1894
Donnerstag den 22. November
Amts- und Anzeigeblatt ffir den Kreis Gieszen.
Hratisbeikage: Hießener Kamikienßtätter
8 Tagen.
v. Gagern.
Die Blätter bezeichnen die Lage
kritisch. Unter der Bevölkerung
nehmen die ganzen Einkünfte der
Bevölkerung in Anspruch.
Der Papst soll beschlossen haben,
am
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi« Borm. 10 Uhr.
sehr wahrscheinlich.
Rom, 20. November.
Hausen, den 19. November 1894. Betr.. Dekanatsconferenz.
Das Großh. evang. Dekanat Gießen
an die evang. Pfarrämter des Dekanats.
Zu der am 28. d. Mls. im bekannten Locale stattfindenden Dekauatsconferenz lade ich meine Herren Amtsbrüder hiermit nochmals ein. Gegenstand der Verhandlung wird die Confirmation sein.
Wahl.
Zur Frage der Reorganisation des Handwerks.
In einer sehr wichtigen Angelegenheit unseres Volksleben«, in der Frage der Reorganisation des Handwerks, welche zugleich innig mit der großen Frage der Erhaltung und Stärkung des Mittelstandes zusammenhängt, sind wiederholt von den Regierungen, Volksvertretungen, fachgenosienschaft- Uchen Verbänden und Innungen Anläufe gemacht wurden, Schritte zur Lösung dieser Aufgabe zu thun, zuletzt ist es bekanntlich in Gestalt eines Rundschreibens, welches der preußische Handelsminister v. Berlepsch erließ, geschehen, aber über Wünsche und Vorschläge ist man in dieser wichtigen socialen und nationalen Sache noch nicht hinauögekommen. Dieselbe darf aber unter keinen Umständen im Sande verlaufen, denn dann würde ja ein sehr werthvoller Theil unseres Volkes in seiner Mehrzahl zum unzufriedenen Proletariat herabgedrückt werden, ohne daß der Staat und die Gesellschaft ernste Mittel angewandt hätten, dem drohenden Laufe der Dinge im capitalistischen freien Spiele der Kräfte entgegenzutreten. , . _ __
Freilich müssen bei diesem Bestreben auch mit Vorsicht und Umsicht alle Irrwege vermieden werden und die Reformbemühungen zu Gunsten des Handwerks dürfen nicht in einen blinden Kampf gegen das Capital und die Großindustrie ausarten, denn der Schneider, welcher bei seinem Handwerk noch eine leistungsfähige Nähmaschine benutzt, hat mit derselben auch bereits ein Capital und das Product einer Großindustrie zur Verfügung, denn ohne entsprechendes Capital ist die Nähmaschine nicht zu erwerben und geschäftlich zu vcrwerthen und ohne das Vorhandensein einer leistungsfähigen Großindustrie in der Nähmaschinenbranche wäre so gut und so billig, wie es in der Gegenwart möglich ist, überhaupt keine Nähmaschine zu kaufen. Da es nun doch vielen Handwerkern möglich ist, sich doch entsprechende Htlfs- maschinen anzuschaffen, also nach Verhältniß Vortheil vom Capital und der Großindustrie zu haben, so wäre eS geradezu thöricht, in das Programm der Reorganisation des Handwerks den Kampf gegen daS Capital und die Großindustrie mit auszunehmen.
Nun wird aber von vielen sich für die Förderung deS Wohles der Handwerker interessirenden Seiten neuerdings die Frage aufgeworfen, ob die Vorschläge deS preußischen Handels- Ministers in der Handwerkersrage überhaupt noch weiter verfolgt werden sollen, denn man hört eigentlich fast nichts mehr von der ganzen Action. Darauf ist erfreulicher Weise zu erwidern, daß die Berlepsch'schen Reformvorschläge keineswegs aufgegeben worden find, daß es aber für durchaus nothwendig erachtet worden ist, ehe man in dieser Richtung mir Gesetzesvorschlägen an btji Reichstag oder vielleicht auch an die Landtage der einzelnen deutschen Bundesstaaten geht, zuerst eine genaue und vielseitige statistische Untersuchung Über die Verhältnisse im Handwerke, resp. über die Ursachen des Rückganges deffelben vorzunehmen. Bevor also nicht die Ergebnisse dieser Untersuchung vorliegen, kann an eine Ausarbeitung und Einbringung eines entsprechenden Gesetzentwurfes auch nicht gedacht werden.
R». 274 Erstes Blatt
Petersburg. 20. November. Die kaiserliche Familie und die auSländiichen Fürstlichkeiten wohnten heute Mittag einer Seelenmesse für den verstorbenen Kaiser Alexander I1L in der Peter-PaulS-Kathedrale bei.
Yokohama. 20. November. Reuter-Meldung. Die japanische Armee unter Oyama verließ Kintschau am 16. November in der Richtung auf Port Arthur- sie mar- schirt in zwei Divisionen auf verschiedenen Wegen. Die Japaner werden vor dem Angriff auf Port Arthur die Chinesen unterwegs besiegen müffen. — Ein Transportschiff mit 600 Mann Infanterie und 500 KuliS ist auf der Fahrt nach derTalienwan-Bai verbrannt. Alle wurden gerettet mit Ausnahme von vier Kulis.
