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2er Hictzener Attjciger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.

Tie Gießener AamirieaVlätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Mittwoch dm 24. Januar _____ ____

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Wuzeiger.

1884

vierteljähriger ^vonncmentspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg

Redaction, Expedition und Druckerei:

Klkutaraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

An,ts- und Zlnzsigsblatt für den "Kreis Gietzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

chratisöeikage: Gießener Kamikienötätter.

Anrtliche^ Tbeil.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude in Wiefeck.

Nachdem unter den Schafen zu Wiefeck die Schafräude feftgeftellt ist, haben wir über die Gemarkung Wiefeck die Sperre verhängt. Hiernach dürfen Schafe aus genannter Gemarkung nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer in jedem einzelnen Falle besonders einzuholenden Genehmigung ausgeführt werden.

Gießen, den 22. Januar 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

. v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude in Rödgen.

Die von Großh. Kreisveterinäramt Gießen vorgenommene Untersuchung hat den Ausbruch der Schafräude bei der Herde in Rödgen feftgeftellt.

Wir haben deshalb die Sperre über die Gemarkung Rödgen verhängt; hiernach dürfen Schafe aus genannter Ge­markung nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Genehmigung ausgeführt werden.

Gießen, den 22. Januar 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend den Verkehr der Radfahrer <wf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.

Unter Bezugnahme auf § 7 der für den Kreis Gießen etlaffenen Polizeiverordnung setzen wir die Jntereffenten davon in Kenntmß, daß die Nummern für die Fahrräder, deren Besitzer in der Stadt und Gemarkung Gießen wohnen, bei \ ber unterzeichneten Behörde in Empfang genommen werden können. j

Gießen, den 22. Januar 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Die Landwirthschaftskammern.

Mit dem vor Kurzem veröffentlichten Gesetzentwürfe über die Errichtung von Landwirthschaftskammern hat die preußische Regierung eine weitgreifende Action in die Wege

geleitet, bestimmt, die vielfach mißliche Lage der Landwirth- schäft zu heben und zu bessern.

Zu diesem B-Huse wird in dem Entwürfe eine gesetzliche corporakive Organisation der Landwirthschast vorqeschlogen in Gestalt einer Art provinzieller Parlamente, deren Mit­glieder aus Wahlen aller selbstständigen Landwirihe, Eigen- thümer wie Pächter, hervorzugehen haben. Als Haupt­aufgabe der Landwirthschaftskammern bezeichnet die Vorlage die Förderung aller auf Hebung der Lage des ländlichen Grundbesitzes abzielenden Einrichtungen, insbesondere die active Mitwirkung bei allen Maßnahmen, welche die Organi­sation des ländlichen Credits und sonstige gemeinsame Auf­gaben betreffen. Außerdem sollen die Landwirthschaftskammern mit der Obliegenheit betraut werden, den technischen Fortschritt der Landwirthschast durch zweckmäßige Einrichtungen zu be­günstigen und schließlich ist noch eine eventuelle Mitwirkung der projectirten Institute bei der Verwaltung der Producten- börsen in Aussicht genommen.

Der Thätigkeit der Landwirthschaftskammern ist demnach ein weiter Spielraum eröffnet, wobei als Mittelpunkt der ihnen gesteckten Ziele eine grundlegende Aenderung im Credit- wesen der Landwirthschast, mit anderen Worten: Die Um­wandlung der bisherigen Hhpothekenschulden in unkündbare Renten erscheint.

Es wird also eine neue Gestaltung der Rechtsverhält­nisse des ländlichen Besitzes erstrebt, die ihn befähigen soll, auch ungünstige Zeiten wieder zu überwinden. In der über- mäßigen Verschuldung des ländlichen Grundbesitzes erblickt der Motivenbericht zur Vorlage die hauptsächlichste Ursache der heutigen Nothlage der Landwirthschast und die Beseitigung dieses Uebelstondeö will die Regierung durch ein die bisherigen Formen der ländlichen Rechts- und Creditverhältnisse an bedeutsamen Stellen geradezu sprengendes umfangreiches System corporativer Gestaltung erreichen.

Eine tiefeinschneidende, in ihren Wirkungen und in ihrer eigentlichen Tragweite noch durchaus nicht zu übersehende Agrarreform tritt mit diesen gesetzgeberischen Vorschlägen der preußischen Regierung in die Erscheinung. Inwieweit die Durchsührung der geplanten Reform gelingen wird, das entzieht sich indessen zur Zeit noch jeder Beurtheilung- sind doch hierbei außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden, die sich von selbst ergeben, wenn man die jetzt aufgeworfenen Fragen auch nur flüchtig prüft. Die Regierung selbst ist sich der großen Tragweite ihres unternommenen Schrittes wohl bewußt, wie aus den vom Landwirthschaftsminister v. Heyden im Abgeordnetenhause abgegebenen Erklärungen hervorgeht, und sie selber erhofft auch von der Vorlage nicht die Beseitigung des augenblicklichen Nothstandes der Land-

Alle Annonccn-Bttreaux dcS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

wirthschaft, sondern nur die Verstopfung der Hauptquelle der Nothlage.

