Nr. 301
Der
Gießener Anjeiger erscheint täglich, ent Ausnahme bei Montag-
Die Gießener AtckmttienvrLIter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bergelegt.
Erstes Blatt. Sonntag den 23. December
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
,894
Vierteljähriger Avonac meutspreiA: 2 Mark 20 Pfg. mH vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchukstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Zlints- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
1 Hratisöeitage: chießener Kamilienölätter.
Alle Annoncen-Lureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
21mtitd?er Theil.
Gefunden: 1 Paar und 1 einzelner Handschuh, 1 Kaputze. 1 Schürze, 1 Weste, 1 Taschentuch, 1 Gummiball, 2 Peitschen, 1 Packet mit Inhalt und Theile eines Gartenspaliers.
Gieß.en, am 22. December 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „«Siebener Anzeiger" für daS 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff
bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
Ileuefte Nachrichten.
Wolffs icl-grephifches Eorresponbenz-Buren
Berlin, 21. December. Die offieiöse „Berliner Corre- spondenz" weist auf die Klagen der Gewerbetreibenden über die kurze Bemessung der Stunden für Offenhaltung der Läden au den Sonntagen vor Weihnachten hin und schließt: Es wird zu erwägen sein, ob nicht für die verschiedenen Berufsgeschäfte unter Berücksichtigung ihrer eigenartigen Verhältnisse Abhilfe geschaffen werden kann. Da diese Erwägungen für dieses Jahr wegen der Kürze der Zeit unmöglich noch zu einem Resultate führen können, wird für die Zukunft eine Regelung der Angelegenheit, die den verschiedenen Verhältnissen der Gewerbetreibenden möglichst Rechnung trägt, in Aussicht zu nehmen sein.
Berlin, 21. December. Die „Post" erfährt von best- unlerrichteter Seite, daß die Blätternachricht, wonach die Oberfeuerwerkerschüler aus der Hast nach ihren Garnisonen entlassen worden, in höchstem Maße unwahrscheinlich sei, da nach der Mllitärstrasproceßordnung das Verfahren erst mit der Bestätigung durch den Gerichtsherrn beendigt sei. Thatsache sei nur, daß der Urtheilsspruch gefällt ist, alles andere seien Vermuthungen.
Berlin, 21. December. Zur Gründung eines deutschen Schriftftellerheims ist, wie die „Danziger Neuesten Nachrichten" erfahren, in Zoppot ein Bauplatz im Werthe von 50,000 Mk. von einem wohlhabenden Manne unentgeltlich und schuldenfrei zur Verfügung gestellt worden. Das Schriftstellerheim soll dazu bestimmt sein, deutschen Journalisten und Schriftstellern beiderlei Geschlechts im Alter eine dauernde Zuflucht, sowie kranken Mitgliedern des Schrtftstellerberufes unentgeltlichen Badeaufenthalt zu gewähren.
Berlin, 21. December. Dem „Militärwochenblatt" zufolge ist General-Feldmarschall Graf Blumenthal ä la suite des Garde Füsilier Regiments gestellt worden.
Rom, 21. December. Gestern Abend explodirte in der Straße San Marco, in der Nähe der österreichisch-ungarischen Botschaft beim Vatican, eine Petarde. Schaden wurde nicht angerichtet.
Loudon, 21. December. Reuter-Meldung aus Tientsin vom 21. d. M.: Die chinesische Regierung beschloß schließlich noch längerem Bedenken und Widerstreben, einen Bevollmächtigten für die Friedensunterhandlungen mit Japan zu entsenden. Eine diesbezügliche kaiserliche Verordnung wird demnächst erwartet.
