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Sonntag den 23. December
Drittes Blatt
Nr- 301
chratisöeitage: Gießener KamMenötätttt
AL« Innoncen-Äuream btfl In- und Luglande» nehm« Anzeigen fflr t>m „Gießener Anzeiger- entgelt».
Deutscher Reich.
Berlin, 21. December. Die am Donnerstag ab- aehaltene Plenarsitzung des Bundesraths war besonders bemerkenswerth. Denn in ihr wurden der Entwurf, betr. die anderweitige Regelung deS Finanzwesens des Reiches, sowie die Vorlage, betr. die Tabak- fabrikatsteuer, den zuständigen Ausschüssen zur Vor- berathung überwiesen. Außerdem beschäftigte sich der Bundesrath mit dem Reichstagsbeschlusse wegen Vorlegung eines Heimstättengesetzes und beschloß, dieser Resolution keine Folge ru geben. Die Vorlage über die Reform der Reichsfinanzen war in der Thronrede allerdings nicht speciell angekündigt worden, aber der Reichskanzler und dann der RetchSschatz- secretär hatten die Wiedereinbringung dieses wichtigen Entwurfes gleich beim Beginne der neuen Session doch schon in Aussicht gestellt, wahrscheinlich wird er zusammen mU bet Tabaksteuer-Vorlage dem Reichstage bald nach den Weth- nachtsferien zugehen. „„
— DieAngelegenheit der verhafteten Zöglinge der BerlinerOberfeuerwerkerschule hat nunmehr
er leife, doch für mich hörbar flüsterte: .An m-rkwärd'g-r Schneeschdurm!"
Ich hätte mich auf ihn stürzen, thn zermalmen mögen, allein der Gedanke an meine Marte, die peinigende Ungewiß- heil, in der sie lebte, zwang mir Ruhe, Besonnenheit auf und ich war, so sehr auch der Zorn über mein unverdiente- Schick'al meine Brust durchwühlte, herzlich froh, als der Wärter, nachdem ich ihm den vierfachen Gebührenbetrag em- gehändigt, sich bereit erklärte, meine Bitte zu erfüllen.
Es war am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages, um jene Zeit, zu der als wirklicher Bräutigam mit meiner Marie scherzen, kosen zu können ich gehofft hatte Bis ins Innerste zerknirscht, saß ich auf der morschen Holzbank, den Kopf schwer auf beide Hände gestürzt, da öffnete sich die Thür und herein trat zum dritten Male an diesem Tage der Wärter mit den Worten:
„Sie können von Glück sagen, der richtige Dieb ist er- griffen, das Portemonnaie bei ihm gefunden."
„Von Glück? Auch noch! Sie wollen mich wohl noch obendrein verhöhnen?" zischte ich erregt.
„Nun, Ihre Hast hätte sich leicht auf acht, vierzehn Tage und noch länger ausdehnen können, wenn man den Burschen nicht erwischt hätte." o. h 6
Eine derbe Antwort schwebte mir aus den Lippen, indeß ich besann mich, ging dem Beamten voraus ins Bureau und befand mich eine halbe Stunde später wieder auf dem Bahnhöfe, wo ich gegen 5 Uhr mit sehr gemischten Gefühlen meine Reise fortsetzen konnte. . .. m
Welch ein Jubel, als ich am nächsten Tage in die Arme meiner glückseligen Braut eilte! In der ersten freubigen Ausregung sand ich keine Zeit, ihr meine Leiben-geschichte m ihren Einzelheiten zu erzählen, das geschah erst spater, als wir im Freundes- und Bekanntenkreise beim perlenden Weine unsere Verlobung feierten. Anfangs wurden in der Tafel- runde scharfe Ausdrücke des Tadels über die Leipziger Polizei und die Personen laut, die meine Verhaftung veranlaßt hatten, allmälig aber löste sich der Unwille in lautere Fröhlichkeit auf, ja, die Schilderung meiner Erlebnisse trug wesentlich zu der äußerst fidelen Stimmung bei, in der die Verlobungsfeier verlief. Mir aber wird dieser Schneesturm mit seinem böse« Nachspiel für mich unvergeßlich bleiben.
