der äußerste Westen Europas zeigt. WaS die Großstädte anlangt, so hat Paris der Statistik nach die günstigsten Verhältnisse, eS^ist dabei aber zu berücksichtigen, daß es in Frankreich und vor Allem in Pari- Sitte ist, die Säuglinge auf baß Land zu geben; rechnet man die dort vorkommenden Sterbefälle Paris zu, so werde die Stadt unter den 63 erst an 28. Stelle erscheinen. Deutschland weist im Allgemeinen ungünstige Derhältnisie auf. Unter den größeren deutschen Staaten zeigt noch den besten Procentsatz Preußen, schlechter find Baden, Württemberg, Bayern und Sachsen daran. Unter den deutschen Städten sind es vor Allem die des mittelelbischen Flachlandes, die eine hohe Kindersterblichkeit haben. Es starben im Durchschnitt der Jahre 1891/93 von 100 Lebendgeborenen im 1. Lebensjahre in Chemnitz 35,4 pCt., München 30,7 pCt., Stettin 30,4 pCt., Breslau 29,9 pCt., Danzig 27,4 pCt., Aachen 27,3 pCt., Königsberg 27 pCt., Köln 25,8 PCt., Magdeburg 25,8 pCt., Hamburg 25,5 pCt., Nürnberg 25,3 pCt., Berlin 24,7 pCt. Also auch Berlin steht keinesfalls günstig da. Natürlich find die U verschiede in den einzelnen Standesamtsbezirken der Reichs- Hauptstadt sehr verschieden. Den höchsten Procentsatz der Sterblichkeit, 29,3, zeigt der Wedding, eS folgen die Roscn- thaler Vorstadt mit 26,8 pCt., baß Königsviertel unb die Luisenstadt jenseits des Kanals mit 26,1, während die Friedrichstadt nur 13,4 und die Schöneberger Dorstadt nur 14,5 pCt. ausweisen. Die Ursachen großer Kindersterblichkeit liegen selbstverständlich viel in den allgemeinen socialen Verhältnissen begründet. Die Frage der illegitimen Geburt kommt dagegen, wie Silbergleit meinte, weniger in Betracht. Der Procentsatz der Todesfälle bei den unehelich Geborenen ist zwar größer wie bei den ehelichen Kindern, der Unterschied macht aber kaum 10 Procent, also bei einem Sterblich- keitsprocentsatz von 30, nur 3 Procent au5. Von großem Einfluß sind klimatische Verhältnifle; beim Anschwellen der Temperatur steigt auch die Kindersterblichkeit, daS tritt namentlich bet den deutschen Städten klar zu Tage. In Berlin entfallen im fünfjährigen Durchschnitt von den im 1. Lebensjahr verstorbenen 21 pCt. auf das 1., 25,2 pCt. auf daS 2., 34,7 pCt. auf das 3. und 19,1 pCt. auf daS 4. Quartal. Unter den Krankheiten, die die Kindersterblichkeit beeinflussen, nehmen die des Veidauungsapparates die hervorragendste Rolle ein. Die eigentlichen Kinderkrankheiten kommen im ersten Lebensjahre weniger in Betracht. Der Redner kam endlich zu dem Schluß, daß eß sehr wohl möglich sei, gegen einzelne der Factoren, die große Kindersterblichkeit bedingen, durch Beschaffung günstigerer hygienischer Verhältniffe erfolgreich vorzugehen und forderte zu gemeinsamer Organisation aus.
* Aus London wird berichtet: Der Herzog von Westminster, dessen Tochter fich dieser Tage mit dem Prinzen Adolph von Teck vermählte, gilt für den reichsten der britischen Paires. Er ist der Besitzer des berühmten, auf 500,000 Lstrl. (10 Mill. Mk.) lautenden Bankbillcts, beß einzigen, das die Bank von England ausgestellt hat. Das kostbare Blatt bildet einen Wandschmuck des Arbeitszimmers des Herzogs.
