Nr. 275
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________________ Freitag den 23. November______________________
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
1894
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Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisch er. Lorresponden,-Bureau.
Potsdam, 21. November. Se. Majestät der Kaiser haben sich gestern Abend mittelst Sonderzuges von hier nach Schloß Rumpenheim begeben, um Ihre Majestät die Kaiserin und Königin Friedrich daselbst heute srüh zu Allerhöchstihrem Geburtstagsfeste zu überraschen. Se. Majestät sind heute srüh 8 Uhr auf Station Mühlheim und 1j4 Stunde später zu Wagen in Rumpenheim eingetroffen. Von dort erfolgt die Abreise nach Letzlingen morgen Donnerstag früh.
Wien, 21. November. Das Abgeordnetenhaus nahm den Gesetzentwurf betreffend die Regelung der kauf« mäunischen Ausverkäufe in der Specialdebatte mit einigen Abänderungen an und begann die Debatte über den Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Trunksucht.
Lyon, 21. November. Die katholische Missionsgesellschast erhielt eine Depesche des BiichosS von Hupe (China), nach welcher in Li-Tchuan eine heftige Christenverfolgung stattgefunden hat und zahlreiche Christen getödtet worden sind.
Barcelona, 21. November. Der Anarchist Salvador, der Urheber des Attentats im Theatro Liceo, ist heute hin gerichtet worden. Ein Zwischenfall ist nicht vorgekommen.
London, 21. November. Nach einer amtlichen Meldung auS Tokio von gestern begann eine Abtheilung der ersten japanischen Armee am 18. d. M., 6 Uhr Morgens Hsinyen anzugretsen, das von chinesischen Truppen, deren Zahl auf 20 000 angegeben wurde, besetzt war, und nahm den Platz um 9 Uhr Morgens ein. Die Chinesen flohen in nordwestlicher Richtung. Pie Japaner eroberten mehrere Kanonen.
Petersburg, 21. November. Die „Nowoje Wremja" vernimmt, wegen der Trauer um Kaiser Alexander III. werden die hiesigen Kaiserlichen Theater ein halbes Jahr, die Privattheater bis zum 4./16. December geschlossen bleiben.— Anläßlich deS Namenstages des Großfürsten Michael Nikolajewitsch statteten demselben gestern die Großfürsten und Großfürstinnen, unter ihnen auch die Großfürstin-Braut und die anwesenden ausländischen Fürstlichkeiten, Besuche ab.
Petersburg, 21. November. Beim Großfürsten Wladimir fand gestern ein Diner zu Ehren der ausländischen fürstlichen Gäste statt. Heute waren die aus
ländischen Fürstlichkeiten zum Familiendiner im Anitschkow- Palais geladen. Prinz Ludwig von Bayern besuchte gestern die Kaserne deS Kaiserlichen Convois (kaukasisch uniformirte Leibwache), besichtigte eingehend daS Pferdematerial und ließ sich die Retterkunst der Mannschaften zeigen.
Petersburg, 21. November. Der deutsche Botschafter General v. Werder wurde heute Nachmittag vom Kaiser in besonderer Privataudienz empfangen. Prinz August von Sachsen empfing gestern die sächsischen Mitglieder der deutschen Colonie. Se. König!. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen und der Großherzog von Heffen dintren nächsten Freitag in der deutschen Botschaft.
Newyork, 21. November. Präsident Cleveland kam heute auf einem Spaziergange bei Washington durch einen Fehltritt zu Fall und zog sich eine leichte Verrenkung zu, infolge deren er der Cabinetsitzung nicht beiwohnen konnte.
Washington, 21. November. Auf die Anfrage des amerikanischen Gesandten in Tokio, ob die amerikanische Vermittlung Japan genehm sei, hat die japanische Regierung geantwortet, Japan würdige zwar das Gefühl der Freundschaft, von dem Amerika beseelt sei, andererseits aber sei der Erfolg der japanischen Waffen ein derartiger, daß Japan meine, China muffe Japan direct Vorschläge machen. Angesichts der Abwesenheit der chinesischen und japanischen Vertreter von Tokio und Peking wird in Washington der Antwort die Bedeutung beigelegt, die Verhandlungen zur Wiederherstellung des Friedens sollten durch die Vermittlung der amerikanischen Gesandten in Tokio und Peking gepflogen werden, die seit dem Beginn des Krieges mit der Wahrnehmung der Jnteress.n der beiden Länder beauftragt waren.
Depeschen bet Burr« „Herold'.
Darmstadt, 21. November. Nach hier eingelaufener Meldung aus Petersburg ist die Vermählung des Czaren Nikolaus mit der Prinzessin Alix osfictell auf Montag den 26. November angesetzt.
Wien, 21. November. Nach Schluß einer in der vergangenen Nacht in Wiener Neustadt abgehaltenen Versammlung veranstalten die Arbeiter zu Gunsten des Allgemeinen Wahlrechts eine Demonstration. Sie durchzogen unter Hochrufen auf das Allgemeine Wahlrecht die Straßen und begingen allerlei Ausschreitungen. Die Ruhe konnte erst,
nachdem Militär eingeschritten war, wieder hrrgestellr werden. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen.