gleichen, mir auf so leichtserrige Weise solche Unannehmlichkeiten zu bereiten, ich —" , m
„Ueberlegen Sie, was Sie sprechen!" fuhr der Beamte mich in strengem Tone an, und auf seine Frage an bte Ver- käuferin, ob sie sich nicht in der Person irre, antwortete die- selbe mit aller Bestimmtheit :
„Er ist eS, denn er entfernte fick auffallend schnell auS unserem Laden und lief in großen Sätzen die Straße hinab.
„Verhielt es sich so?" wurde ich wieder gefragt.
„Allerdings, ich habe mich aber nur beeilt, um meinen Bekannten einzuholen."
Der Polizeimann lächelte ungläubig.
„Haben Sie vielleicht das Portemonnaie, als Sie am« tirt wurden, fortgeworfen?" „
„Herr! Ich verbitte mir nun aber allen Ernstes diese schändlichen Verdächtigungen."
„Und ich rathe Ihnen wiederholt, vorsichtiger in Ihren Ausdrücken zu sein, die Sache könnte sonn sür Sie sehr unangenehm werden, selbst wenn sich Ihre Unschuld Herausstellen sollte." . x.
Noch ein kurzes Hin- und, Hemden, dann wurden die Dame und die Verkäuferin entlassen und ich wanderte — meiner Sinne kaum noch mächtig — ins Arrestlocal, dessen Thür sich unter einem erneuten heftigen Zornesausbruch meinerseits hinter mir schloß. Heiliger Abend, wo ich meine Marie unterm WeihnachtSbaum zu überraschen gehofft hatte, und ich nun hinter Schloß und Riegel! Wie ich die Nacht verbracht — ich weiß eß nicht mehr, nur das ist mir noch erinnerlich, daß ich mehrere Male nahe daran war, einen Fluchtversuch zu machen, aber tote? Ein Blick auf daß eiserne Gitter vor dem Fenster, auf welches der Schein einer Laterne fiel, belehrte mich, tote thöricht ein solcher Plan fei.
Am folgenden Morgen brachte man mir ein Schälchen „Heeßen", tote ich mich überzeugte, unverfälschten Blümchen- Kaffee, an dem ich nur die sprüchwörtliche sächsische Süßigkeit vermißte. Ich bat den Wärter, mir eine Gefälligkeit zu erweisen und eine Depesche nach dem Telegraphenbureau zu befördern- sie lautete:
Theure Marie! Sitze wegen heftigen Schneesturms fest. Ankunft unbestimmt. Dein August.
Wieder rollte mir das Blut siedend heiß in den Adern, als der Mann das Blatt Papier nahm, den Inhalt las, sich sein breites Gesicht zu einem spöttischen Grinsen verzog und
ihren Abschluß gefunden. Soweit das Kriegsgericht z« Magdeburg überhaupt Strafen ausgesprochen hat, find die- selben als durch die Untersuchungshast verbüßt erachtet worden. Nur die 15 verhältnißmäßig am meisten belasteten Ober feuerwerkerschüler sollen einstweilen noch in Magdeburg v.rbletoen^ wtfd)e G eneralstaatSanwalt Held in Dresden, welcher kürzlich schwer ?rkrankte, ^gestorben. Der Verstorbene war ein ausgezeichneter Jurist und bat e namentlich in politischen Processen eine hervorragende Rolle gespielt. -
Feuilleton.
Der Schneesturm.
Ein Weihnachts-Reiseabenteuer.
(Schluß.)
