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Nr. 93 Erstes Blatt. Sonntaq den 22. April 1894
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Ainttiche»» Theil.
Gießen, den 18. April 1894.
Betr.: Die Voranschläge der Landgemeinden des Kreises Gießen für 1894/95.
DaS Großherzogliche Kreisamt Meßen an die Grosth. Bürgermeiftereien der Landgemeinden des Kreises.
Die rubricirten Voranschläge werden Ihnen in den nächsten Tagen zugehen.
Sie wollen das in Ihren Händen befindliche Concept alsbald mit den Ansätzen de» Originalvoranschlags in lieber* einstimmung bringen und letzteren sodann dem Gemeinde- Einnehmer übergeben.
___________________v. Gagern.__________________
Gießen, am 20. April 1894.
Betr.: Erlaß einer Polizeiveiordnung für den Kreis Gießen; betr.: den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.
DaS Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die (tzrosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Sie wollen binnen 3 Tagen die Namen der in Ihren Gemeinden wohnhaften Radfahrer und die denselben ettheilten Nummern berichtlich angeben.
I. 93.: Dr. Melior.
Gießen, den 20. April 1894. Betr.: Die Vertilgung der Raupennester.
Daö Großherzogliche Kreisamt Gietzeu
M W etafH). Bürgermeistereien des Awtki*
Soweit Sie unserer Verfügung vom 2. Februar l. I. (Kreisblatt Nr. 31) noch nicht nachgekommen sind, erinnern wir Sie an Erledigung derselben binnen 8 Tagen.
__________________I. 93.: Dr. Melior._________________
Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Brosche, 1 Lotterie-Loos, mehrere Strängchen Nähseide und 1 Bierfaß.
Gießen, den 21. April 1894.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 19. April. Die zweite Kammer der Land stände beschloß gestern folgende Adresse an unser Herrscherpaar:
Allerdurchlauchtigster Grohherzog!
Allergnädigster Großherzog und Herr! Allerdurchlauchtigste Großherzogin! Allergnädigste Großherzogin und Frau!
Frohbewegten Herzens wagen es die Berrreter der Zweiten Kammer der Stände dem Throne Ew. Königlichen Hoheiten zu nahen und Allerhöchstdetüelben die innigsten Glückwünsche zu dem überaus freudigen und glückverheißenden Ehebündnisse allerunterthänigst darzubringen.
Geruhen Ew. Königlichen Hoheiten unsere ehrerbietigsten Glückwünsche Allergnävigft entgegenzunehmen und belieben Allerhöchstdieselben Sich versichert zu halten, daß der innigste und aufrichtigste Wunsch des in unwandelbarer Treue und Anhänglichkeit mit dem angestammten Fürstenhause verbundenen HessenvolkcS darauf gerichtet ist, daß dem Herzensbunde Ew. Hoheiten Glück und Heil ersprießen und Gott der Allmächtige ihn zum Segen Allerhöchst deren Hauses und des ganzen Landes gereichen laffen möge.
Ja tiefster Ehi furcht verharrt
Ew. Königliche Hoheiten allerunterthäntgst treugehorsamste Zweite Kammer der Stände.
Berlin, 19. April. Der vom Reichstage genehmigte Centrumsantrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes wurde in der jüngsten Wochenplenarsitzung des BundeSraihs den zuständigen AuSschüffen überwiesen. ES scheint demnach, daß diese Frage auch im BundeSrathe ohne wettere Hinausschiebung noch zur Erledigung gebracht werden soll.
— DaS Gesetz über die Aufhebung des Identitätsnachweises ist im „Reichsanzeiger" zur amtlichen Veröffentlichung gelangt.
Neueste 2lad?rid^ett.
Wolffs telegraphisches Korrespondenz- Bureau.
Wiesbaden, 20. April. Die Stadtverordneten-Versamm- lung genehmigte den Antrag des FinanzauSschuffes, die Erbauung eines neuen Curhauses an Stelle des bisherigen, vorbehältlich näherer Bestimmung der Oertlichkeit, als wünschenswerth zu er Laren.
Wien, 20. April. Bad Hall in Oberösterreich steht in Flammen. Die Hälfte deS EurorteS ist abgebrannt.
Depeschen des Bureau „Herold^.
Berlin, 20. April. Bei dem gestrigen Abschieds- bin er der nationalliberalen Fraktion des Reichstags erklärte Bennigsen, er sei entschloffen, jedenfalls auch im nächsten Winter an den Reichstagsverhandlungen theilzunehmen.
Berlin, 20. April. Nach der „Post" ist die Meldung einiger Blätter, daß Affeffor Wehlau gegenwärtig im Aus- »artigen Amte beschäftigt werde, unrichtig. Derselbe sei seit längerer Zeit beurlaubt; über seine weitere dienstliche Der- Wendung werde erst nach Erledigung der wegen der Kameruner Vorgänge emgeleiieten Untersuchung bestimmt werden.
