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Irr {birkener Anzeiger crlchrmt täglich, mit Ausnahme deS MontogS.
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Drittes Blatt. Sonntag den 22. April
1894
Gießener Anzeiger
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Die wirthschaftliche Lage und die Handelspolitik nach dem Urtheile einer französischen Autorität.
Die noch immer in allen Ländern ertönenden Klagen über die allgemeine schlechte Geschäftslage lenken immer wieder daS geistige Auge auf die Ergründung und Beseitigung der Ursachen der Ealamüät. In den Parlamenten und im Streite der Meinungen hört man darüber aber oft so widerspruchsvolle Ausführungen über das Entstehen und die Mittel zur Beseitigung der winhschastlichen Bedrängniß, daß es von großem Interesse sein muß, einmal das Unheil deS berühmten französischen FinanzpolitikerS und Nationalöconomen Leon Say, welcher zur Zeit außerhalb der Parteikämpse steh«, über die wirthschaftliche Lage und die Handelspolitik zu hören. Herr Leon Say, welcher bekanntlich früher auch französischer Finanzminister war und als solcher Großes leistete, ist kein unbedingter Anhänger der Freihandelspolitik, aber ein großer Gegner der übertriebenen Schutzzollpolitik und ein eifriger Verfechter derjenigen HandeltveNragspolitik, weiche auf Grund gegenseitiger Coneessionen den GlnerauStausch der Länder und somit den Wohlstand fördert Als einen modus moriendi bezeichnet Leon Say geistvoll die gegenwärtige Richtung der französischen mit erhöhten Schutzzöllen opetirenbm Handelspolitik, die wie zum Hohne immer mit dem modus vivendi operirt, während es thatsächlich ein modus moriendi, eine Methode des Unterganges, ist. Den Anlaß zu dieser Aeußerung gab ihm eine Tischrede beim Banket zu Ehren des französischen Generalcommissars der Chicagoer Weltausstellung, Henn Krantz. Die internationalen Ausstellungen, meinte Leon Say, seien, so lange das derzeitige handelspolitische Regime noch in vielen (Staaten, zumal in Frankreich und Amerika herrsche, zwar bloS Platonische Demonstrationen, aber sie werden wieder furchtbar werden, wenn das herrschende System, welches durch seine boctrinären Uebertreibungen so viel Schaden stiftet, in einer Weise modificirt sein wird, bic den Bedürfnissen der Rationen entspricht. Es wirb immer klarer, daß ein hoher Zolltarif, ob man ihn nun Maximal- ober Minimaltarif nenne, nicht aufrecht erhalten werden kann, wenn er nicht von einer Anzahl Handelsverträgen gefolgt ist, die gewisse schädliche Constquenzen desselben für den nationalen Wohlstand corrigiren. Man müsse sich entscheiden, durch wirkliche Verträge den sogenannten modus vivendi zu ersetzen, der eigentlich ein modus moriendi ist und durch den man vergeben- hoffte, die wirthschaftliche Lage zu bessern. Bekanntlich wird gerade in Frankreich und Nordamerika, wo
die Schutzzollpolitik am stärksten entwickelt wird, am meisten über schlechten Geschäftsgang geklagt, und so ist die Hoffnung vorhanden, daß die Gewalt der Thatsachen die Völker zum friedlichen Güteraustausch durch Handelsverträge doch näher bringen und eine neue Blütheperiode entstehen wird.
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Aus den Verhandlungen der Zweiten
Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadt, 19. April 1894.
Zu meinem gestrigen Bericht ist noch nachzutragen, daß zu Cap. 121, Ausgaben wegen subvemionirter Eisenbahnen, die von der Regierung geforderten 280700 Mk. einstimmig genehmigt wurden.
Ebenso wurde der Antrag des Abg. Ulrich einstimmig genehmigt. Derselbe lautet: Die Kammer wolle Großh. Regierung ersuchen, 1. alljährlich dem Hause über den Stand der Verhandlungen mit der Ludwigsbahn Mittheilung zugehen zu lassen - 2. eine Ausstellung des Materialbestandes, Wagenparks usw. zu veranlassen, sowie 3. über die Zahl der im Dienste der Hessischen Ludwigsbahn verwendeten Beamten und Arbeiter, ihre Dienstzeit, dienstfreien Tage, soweit sie solche erhalten, und über den Zahlungsmodus der Löhne Erhebungen anzustellen.
Heute setzt die Kammer nach Verkündigung einer Anzahl neuer Einläufe die Brralhungen mit dem vorgestern zurück- gestellten Capitel 118, Unterhaltung der Staatsstraßen, fort.
Für laufende Unterhaltung werden infolge gestiegener Preise deS Materials 30 000 Mk. von der Regierung mehr gefordert.
Für die Brücke in Mainz sind die Unterhaltungskosten um 6000 Mk. herabgesetzt, ebenso sür die Brücke zu Klein- Steinheim und für die Unterhaltung der Brücke bei Kostheim werden 3300 Mk. für Oelanstrich eingestellt.