Auf dem Bahnhofe im Wartesaal dritter Klasse begannen j wir den Christbaum herzurichten, nachdem es unS gelungen war, den anfänglich dagegen protestirenden Beamten zu beschwichtigen. Doch tote sich unter den Jubelrusen der an- wesenden Kinder und den Beifallsbezeugungen Erwachsener unser Werk allmählich seiner Vollendung näherte, ging Plötzlich eine auffällige Bewegung durch die Menge. Ein Schutz- mann in Begleitung einer Dame und einer Verkäuferin auS jener Conditorei erschien auf der Bildfläche und forschte offenbar nach einem Uebelthäter. Da — wie vom Blitz getroffen, stierte ich das „Auge des Gesetzes" an, als der Mann mich ersuchte, ihm zu folgen.
„Was fällt Ihnen ein?" fragte ich am ganzen Körper vor Erregung bebend.
Sie werden das Nähere schon erfahren, also bitte!"
All mein Sträuben und die wiederholte Versicherung, daß ich mir keiner rechtswidrigen Handlung bewußt sei, half nichts, fort ging- nach dem Polizeibureau.
„WaS wollen Sie eigentlich von mir?" fragte ich em- pört/als wir dort einttaten.
„Sie werden beschuldigt, dieser Dame tn der Conditorei von.....ein Portemonnaie entwendet zu haben."
„3d) — ich — sind Sie von Sinnen?"
„Mäßigen Sie sich, wir werden ja sehen, ob der auf Ihnen ruhende Verdacht berechtigt ist. Leeren Sie einmal Ihre Taschen!" gebot der Bureaubeamte, nachdem meine Personalien festgestellt waren.
„Das ist ja zum Wahnsinnigwerden! Mich, einen ehrlichen Mann, der niemals etwas Unrechtes gethan, will man zu einem Diebe stempeln!"
Widerwillig im höchsten Grade kramte ich meine Hab« seligketten aus, und als dies geschehen, nahm der Beamte, während ich meinen Zorn kaum noch beherrschen konnte, eine genaue Visitation mit mir vor. Das vermißte Poitemonnaie wurde bei mir natürlich nicht gefunden und so hielt ich mich zu der Bemerkung berechtigt: „ES ist ein Scandal sonder-
Zur Arage der Börsen-Reform.
ES soll nicht geleugnet werden, daß eS ein sehr schwieriges Unternehmen ist, resormtrend in der Werse die Börseneinrichtungen umzuändern, daß man gewisse Auswüchse und Uebelstände beseitigt und gleichzeitig die auch für den Börsenverkehr so »othwendige Handelsfreiheit unberührt laßt. Aber trotz dieser Schwierigkeit und der daraus entstehenden Bedenken muß die Reform der Börse erstrebt werden, denn burd) ben Börsenverkehr entstehen so viele unlautere Dinge und durch ihn wirb auch leicht der „Spielcharacter" statt der Beruss- arbeit in manche Kreise getragen, daß eS äußerst verb endet Ware, wenn die Gesetzgebung und dir öffentliche Meinung nur deshalb vor der Börsenresorm Halt machen wollte, weil es schwer ist, den rechten Weg dazu zu finden. Natur- lief) wollen bte SMenleute unb ihre Hintermänner non bei Reform nichts wissen und erheben bei jeder Gelegenheit ein großes Geschrei, als ob man ihnen das Fleisch vom Serbe schneiden wollte. Es handelt sich doch nicht um die Vernichtung der Börse, welche für die Werthermittelung der wichtigsten Maaren, ferner für den Verkehr tn Staatsschuldscheinen, Actien und ähnlichen Werthpapieren ganz unentbehr- lich ist, sondern es gilt nur, gewissen schrankenlosen Machi- «ationen und Mißbräuchen eine Grenze zu setzen. Nicht ohne Nutzen wäre vielleicht der Versuch, bei der Frage der Börsenresorm einmal bie persönlichen Verhältnisse der Börsenmänner in Betracht zu ziehen. Neben