Berlin, 20. April. Die Fraktionen deS preußischen Abgeordnetenhauses haben den heutigen sitzungsfreien Tag benutzt, um ihre Stellungnahme zum Dortmund-Rhein- Canal zu berathen. Die conservative Fraction soll sich für Ablehnung ausgesprochen haben.
Berlin, 20. April. Wie die „Mil. Pol. Corr." hört, beginnen in den zuständigen BundeSrathsausschüssen in diesen Tagen die Berathungen über die Novelle zur Straf Prozeßordnung. Man glaube, daß namenilich die Wiedereinführung der Berufung auf keine weiteren Schwierigkeiten bei den Bundesstaaten stoßen werde.
Berlin, 20. April. Wie die „B N. N." von unterrichteter Seite erfahren, ist im Anschluß an die königliche Cabinetsordre in Sachen des T ota li s at or spi els auch an die RegimentScommandeure die Weisung ergangen, mit Sorgfalt darauf zu achten, daß die Offiziere nicht untereinander Rennwetten abschließen. Desgleichen ist der Befehl ergangen, kostspielige Dedicationsgeichenke, die besonders unter den jüngeren Mitgliedern des Offiziercorps sehr im Schwange sind, nach Möglichkeit einzuschränken.
Berlin, 20. April. Wie wir hören, fand am vergangenen Mittwoch früh im Grünewald zwischen dem Geh. LeganonS- rath von Kiderlen-Wächter und dem Redacteur deS „Klabderadatsch", Polstorff, ein Pistolenduell statt. Letzterer erhielt einen Schuß in die Schulter und wurde sofort bewußtlos. Wahrscheinlich ist die Lunge verletzt worden und bezeichnet man den Zustand PolstorffS nicht als unbedenklich. Das Motiv deS Duells ist nicht in den „Kladderadatsch"- Angriffen zu suchen, sondern in einem Briefe, welchen Polstorff an den Generalmajor Spitz gerichtet hat und worin er sich mit der Person deS Herrn v. Kiderlen-Wächter beschäftigte.
Sarmgadt im Fkstkleidc.
Erster Tag.
(Drtginalbeddü für den „Gießener Anzeiger".)
......Dem friedenrefchen Klange Bewegte sich daS Land, und segenbar Ein frisches Glück erschien; im Hochgesange Begrüßten wir das junge Fürstenpaar.
Goethe.
Dr. M. Es sind klassische Worte, welche wir unserem Festbericht als Motto voranschickten! Wo immer ein seltenes, ein „frisches Glück" erscheint, da ist eS uns inneres Be- dürfniß, in den Aussprüchen unserer Dichter und Denker nach Sentenzen zu suchen, welche den augenblicklichen Gemüths- zustand in reiner Form wiederspiegeln.
DaS Blühen und Grünen da draußen — welch stimmungsvollen Hintergrund giebt eS für den festlichen Einzug ab! Am Tage zuvor hatte sich daS erste FrühlingSgewitter über unserer Stadt entladen, der glänzende, schimmernde Fest- schmuck stand frisch gewaschen da. Vorsorglich hatte man hie und da noch Schutzdecken über besonders disficile Schaustücke der DecorationSkunst gebreitet. Die schönsten Effecte sind mit den verschiedenen Wappenschildern erreicht worden.
Der „Mohr", der an verschiedenen Häusern als Wappenbild prangt, erregt vielfaches Staunen. Damit hat eß folgende Bewandtniß: DaS älteste Wappen von Coburg war daS hennebergische: die schwarze Henne in Gold; bann folgt von 1353 das meißensche, ein goldener Löwe in Schwarz. Hierauf kommt feit ein paar hundert Jahren als Hauptfigur ein Mohrenkopf mit rothen Lippen und silbernen Ohrgehängen in Silber vor, welcher in neuester Zeit jene älteren Wappen verdrängt hat. Dies ist der Kopf des heiligen Mauritius, welcher Kirchenpatron war.
Die Summe, welche die Stadt zur Ausschmückung der Straßen bewilligt hat, klingt dem Ohre sehr groß. Sobald man sich aber die Straßen, Flachen und öffentlichen Gebäude vergegenwärtigt, welche hierbei in Betracht kommen, kann man sich wohl sagen, daß daS Geld sehr rasch seine Verwendung gefunden.
Am Vorabend, als die letzten Zurüstungen getroffen wurden, beschäftigte die Wetterfrage alle Gemüther. Eifrigst studirte man das Barometer und den mit Wolken verhangenen Himmel. Wer etwa die Absicht gehabt hatte, nach dem vom Reiter - V.'rein schön geschmückten, idyllischen Kranichstein hinauszupilgern, mußte dieselbe fahren laffen. Die mächtigen Regengüsse, welche in den Abend- und Nachtstunden nieder- gegangen waren, hatten aber nichts weiter gethan als die Straßen vom Staub gereinigt und das üppige Grün der Gärten und Promenaden zu saftigerer Blüthe getrieben.
