Ausgabe 
21.10.1894 Erstes Blatt
 
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Nr« 247 Erstes Blatt. Sonntag den 21 October 1894

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Berlin, 19. October. Der Colonialrath berieth heute über den Ausschußbericht betreffend die Verkehrs - verbindungen mit Südweftafrika. Im Laufe der lebhaften Debatte wurde darauf htngewiesen, daß die von der Colonialgesellschaft eingerichtete birecte Schiffsverbindung mit dem Schutzgebiete vorerst genüge, daß aber mit Rücksicht auf die Verbindung mit den Südafrikahäfen und die Ausdehnung des deutschen Handels eine birecte deutsche Verbindung um ganz Afrika herumgeleitet werden sollte- außerdem wurde eine Ausbildung der Post- und Telegraphenverbindungen gewünscht und endlich die Nothwendigkeit anerkannt, um sich von der Walfischbay gänzlich frei zu machen, mit dem Ausbau einer Landungsstelle am Schwachaub vorzugehen. Zm S nne dieser Ausführungen wurden denn auch Beschlüsse gefaßt.

Berlin. 19. October. Nach Mitteilung des Arbeits- auSschusseS der Ge wer beausste llu ng '..für 1896 über­nahm Prinz Friedrich Leopold daS Protectorat der Ausstellung. Der Kaiser habe geäußert, eS sei dringend zu wünschen und eine unbedingte Pflicht, daß die Betheiligten und Jutereffenten ihre volle Kraft einsetzen, damit sich die Ausstellung würdig und glanzvoll gestalte. Minister Berlepsch übernahm das Ehrenpräsidium.

Posen, 19. October. Auf telegraphische Anfrage bei der Ruwitscher Gefängnißdirection wurde derPosener Zeitung" mitgetheilt, daß die Nachricht, der frühere Bankier Hugo Loevy sei aus dem Zuchthause in Rawttsch ent­sprungen, durchaus unwahr sei.

Köln, 19. October. Die Nachricht von der Berufung des bekannten Nervenarztes Morshejewski nach Ltvadia wird derKöln. Ztg." zufolge mit Meldungen in Verbindung gebracht, daß die Kaiserin infolge der Aufregung und Sorge der letzten Zeit ärztlicher Behandlung bedarf.

Wien, 19. October. Bet der gestrigen Arbeiter- demonstration wurden sechs Sicherheitswachmänner ver­wundet, darunter vier durch Steinwürfe.

Budapest, 19. October. Das Abgeordnetenhaus beschloß mit großer Majorität, das Gesetz über die freie Reltgions Übung behufs unveränderter Annahme an daS Magnatenhaus zurückzuleiten.

Paris, 19. Oclober. Der Großfürst Georg Michailo- witsch reiste Abends aus Biarritz ab- das HerzogSpaar von Leuchtenberg reist Montag ab.

Paris, 19. October. Großfürst Alexis ist Abends 6 Uhr mit dem Orient-Expreßzuge ab gereist. Am Ost­bahnhofe wurde er vom Botschafter Mohrenheim, deffen Gemahlin und dem Botschastspersonal empfangen.

Paris, 19. October. Hier sind Nachmittags sehr ernste Nachrichten über den Czaren eingetroffen. Darnach ist eine baldige Katastrophe zu erwarten.

Loudon, 19. October. Dem Burean Reuter wird aus Petersburg von heute gemeldet, daß der Zustand des Czaren ein hoffnungsloser ist.

Petersburg, 17. October. Zu dem beute Nacht aus­gegebenen ersten amtlichen Bulletin über das Befinden deS Kaisers sei bemerkt, daß nach den letzten Privat- ozelbungen aus Livadia bei dem Kaiser sich von Neuem Getstes- abspannung eingestellt hat, die bisweilen so weit geht, daß er Personen seiner nächsten Umgebung nicht mehr zu unter­scheiden vermag. Abgesehen davon, daß der Zustand des Patienten nicht gestattet, denselben den Beschwerlichkeiten einer weiteren Reise auszusetzen, scheint auch dem Kaiser persönlich, bei der Resignation, in der er verfallen ist, jeder Reisegedanke zuwider geworden zu sein.

Newyork, 19. October. Eine Depesche aus Caracas meldet, daß der stellvertretende Präsident von Venezuela, Feliciano Alverez gestorben ist.

Tieutfm, 19. October. Reutermeldung. Der von Shanghai angekommene norwegische DampferPeik" signalifirte, daß die japanische Flotte sich 30 Meilen von Taku entfernt befinde. Die chinesische Flotte erhielt Befehl, Port Arthur am 18. October zu verlassen.

WB. Berlin, 20. October. Der Kaiser empfing Mittags im Beisein des Ministerpräsidenten, des Landwirth- schaftsministers und des CabinetSchefs LucauuS eine ost- preußische Deputation des Bundes der Landwirthe.

WB. Petersburg, 20. October. Bulletin vom 19. October Abends 10 Uhr. Die Nacht zum 19. verlief fast schlaflos. Se. Majestät stand morgens wie gewöhnlich auf. Die allgemeine Schwäche und Thätigkeit des Herzens sind un­verändert. Das Oedem der Füße, welches vorher erschien, hat zugenommen. Der allgemeine Zustand ist unverändert.