sehr ehrenwerthen, nach(Recht und Pflicht handelnden Bankiers, Kaufleuten und Cap, allsten machen bekanntlich auch viele Personen Geschäfte an der Börse^über deren moralische Eigenschaften man sehr bedenklich die Köpfe schüttelt und die hinsich.lich ihrer „Profitmacherei unb der Anwendung der Mittel, welche den ..Profit herbeiführen sollen, ein sehr weites Gewissen haben. Vielleicht ließe sich durch einen Ehrenruth, gebilbet au6 den bertluu-nswürbigsten Vertretern der Finanzwelt und der Kaufmannschaft, ein Mittel finden, um jenen mit unlauteren Mitteln operirenben Elementen mehr auf bte Finger zu sehen. In welcher-rohen, leidenschaftlichen Weise gewisse Dörsenleute „ihre Interessen wahrzunehmen die Frechheit haben, beweisen auch ost bie sogenannten Börsenscanbale, welche meist daburch entstehen,
wenn ein Speculant bet einer breisten Lüge aus frischer That ertappt wirb, ober wenn ein anberer Börsianer fein | gegebenes Wort plötzlich anberd außlegt ober einfach nicht ; u halten erklärt. Es sei nur auf bie jüngsten Berliner Börsen- .. rcanbale hingemiesen, welche darin bestanden, daß -in ver- [ eibigter Makler von den übrigen Börsenbesuchern auß der Bürs gejagt wurde, weil et behauptet hatte, daß Börsenmakler meistens ganz wider ihren Willen in eine Abhang gkeit von den Bankiers, resp. in Bezug auf deren Angaben hinsichtlich der Coursfeststellungen gerieten, denn obwohl an manchen Tagen viele Papiere ohne jeden Umsatz seien, hatte eS der- tenige Bankier, welcher sich für das Papier mteressire, doch an der Hand, eine Coursnotiz zu erlangen, welche den that- sächlichen Verhältnissen nicht entspricht. Ist die Anklage nun wahr oder nicht wahr? Bezieht sie sich auf einen allgemeinen Börsenm'ßbrauch oder nur auf zuweilen vorkommende Börsen- kniffe? Die Bestrebungen der Börsenresorm sollten auf diesem Gebiete Beweismaterial sammeln.
Vennifchtes.
• Berlin, 19. December. Als Aushilfskräfte find bei den hiesigen Postanstalten für den WeihnachtS- unb Neujahrsverkehr insgesammt 2000 Personen eingestellt worden. Darnach haben zwei Drittel der eingelauseneti. Be- werbungSschreiben Berücksichtigung gefunden » n fw entlaß der im Vergleich zu den Voriahren als ein sehr hoher zu be-ieichnen ist. Zur Beorderung der Packete von und nach den Bahnhöfen, sowie zur'Auslieferung der sendungen an das Publikum sind 320 Kremser und Möbel- Lagen gtmlett.« und als Postschaffner etwa 400 Unt„°,fiz.er- und Gefreite hiesiger Regimenter in Dienst gestellt.
* Dortmund, 19. December. Sammtliche fünfzehn SchnapS-CasinoS in unserer Stadt wurden, der „Tremonia" zufolge, gestern Nachmittag 4 Uhr m teinem Schlage auf Grund polizeilicher Anordnung gefchlofs n Die Schankgefäße und Bierdruck Apparate wurden confiscirt. Die Untersuchung gegen die fogen. Kastellane weg befugten SchankbetriebS tft schon vor längerer Zelt etn
9 * Oldenburg, 18. December. Vor etwa 25 Jahren
wurde ein junger 20jähriger Bursche wegen Ermordung eines Genossen zum Tode verurtheilt, schließlich aber zu leben 8» ; länglicher Zuchthausstras e begnadigt. Vor einigen Tagen wurde der Mörder von dem Großherzog wegen guter ! Führung begnadigt und sofort aus der Strafanstalt in Vechta I entlassen. Der jetzt 45 jährige Mann hat ein greisenhaftes
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