Petersburg, 21. December. Dem „Regierungsboten" zufolge hielt der Kaiser in einer Sitzung des ComitsS für den Bau der sibirischen Eisenbahnen folgende Ansprache: „Meine Herren! Die Inangriffnahme des Baues einer vollständigen sibirischen Eisenbahn ist eine der größte» Thaten der ruhmvollen Regierung meines unvergeßliche» Vaters. Dieses ausschließlich friedliche und culturelle Unternehmen mit Gottes Hilfe durchzusühren, ist nicht nur meine heilige Pflicht, sondern auch mein herzlichster Wunsch, umsomehr, als die Angelegenheit mir von meinem theuren Vater über- tragen worden ist und ich hoffe, unter Ihrer Mitwirkung de» von ihm begonnenen Bau des sibirischen Schienenweges billig und hauptsächlich schnell und gut zu vollenden."
Sofia, 21. December. Die So br a nje nahm nach lebhafter Begrüßung des neuen Cabinets im Principe zwei Gesetzentwürfe, betreffend eine allgemeine Amnestie, an und überwies dieselben einer Commission zum Studium.
Washington. 21. December. Staatssekretär Gresham erhielt eine Depesche des amerikanischen Gesandten in Peking, daß China Changhinhuan und Thao zu Commiffaren für die Friedensunterhandlungen mit Japan ernannte. Dieselben begeben sich unverzüglich nach Tokio.
Shaughai, 21. December. Reuter-Meldung. Au- guter Quelle verlautet, daß birecte Friedens-Verhau d lung en zwischen Peking und Tokio im Gange sind. — Die japanische Flotte mit Transportschiffen verließ Port Arthur in südlicher Richtung. Die Bestimmung derselben ist unbekannt.
Depeschen bet Bur rav »Herold*.
Berlin, 21. December. DaS Staatsministerium ist heute Nachmittag um 2 Uhr unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammengetreten.
Berlin, 21. December. Wie die „Kreuzztg." hört, soll der preußische Landtag nicht am 8. Januar, sondern, wie es in den letzten Jahren üblich war, am 15. Januar einberufen werden.
Fenilleton.
Wocherdriefc ans der Residenz.
(Onginalbericht deS „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 21. December.
Vor dem Weihuachtsfeste.
Das ist kein Christtagswetter in diesem Jahre. — Endlich, endlich war der langersehnte Frost in der der- gangenen Woche eingetreten, Alt und Jung freute sich über die paar kalten Tage, fort gings hinaus auf die spiegelglatte Eisfläche, aber schon wieder liegt das Vergnügen tief tot Waffer und der Woog, Darmstadts „Stolz" ist verödet, wie zuvor. Jnd'ffen wäre das Unglück schließlich noch nicht so groß, wenn nicht der ewige Regen ernste Nachrheile im Gefolge hätte, durch ihn geht, und das ist vielleicht einer der ärgsten Schäden, die Weihnachtsstimmung völlig verloren, durch die die Kauflust recht eigentlich erst erzeugt wird. Und wie haben sich unsere Geschäftsleute angestrengt, um gerade diese zu erwecken. Wirklich großartig sind die Vorbereitungen, die die Geschäfte der verschiedenen Branchen für das heurige Weihnachtsfest getroffen haben. Die Schaufenster, besonders der Gold- und Kunstgeschäfte, der Spielwaarendazare und Pelzladen sind sämmtlich mit auserlesenem Geschmacke her- gerichtet, und, wer am Abend die vom tausendfältigen Schimmer der electrischen Lampen wiederscheinenden Geschäftsstraßen durchwandelt, könnte sich in eine Großstadt versetzt glauben. Aber trotz alledem hört man allenthalben nichts als Klagen, besonders die Pelz-, Eisen- und Wollenwaaren- geschäste sollen gerade durch die regnerische Witterung unendlich langsam gehen und bedenklich viel zu wünschen übrig lasten. Nun ist man ja an diese Klagen so einigermaßen
gewöhnt, denn es giebt viele Kaufleute, bei denen man in die Versuchung kommt, zu glauben, sie hätten es sich geradezu zum Princip gemacht, stets zu jammern, selbst wenn sie mit ihrer Lage ganz zufrieden sein könnten, indeffen scheint doch dies Jahr, das merkt auch der Fernstehende, zu den besonders „mageren" zu gehören, denn so allgemein hat man doch seit Langem laute Klagen Über den schlechten Geschäftsgang nicht vernommen. Verhältnißmäßig gut noch soll der Umsatz auf der seit einigen Tag-n den Marktplatz bevölkernden Weihnachtsmesse sein, indeffen handelt es sich hier doch immerhin nur um Kleinigkeiten, von denen zudem der größte Theil der hiesigen Geschäftsleute keinen irgendwelchen Nutzen hat.