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mehrere Bischöfe zu ernennen.
Antwerpen, 20. November. Große Panik hat hier das Gerücht hervorgerufen, daß der Dampfer „Rheinland der „Red Star Line" während eines Orkans auf der Fahr: von Antwerpen nach Newyork mit der ganzen Bemannung untergegangen sei. Im Bureau der SchifffahrtSgesellsckaft wurde jedoch allen Anfragenden versichert, daß das Gerücht unbegründet sei- das Schiff, welches gewöhnlich 11 Tage zur Ueberfahrt gebrauche, habe jedenfalls infolge des Sturmes seinen Curs ändern müffen, am 13. d. MtS., also nach dem Orkan, sei das Schiff noch signalifirt worden. Die Gesellschaft erwartet die Meldung von erfolgter Landung jede Stunde. . „
Bonbon, 20. November. „Standard" und „Mornmgpost bringen Leitartikel über den neuen Curs in Rußland.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Deveschm bei Bureau »Herold*.
Berlin. 20. November. In der heutigen Nummer deS „Vorwärts" antwortet Bebel auf die Auslassungen Grillend ergers in der „Fränkischen Tagespost". Bebel nennt dieselben kühn, welche sich durch Grobheit, bei Mangel jeder Logik, auSzcichnen- das Gebühren GrillenbergerS sei chronisch und nicht immer ganz ernst zu nehmen. Wenn Grillenberger behaupte, er, Bebel, respectire die Beschlüsse des Frankfurter Parteitages nicht, so habe er wohl von sich auf Andere geschloffen. Bebel erklärt die Beschlüsse Parteitages für nicht blnbenb unb behält sich jebe Kritik vor. Jebenfalls werbe er bemselben immer bett Vorwurf machen, gegen ble bayerischen Genoffen schwache Nachgiebigkeit geübt öU '^Berlin. 20. November. Die „Kreuzztg." hält eS für wenig wahrscheinlich, daß, wie ein Gerücht besagt, ber Unter« staatssecrerär im Reichsamt beß Innern, Dr. v. Rotten- burg, sür ben Posten bes verstorbenen Unterstaatssecretars im Staatsministerium v. Homeyer in Aussicht genommen sei. DaS genannte Blatt hört dagegen von gut unterrichteter Seite, daß der Director Rothe aus dem ReichSamt deS Innern voraussichtlich zum Nachfolger v. HomeyerS be- ^timn®ernn, 20. November. Der Minister des Innern v. Köller hat gestern seine Dienstwohnung im^Ninisterium des Innern bezogen. — Der Justizminister Schönstedt ist gestern Abend aus Celle hier eingetroffen. Heute Mittag li/2 Uhr hat die feierliche Einführung desselben in sein neues Amt stattgefunden.
Berlin. 20. November. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, ist dem Präsidenten des Reichs Versicherungsamtes, Herrn Dr. Bödiker, der Stern 'zum Rothen Adlerorden zweiter Klasse aus Anlaß seiner Theilnahme an dem Jnternalionalen Congreß für Socialpolitik in Mailand verliehen worden.
Wien. 20. November. Ein osficielles Kommunique im , Fremdenblatt" meldet, daß heute wiederum ein Ministerrath stattfindet, der sich mit der Wahlreformfrage beschäftigen wird. Bisher ist bekanntlich eine Uebereinstimmung zwischen der Regierung und den Vertrauensmännern der einzelnen Parteien bezüglich eines gemeinsamen WahlreformprojecteS nicht erzielt worden.
Budapest. 20. November. In parlamentarischen Kreisen wird die augenblickliche Situation als sehr ernst angegeben. Namentlich haben die argen Verstöße ber Liberalen aegen bie Krone bei ber Runbreise Franz Kossuths in Wien arg verstimmt. An bie Sanctionirung der Kirchenvorlagen ist gegenwärtig nicht zu denken, dafür aber eine Ministerkrisis
Deutsches Reich.
Berlin. 20. November. Der Kaiser wohnte am Montag, als demTage der Beisetzung deS Kaisers Alexander III., der um 11 Uhr in der Capelle deS russischen Botschaftspalais zu Berlin veranstalteten Trauermesse und dem sich anschließenden Requiem bei. Ebenso waren zu der Trauer- feierlichkeit die Kaiserin, sowie die Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses und die in Berlin anwesenden Mitglieder anderer souveräner Häuser erschienen. Der Kaiser hatte die Uniform seines Wiborg'schen Regiments und seine russischen Ordenssterne angelegt. Nach Beendigung des gesummten Traueractes, der etwa eine Stunde währte, kehrte der Kaiser im Verein mit der Kaiserin nach Potsdam zurück.
