies der Ruhrcanal in Rheinland-Westfalen, der fast gar nicht mehr benutzt wird, und der Ludwigscanal in Bayern, der zu feiner Unterhaltung einen Zuschuß aus Staatskosten erhält.
Feuilleton.
Zwei Feinde.
Von Theo Seelmann.
(Nachdruck untersagt.)
I.
Die Zett der tiefsten Erniedrigung war über Preußen bereingebrochen. Die Schlack en bet Jena und Auerstedt waren gescklagen, Erfurt und Magdeburg waren gefallen und Napoleon war in Berlin e ngerückt- im Lustgarten flammten Nachts die Btwackfeuer seiner Garden. Unwirsch wie die Zeitläufte war auch der November deS JahreS 1806. Nicht herber, erfrischender Frost war in das Land gezogen, sondern Nebel, Regen und Sturm lösten sich miteinander ab.
Auf der Landstraße von Potsdam nach Berlin schritten zwei Männer in eifrigem Gespräch dahin. Während der ältere, dessen fllbergraues, langes Haar im Winde flatterte, nur mühsam vorwärts zu kommen schien, warf sich der jüngere offenbar desto freudiger dem Anprall des Sturmes entgegen, je heftiger er gegen ihn anwogte. Der alte Herr mit dem hohen Cyllnder und dem langen blauen Gehrock mit goldenen Knöpfen verrieth auf den ersten Blick den Gelehrten, wahrend der Jüngling neben ihm sich schon durch seine blaue Mätze als der Schäler einer höheren Lehranstalt auöwies.
»Nein, Onkel Burwig," sagte der jüngere Mann, in deffen Augen ein wildes Feuer glänzte, als der Sturm sich für einen Augenblick gelegt hatte, „größer kann die Schmach nicht werden. Bedenke, der Degen Friedrichs des Großen und der Siegeswagen des Brandenburger Thores als Sieges trophäeu nach Paris gesandt! Im Schloß der preußischen Könige wohnt der französische Emporkömmling? Und daß nicht genug: Magdeburg, d e Hoffnung des Staates, ergibt sich ohne einen Schuß mit zwanzigtausend Mann!"
„Dafür zählten auch die neunzehn Generäle, an deren Spitze der General von Kleist die Festung überlieferte, nicht weniger als 1300 Jahre," warf der Angeredete bitter ein. „Dein edler Eifer, Georg," fuhr er fort, „ist sicherlich lobenö- werth, aber weder Du, noch ich werden den Korsen aus unserem Vaterlande vertreiben."
Daraus geht wohl hetvor, daß nur unter ganz besonders günstigen Bedingungen neue Wasserstraßen in Deutschland errichtet werden dürfen, wenn nicht Millionen vergeudet werden sollen, daß aber im Uebrigen wohl der Bau billiger Secundär- bahnen das beste Mittel für die Einführung billiger Verkehrsstraßen sein wird.
Vermischter.
*8. Antwerpen, 21. Februar. Unter dem Patronate der belgischen Regierung und der Stadt Antwerpen wird hierselbst während der Weltausstellung und zwar in der Zeit vom 7. bis 12. Juli ein „internationaler Preß- Cong re ß" tagen, der sich mit verschiedenen interessanten Fragen, wie z. B. mit der Wahrung des literarischen Eigen- thumS, mit den Mitteln und Wegen, wie die Preßverbände in den verschiedenen Ländern mit einander in Verbindung zu bringen sind, mit der professionellen Ausbildung der Journalisten und dergleichen beschäftigen wird. Die S'adt Antwerpen beabsichtigt, den alsdann hier eintreffenden Journalisten zu Ehren großartige Festlichkeiten zu veranstalten. Am ersten Tage deS Congresses sollen dieselben feierlich auf dem Rathhause empfangen werden, vor welchem hierauf ein imposanter Fackelzug defiliren wird. Am nächsten Tage, am 8. Juli, findet wiederum ein großes Fest statt, an dem u. A. die sämmtlichen Arbeiter-Corporationen, die sogen. Nationen, sich beteiligen werden. Den glänzendsten Tag in der an Festlichkeiten so reichen Periode wird aber der 9. Juli bilden, denn an ihm wird man das große alterthümliche Fest in dem alten Antwerpen, einer der Hauptzierden der Ausstellung, in Scene setzten. Es folgen hierauf noch Ausflüge nach Ostende und auf der Schelde, sowie ein Commers in Brüssel, und so steht denn zu hoffen, daß unsere deutschen Journalisten, welche sich an dem Congresse betheiligen, die allerangenehmsten Eindrücke von dem gastfreien Antwerpen und seiner Weltausstellung mit nach Hause bringen werden.