Außerdem ist bei dem Umfange der projectirten Reform gar nicht daran zu denken, daß ihre parlamentarische Er- ledigung in der gegenwärtigen Session des preußischen Land­tage« erfolgen könnte, hierzu werden vielmehr noch fernere Sessionen nöthig sein, während die practische Verwirklichung des Gesetzes über die Landwirthschaftskammern, die schließliche Zustimmung des Landtages hierzu naiürlich vorausgesetzt, ebenfalls noch einen längeren Zeitraum erfordern würde.

Sollte es aber dann doch einmal zur Errichtung von Landwirthschaftskammern kommen, so könnte die Ausdehnung derartiger Institutionen auf das gekämmte Reich kaum mehr einem Zweifel unterliegen, es würden dies schon die vielfach eng mit einander verknüpften Interessen der Landwirthschast j in Preußen und derjenigen im übrigen Deutschland erfordetn Vorerst freilich befindet sich der ganze Plan noch in sehr- weitem Felde und ob er je überhaupt Fleisch und Blut ge Winnen wird, das läßt sich jetzt noch nicht im Entferntesten Vorhersagen. Jedenfalls ist es aber von Wichtigkeit, wie man sich vor Allem in den Kreisen der Landwirthe zu den pro­jectirten Landwirthschaftskammern und deren Aufgaben stellen wird, worüber hoffentlich schon die nächste Zeit hinlängliche Aufklärung bringen wird.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 22. Januar. Ihre Königl. Kaiser!. Hoheiten der Herzog und dieHerzogin von Sachsen-Coburg und Gotha, Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin-Braut Victoria Melita, sowie II. KK. HH. die Prinzessinnen Alexandra und Beatrice treffen morgen Nachmittag 4 Uhr 30 Min. von Coburg hier ein. Abends 8 Uhr 22 Min. werden Se. H. der Erbprinz und I. K. H. die Erb- Prinzessin von Sachsen-Meiningen ankommen. Außer den genannten Herrschaften werden noch im Laufe des morgigen Nachmittags II. KK. HH. der Prinz und die Prinzessin von Rumänien, Höwstwelche von Sig­maringen kommen, zum Besuche am Großherzoglichen Ho'e erwartet. Sämmtliche Allerhöchste Herrschaften werden irn Großherzoglichen Schlosse abfteigen.

Berlin, 22. Januar. Seine Majestät der Kaiser cm pfing am Sonntag die Präsidien der beiden Häuser drs Landtags in getrennten Audienzen. Ueber etwaige politische Bemerkungen des Monarchen bei diesem Anlaß ist nichts ge­meldet worden. Am gleichen Tage sand auch am Berliner Hofe das historische Krönungs- und Ordensfest in gewohnter Pracht statt - die glänzende Festlichkeit wurde dw ch das übliche Galadiner abgeschlosfen.

Feuilleton.

Gunilde.

Eine kurze Geschichte von Th. Ebner.

(Nachdruck verboten.)

Lebe nur wohlauf immer, o Königin, bis dir das Alter Sanft annaht und der Tod, der allen Menschen bevorsteha! Jetzo kehr ich zurück---

Der Klang dieser von einer kräftigen Männerstimme vorgctragenen Worte übertönte selbst das Tosen der Brandung, die an der in den See hineinragenden Parkmauer empor­schäumte.

Und nun war es mit einem Male stille. Im goldenen Sonnenlicht glänzte die Fläche des Sees, in weiter Ferne ragten die schneebedeckten Alpen hinein in die blaue Luft, fein Laut unterbrach den Frieden der Natur.

Und die Sonnenstrahlen huschten her und hin, auf Blatt und Strauch, und das Mädchen, das dort nachlässig und müde in einer Hängematte zwischen den hohen Bäumen des Parkes lag, sah ihrem Spiele zu, seine Augen folgten dem wechselnden Scheine und kehrten immer wieder zurück zu dem Manne, der auf einer Bank vor ihr saß, dessen Händen nun das Buch entglitten war, dessen Blick hinausgerichtet war auf den See, traumverloren, suchend. Ein von der Sonne gebräuntes Antlitz, deffen Ausdruck eine seltsame Mischung von Energie und Weichheit zeigten, war es, das Antlitz eines Mannes, der im Kampfe mit sich selbst und der Welt gestanden, der kein Nachgeben kannte, und doch fühlen, wie andere fühlen, lieben und geliebt sein wollte, wie andere auch.