— Heber daS Befinden des Erbgroßherz ogs von Weimar, welcher wegen seiner erschütterten Gesund heit auf Cap St. Martin an der französischen Riviera weilt, sind bedenkliche Nachrichten eingegangen. Denselben zufolge ist der Erbgroßherzog an Lungenentzündung erkrankt und scheint man deshalb am Hofe von Weimar sehr besorgt zu sein, da der Großherzogliche Leibarzt Dr. Pfeiffer sofort nach Cap St. Martin abgereist ist.
— Aus Kamerun kommt die Nachricht von einer kleinen Schlappe der deutschen Schutztruppe. Lieutenant Dominik hatte mit 30 Mann Sudanesen einen Zug in baß Innere unternommen, nach Jounba unb von bort weiter nach Ngilla. Auf letzterem Marsche ist bie Expedition von den Bakoko überfallen worden, wobei sechs Sudanesen fielen, während Lieutenant Dominik selber am Arm und an der Hüfte verwundet wurde. Er liegt jetzt krank in Baianga, wohin seine Colonne abgedrängt worden ist. Vorerst sind bie Melbungen über ben wohl nicht bebeutenben Vorgang nur privater Natur.
Amtliche* Theil.
Gießen, ben 20. November 1894. Betr.: Den Wiesengang.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofih. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Diejenigen * von Ihnen, welche unserer Auflage vom 16. October l. I. — Anzeiger Nr. 244 — noch nicht entsprochen haben, erinnern wir an Erledigung derselben binnen
Rom, 20. November. ....
18. December ein Konsistorium etnzuberufen, um
Der chiehcner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme b<4 Montags.
Die Gießener ^amtkienSkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Ueuefk Nachrichten.
Wolff? telegraphisches Torrelpondeuz-Bureau.
Berlin, 20. November. Der Termin ber burch mehrere wissenschaftliche Vereine zu veranstaltenben Helmholtz- Feier ist nunmehr endgiltig, unb zwar burch ben Kaiser selbst, festgesetzt worben. Der Act wirb in ber Singakademie unb zwar am 4. December, Mittags 12 Uhr, statifinden. Der Kaiser beabsichtigt, ber Gedenkfeier beizuwohnen. Die Gedächtnißrede wird Geheimrath v. Bezold halten unb. bie musikalische Feier wirb Professor Josef Joachim leiten.
Berlin, 20. November. Der Gouverneur von Deutsch- Ostafrika, Frhr. v. Sckele, meldet ausDar-es-Salaam, daß seine Truppen am 30. October'die Hauptstadt Kutreuga im Uhehegebiet gestürmt und nach mehrstündigem Kampfe genommen haben. Der Verlust ber Wahehe ist sehr bedeutend. Eine große Menge Vieh, beträchtliche Elfenbeinvorräthe, die Geschütze und Gewehre ber von den Wahehe niedergemachten Expedition ZelewSkis, sowie große Pulvervorräthe fielen dem Sieger in die Hände. 1500 geraubte Weiber unb Kinber würben befreit. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ben Bericht beS Gouverneurs v. Sckele über bie Einnahme, Kimengas (Kuirenga), bas von 3000 Kriegern verteidigt wurde, von einer steinernen, bastionirten UmwullungSmauer umgeben und mit zwei Cidutellen versehen war. Lieutenant Maaß und acht Askaris wurden getödtet, 29 Askaris schwer, die Lieutenants Kleist und Engelhardt, sowie Unteroffizier Jähnke leicht verwundet. Der Gouverneur trat am 3. d. M. den Rückmarsch nach Kiloffa an. Er wurde am 6. November in Mage von 1500 Kriegern angegriffen, doch schlug er den Angriff ob. Die Haltung der Truppbn war am 30. October unb 6. November vorzüglich.
tzanuover, 20. November. Zu Ehren des Mintsters v. Hammerftein-Loxten fanb eine zahlreich besuchte Abschiebsfeier, veranstaltet vom niebersächsischen Canal- verein unb vom Ausschuß für ben Mittelland-Canal, statt. Es wurde dem Minister eine Dankabreffe überreicht. Derselbe erklärte, er wolle auch ferner bie Bestrebungen für ben Mittellanb-Canal nach Kräften förbern.
Glasgow, 20. November. Ein Runbschreiben des Vollzugs-Ausschusses ber schottischen Bergleute forbert alle Bergarbeiterführer auf, sofort die Grubenbesitzer um eine Lohnerhöhung von 6 Pence anzugehen. Nach Eingang der Antwort der Grubenbesitzer wird der Ausschuß beraten, ob eine Lohnerhöhung durch bie Aufforberung zu einem zweiten Strike erzwungen werben soll. Auf den 30. November ist ' eine allgemeine Konferenz nach Glasgow einberufen.
Petersburg. 20. November. Morgen findet eine Stadt- ; verordneten Versammlung statt, um über die Veranstaltungen 1 für die Vermählung des Kaisers zu berathen. Die j Schulbehörden erhielten Ordre, den Unterricht am Freitag und Samstag außfaQen zu lassen.
in Sardinien als sehr l. , .
»ährt der Revolutionsgeist wegen der trostlosen wirtschaft- lichen Lage. Die Steuern r"*:— kie """" ber