* Ein mißlungenes „salomonisches Unheil". Ein ländlicher Friedensrichter im nordamerikanischen Staate Georgia wollte jüngst Salomo nachahmen, aber der weise unb gerechte Richter hatte Pech dabei. Auch zu ihm kamen, wie einst zu dem weisen Könige der Juden, zwei Frauen, die sich um die Mutterschaft eines etwa 10 Monate alten Knaben stritten, unb ganz wie ber König Salomo befand sich auch unser Richter in der größten Verlegenheit. Plötzlich fiel ihm die heilige Geschichte ein, vielleicht die einzige, die er gelesen hatte; er zog ein Federmesser aus der Tasche, legte den Knaben auf einen Tisch und erklärte den beiden Frauen, baß er jetzt das Kind in Stücke schneiden unb jeber von ihnen die Hälfte geben werde. Aber baß, was er erwartete, trat nicht ein. Die beiden Frauen schrieen zu gleicher Zeit: „Genug, genug! Tödten Sie ihn nicht! Behalten Sie ihn lieber!" Sprachen's und verließen die Amtsstube, dem überraschten Richter das Kind überlastend. Wenn diese Geschichte nicht wahr ist, ist sie doch wenigstens gut erfunden.
• Daß es auch - in Amerika deutsche Krieger- Vereine gibt, dürfte Dielen bisher unbekannt fein. In der letzten Monatsfitzung des Kriegervereins in Neisse, der der
Präsident beß deutschen Kr:egervereinß Süd Chicago, Rentier Jockisch, beigewohnt hat, schilderte dieser, wie man nach berr Feldzuge 1870/71 auf die Idee gekommen sei, in Amer.ka deutsche Kriegervereine zu gründen, unb daß zur Zeit in Nordamerika 163 Vereine mit nicht weniger als 26,000 deutschen Mitgliedern beständen.
Citeratur unt Knttft
n — Ein Wort, allen Frauen dringend zur Beachtung empfohlen! DaS beste Nachschlagebuch bei allen Frauenkrankheiten, In gesunden Tagen der sicherste Berather für pbe Gattin und Mutter ist das soeben erschienene Werk: Daß Frauenbuch, ein ärztlicher Rathgeber für die Frau in der Familie und bei Frauenkrankheiten von Frau H. B. Adams, Dr. med., praktische Aerztin an der Lungen- heitanstalt in Nordrach. Süddeutsches Verlagsinstitut in Stuttgart. Mit vielen Abbildungen. Vollständig in ca. 20 Heften & 50 Pfennig (alle 3 Wochen 1 Heft). Der erste Theil „Körperbau und Gesundheitspflege" liegt vollständig vor und kann folid gebunden zum Preise von Mk. 7.50 bezogen werden; der zweite Theil wird in Heften, sofort nach Erscheinen derselben, nachgeltefert. Die Ankündigung dieses Werkes hat im In- und Auslande mit Recht geradezu sensationelles Aufsehen hervorgerusen, handelt es sich doch um eine in der ganzen Weltliteratur noch nicht vorhandene Erscheinung und zwar um nichts Geringeres als das erste frauenarztliche Buch für den practischen Gebrauch. Der Nothschrei nach weiblichen Aerzten, welcher überall in Deutschland widerhallt, wird den Frauen sicher in einigen Jahren die Wohlthat verschaffen, welche die Frauenwelt in anderen Ländern (in den Vereinigten Staaten fungtrest z. B. heute schon über 3000 Fraum als Aerzte) längst genießt. In leicht- faßlicher Sprache, durch viele Abbildungen erläutert, behandelt die Verfasserin im „Frauenbuch" alle Frauenkrankheiten. Ferner aber — und das verleiht dem Werke einen noch höheren Werth — giebt die Verfasserin genaue Aufklärungen darüber, wie die Krankheiten zu verhüten sind, was zu thun und was zu lassen ist, um Körper und Geist durch naturgemäßes Leben vor nachtheiligen Einwirkungen zu schützen, und macht mit tiefem Verständniß — wie eben nur die Frau der Frau sagen kann — auf diejenigen Gefahren aufmerksam, deren Nichtbeachtung der Thätigkcit der Hausfrau und Mutter leider so oft vor der Zeit ein Ziel setzen. Durch diese Belehrungen wird die Frau in den Stand gesetzt, bei allen Gesundheitsfragen und Krankheitsfällen, auch ohne sofort den Arzt zu brauchen, sofort helfend eingreisen zu können.