JnSgesammt beantragt der Ausschuß 945226 Mk. zu bewilligen.
Abg. Möllinger empfiehlt den AuSschußantrag.
Abg. Weith ersucht die Großh. Regierung, für eine stetig gute Instandhaltung der Kreisstraßen, sowie um Herstellung von Brückengeländern an den Brücken der Kreisstraßen Sorge zu tragen.
Oberbaurath Poseiner erwidert, daß der Umbau der ; Brücke Friedberg-Staden bereits von der Regierung ins Auge gefaßt sei und daß auch die Brücken und Canäle mit Brüstungen versehen würden.
Abg. Schönberger führt Beschwerde darüber, daß zur Herstellung von Staatsstraßen nur Steine au» den Basaltbrüchen Verwendung fänden, während man doch ganz gut aus den Granitwerken des OdenwaldeS den Bedarf hierfür decken könne. Er spricht die Hoffnung auS, daß in der nächsten Budgetberathung dieser Bitte willfahrt sei.
Oberbaurath Poseiner führt auS, daß die Granitsleine vielfach den an sie gestellten Anforderungen nicht entsprechen würden, da es meistens minderwerthiges Material sei. Die Regierung könne dann den Vorwurf erhalten, daß sie die ihr bewilligten Gelder nicht richtig verwendet habe. Wenn im Odenwald gutes Material zu finden sei, so werde man diese Bezugsquelle in der nächsten Budgetperiode in Erwägung ziehen.
Abg. Hechler fragt an, warum die Regierung an der Staatsstraße Großgerau und Geinsheim noch keine Obstbäume gepflanzt und die dort befindlichen Pappelbäume entfernt habe.
Oberbaurath Poseiner erklärt, diese Pappelbäume dienten wegen ihrer tiefen Wurz.'lung alS Schutz bei lieber» schwemmungen. Auch feien sie als Wegweiser fast unentbehrlich. Er bittet, die Entfernung dieser schönen Zierde unserer Chausseen nicht ohne Grund zu beantragen.
Abg. Westernacher wünscht eine bessere Chaussirung der Staatsstraße Hersfeld—Hanau, Abg. Muth eine größere Verwendung der Sandsteine des Vogelsbergs bei StaatS- bauten.
Oberbaurath Poseiner erwidert, für die Straße HerSfeld—Hanau feien schon ganz bedeutende Summen verwendet worden. Er empfiehlt der Kammer die Regierungsvorlage, bann könnte auch den gerechten Wünschen entsprochen werden. Bezüglich der vermehrten Verwendung von Sandsteinen aus Oberheffen könne er nur sagen, daß dies schon in größerem Umfang geschehe.
Hiernach wird der Ausschußantrag genehmigt.
Ebenso wird Cap. 123, Vicariats- und AusyilfSkosten re., mit 24 000 Mk., und Cap. 124, Sterbequartale an Hinterbliebene von actioen Beamten der Finanzverwaltung, mit 7200 Mk., Cap. 125, Unfallversicherung öer in staatlichen Betrieben beschäftigten Personen mit 23 000 Mk., Cap. 126, Kosten wegen Anfertigung von MUnzsternpeln 700 Mk., ohne Debatte genehmigt.
Zu Cap. 127, Matricularbeiträge, erklärt Finanzminister Weber, daß die Reichskaffe zur Deckung des bewilligten Militärbudgets 60 Millionen Mark nöthig habe. Außerdem feien noch weitere 40 Millionen aufzubringen. Um diese
Feuilleton.
Einr Daurrntragödir.
Nach wahrer Begebenheit erzählt von G. Schähier.
(Fortsetzung.)
„Ihr geht heut Nacht in den Wald — ?" fragte sie furchtsam.
Ein Doppelgelächter schlug ihr entgegen.
„Und nicht 's erste Mal."
„Thut es nicht — nur heut nicht — um GotteS Barmherzigkeit willen!*
„Bist denn verrückt, Kathrin?" fragte Hans
„Ihr wißt nicht — cm Unglück —" stieß sie heraus.
Dollinger verzog die grauen Augenbrauen und stand auf. Er faßte daS aufs Höchste erregte Mädchen und drehte eS auf einen Stuhl.
„RauS mit der Red' und deutlich!"
„Ihr--seid verrathen!"
Die beiden Dollinger fuhren auf.
„Höll' und Teufel!"
„Und Du — Du, woher weißt Du daS?" fragte scharf der Baier.
Kathrin wollte vor Scham in die Erde sinken; ihre Gestalt wankte — angstvoll schaute sie in die stechenden Augen ihre» Vaters.
„Wer?" schrie dieser.
„Der — Förster Friedrich —" gab sie unter dem bannenden Augenblitz stotternd zur Antwort.