DepcifSitt t>e» Söuctawtftxolb"

Berlin, 19. October. Seit 9 Uhr ist daS Staats- ministertum zu einer Sitzung versammelt.

Berlin, 19. October. Der König von Serbien reist am Sonntag Abend von Berlin über Dresden-Bodenbach nach Wien.

Berlin, 19. October. Im deutsch-ostafrikanischen Schutz­gebiet fand am 16. October die Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahntheilstrecke Tanga - Pan- geva statt.

Berlin, 19. October. DieNordd. Allgem. Ztg." sagt zu den widersprechenden Angaben der Blätter, daß die Ent­scheidung über Einlegung der Berufung gegen das Unheil in Angelegenheit des Kanzlers Leist erst getroffen werden kann, wenn das Erkenntniß der Disciplinarkammer nebst Gründen im Wortlaut vorliegt, was bisher nichr ecr Fall ist.

Berlin, 19. October. DieVoss. Ztg." erfährt, im Reichs-Gesundheitsamt werden etngehende Untersuchungen über die Uebertragungsfähigkeit ansteckender Krankheiten durch Leichen und Cadaver angestellt.

Berlin, 19. October. Auer, Vorsitzender der Boycott- commission, legte sein Amt nieder und trat aus. Singer wird nunmehr den Vorsitz führen. Der Grund des Aus­tritts Auers ist der ihm seitens der Genossen gemachte Vor­wurf allzu großer Nachsicht gegenüber dem Brauerring.

Berlin, 19. October. Das preußische Kriegsministerium hat angeordnet, daß in allen Garnisonsorten die aus cholera- verdächtigen Gegenden kommenden Rekruten einer acht­tägigen Absperrung unterworfen werden soll-n, um auf diesem Wege eine etwaige Wetterverbreitung der Seuche thun- lichft zu verhindern.

Berlin, 19. October. Gutem V-rnehmen nach werden in den Wucherprozeß Treuh erz-Labaschtn, beson­ders durch die Verhaftung des letzteren, zahlreiche Offiziere und auch einige hohe Persönlichkeiten hineingezogen werden.

Wien, 19. October. Der russische Botschafter Fürst Lobanow erklärte einem Redacteur dcSNeuen Wiener Journals" gegenüber, in den ihm zugegangenen Privat- depeschen werde der Zustand des Czaren als hoffnungs­los bezeichnet.

Wien, 19. October. Gestern Abend fand ein großes Massenmeeting statt, woran über 10,000 Personen zur Feier der socialtstischen Wahlerfolge in Belgien theilnahmen. Nachdem die Versammlung ruhig verlaufen, zogen die Ar­beiter in geschlossenen Reihen unter den Rufen:Hoch die Revolution, es lebe das allgemeine Wahlrecht!" nach dem Parlamentsgebäude. Die Polizei, welche die Menge von den Hauptstraßen in die Nebengassen zu verdrängen suchte, wurde von der Menge angegriffen und mußte mit blanker Waffe einhauen. Zahlreiche Arbeiter wurden verletzt, darunter mehrere schwer. Man befürchtet während der heutigen Reichs­rathssitzung Unruhen, weßhalb das Gebäude durch Sicherheits­polizei umstellt werden soll.

Rom, 19. October. Der deutsche Ingenieur Schmid, der Director der Trambahnen in Messina, wurde gestern durch einen entlassenen Arbeiter erdolcht.

Paris, 19. October. Der heutigeFigaro" schreibt bezüglich der Krankheit des Czaren: Frankreich, welches sich mit. allen Kräften dem Schmerze Rußland an­schließt, wird nicht vergessen, daß der Czar der erste der Souveräne Europas war in dem Augenblick, wo keiner es wagte, für Frankreich Sympathie zu zeigen und osficielle Umarmungen in Kronstadt veranlaßte. Frankreich hoffe, daß die pessimistischen Aussagen der Aerzte übertrieben seien und die Constitution deS Czaren stark genug sei, um der Krank- heit zu widerstehen.

Brüssel, 19. October. Der altliberale Brüsseler Ab- geordnete Bürgermeister BulS erklärte in einer Unter­redung, daß, obgleich der Sturz der Klerikalen von den Anti Klerikalen gewünscht wurde, feine Partei dafür sei, daß sie die Bedingungen der Socialiften nicht ohne ihre Würde zu verletzen, annehmen könnten. Ihre Haltung sei ihnen be- sonders durch die Aussicht dictirt, daß, falls das socialistische Element am nächsten Sonntag noch verstärkt werde, bald Brüssel und mehrere größere Provinzstädte unter die Herr­schaft der Socialiften fallen würden.

London, 19. October. DieTimes" meldet aus Petersburg, der Czar liege im Sterben.