Als die große Stunde des Einzugs herannahte, bedeckten zwar noch leichte Wölkchen den Horizont, aber die Atmosphäre war frisch und rein, und die Schulmädchen, welche in ihren Hellen Kleidern und bunten Schürzen, angeführt von ihren Lehrern und Lehrerinnen Spalier bildeten, brauchten nicht länger zu fürchten, daß ihnen der Regen den Putz verderben würde.
Aeußerst präcife langten der Großherzog und Seine junge Gemahlin am Arheilger Thor an. Die erste Ehrenpforte, welche die Neuvermählten zu pafftren hatten, war von der Hessischen LudwigSbahn errichtet worben, 'bie sehr ingeniös zu diesem Zweck den Bahnviaduct benutzt hatte. Der Galawagen bewegte sich sodann im Schritt die lange Frankfurter Straße hinauf, die hauptsächlich mit Häusern moderner Bauart besetzt ist, deren breite, von kleinen Erkern und Gesimsen unterbrochene Fronten einem originellen Ausputz nicht eben sehr zugänglich sind. Aber das herrliche, üppige Grün, welches von der einen Seite der Herrengarten herübersendet, ist ein natürlicher Schmuck, mit welchem kein künstlicher es aufoehmen kann! Auch bie „Promenade" hatte für den Ausstattungsbedarf bie besten Ressourcen in ihren Alleebäumen und reizenden Vorgärten, in welchen ber Flieber duftet und die Glycctnien mit ihren bläulichen Blüthen- trauben in stolzer Fülle die Mauern überranken. Durch künstlichen Schmuck fesseln die Aufmerksamkeit, an dem Punkt, wo es von der Franksurter Straße in die Promenade geht, die Rückseite des Justizpalastes und das ihm gegenüber* liegende Brandkassen- und Erbschaftsamtgebäub e. An den Bahnhöfen fällt besonders der reiche Flaggen* schmuck ins Auge. Vom mächtigen, weithioflatternden Banner,
bis 'zu den zierlichen Wimpeln und den kleinen Fähnlein ist hier jede Form vertreten. Neben dem ernsten Schwarz-Weiß der Preußenfahne findet sich bad bunte Gelb Roth-Gelb BabenS unb das frühlingsheitere Grün Weiß CoburgS, unterbrochen von den hessischen unb den Reichsfarben.
Der stolzere Bau der LudwigSbahn, der leichter festlich herzurichten ist, als das etwas nüchterne Neckbarbahngebäude, findet ein hübsches Pendant an der stattlichen Bank für Handel und Industrie, deren hervortretende Säulen, Giebel* unb Erkermotive namentlich den Guirlanben unb Kränzen wetten Spielraum verstattet. Ein CulminationSpunkt ber DecorationSkunst ist basRheinthor mit seiner Ehrenpforte. Die goldenen Lettern des „Herzlich Willkommen" leuchten aus einem auS Rosen und zarten Grün gesponnenen Netz hervor. Die Innenwände des Ehrenbogens sind mit Stoffen unb Tapeten ausgeschlagen. Von der Decken hängen blurnengesüllte Ampeln herab. Hervor treten in der Rheinstraße noch daS Stadthaus, bie Post, bad StändehauS mit seiner breiten Tribüne unb die verschiedenen Hoteld.
An der Ludwigdsäule, dem sogenannten Monument, gibt eS wieder einen Concentrationspunkt. Von der Säulengalerie spannen sich baldachinartig Riesenguirlanden bis zu den eingerammten Pfählen. Ringsherum sind tuchumkleidete Postamente aufgestellt mit Vasen, aus welchen Zierpflanzen herausquellen.
Die Wilhelminenstraße sieht mehr einem Garten als einer Straße ähnlich. Mit dem Hellen Grün der Linden, mit welchen sie an beiden Seiten bepflanzt ist, vereint sich das dunkele Grün ber bazwischen gestellten Tannenbäume zu rounberbarer Wirkung. Die sanfte Steigung, bie weite Perspective und ber besonbers kostbare Häuserschmuck, ber sich gerade hier findet, verleiht dieser Straße einen besonders festlichen Character.
Eine Welt für sich find jene Straßen, Markt mit eingerechnet, wo sich noch bie alten Häuser mit Giebeln, Vorsprüngen unb Gesimsen befinben. Diese Gebäude sind ungleich leichter und eigenartiger zu schmücken als bie modernen Mieth- kasernen. Am Markt, in ber Alexanderstraße unb in ben kleinen Gäßchen ber Altstadt lassen sich mit einem verhältniß-