— „DeutscheNovellen^ von Victor Laoerrenz. — Verlag I. L. V. Laoerrenz, Berlin. Die in dem Buch gebotenen drei Erzählungen aus verschiedenen Jahrhunderten bieten volksthümliche Darstellung deutscher Charactereigenthümlichkeit. Die Form ist in den ersten zwei Erzählungen („Thuisko" und „Die Freunde*) schablonirt, bei der letzten jedoch („Die schone Müllerin") ansprechend, in der Schilderung packend. Trotz kleiner Mängel ist das Buch wohl geeignet, über eine müßige Stunde hinwegzuhelfen und sei deshalb bestens empfohlen.
— Wenn ein neuer Roman von Ernst Eckstein von vornherein des allgemeinen Interesses beim deutschen Lesepublikum gewiß ist, so wird der soeben tm G. Grote'fchen Verlag in Berlin unter dem Titel Familie Hartwig (523 Seiten eleg. geb. 8 Mk.) erschienene darüber hinaus berechtigtes Aufsehen erregen. Diese letzte Arbeit des berühmten Erzählers, ber sonst gern Bilder längst vergangener Tage hervorzaubert, führt mitten in die leidenschaftlichen socialen Kämpfe unserer Zeit hinein. Das „milieu“ ist der verzweifelte Kampf der Kleinbetriebe mit der zermalmenden Uebermacht des Großkapitals. Auf diesem stürmisch erregten Hintergrund malt sich das tragisch ergreifende Sonderschickial einet deutschen Hcmd- werkerfamilie mit all seinen herzbewegenden Einzelheiten. Der Verfasser polttistrt nicht; er läßt uns die Consequenzen der größten Confltcte, an denen daS Zeitalter krankt, einfach erleben, des alten Wahrspruchs eingedenk, daß der Dichter auf einer höheren Warte steht, als auf der Zinne der Tagespartei. Neben dem Handwerkerstand, dem in „Familie Hartwig" die Hauptrolle zugetheilt ist, schreitet auch die Sogenannte höhere Gesellschaft, der Adel, die Kaufmannschaft, das Gelehrtenthum in scharfumiissenen Characterköpfen durch unser Gesichtsfeld. Eine besondere Fülle der Farbengebung verwendet der Autor auf die weibliche Hauptfigur des Romans, ein echtes unb rechtes deutsches Bürgermädchen von gewinnendster Eigenart. Das Ganze athmet, frei von aller Schönfärberei, den Hauch eines unbeugsamen Realismus, ohne doch selbst inmitten der furchtbarsten Katastrophen den Ausblick auf eine mildversöhnende Zukunft ganz zu versperren.
Araurfurter Stadttheater.
Im Opernhause sind die Proben zu Maßenets Oper „Werther" bereits im vollen Gange und soll die erste Aufführung, zu welcher Maßenet persönlich erwartet wird, Anfang Januar stattfinden. Außerdem ist das gesammte technische Personal des Opernhauses mit den umfassendsten Vorbereitungen für die am Sonntag den 23. December, Nachmittags 3</e Uhr stattfindende erste Aufführung des diesjährigen Weihnachismärchens „Das tapfere Schneiderlein" von Aloys Prasch, beschäftigt, welches mit einem großen Aufwande neuer Effecte, sowohl in becoratioer unb maschineller Hinsicht, als auch in Bezug auf die neuen Arrangements, Evolutionen, Tänze rc. ausgestattet wird.
An einem der Weihnachtsfeiertage wird im Opernhause, in Folge vieler Wünsche von Seite des Publikums, Glucks Oper „Armida",
welche ht ihrer neuen Jnscenirung auch bei allen Wiederholung« ungewöhnlichen Beifall fand, gegeben. _
Im Schauspielhause gelangt am Samstag den 22. daS Schauspiel „Die Anna-Liese" von Hermann H.rsch, mit Fräulein v. Legrenzi in ber Titelrolle und Herrn Barthel als Leopold von Dessau zur Aufführung, und wird sich dieser Neu - Einüudirung die nächste Novität des Schauspielhauses, das Lustspiel „Wie die Alten sungen" von C. Niemann, (welches in Bezug aus seine historischen Vorgänge, eine Art Fortsetzung ber „Anna - Liese" bildet) Anfang kommender Woche anfchließen.
In der Zeit vom 3. zum 10. Januar wird im Schauspielhause (anläßlich der Versammsung von Lehrern zu einem französischer» Ferien-EursuS zu Frankfurt a. M.) ein Moliäre-EycluS veranstaltet, welcher zum ersten Male die „gelehrten Frauen" von Moltöre in einer neuen Neberfetzung von Ludwig Fulda, bringen wird. Außerdem kommen zur Aufführung: „Der Geizige", „Tartüffe", „Der eingebildete Kranke" unb „Der Misanthrop".
