Ausgabe 
21.10.1894 Drittes Blatt
 
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1894

Nr. 247 Drittes Blatt. Sonntag den 21. October

Der Gßcher Jhqeiger »scheint täglich, ft Ausnahme bei Montags.

Die Gießener

erben dem Anzeiger Hch«tlich dreimal fceifefcft

Gießener Anzeig er

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Keneral-Mnzeiger.

Fchnlstriße Kr.A.

Kernsprech« 6L

Zlints- und Anzeigeblutt ffit? den Tkveis Gieszen.

ZZ chratisöeitage: Gießener Ilamitienölätter.

Alle Rnnoncen-Bureaux deS In- und Lullandel nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" enlgege». ............w

Amtlicher» Theil.

Bekanntmachung,

betreffend den Schutz junger Obstbäume gegen Hasenfraß.

Wir machen die Landwirthe unseres Kreises darauf aufmerksam, ihre jungen Obstbäume in gehöriger Weise gegen Hasenfraß zu schützen. Das Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginstern, wie es vielfach üblich ist, ist nicht ge­nügend, da der Hase diese beiden Schutzmittel leicht durch­nagt ; auch nisten sich im Stroh gern Obstbaumschädlinge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Umbinden der Bäume mit Dornen. Bei der großen Be­deutung, welche der Obstbau zur Zeit hat, liegt es im dringenden Jntereffe der Landwirthe, ihren Bäumen diesen leicht und billig zu beschaffenden Schutz angedeihen zu laffen.

Gießen, den 17. October 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung, betreffend die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterieen zum Vertrieb im Großherzogthum.

Mit Allerhöchster Genehmigung Seiner Königlicken Hoheit des Großherzogs ist dem Magistrat der Stadt Schneide­mühl die Erlaubniß ertheilt worden, die Loose einer zum Besten der durch das Brunnenunglück im vorigen Jahre ge­schädigten Einwohner dieser Stadt zu veranstaltenden Geld» Prämienlotterie innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben.

Nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan dürfen 330,000 Loose L 3 Mk- ausgegeben werden und muffen 356,400 Mk. zu Gewinnsten verwendet werben.

Gießen, den 19. October 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gefunden: 1 Manschettenknopf, 1 Perpendikel, 1 Peitsche, 1 Regenschirm, 1 Trilljacke und 1 Küchenhandtuch.

Gießen, den 20. October 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Gießen, am 18. October 1894.

Betr.: Herbst-Controlversammlungen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

* die Gr-tzh. Bürgermeistereien des ftwüel.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen laffen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Herbst-Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Gießen gehörigen:

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve.

2) Reservisten, sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlaffenen aller Waffen.

3) Diejenigen, der Landwehr I. Aufgebots angehörige Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungs-Befehl zum Erscheinen bei der Herbstcontrolversammlung zu­gegangen ist.

Die Ersatz-Reservisten haben bei der Herbstconirol- versammlung nicht zu erscheinen.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Controlpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Gießen

am 5. November 1894 in Oswalds Garten für die Be­wohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffen­berg und Herrnwald, Heuchelheim, Klein-Linden, Oppenrod.

1 Appell Vormittags 8 Uhr:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve, sowie sämmtliche Reservisten der Infanterie welche in den Jahren 1887, 1888 und 1889 eingetreten sind.

2. Appell Vormittags 10 Uhr.

Sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1890, 1891, 1892, 1893 und 1894 eingetreten sind.

3. Appell Nachmittags 2 Uhr:

Sämmtliche Reservisten der Garde, Jäger, Cavallerie, Feld- und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luft­schiffertruppen , des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts­und Veterinärpersonals, Büchsenmachergehülfen, Oeconomie- Handwerker, Marine-Mannschaften sowie sämmtliche zur

Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlaßene Mannschaften aller Waffen und alle übrigen im Reseroeverhältniß stehende Mannschaften.

4. Appell Nachmittags 3 Uhr 30 Minuten für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang- Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.

B. Zu Lollar

am 6. November 1894, Vormittags 9 Uhr: neben de« neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Men-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Dau- bringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedel- Hausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

C. Zu Grünberg

am 6. November 1894, Nachmittags 1 Uhr an der Kirche für die Bewohner von Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadt­mühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Nabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle unb Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burg­mühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß-und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stock- Hausen, Weickartshain, Weitershain mit Hainerhof, Winnerod.

D. Zu Hungen

am 7. November 1894, Vormittags 9 Uhr 30 Minuten am Friedhof für Die Bewohner von Bellersheim, Betten­hausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

E. Zu Lich

am 7. November 1894, Nachmittags 3 Uhr, am Bahnhof für die Bewohner von Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holz« heim, Lich mit Albacher-Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Nieder.Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.

Fe«illeton.

Wochrndriefe aus der Residenz.

(Originalbertcht für dmGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 19. October.

Der Kaiser in Darmstadt. Das Landesdenkmal für Ludwig IV. Aus dem Kunstleben.