Budapest, 21. November. Die politische Lage wird fortdauernd als sehr kritisch bezeichnet. Neuerdings heißt es, Wekerle fei bereits zum Kaiser berufen. Man hält eine Ministerkrisis für nahe bevorstehend.
Rom, 21. November. In Messina und in Reggio wurden heute abermals Erderschütterungen wahr- genommen.
Antwerpen, 21. November. Der frühere Director deS „Wiener Prater" in der Antwerpener Weltausstellung hat in Bordeaux wegen bedeutender BermögenSverluste Selbstmord begangen.
Lüttich, 21. November. Anläßlich der Untersuchung der Dynamitattentate fand die Polizei Schriftstücke, au« denen zu ersehen ist, daß die verhafteten Anarchisten mit dem -erüchtigten Baron Sternberg in Correspondenz gestanden haben und daß geplant war, an einem bestimmten Tage sechs große Gebäude mittelst Dynamit in die Lust zu sprengen.
Loudon, 21. November. Die „Times" erfährt aus Odessa, daß der Befehl ergangen sei, bedeutende Truppenabtheilungen nach Wladiwostok zu senden. Die Truppen werden von zwei russischen Transportschiffen der „Freiwilligen Flotte" nach ihrem Bestimmungsorte befördert werden.
Loudon, 21. November. Nach Meldungen, aus Peru haben sich in der Nähe Limas zahlreiche bewaffnete Aufständische angesammelt- man befürchtet ernste Unruhen. Zur Verhütung derselben find von der peruanischen Regierung Truppen abgesandt worden.
Belgrad, 21. November. In Neg otin ordnete die Regierung für den Czaren Alexander ein Requiem an- die Geistlichkeit und die städtischen Behörden weigerten sich, demselben beizuwohnen.
Chicago, 21. November. Ein in der letzten Nacht hier wüthenver heftiger Orkan richtete an den Gebäuden bedeutenden Schaden an. Der sechs Fuß hohe stählerne Schornstein deS Clubgebäudes der Universität ist eingestürzt und fiel mit voller Wucht auf daS Palais des Millionärs Handy. Die herabfallenden Trümmer verletzten circa 125 Personen.
Feuilleton.
Psshlbsuten-Bewohner.
Don Friedrich Thieme.
(Nachdruck verboten.)
Der Eindruck der Lehre von der natürlichen Entstehung der Welt und des Menschen auf Geist und Herz ist ein derart gewaltiger, daß derjenige der naiven Erzählungen der I Poesie und Mythologie daneben vollständig verschwindet. Wer \ zum ersten Male eingeweiht wird in die Wunder der Entwickelung, der fühlt ordentlich den Hauch einer Offenbarung, deren Wahrheit er instiuctiv iu sich geahnt,» die ihm aber bisher verborgen blieb, eine neue Welt der Wahrheit und Vernunft thut sich vor ihm auf, mächtige Bilder erfüllen feine Seele. Von Stund an beschäftigt seine Phantasie lebendig daS Bild der Vergangenheit und Zukunft, hundert ! Fragen steigen ihm auf. Vor allem aber ruft er sich gern das Gemälde jener versunkenen Welten zurück, in welchen das organische Leben noch gigantische, gewaltige Formen trug: riesenhafte Schachtelhalm- und Farrenwälder tauchen auf vor seinem geistigen Auge, welche daS coloffale Mammuth durchwandert, während der geheimnißvolle Urvogel durch die Lüfte saust und ungeheure Eidechsen die Wasser und Sümpfe durchschwimmen. Dann ersteht vor seinem Geiste der Mensch der Vorzeit, wie er im gigantischen Daseinskämpfe mit den Riesenthieren seiner Zeit um sein Leben ringt. Wie mag er ausgesehen haben, dieser Vertreter der Gattung Mensch einer fernen Epoche? Meist entwirft sich der moderne Mensch ein ganz falsches Bild von seinem Urahn, er bringt ihn unwillkürlich in ein harmonisches Verhältniß zu den kühnen Dimensionen der vorsündfluthlichen Lebewelt und bewundert tn ihm eine Art Riesen, wie er solche in den Heldensagen der Völker kennen gelernt. Die Anthropologie vermag auf die Frage nach der äußeren Beschaffenheit des vorhistorischen Menschen zwar noch keine voll befriedigende Antwort zu geben, so viel haben die bisherigen Forschungen aber doch ergeben, daß jene phantastischen Vorstellungen der Wirklichkeit nicht entsprechen. „Der europäische Urmensch zeichnete sich keineswegs durch besondere Leibesgröße oder
Körperkraft aus. Während unter den Säugethieren und Vögeln zur Zeit riesenhafte Formen auflraten, lassen die aus derselben herstammenden menschlichen Ueberrefte auf einen Körperbau schließen, der denjenigen des gegenwärtigen Mittelschlags kaum erreichte." (Reymond, Weltgeschichte I. 10.) In unendlich langen Zeiträumen entwickelten sich Sprache und Gesellschaft, gelangte der Mensch zum Gebrauch des Feuers und Werkzeugs. Wie in alten interessanten Büchern lesen die Schriftgelehrten aus den Ueberbleibseln der Ver- gangenheit mühevoll die Geschichte seiner Entwickelung. Wie er aussah, wie er lebte, wo er wohnte — alles suchten sie zu ergründen, und das Glück kam ihnen Mitt: unseres Jahrhunderts durch ein Ereigniß zu Hilfe, das wohl eine der wichtigsten Epochen in der Anthropologie darftellt: die Entdeckung der Pfahlbauten.