* Als Doppelmeusch erregt gegenwärtig ein Knabe auf den Kliniken von Venedig, Pavia und Mailand großes Aufsehen. Giovanni Libbra ist ein sympathischer, beinahe hübscher, sehr intelligenter und gutmüthiger Knabe, in Süd amerika geboren, der sich, ungeachtet seiner monstruösen Bildung, während seines nun schon nahezu zehnjährigen Daseins der vollkommensten Gesundheit erfreut. Giovanni
„Ich allein freilich nicht," versetzte der junge Man« schnell, „aber wenn alle Th ile unserer Jugend so dächten wie ich, dann könnten wir eS mit einer Macht wagen, die dreimal so stark ist als Bonapartes Heer."
„Langsam, langsam," machte der alte Herr mit leisem Spott. „Du also fühlst die Kraft in Dir, für Preußens Ehre einzutreten?"
„Ob ich sie fühle!?" fuhr der Jüngling auf. „Ich bin achtzehn Jahre alt und in diesem Alter getraue ich mir wohl, eine Muskete zu tragen. Und da wir e nmal das Thema berührt haben, so will ich Dir, Onkel, gleich mittheilen, waS ich schon lange bei mir beschlossen habe: Ich werde nie und nimmer Gelehrter."
Der Angeredete schaute betroffen auf.
„Wie?" fragte er zögernd. „Aber waS willst Du denn werden?"
„Ostern ist meine Schulzeit zu End?, dann, Onkel, ziehe ich deS Königs Rock an! Der König braucht Soldaten und er soll einen durch m>ch bekommen. Du bist Schulmann und viele Deiner Vorfahren sind in Deinen Tapfen gewandelt, Du kennst nichts Angenehmeres, als Dich mit Deinen lateinischen und griechischen Schrisistellern zu beschäftigen. Aber anders ist es mit m r. Wohl war meine liebe verstorbene Mutter eine stille Frau, aber in meinen Adern kreist das Blut meines seligen Vaters. Ich muß hinaus in das Freie, ich muß dahin, wo die Kanonen dröhnen, der Pulverdampf wallt und die Trompeten schreien. Nicht umsonst hat mein Großvater unter Friedrich dem Großen bei Hohensriedberg mitgekämpst, nicht umsonst ist mein Vater bei Balmy gefallen, und noch heute lebt sein Andenken unter seinen Kameraden fort, gilt der Oberst von Harwegk als ein Muster soldatischer Tüchtigkeit."
„Alle Achtung vor Deinem Vater," entgegnete der alte Herr ruhig, „und vor Deiner Gesinnung. Aber gestatte mir vorerst eine kleine Erwiderung. Du sagtest vorhin, Du wärest achtzehn Jahre und deßhalb wohl zum Kriegsdienst fähig. Nun, daS Alter hast Du, das läßt sich nicht bestreiten, aber das Alter allein macht es nicht. Betrachte, bitte, einmal Deinen äußeren Menschen. Wenn Du unparteiisch urtheilst, so wirft Du sagen müssen: Ich bin hoch
Libbra ist nach Art der Siamesischen Zwillinge, der Brüder Tocci zc. gestaltet, und ein vollständig ausgebildeter Knabe. Nur daß daS Geschöpf, welches verwachsen mit ihm zur Welt gekommen ist, von seiner Magengrube auS beginnt, keinen Kopf, wohl aber einen Herzschlag besitzt, wie auch einen Theil der menschlichen Functionen verrichtet. Giovanni Libbra springt, pfeift und singt nach Art normaler Kinder und hat guten Appetit. Vater und Mutter sind kräftige wohlgebildete Menschen im besten Lebensalter. Ursprünglich dem Bauernstände angehörig, haben sie sich auf das Abrichten von Thieren geworfen, mit welchen sie die halbe Welt durchzogen. An dieser abenteuerlichen Laufbahn trägt ein Binder des Bartolomeo Lbbia, so heißt der Vater des Doppelwesens, Schuld. Derselbe erfreut sich gleichfalls einer ganz ungewöhnlichen Monstruostiät. Er hat blos ein Bein und an der Stelle des zweiten eine weibliche Brust, unter dem linken Arm einen E-ckenflügel und im rechten A,m unter der Haut eine vollständig ausgebildete Hand, die eine Faust machen kann. „Im Uebrigen," heißt es in einem Bericht, „ist er ein wohlgewachsener Mensch." Seine seltene Mißbildung gestattete ihm, den Pflug im Modenesischen zu verlassen und eine Tournä durch Amerika, Afrika, Kleinasien rc. anzutreten, welche ihm, dem Zweiundzwanzigjährigen, schon eine recht schöne Summe eingetragen hat.
