Ausgabe 
24.2.1894 Erstes Blatt
 
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1894

Samstag den 24. Februar

Erstes Blatt.

Nr. 46

Amts- und Anzeigeblatt für den Tireis Giefzen

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Zur Bekämpfung der landwirthfchaftlichen Hypotheken-Verfchuldung.

ES gilt als eine erwiesene Thatsache, daß neben ver­schiedenen anderen Uebelständen die starke Hypotheken-Ver- schuldung vieler Landwirthe wegen der Ausbringung der hohen Zinsenlast und der meist geringen Aussicht, die Hypotheken« schuld loszuwerden, eine der bedenklichsten wirthschastlichen Calamitäten ist. Die Lösung derselben macht den National- öconomen und Landwirthen, wie auch den landwirthschastiichen Ministerien viel Schwierigkeiten, und man schlägt mancherlei Mittel vor, diesen Krebsschaden zu bekämpfen. Wenn man nun aber bedenkt, daß durch die Einrichtung der Rentengüter im Königreiche Preußen wenigbemittelten Landwirthen zu einem Landgute verholfen werden soll und dabei erwägt, daß der stark verschuldete mittlere oder kleinere Gutsbesitzer schließlich doch noch weit mehr besitzt als die Landwirthe, welche ein Rentengut ohne große Anzahlung übernehmen, so ist doch auch der Schluß wohl richtig, daß vielen verschuldeten Gutsbesitzern und zumal auch deren Kindern durch Umwand­lung ihres Gutes in ein Rentengut geholfen werden könnte, und daß diese TranSaction nicht nur bei ,ber Zertheilung eines großen Gutes in mehrere kleinere Renteugüter statt­zufinden braucht. Im letzteren Falle ist nun allerdings der Vorgang so, daß der Besitzer eines großen Gutes, wenn er dasselbe in Rentengüter umwandeln will, dasielbe, nachdem er von der Generalcommission die Erlaubniß und den Theilungs- plan erhalten, in den Theilen an die betreffenden Reflectanten verkauft. Die Renten-Commission beleiht dann unkündbar zu 37, Procent das Rentengut bis zu 3/4 der Schätzungs« summe und ein halbes Procent ist als Amortisation zu be« zahlen, wodurch in 6l)i/z Jahren die ganze Beleihung getilgt ist, also dann schuldenfrei dem Besitzer oder seinem Nachfolger gehört. DaS erste Jahr ist zinsfrei, die Beleihung hastet nur auf dem Gute, nicht auf dem Besitzer, auch kann derselbe daS Rentengut nach Maßgabe seiner darauf geleisteten Renten­zahlungen verkaufen. Diese Transaction wäre nun nach unserer Meinung auch für viele verschuldete Gutsbesitzer segensreich, indem deren Gut einfach durch Beleihung Seitens der Renten- Commission in ein Rentengut verwandelt wird. Die Ver­zinsung mit 3'/z Procent ist niedrig, das Rentencapital wird nicht gekündigt und die Amortisation mit A/2 Procent gewährt doch die sichere Aussicht, daß die Schuld sich nicht vermehrt, sondern abnimmt, und daß der Sohn des Rentengutsinhabers einmal wieder ein ganz eigenes, schuldenfreies Gut besitzen kann.

Deutsche» Reich.

Berlin, 22. Februar. Der Kaiser, der gestern kurz nach 11 Uhr hierher zurückgekehrt ist, begab sich beute 9*/zUhr in das Reichskanzlerpalais, um den Vortrag des Reichskanzlers entgegenzunehmen.

Nerrefte Nachrichteir.

WolffS telegraphisches Korrespondenz-Bureau.