Im Winter 1853/54 wurde nämlich bei niedrigem Wafferstande des Züricher Sees in einer zwischen Obermeilen und Dollikon gelegenen Bucht bei Nachgrabungen im Schlamme eine Schicht gefunden, welche, wie Dr. Moritz Alsberg in seiner „Anthropologie" (Seite 201) berichtet, „in bestimmter Anordnung in den Seeboden eingerammte Pfähle und zwischen denselben aus Stein, Knochen, Hirschhorn und dergleichen verfertigte rohe Geräthschaften enthielt, — Objecte, die zuerst von Ferdinand Keller als Ueberrefte menschlicher Wohnungen erkannt und von ihm als „Pfahlbauten" beschrieben wurden." Diese Entdeckung führte zu weiteren Forschungen, welche die Auffindung der Spuren ähnlicher Niederlaffungen in den Gewässern der meisten Alpenseenj, wie auch in manchen Binnengewässern Ober- Italiens, Ungarns, Kärnthens, Süddeutschlands, Mecklenburgs, Südsrankreichs und Irlands zur Folge hatten. Bis 1866 fand man allein in der Schweiz die Reste von 200 solcher Ansiedelungen, darunter solche von beträchtlicher Ausdehnung, welche nicht allein als menschliche Wohnungen benutzt worden sein, sondern auch zur zeitweiligen Aufnahme von Heerden und HauSthieren gedient haben mochten. So bildeten bei Wangen am Bodensee 30,000 bis 40,000 Pfähle ein Rechteck von 700 Schritt Länge und 120 Schritt Breite, „bei Roben- Hausen bedeckte der Pfahlrost eine Fläche von 13,000 Quadratmetern und die Station MorgeS am Genfer See besitzt sogar
eine Ausdehnung von nicht weniger als 60,000 Quadratmetern." (Alsberg.)
Doch nicht nur Spuren ehemaliger Wohnungen, nach denen man sich von der eigentlichen Beschaffenheit der auf den Pfählen errichteten Hütten kaum einen Begriff hätte machen können, wurden blosgelegt, sondern man entdeckte eine Anzahl Jahre nachher in einem bei Schussenried gelegenen Torfmoore eine noch theilweise erhaltene Hütte. So war man denn im Stande, sich ein anschauliches Bild von dem Leben der Menschen jener Zeit zu schaffen, um so mehr, als man aus der Untersuchung der bei den Pfahlbauten aufgefischten thierischen und vegetabilischen Substanzen — in welchen man zum größten Theil Ueberrefte der Mahlzeiten der einstigen Bewohner vor sich hat — ziemlich sichere Schlüffe auf die Fauna und Flora der damaligen Periode ziehen kann, soweit eben Thiere und Pflanzen tn Frage kommen, welche den Menschen zur Nahrung und Benutzung dienten.
Fassen wir also einmal die bekannten Ergebnisse zu einem kurzen Bilde zusammen, versetzen wir uns mitten in jene Zeit hinein und folgen den Bewohnern einer Pfahlbauten- ansiedelung auf ihre künstlichen Inseln und in ihre Hütten. Von dem Bau und der Einrichtung einer solchen Behausung können wir uns einen ungefähren Begriff aus der von Frank gegebenen Beschreibung der oben erwähnten bei Schussenried aufgefundenen Hütte schaffen. Diese war 10 Meter lang und 7 Meter breit, stellte also einen Raum von ziemlicher Ausdehnung dar, der demjenigen unserer modernen Wohnungen nichts nachgibt. Die Hüttenwände bestanden auS gespaltenen Eichenpfählen, ihre Fugen waren mit seinem Thöne dicht verkittet- der Fußboden ruhte auf mehreren ziemlich dicken Lehmlagern, die durch Schichten von Rundhölzern von einander getrennt waren, die obere Fußbodenschicht bildeten dicht aneinander gelegte Holzstücke. Der ganze Raum war in zwei Theile getheilt, welche durch eine Thür verbunden waren und von denen der größere jedenfalls als Schlaskammer, der kleinere, welcher die nach Süden gelegene Eingangsthür enthielt, als Küche und Stall diente. Ein Haufen Steine in der Ecke des letzteren war jedenfalls als der Rest deS ehemaligen Herdes anzusehen. (Schluß folgt.)