London, 19. October. Die Morgenblätter constatiren, daß die Krankheit des Czaren und ein eventuelles Ableben desselben für England keine schlimmeren Folge haben könne, als die ernsthafte Erkrankung des Emirs von Afghanistan, weil, wenn dort Bürgerkrieg ausbreche, zu befürchten stände, daß der besiegte Theil die Hilfe Rußlands anrufe.

Hierdurch entstehe eine Katastrophe, die ganz Indien er­schüttern werde.

Petersburg, 19. October. Die Nachrichten aus Livadia lauten deprimtrend. Die Proclamirung der Regentschaft wird stündlich erwartet. ES wird jedoch nicht angenommen, daß eine Katastrophe unmittelbar bevorstehe.

Petersburg, 19. October. Die Nachrichten über daS Befinden des Czaren lauten immer ungünstiger. Die amtlichen Bulletins lassen bereits den ganzen Ernst der Situation erkennen. Die Königin von Griechenland und die Großfürstin Josepbowna reisten nach Livadia. Nach ihrer Ankunft in Livadia wird der Ueberiritt der Prinzessin Alix zur orthodoxen Kirche erfolgen und die Hochzeit am Kranken bette des Czaren in aller Stille innerhalb vier Wochen statt- finden.

Petersburg, 19. October. Der Zu st and des Czaren ist hoffnungslos. Die Tochter des Czaren, Großfürstin Lenia, ist infolge der Aufregung der letzten Tage erkrankt. Es heißt, das Gedächtniß und das Sehvermögen des Czaren sei geschwächt. Der in ganz Rußland b-rühmte Priester und Wunderwirker Pater Johann aus Kronstadt ist nach Livadia gereift.

Petersburg, 19. October. Heute fand in einer hiesigen Kathedlale für die Genesung des Czaren ein Gottes­dienst statt, an welchem sämmrliche Minister und mehrere tausend Menschen theilnahmen.

Athen, 19. October. Die griechische Regierung wider­ruft alle für den Aufenthalt des Czaren in Korfu getroffenen Vorbereitungen.

totales » provinzielle»-

Gießen, den 20. October 1894

** Oessentliche Anerkennung einer edlen Thal. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 5. October dem Wafferbaugeometer Jacob Ludwig Betz in Worms in Anerkennung der von demselben am 4. August 1894 mit Muth und Entschlossenheit, sowie eigener Lebensgefahr bewirkten Rettung eines Knaben vom Tode des Ertrinkens die Rettungsmedaille zu verleihen.

** AuS dem Justizdieust. Durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz wurden mit den Dienstverrichtungen 1) eines Amtsrichters bei dem Amts­gericht Darmstadt II der Gerichtsassessor Breidenbach daselbst, 2) eines Amtsanwalts in Gießen der Gerichtsassessor Steinberger daselbst, 3) eines Hilfsgerichtsschreibers bei dem Oberlandesgericht der Gerichtsassessor Sonne daselbst, 4) eines Hilfsgerichtsschreibers bei dem Landgericht der Provinz Starkenburg die Gerichtsaccessisten Dr. Friedrich daselbst, von Pfister daselbst, Pullmann in Neustadt und Nießner in Gießen, 5) eines Hilfsgerichtsschreibers bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen der Gerichts- accessist Brüel in Gießen, 6) eines Hilfsgerichtsschreibers bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen die Gerichts- accessisten Dr. Becker in Ludwigshöhe, Dähn in WormS und Schudt in Gießen beauftragt.

** Ordensverleihung. Dem Feldwebel Heimann vom Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm wurde vom Kaiser daS Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.

** Vortrag der Schriftstellerin Frau Ottilie Steiu-Maou- heim. Am Dienstag Abend 8% Uhr wird die Schriftstellerin Frau Ottilie Stein Mannheim im Cafe Leib (Festsaal) auf Veranlassung des Kaufmännischen Vereins einen Vortrag über:Das Gebiet weiblichen Erwerbes" halten. Der Dame geht der Ruf einer sehr begabten Rednerin vor­aus, die in der Frauenfrage einen verständigen Standpunkt einnimmt.

H. Neues Theater. Kneisels SchwankChemie für8 Heirathen", der heute Abend zur Aufführung gelangte, ist ein lustiges Stück, das trotz des Mangels an Handlung doch stets durch seine komischen Situationen wirken wird. DaS Recept, nach dem er gebraut ist, ist sehr einfach: Drei Hei- rathscandidaten, von denen einer schon älter ist, wissen ihre Werbung nicht recht anzubringen, da die entsprechenden Damen sich kühl verhalten. Ein vierter, ein Chemiker, kommt hinzu, behandelt nach seiner Theorie alle Weiber als Chemicalien, bringt sie anfänglich durcheinander, wird erkannt, zum Besten gehalten und findet schließlich die Frau, die er sucht, in einem seither als Kind behandelten Backfisch. Der Schluß vereinigt vier glückliche Paare auf der Bühne. Was will man mehr? Die Darstellung als Ganzes betrachtet, war recht befriedi­gend. Von den Damen brillirte Frau Reiners als Back­fisch. Dieses Rollenfach ist ihre Domäne, auf der sie stets Gutes leistet. Ihre heutige Darbietung war allerliebst, be-