Donnerstag den 25. Januar
1894
Nr. 20
erlaubt »h v* Öir n. pr.
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Amtlicher Theil
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Feuilleton
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<£ tt. ko., AckerSweg 89.
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Außerdem wollen Sie ein genaues Augenmerk auf die Rechtschreibung der Namen der Militärpflichtigen richten, sowie auch darauf, daß der Geburtsort richtig bezeichnet und der in Betracht kommende Verwaltungsbezirk (Kreis, Amtshauptmannschaft, Oberamt, Bezirksamt rc.) zutreffend angegeben wird und bei allen sich anmeldenden Militärpflichtigen sich genau darüber verlässigen, welches Ge-
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Gießen, am 24. Januar 1894. Betreffend: Das Ersatzgeschäft für 1894.
Der Civiliwrsitzende der Großherzogl.
Ersatz-Commission Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Sie wollen nunmehr mit Aufstellung der Stammrollen sofort beginnen und dieselben mit denjenigen für 1892 und 1893 bis längstens den 1. k. Mts. bei Meldung der Abholung durch Wartboten einsenden.
Hierbei wollen Sie die im Formulare vorgedruckte An- merfung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen rc. unter Rubrik „Bemerkungen" eintragen.
Auf die Bestimmung des § 25, 2 d. W.»O. wird um sv nachdrücklicher hingewiesen, als in den vorderen Jahren vielfach dagegen insofern gefehlt worden ist, daß Militärpflichtige aus anderen Kreisen des Großherzogthums, obgleich sie im diesseitigen Bezirk ihren dauernden Aufenthalt nicht hatten, nur aus dem Grunde in die Stammrollen des Kreises eingetragen worden waren, weil sie sich hier zu stellen Dünschten. Sie wollen daher Anträgen, welche in dieser Beziehung an Sie gestellt werden sollten, unter keiner Bedingung stattgebeu, die betreffenden Militärpflichtigen bezw. deren Angehörige vielmehr auf die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen verweisen, sowie darauf aufmerksam machen, daß Leute, welche im diesseitigen Kreise nach den geltenden Bestimmungen nicht gestellungs- pflichtig find und fich dennoch hier zur Musterung stellen wollen, zu derselben nicht zugelassen werden würden, sondern, wie seither schon geschehe«, abgewiesen werden müstten.
Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen bei der Musterung mit zur Vorstellung kommen, oder bereits im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in der Stammrolle bemerken. Z. B. Ein Bruder geb. am . . ten . . . . 187 . kommt pro 1894 mit zur Vorstellung, oder ein Bruder dient
weren Verluste te- । Dank n Hinterbliebenen;
Becker.
1894.
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Seiner. ___
Gunilde.
Eine kurze Geschichte von Th. Ebner.
(Fortsetzung.)
Gunilde hatte sich rasch aufgerichtet und saß nun am Rande der Hängematte.
„WaS ich rede?" frug sie. „Das weiß ich genau. Ich sage, daß ich Sie liebe, Sander!" — Es blitzte bei diesen Worten wie heißes Feuer in ihrem Auge auf. — „Ich liebe nur einmal, aber das auch ganz und voll bis zum —" Sterben wollte sie sagen, aber das Wort kam nicht über ihre Lippen. Es ging Plötzlich wie ein Schauer durch ihren Körper, aber sie faßte sich rasch. — „Warum heirathen Sie mich nicht?" frug sie, mit dem Versuch, einen fröhlichen Ton anzuschlagen.
Sander war aufgesprungen, als hätten ihn diese Worte ins Herz getroffen. Bleichen Angesichts stand er da- einen Augenblick rang er mit sich selbst.
„Ich kann nicht," sagte er endlich dumpf.
„Warum nicht?" frug Gunilde.
. „Weil ich —" und mühsam rangen sich die Worte von seinen Lippen, „weil ich schon ein Weib habe."
Es schien, als habe Gunilde diese Worte nicht sogleich verstanden.
„Sie sind schon verheirathet?" frug sie endlich langsam, schwer — schneidend.
Nun stand sie vor ihm, bleich wie er, die Hand auf die wogende Brust gelegt.
Einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke, Zorn, »Haß, Liebe, — was sagten sie sich alles in dieser kurzen i Spanne Zeit.
Todesstill wars — jedes meinte den Herzschlag des anderen zu hören. Und von fern her rauschte und toste die
teiger Vertreter t größten Hypothek««, i vermittele ich bieJMefyr Mobilien zu Mrßlg" lMtgen.
ÖMiiSÄ , 24. Januar, Abend;
2) Statutenänderung, ^Gießen.
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8. G. lll. H. H-stMt p 1894, Mittags 1 Uhr .denstruth HI.