Plötzlich, als störte die Stille seine Gedanken, schrak er empor und sein Blick traf unwillkürlich den des Mädchens.

Sie sind heute sentimental, Doctor," rief ihm diese zu, was fehlt Ihnen?"

Wie?" erwiderte Sander,was soll mir fehlen? Ich dachte eben über die Worte nach, die ich gelesen."

Das Mädchen lachte die Abschiedsworte des Odysseus Denken Sie denn auch schon an unsere Trennung?"

Er sah stäupend auf das Mädchen, das sich halb empor­gerichtet hatte und ihn blitzenden Auges ansah,Wir können doch nicht immer beieinander bleiben, Gunilde," erwiderte er, alle Ihre Gespielen find schon weg, der Heimath zu, in dem großen Schlöffe Hausen Sie noch allein warum denken Sie nicht auch an die Heimkehr?*'

Ich weiß nicht," erwiderte sie mit einem eigenthümlichen Tone. Einen Augenblick war es füll.Wiffen Sie noch, Doctor," fuhr sie dann mit einem Male hastig fort,wie wir uns kennen gelernt? Dort drüben auf den grünen Rasen wars, die Mädchen und ich, wir spielten gerade Ball, da schrie eine von ihnen laut aus und starrte auf ein Gebüsch und hinter diesem"

Stand ich," fuhr Sander fort,und dann trat ich her­vor und entschuldigte mich, daß ich, verirrt in dem weiten Garten, eben vom Grasen kommend und nach einer Woh­nung suchend, die Damen erschreckt habe und dann wiesen Sie mir, Gunilde, den Weg zu jenem Häuschen, dort auf der Anhöhe, in das ich nun zog und von dem ick jeden Tag herunterkam zu Ihnen und Ihren Freundinnen. Und die Wochen vergingen, als ein sturmzerschlagener, wanders- müder Odysseus kam ick mir vor mitten unter heiteren Menschen und unter diesen waren Sie, Gunilde, die gütige Nausikaa. Aber es wurde stiller und stiller um uns her, eins nach dem andern ging, wir blieben allein, der Herbst naht, Gunilde Sie müssen scheiden."

Ich muß scheiden?" rief das Mädchen,was soll das heißen? Bin ich nicht Herrin meines Willens? Ich bleibe so lange es mir gefällt."

Bedenken Sie," bat Sander,bedenken Sie die Welt und ihr Gerede! Sie sind eine Dame aus hohen Streifen,

der Neid und die Mißgunst folgen Ihnen auf Schritt und Tritt."

Lassen Sie mich damit in Ruhe, Doctor!" rief das Mädchen leidenschaftlich erregt,Ihr Deutschen seid ärmliche Menschen. Bei uns drüben in Amerika denkt man ganz anders, frei menschlich. Nie wäre ich herüber­gekommen, hätte ich gewußt, wie kleinlich Ihr seid."

Bin ich es, Gunilde?" frug Sander erregt,bei Gott nicht ich wollte" Er unterbrach sich plötzlich und sprang rasch aus.Aber wir müssen scheiden, fragen Sie nicht warum. Ich muß arbeiten, und Sie"

Ich bleibe hier, so lange ich will," erwiderte sie kurz. Sie sind ein freier Mann, Doctor, wenn Sie gehen wollen, gehen Sie ich halte Sie nicht."

Sie sah ihm mit einem eigenthümlichen Blicke nach, als er nun zu der Bank zurücktrat und sich wieder auf derselben niederließ.

Sie wiffen nicht, daß ich nicht kann, Gunilde," er­widerte er endlich,Sie wissen, was mich hier hält, und spotten meiner."

Das Mädchen sah ernst und beinahe traurig aus ihn herab.

Wir sind eigentlich zwei thörichte Menschen, Sander," sagte sie endlich,und nächst dem bin ich so unpractoch und unbeholfen wie Ihr Deutschen? Warum sprechen wir nicht offen und ehrlich miteinander? Sie lieben mich, Sander, das weiß ich denn ich müßte ja blind sein, wenn ich das nicht merkte und ich, nun bin ich denn nur aus kindischem Trotz hiergeblieben, um mit Ihnen allein zu fein ? Aber warum sagen Sie mir das nicht, bangt Ihnen um unser Fortkommen? Ich bin reich, mehr als reich und bin ich einmal Ihre Frau"

Hören Sie auf, Gunilde, hören Sie auf!" rief Sander, Sie wiffen nicht, was Sie reden."

(Fortsetzung folgt.)