Land- rrnö Volkrrvirthschast.
— Zur gsuttermtttelcontrole. Der sächsische Landesculiur- rath hat im Hinblick auf das häufige Vorkommen oersälschter und hierdurch minderwerthiger Futtermittel im Handel die ihm bekannt gewordenen Firmen, welche im Königreich Sachsen Futtermittel zum Verkauf bringen, eingeladen, mit ihm einen Vertrag abzuschließen, durch welchen sie sich verpfl chten, bei sämmtlichen von ihnen ontauften Futtermitteln für die der Natur der Futtermittel entsprechende Be- zeichnung, für Unoerdorbenhett, für Unverfälschtheit und für die Richtigkeit der Angaben betreffs des Gehalts an den wesentlichen, den Werth bestimmenden Nährstoffen zu garantiren. Alle sächsischen Landwlrthe haben daS Recht, von den betreffenden Firmen gekaufte Futtermittel bei der königl. landw. Versuchsstation Möckern oder der agriculturchemischen Versuchsstation Pommeritz auf die Einhaltung der geleisteten Garantie unter Einsendung eines vorschriftsmäßig gezogenen Musters uneniglilich nachuntersuchen zu lassen. Swon 45 Firmen haben sich bis jetzt unter die Controle des LandeScultur- rathS gestellt.
aufgeschossen wie ein Goliath, besitze aber Arme, die nicht stärker sind als das Handgelenk eines Mannes. DaS ist eS, groß genug bist Du, aber nicht kräftig genug."
„Leider, leider," brauste Georg von Harwegk auf, „bin ich keiner von den Stärksten. Daran sind aber die verwünschten Schulbänke schuld. Aber ich werde mich noch auS- wachsen, und dann habe ich etwas, was alle Kraft ersetzt, Muth habe ich, Muth . . ."
Georg hielt plötzlich inne.
„Hörtest Du nicht," wandte er sich an den Onkel, „einen Hilfeschrei? Dort drüben von dem Kiefernbusch schallte er her."
In der angedeuteten Richtung trat eine Kiefernschonung dicht an die Landstraße heran, daß der Verlauf deS Wegeselbst, der hier einen Bogen beschrieb, verdeckt wurde.
„Dort hinter dem Busch erklang der Schrei," wiederholte Georg und zeigte nach der Baumgruppe.
In diesem Augenblick ließ sich ein polterndes Gerassel hören und um das Kieferngebüsch bog eine Karosse, vor der zwei Pferde im rasenden Galopp dahersprengten.
„Der Wagen ist ohne Führer!" rief Georg erregt, „dagegen scheint auf dem Rücksitz eine Person zu liegen."
Die erschreckten Thierc schossen in schnellster Gangart die Chaussee dahin, da plötzlich scheuten sie vor einem im Graben liegenden gefällten Baumstamm und lenkten in einen auf die Landstraße mündenden Feldweg ein.
„Mein Gott; Onkel!" schrie Georg entsetzt. „Sie stürmen nach den Sandgruben. Da ist Hilfe nöthig, sonst kostet es ein Leben l"
„Georg!" vermochte der Angeredete nur auSzuftoßen, aber schon hatte sich der junge Mann von seiner Seite gerissen und eilte in wilden Sprüngen auf die Pferde zu. Kaum einen Steinwurf von den Sandgruben, zu denen der Weg hinführte, entfernt, erreichte er sie. Mit verwegenem Muthe fiel er ihnen in die Zügel. Aber er hatte seine Kraft bei Weitem überschätzt. Die aufgeregten Thiere stutzten wohl einen Augenblick, dann aber rafeten sie um so unaufhaltsamer vorwärts.
(Fortsetzung folgt.)