Berlin, 22. Februar. DerReichsanzeiger" schreibt, daS Retchsmarineamt müffe sich weitere Angaben über die Ursache des Unglücks auf derBrandenburg" bis zum Abschluß der eingeleiteren Untersuchung Vorbehalten. Nach der Verordnung vom 23. November 1875, betreffend die Havariecommission, ist die Ursache von Unfällen der Kaiserlichen Marine in einem Untersuchungsverfahren vor einer Sachverständigen kommission festzustellen. Statt deffen ist gemäß der Cabinetsordre vom 18. März 1879 die Fest­stellung des Thatbestandes im gerichtlichen Verfahren dann anzuordnen, wenn die begründete Vermuthung vorliegt, daß ein Menschenverlust durch ein Verschulden herbeigesührt ist. Abgesehen hiervon wird nach den Vorschriften der Reichs« strafprozeßordnung die Staatsanwaltschaft das Ermittelungs­verfahren einleiten, wenn ein Verschulden von Civilpersonen in Frage steht.

Berlin, 22. Februar. An die P r o t e st a n t e n D e u t s ch - landS richten der ständige Ausschuß des deutschen Pro« teftanten-Vereins und die Vorstände einer größeren Anzahl liberaler kirchlicher Vereine einen Aufruf, worin sie sich gegen Rückberufung der Jesuiten aussprechen.

Paris, 22. Februar. Der Chemiker Girard con- statirt, daß Henry für seine Bombe selbstfabricirtes Meli- n 11 benützte. Die in der Affaire in der Rue des Bons Enfants Verhaftete ist die Kellnerin Adrienne CH eil l et; der vierte Verhaftete ist der Schuster 23onnarb.

PariS, 22. Februar. Heute Vormittag wurde eine ziemlich große Bombe an der Thür des Cafe Corazza

in dem Palats Royal gefunden. Die Bombe wurde nach dem städtischen Laboratorium gebracht, ist aber noch nicht untersucht.

Paris, 22. Februar. Es bestätigt sich, daß die Polizei- präsectur den Urheber der Explosion der Rue des Bons Enfants oder wenigstens alle Fäden dieser Angelegenheit kennt. Henry habe die Bombe angesertigt.

Bethune, 22. Februar. Gestern wurde vor der Woh­nung des Gerichtspräsidenten eine mit Minenpulver gefüllte und mit theilweise abgebrannter Zündschnur versehene Bombe aufgefunden.

London, 22. Februar. Heute Nachmittag wurde ein französischer Elektrotechniker Namens Petit je an in der Werkstatt seines Arbeitgebers in Mary Lelone (Stadttheil im Westen Londons) verhaftet. Er soll mit Bourdin be­freundet gewesen sein; sein Vater nahm während der Com­mune lebhaften Antheil an der Politik.

London, 22. Februar. Eine Depesche des britischen Consuls aus Rio de Janeiro vom 21. d. M. theilt der Regierung mit, daß das gelbe Fieber sehr heftig herrsche. Die Kauffahrteischiffe müffen aus Humanitätsrücksichten ge­warnt werden.

TvniS, 22. Februar. Heute früh wurde im Central­bureau der Posten eine Bombe ausgefunden. ES steht noch nicht fest, ob es sich um einen verbrecherischen Versuch oder um einen schlechten Scherz handelt.

Depeschen de« Bureau .Herold".

Berlin, 22. Februar. Der Kaiser hat im Jntereffe der vergleichenden Statistik der europäischen Marinen eigen­händig Pläne und Zeichnungen der größeren Kriegsschiffe der deutschen und ausländischen Flotten entworfen. Auf den Plänen sind gleichzeitig die Ausdehnungen der Panzer aus jedem einzelnen Schiffe in übersichtlicher Form angegeben. Von den auf heliographischem Wege vervielfältigten Blättern wurde dem Fürsten Bismarck ein Exemplar durch den Kaiser gelegentlich seiner Anwesenheit in Friedrichsruh übergeben.

'Berlin, 22. Februar. Unter dem Vorsitze des Prinzen Heinrich hat heute Mittag die Hauptversammlung der deutschen Landwirthschaftsgesellschast ftatt- gefunben, welcher auch Minister von Heyden beiwohnte. Prinz Heinrich brachte das Hoch auf den Kaiser auS.