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werbe dieselben betreiben, bezw. ob die diesbezüglichen Angaben zutreffend sind. Es kommt dies namentlich in Betracht bei Sattler«, Schneider«, Schuhmachern, Schlossern, Schmieden, Wagnern und Zimmerleuten, bei welchen erforderlichen Falls festzuftetlen wäre, ob dieselben dieses Gewerbe thatsächlich gelernt haben, sowie jetzt noch betreiben. Bei den in der Landwirthschaft thätigeu Militärpflichtigen ist durch Eintragung des Vermerks „m. Pf." (mit Pferden) oder „o. Pf." (ohne Pferde) in Spalte 8 anzugeben, ob dieselben mit Pferden umzugehen verstehen oder nicht. , 1
Sodann wollen Sie am Schluffe der Stammrolle ausdrücklich bescheinigen:
1) daß und bezw, wann die Aufforderung zur Anmeldung zur Stammrolle erfolgt ist;
2) daß die in derselben eingetragenen und nicht im Orte • geborenen Militärpflichtigen in Ihrer Gemeinde zur ; Zeit der Anmeldung ihren dauernden Aufenthalt haben ;
3) daß die in ihren Gemeinden zuständigen, sich daselbst jedoch nicht aushaltendeu Militärpflichtigen angewiesen worden sind, sich bei der Bürgermeisterei ihres Aufenthaltsortes zur Stammrolle anzumelden.
Reclamationen aus früheren Jahren, welche pro 1894 j erneuert werden sollen, sind alsbald mittelst Bericht ein- ; zufordern.
Neue Reclamationen sind mit den Stammrollen vorzulegen. ’ Dr. Melior.
Nr. 2 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 19. ds. Mts., enthält:
(Nr. 2140). Gesetz, betreffend die Gewährung von Unterstützungen an Invalide aus den Kriegen vor 1870 und an deren Hinterbliebenen. Vom 14. Januar 1894.
Gießen, den 24. Januar 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Zahltag bei uns, am Samstag den 27. lfd. Monats, mit Rücksicht auf die Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers, ausfällt.
Gießen, 23. Januar 1894.
Großherzogliches Rentamt Gießen.
Rübe, Großh. Domänenrath.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 23. Januar. Heute Mittag um 4 Uhr 30 Min. trafen zum Besuche Seiner Königlichen Hoheit des
Großherzogs die Prinzessin Braut Sictoria Meltra sowie deren hohes Ellernpaar, der Herzog und die Herzogin von Coburg-Gotha, dahier ein. Zu ihrem Empsange hatten sich Seine Königl. Hoheit der Großherzog, die Prinzessin Alix, loroie die gesummte Großherzogliche Familie im Bahnhofe der Hessischen Ludwtgsbahn eingefunden, woselbst die Braut des Großherzogs, sowie deren Eltern auf das Herzlichste begrüßt wurden. Auch die Spitzen der Behörden ha ten sich zum Empfange eingefunden und wurde der Prinzessin - Braut von Damen des Hofstaates ein herrliches Bouquet überreicht. Im offenen Zweispänner fuhren die hohen Herrschaften durch die mit hessischen und gothaischen Landesfarben reichge,chmückle Rheinstraße, von einem nach Tausenden zählenden Publikum mit Tücherschwenken und Hochrufen auf das Herzlichste begrüßt. Die Herrschaften fuhren direct in das Großherzogliche Residenzfchloß, woselbst dieselben Wohnung nehmen werden. Heute Abend findet Festvorstellung im Hoftheater statt.
Berlin, 22. Januar. Nach Meldung eines Berichterstatters beschloß die Subcommission der Ste-mpel ste uer- Commtssion, der Arbitrage zwischen zwei inländischen Börsen eine Ermäßigung im Steuersatz nicht zuzubilligen.
Berlin, 22. Januar. Die Erklärungen des württem- bergischen Ministerpräsidenten v. Mittnacht im Reichstage in Sachen der Weinsteuer zeigen, daß im Kreise der verbündeten Regierungen nicht alles so in Ordnung ist, wie es im Interesse der Wahrung des Ansehens des Reiches nach innen wie außen sein sollte. Der Fall, daß eine Bundesregierung in irgend einer Frage frondlrend gegen die Centralgewalt auflritr, ist in der Geschichte des neuen Reiches allerdings schon wiederholt dagewesen, aber hiermit wird das allgemein Bedenkliche der jüngsten sensationellen Vorgänge im Reichsparlamente nicht beseitigt. Gewiß mag zugegeben werden, daß Würitemberg alle Ursache halte, von seinem besonderen Standpunkte aus sich gegen eine steuerpolitische Maßnahme zu wenden, welche den blühenden Weinbau des Schwabenlandes empfindlich zu schädigen drohte, ob es aber angebracht war, diese Opposition vor aller Welt und in offiziellster Form zu bekunden, das ist eine andere Frage. Hinterher hat fich Herr v. Mittnacht freilich beeilt, zu versichern, daß er feine Erklärungen mit Wissen des Reichskanzlers abgegeben habe, und auch die bei der seltsamen Reichstagsscene anwesenden Vertreter der Reichsregierung bemühten sich, den peinlichen Eindruck des ganzen Vorfalles nach Kräften zu verwischen. Aber das Gefühl ist doch im Reichstage, wie draußen im Lande zurückgeblieben, daß zwischen den verbündeten Regierungen nicht alles „ganz richtig" ist, daß ihre Einigkeit mitunter zu wünschen übrig läßt und hieran werden alle nachträglichen offiziösen Beschwichtigungsversuche nichts ändern.