Kreideweiß ward der alte Dollinger- daraus lachte er krampfhaft,
„Bravo!" rief er höhnisch. „Da sieh Dir Deine Schwester an, HanS! Sie unterhält sich mit dem Forstlaffen — holla — I"
„Er meint es so ehrlich," stieß fi- entsetzt heraus.
Mitten ins Gesicht ein Schlag des Vaters war die Entgegnung. Er nahm sie bei den Haaren und zog sie in
eine Kammer, deren einziges, noch dazu vergittertes Fenster ein Entweichen unmöglich machte. Die Thür verschloß er.
„Wenn es Morgen wird," rief er ihr nach, „wollen wir Dir sagen, wie wir Deine Warnung befolgt haben, und wenn Du Büchsen knallen hörst, dann kanns leicht Deinem Liebsten und seinem Vater gelten."
Nach einer Stunde — schon war eS Nacht — verließen die beiden Dollinger ihr Gehöft und schlichen nach dem Walde. Ursprünglich wollten sie erst um zwölf aufbrechen, doch daS Gehörte bewog sie, ihren Plan zu ändern. Sie wollten sich auf dem bezeichneten Platze, einer Waldlichtung, worauf ein kleines Wasser entsprang, in Hinterhalt legen, bis der Förster und sein Sohn ankamen. Durch Niederschießen des Wildes gedachten sie dieselben hervorzulocken und bann vom Hinterhalt aus mit ihren Kugeln zu begrüßen. „Sie ober wir!" war bie Losung. Sie wußten ja, daß im Falle eines Kampfes sie auch vom Förster keine Gnade zu erwarten hatten, wollten dies auch nicht.
Eine Stunde nach der andern verfloß, lieber dem ruhenden Walde stand die volle Mondscheibe, als sich der Förster Jankof mit seinem Sohne äußerst vorsichtig der Waldlichtung näherte.
Sie wußten, daß sie eS mit einem ungemein schlauen Feinde zu thun hatten und regelten danach ihr Thun. Ganz richtig schloß der Alte, daß die Wildschützen schon vor ihnen am Platze sein konnten. Im Schatten eines Gebüsches machten sie lautlos Halt. Um die Laubecke konnten sie die ganze Lichtung übersehen — nichts Lebendiges zeigte sich. Blauer Duft flog über das WaldgraS — das kleine Wasser riefelte über bic Kieseln.
Mit schußbereitem Gewehr warteten bic beiden auf die Wilderer. Niemand kam.
Mitternacht war längst vorüber, alS von dem Gebüsch über der Lichtung ein Geräusch erscholl. Zweige knackten und Neste klapperten leicht gegeneinander.
Friedrich wollte vortreten,' lautloS drückte ihn sein Vater zurück.
„Sie sind zurückgeblieben," dachte sich der junge Mann und ein Alp wollte sich von seiner Brust lösen.
Vergebens hatte er versucht, den Vater heute zurück- zuhalten.
Auf der Lichtung erschien jetzt majestätisch der Sechszehn- enber, eine Seltenheit am hiesigen Forste. DaS prächtige Thier machte ein paar Schritte nach dem Wasser, blieb aber plötzlich stehen unb hob den schönen Kops. In voller Mond- beleuchtung stand es da.
„Jetzt müssen sie sich zeigen," flüsterte Jankof, den der Gedanke glühend heiß machte, daß dieses lang gehegte Pracht- thier unter dem Feuer der Wildschützen zusammenstürzen sollte.
Einige Secunden vergingen — der Hirsch ward unruhig und wollte eben zur Flucht ansetzen, als schnell zwei Schüsse hintereinander folgten. DaS Thier mußte schwer getroffen fein; nach kurzem Sprung brach es in die Knie.
Bei diesem Anblick faßte der Förster krampfhaft fein Gewehr und stöhnte, als hätten ihn die Schüsse getroffen, aber er blieb starr stehen.
Friedrich hatte sich entfärbt — kalt liess ihm über» Herz, er fröstelte — bann wollte er auf bic Lichtung trete», boch fein Vater riß ihn zurück.
„Bleib! Wir können sie ruhig von da aufs Korn nehmen."
„DaS ist Mord."
„Sie hattenö uns so zugedacht."
Kaum hörbar flogen diese Worte.
Fünf volle Minuten vergingen - der Hirsch wühlte mit den Läufen im Waldgras. Nun zeigte sich der alte Dollinger, bie unterdessen wieder geladene Büchse in der Hand haltend. Vergebens hatte er gehofft, daß auf die Schüsse der Förster mit feinem Sohne auf die Lichtung treten würde. Die Dollinger besaßen gute Doppelgewehre und ihre zweiten Kugeln hätten bic Forstleute niedergerissen.
Geringschätzig blickte sich der Bauer um und zog dann ein langes Messer, um dem Hirsche den Rest zu geben.
„Komm vor, HanS!" ries er gedämpft, „'S ist keine Mcnschenseelc do, „'S war blödes Geschwätz."