Berlin, 22. Februar. Mittags empfing der Kaiser den Landgerichtsdirector H einroth aus Hannover, den Vor­sitzenden des Hannoverschen Wucherproceffes.

Kiel, 22. Februar. Prinzessin Heinrich hat einen Ausruf erlasien, in dem sie als Vorsitzende des Vater ländischen Frauenvereins alle Deutschen zur Unterstützung der Hinterbliebenen der Opfer aus der Katastrophe auf dem PanzerschiffBrandenburg" bittet.

Leipzig, 22. Februar. Das Reichsgericht hat die Revision des Rentners Samuel Seemann, der bekanntlich im Hannoverschen Spielerproccß zu zwei Jahren Gefängniß und 3000 Mark Geldstrafe verurtheilt worden war, verworfen. Daffelbe Schicksal traf die Revision Hollmanns, der im zweiten Hannoverschen Wucherproceß verurtheilt worden war, in Betreff der Revision Hirsch beschloß das Reichsgericht, die Entscheidung auszusetzen, damit eine Plenarentscheidung sämmtlicher vier Strafsenate des Reichsgerichts über eine während der Verhandlung ausgetauchte materiell rechtliche Frage herbeigesührt werde.

Straßburg i. E., 22. Februar. Drei italienische Anarchisten, welche aus der Schweiz a u s g e w i e s e n worden waren, hatten sich nach Mühlhausen gewandt. Die Regierung sandte zwei der Anarchisten nach der Schweiz zurück, der dritte wird polizeilicherseits noch scharf bewacht, da er in hohem Grade verdächtig erscheint und die über ihn verlangte Auskunft noch nicht ertheilt wurde.

Wien, 22. Februar. Der Reichsrath trat heute zu- sammen. Da tue anarchistischen Umtriebe und Attentate hier eine hochgradige Erregung Hervorrufen, sind im Gebäude des Reichraths umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. An den Eingängen des Hauses wird die schärfste Controle geübt. Die Journalisten haben besondere Legitimationskarten erhalten. Im Innern des Gebäudes wurden automatische Apparate angebracht, mittelst welcher eine sofortige direkte Verbindung zwischen dem Präsidium und den Aufsichtsorganen hergestellt werden kann. Außerdem bewirken die Apparate bei der geringsten Erschütterung die Schließung sämmtlicher Thllren. Die Regierung beabsichtigt, noch in dieser Session die Wahlreform einzubringen und dieselbe tm Herbst zum Gesetz zu erheben. Darauf soll die Auflösung des ReichS­

rathS folgen. Auf Grund der neuen Wahlordnung finden bann bie Neuwahlen statt.

Paris, 22. Februar. Die Wirthin Caladrefi, welche bei bem Dynamitattentat in ber Rue Saint Jacques schwer verwundet worden war, ist ihren Verletzungen erlegen.

Paris, 22. Februar. Morgen findet das Begräbniß ter Frau Calabresi auf Staatskosten statt. Dem Polizist en, welcher bei der Explosion in ber Rue Saint Jaques schwer verwunbet wurde, muß daS verletzte Bein amputtrt werden.

Paris, 22. Februar. Der Präsident Car not äußerte in vertrautem Kreise, daß er mit Ablauf feiner Präsident« schäft gegen Ende dieses Jahres eine Erneuerung derselben nicht wünsche.

Paris, 22. Februar. Im Munic pal Laboratorium wurden die gestern auf ber Straße gefunbenen Bomben untersucht und deren Inhalt als gänzlich ungefährlich erkannt.

Lyon, 22. Februar. In der vergangenen Nacht wurden hier noch drei Verhaftungen vorgenommen.

Sanios, 22. Februar. Drei verdächtige Offiziere derRegierungstruppen wurden standrechtlich erfchvsjen. Die Behörden zwingen die Ausländer, bte Waffen gegen bie Insurgenten zu ergreifen. Die fremden Consuln protest'rteu energisch gegen diese Maßregeln. In Paolo haben sich politische Gefangene geflüchtet und den Aufständischen angeschlossen.