Brandung des Sees. An den hohen Mauern herauf schlug der weiße Schaum, zerstäubend in tausend Tropfen, und jeder Tropfen schien, beglänzt von den Strahlen der untergehenden Sonne, roth, wie ein Blutstropfen. — Und die Wipfel der Bäume wiegten sich und schwankten und ihr Rauschen klang dumpf wie leises Klagen.
Von den beiden aber, die dort an der Mauer standen und hinabsahen auf die weite Fläche, sprach keines ein Wort. Ein Herz, das zum Tode getroffen ist, verblutet langsam, aber das Leben schwindet mit ihm, Tropfen um Tropfen, und am Ende — ein Verklingen, wie der letzte Ton eines Liedes, — ein Verglimmen — und dann?
Und was war er? Konnte er wissen, wie sie, das stolze Mädchen, ihn, den fremden Mann, ohne Namen, ohne Klang, ohne Stand, liebte? Wußte er, daß sie eine fei vom Stande derer, die da sterben, wenn sie lieben? — Warum war er der Gefahr nicht entronnen — hatte der Pflichten gedacht, die ihn an fein Weib fetteten? Ach, auf all. die Fragen, die sich jagten und kreuzten in diesem todesmüden Haupte, nicht eine Antwort. Und Gunilde meinte aufschreien zu müssen in wildem Schmerz, aber sie zwang sich, nur fester preßte sie die Hand auf das Herz, als wollte sie es zwingen, nicht fo laut zu pochen, — vielleicht stille zu stehen.
Und ihr war es, als finke ringsum alles hinab in die Fluthen, als rauschte über allem, was sie umgab, der Meer- fluth graues Gewoge, und sie stände mit ihm, den sie haßte, — den sie liebte, allein auf ragendem Felsen, sie sähe die Wogen höher und höher rauschen — und von fernher winkte es ihr, lachend — es klang wie ein Schlummerlied. — Um feinen Nacken warf sie die Arme — in heißem Kuß fanden sich die Lippen — und fo, jauchzend in überfeligem Glück, stürzte sie mit ihm hinab — in die rauschenden Fluthen.
Der Klang ihres Namens schreckte sie auf aus ihrem Traume. Und noch einmal klang es „Gunilde!" — Ein Zucken ging durch ihre Glieder, bann stand sie hocherhobenen
Hauptes, kalt und streng, und langsam, aber eisig klang von ihren Lippen die Frage:
„Haben Sie mir noch etwas zu sagen ?"
Da trat Sander auf sie zu und sie ließ es geschehen, daß er ihre Hand faßte und sie schweigend zu der Bank unter der hohen Linde geleitete, auf der er vorhin gesessen. Starr hing ihr Auge am Boden, sie sah nicht den furchtbaren Blick, mit dem Sander in die Ferne fah, als nahten sich ihm von dort drohende, unheimliche Gestalten, die er gemeint hatte, für immer verjagt zu haben.
„Sie zürnen mir, Gunilde," sprach er endlich, „und Sie haben ein Recht dazu. Ich hätte Ihnen sagen sollen, wie es um mich steht, es wäre in meiner Macht gelegen, alles das, was nun geschehen, zu verhindern- dass ich es nicht gethan, das ist unser Unglück. Sie, Gunilde, haben ein starkes, ein rnuthiges Herz, Sie werden es überwinden — ich — ich habe kein Recht mehr an das Glück und an das Leden. — Heute haben Sie das Recht, die Wahrheit von mir zu hören, — wir sehen uns zum letzten Male, — wenn morgen die Sonne sinkt, bin ich weit von hier und Sie werden meiner gedenken, Gunilde, wie Nausikaa an Odysseus dachte, betend und flehend, daß er den Frieden finde, den er sc lange Jahre nicht gehabt — — Sie haben mich ni^ge- fragt, wer ich sei und was mein Beruf. Es gab eine Zeit, da ward mein Name viel genannt, man sprach von mir als einem Manne, der in der ärztlichen Wissenschaft Großes leisten werde. Ich arbeitete Tag und Nacht — und mit einem Erfolge, den ich nie zu hoffen gewagt. Ich hatte keine Zeit, an andere Dinge zu denken, als an meinen Beruf. In der großen Hauptstadt des Reiches sind fo viele Kranke und Leidende — und gar mancher suchte bei mir Hilfe. — Ich linderte die Nvth und das Elend, sv gut ich konnte, ich habe manche Nacht am Lager eines Armen zugebracht und schaudernd gesehen, welche Opfer das Leben verlangt."
(Schluß folgt.)