Hamburg, 19. Decbr. Hamburg-Amerikanische Packetsahtt- Actien-Gesellschast. Neueste Nachrichten über die Bewegungen bet Dampfer ber Hamburg - Amerika - Linie. Postdampfer „Ascania" ist am 18. December von St. Tbomas via Havre nach Hamburg abgegangen. Postdampfer „Gothia", von Hamburg nach Westindieu bestimmt, ist am 18. December, 9 Ubr Morgens, von Grimsby nach Havre abgegangen. Postdampfer „Saxonia", von St. Thomas via Havre nach Hamburg zurückkehrend, ist am 18. December, 12 Uhr Nachts, Lizard passtrt. Dampfer „Canadia", von Baltimore nach Hamburg zurückkebrend, pasfirte am 18. December, 2 Uhr Nachmittags, Dover. Postdampfer „Australia", ist am 18. December in Pera Eruz angekommen.
Der Dostdampfer „Friesland" ber „Red Star Line" in Ant- roerpen ist laut Telegramm am 18. December wohlbehalten in Newport angekommen.
Verkehr, Cant* unfc VolkrwerthfLhaft.
Limdurg, 19. December. Fruchtmarkt. Rother Weizen X 11.40, weißer Weizen X 11.10, Korn X 8.40, Gerste X 6.30, Hafer X 505.
— Nach den statistischen Ermittelungen des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller belief sich die Roheisenproduetto« des Deutschen Reiches (einschließlich Luxemburgs) im Monat November 1894 auf 481 909 Tonnen, darunter Puddelroheisen und Spiegeleisen 130803 Tonnen, Bessemerroheisen 32191 Tonnen, Thomasroheisen 241080 Tonnen und Gießereiroheisen 77 835 Tonnen. — Die Production im November 1893 betrug 420 451 Tonnen, im October 1894 490934 Tonnen. Vom 1. Januar bis 30. November 1894 wurden producirt 5 061089 Tonnen gegen 4 504 507 Tonnen im gleichen Zeiträume des Vorjahres.
Nottesdienst in der Synagoge.
Samstag, den 22. December.
Vorabend 4 Uhr, Morgend 9°o Uhr, Nachmittags 3M Ubr Sabbathausgang 518 Uhr-
Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschaft.
Freitag Abend 4 Uhr, SamStag Vormittag b*5 Uhr, Nachmittag 3 Uhr, Sabbathausgang 510 Uhr.
1895
| Neujahrs-
* Glüciwunschkarten
werden geschmackvoll angefertigt in der
Brühl’schen Druckerei
Schulstrasse 7.
Verpachtung.
Freitag den 28. I. Mts., Vormittags 10 Uhr, werden in der Wirthschaft von Melchior Schäfer an der Grünbergerstraße dahier die 1895 leihfällig werdenden Grundstücke der Kirche und der 1. und 2. Pfarrei Gießen auf weitere 9 Jahre öffentlich verpachtet.
Gießen, am 19. December 1894.
Der Kirchenrechner:
10307 Doering.
chr. Hessische Staats- eisenöasinen.
Itrtingntigb.fifftniug v.Kieftru- schwellkn für den Oberbau der Leu- baulinie Grüuderg-sondorf.
Die Lieferung von 17000 Stück gewöhnlichen Querschwellen und 1200 Stück Weichenschwellen, beide aus Kiefernholz, nicht imprägnirt, auf den LagerplotzBahnhof Alsfeld soll im Ganzen oder, bezüglich der gewöhnlichen Querschwellen, in Thetlen von nicht unter 500 Stück öffentlich verdungen werden-
Die Bedingungen sind im Büreau der unterzeichneten Behörde in Gießen, Frankfurterstraße 64, einzusehen oder von dort gegen postfreie Einsendung von 80 Pfg. ZU belieben. I
Angebote find postfrei und mit entsprechender Aufschrift verfihen an die unterzeichnete Behörde bis Donnerstag, den 10. Januar 1895, Vormittags 10 Uhr, eivzureich n, zu welcher Stunde die Eröffnung derfe ben erfolgt 10290
Zuschlagsfrist drei Wochen.
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