Cocates unb proviniielles,

Hießen, den 23. Februar 1894

* Bismarck Adresse. Um allenthalben geäußerten Wünschen der Verehrerinnen Bismarcks entgegen zu kommen, ist in den Läden der Herren Ernst Balser und Frees & Taschö (Seltersweg) ein Zeichnungsbogen offen gelegt.

** Colonialgesellschaft. Die zweite Wintersitzung der deutschen Colonialgeseüschaft, Sektion G'eßen, wird in der nächsten Zeit abgehalten werden. Da der größte Theil der ins Ausland verzogenen Deutschen keineswegs in unseren Colonien selbst wohnt, sondern in einer Reihe von selbst­ständigen Staaten, insbesondere Amerikas zerstreut lebt, so hat der Vorstand beschlossen, die Mitglieder seiner Sektion auch einmal über bie LebenSumstände unterrichten zu lassen, in benen diese unsere Stammesgenossen sich brfinden. Der­selbe hat außerdem für diesmal von ber Berufung eines aus­wärtigen Rebners abgesehen und sich an eine ortsansässige Kraft gewendet. Herr Pros. Sievers hat sich bereit erklärt, über die Deutschen im nördlichen Südamerika (Venezuela urb Columbia) zu sprechen, die er auf zwei Reisen 18841886 und 18921893 kennen gelernt hat. Gerade in Venezuela hat das Deutschthum seit 6 Jahren durch die Uebernahme und Fertigstellung eines gewaltigen Eisenbahnbaues scitrns einer deutschen Gesellschaft eine so große Kräftigung erfahren, daß es an der Zeit erscheint, über die Deutschen in diesem, früher theilweise in deutschem Besitze befindlich gewesenen Lande Näheres mitzutheilen. Wir verfehlen daher nicht, auf diesen Vortrag hiermit im Voraus aufmerksam zu machen.

** Die Militarvereine des hasfiaverbaudes beabsichtigen dem Großherzog anläßlich seiner im April stattsindenden Hochzeit ein Geschenk zu überreichen. Nach Ansicht des VerbandspräsidiumS kommt es hierbei weniger auf bie Höhe des Beitrags als auf die Zahl der sich daran be- theiligenden Mitglieder an. In den nächsten Tagen werde» den einzelnen Vereinen Sammellisten zur Ewzeichnuu, zugehen, und hofft man, daß sich jedes Verbandsmitglie- mit einem Beitrag von mindestens 10 Pf. beteiligt.

Zum neuen Gepäck ber Infanterie äußert sich die Kreuz-Zeitung": Bekanntlich hat ber Kaiser auS eigenster Entschließung eine Verminderung der Belastung des Infan­teristen ins Auge gefaßt und die dazu nöthigen Maßnahme» mit ber obersten Militärverwaltung in großen Zügen ver­einbart, so daß ber Kriegsminister bereits in ber Budget- commission des Reichstags mittheilen konnte, daß man hoffe, die Belastung um 13 bis 14 Pfund erleichtern zu können; eine Wohlthat, deren Größe besonders Derjenige zu würdigen weiß, der selbst Monate hindurch mit kriegsmäßiger Aus­rüstung hat marschiren müssen. Es ist dazu zu bemerken, daß die Erleichterung durch Verminderung der Taschenmum tion von 150 auf 120 Patronen (immer noch 20 Patrone» mehr als bisher), durch Vertheilung des tragbaren Schanz­zeuges auf wenige Leute (wie man hört, auf den 5. Man» einer kriegsstarken Compagnie), sowie durch Wegfall einer eisernen Fleischportion nicht Tagesportion, wie dieKöln. Ztg." meldete und durch kleinere Gewichtsherabsetzungen anderer Ausrüstungsstücke erreicht werden soll. Da die Einzelheiten noch nicht festgestellt sind, so mögen diese An­deutungen genügen, und zu denselben nur bemerkt werden.