Einen recht praktischen Gedanken hat der Vorstand des Vogel- und Geflügelvereins dahier zur Ausführung gebracht: Bekanntermaßen ist besonders zur Weihnachtszeit die Nachfrage des Publikums nach guten Kanartenhahnen stets recht groß, erfreuen sich doch die kleinen, niedlichen Sänger der größten Beliebtheit in der Hütte des Armen, wie im Palaste des Reichen. Um nun die Kauflustigen vor dem „Angeführtwerden" durch die umherziehenden Händler zu bewahren, hat der Vorstand des genannten Verems einen mehrere Tage dauernden Weihnachtsmarkt für den Verkauf tüchtiger Schläger arrangiert, und, damit die Beschickung desselben um so reich- licher werde, gleichzeitig eine Prämiierung der besten ausgestellten Exemplare damit verbunden. Wirklich entsprach der Erfolg den gehegten Erwartungen in weitgehendem Maße, das ausgestellte Material sand den hervorragenden Beifall der Fachleute, und der Verkauf ging sehr flott.
Um auch künstlerische Wünsche für das Weihnachtsfest zu beliebigen, hat der Düsseldorfer Maler Küpper eine Gemäldeausstellung und -Auction veranstaltet, die sich eines großen Zuspruchs seitens der Jntereffenten und Käufer erfreut.
Unter anderem wurde die Veranstaltung auch von Ihrer Durchlaucht der Frau Prinzessin von Battenberg in Augenschein genommen, welche sich sehr lobend über die ausgestellten Kunstwerke aussprach und mehrere Einkäufe zu machen geruhte. Auch die hiesigen Geschäfte werden von den Mitgliedern des Hofes viel besucht, so kann man Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin fast täglich, entweder allein ober in Begleitung Ihres Hohen Gemahls, in den Straßen umhergehen und einkaufen sehen. Die Hohe Frau läßt es sich nämlich nicht damit genug sein, daß sie den verschiedensten Wohlthätigkeits - Anstalten und Vereinen unserer Stadt namhafte Geldunterstützungen für ihre Christdescheerungen gewährte, sondern plant selbst eine solche für 20 arme Kinder Herrichten zu lassen, deren Kosten sie aus ihrer Privatschatulle bestreitet, und für die sie selbst Einkäufe macht.
In unseren Concertsälen, die noch vor einigen Wochen eine so mächtige Anziehungskraft aufiübten, ist es still geworden in diesen 'Tagen. Nur die Militärcapellen geben noch musikalische Veranstaltungen, indeffen ist, wie man begreifen wird, die Zahl der Besucher sehr reducirt. Auch im Großh. Hoftheater ist nach den rauschenden Festen der letzten Zeit eine gewisse Abspannung bei den Besuchern bemerkbar, so fand amvergangenenSonntagWagners„Gölterdämmerung", jenes Werk, das an Solisten, Chor und Capelle so riesige Anforderungen stellt, vor recht spärlich besetztem Hause statt. Die Premivre von Eugen Zabels „Tugendwächter" brachte noch einmal ein volles Haus, seitdem aber wird der Besuch täglich geringer — Jedermann hat eben die Hände voll Arbeit für das bevorstehende Fest. Möge es in letzter Stunde noch die Erwartungen erfüllen, die man auf ei gesetzt!