Trotzdem Ihre Leser über den Verlauf des Kaiser­besuches in der hessischen Residenz bereits in Kürze unter­richtet wurden, muß ich als getreuer Chronist nochmals in einer kleinen Schilderung daraus zurückkowmen. Wie der ssficielle Empfang am Main-Neckar Bahnhof ausgefallen, wie die Stadt im prächtigen Festkleid prangte, wurde Ihnen schon gemeldet. Auch über das Galadiner bleibt nichts Neues zu berichten, wohl aber über die Festvorstellung im Hof- rheater, dern^ erst jetzt wird bekannt, wie der Kaiser über deren Verlauf geurtheilt. DaS Darmstädter Hoflheater bietet an Gala Abenden immer einen entzückenden Eindruck, die Festbeleuchtung taucht das vornehme Weiß und Gold des Hauses in ein wahres Lichtmeer und der Glanz der zahl­losen Galauniformen der hohen Staatsbeamten, der Offiziere aller Waffengattungen und der Hofherren, die reiche Pracht der verschwenderischen Damentoiletten in den Rängen, das alles vereinigt sich zu einem Bilde von überwältigender Wirkung. Glanzvoller sah das Haus aber seit der Fest« Vorstellung aus Anlaß der Hochzeit des Großherzoglichen Paares noch nicht aus, als am Montag Abend. Das funkelte nur so von kostbaren Stickereien, Orden, Brillanten und Diamanten. WebersEuryanthe"-Ouverture eröffnete die Vorstellung, unter Hofcapellmeister de Haans Leitung führten sie die 60 Künstler der Hofmusik vortrefflich aus, dann hob sich der Vorhang zur Aufführung von Sardous Madame Sans Gene", die der Kaiser noch nicht kannte. Das Stück ist nun schon so oft gegeben worden, daß die Künstler sich in ihre Rollen ganz hineinleben konnten, und so verfehlte es seine Wirkung nicht. Der Kaiser amüsirte sich vortrefflich und klatschte nach jedem Acte lebhaft. Die wundervollen Costüme und die großartige scenische Ausstattung

namentlich des zweiten Actes fanden die Bewunderung Sr. Majestät in hohem Grade. Am Tage nach der Aufführung befahl der Kaiser daher, wie die Zeitungen meldeten, dem ganzen Personale für die, wie er sagte,vollendete" Dar­stellung seinen Dank und seine Anerkennung auszusprechen. Der Darstellerin der Titelrolle, Fräulein Cramer, ließ der Kaiser durch den preußischdn Gesandten Graf Dönhoff eine kostbare Brillantbroche überreichen, desgleichen dem Leiter des Hoftheaters, Oberregisseur Werner, einen werth­vollen Brillantring. So hat es kaiserliche Auszeichnungen in Fülle gegeben, denn nicht nur die hohen Hofbeamten, auch I die Dienerschaft des Schloffes hat Seine Majestät gnädigft mit Decorationen bedacht.

Besonders freuten sich die Darmstädter jedoch über den kaiserlichen Besuch am Dienstag Vormittag in der Aus­stellung der Modelle für das Denkmal des un­vergeßlichen Ludwig IV. Bekanntlich hat das Denkmal- comite eine Anzahl namhafter deutscher Bildhauer zur Be- i theiligung an der Concurrenz eingeladen und nun find deren ' Entwürfe in einem von Herrn Major v. Hehl zur Ver- ' sügung gestellten Raume zur allgemeinen Besichtigung aus- ' gestellt. Es sei versucht, in Folgendem die einzelnen Skizzen kurz zu beschreiben. Zwei Entwürfe hat Professor Eber­le in, der Berliner Meister der Bildhauerkunst, angesertigt. Der eine zeigt Ludwig IV. als Feldherrn und dementsprechend find als Reliefs Darstellungen aus dem 70er Kriege an­gebracht. Der zweite Entwurf zeigt den Großherzog hoch zu Roß, den Helm mit Federbusch auf dem Haupte, aber vollkommen ruhig. Der Eindruck dieses Werkes ist ein mächtiger, aber sehr zu seinem Nachtheile schlägt aus, daß von einer Porträtähnlichkeit keine Rede sein kann. Der Künstler kannte den verstorbenen Fürsten nicht und hat da­her mehr eine Idealfigur geschaffen, als ein getreues Bildniß des Verewigten, wie es im Herzen aller Landeskinder lebt. Professor Rümann in München hat dagegen die Porträt­ähnlichkeit in glücklichster Weise zu erzielen verstanden. Auch seine Entwürfe zeigen den Großherzog zu Pferde, einmal auf stehendem, das andere Mal auf vorwärtSschreitendem. Auch diese Modelle verrathen den großen Künstler in jedem Zuge. Ganz prachtvoll in seiner schlichten Vornehmheit ist das Modell

Professor S ch ap ers-Berlin, daS fich in der Auffassung weniger von den andern unterscheidet, als in der Ausführung, die meisterhaft ist. Ganz besonders fällt auch bei diesem Entwürfe die frappante Ähnlichkeit mit dem hohen Ver­blichenen auf. Eine ganze Denkmalsgruppe hat der Stutt­garter Meister Donndorf ausgearbeitet. Hinter der Reiterfigur erheben fich die Gestalten der Hassia und Ger« mania, während den Hintergrund eine Säulenhalle bildet, daS Modell ist sehr schön, aber es dürfte an einem geeigneten Platze zur Aufstellung des nach ihm gearbeiteten Denkmals fehlen. Nun hat das Comite beschlossen, die Herren Schaper, Rümann und Eberlein zu einer engeren Concurrenz auf­zufordern und das Resultat derselben soll die Entscheidung bringen. Als AusftellungSplatz hat man nun definitiv den Platz vor dem Schlosse gewählt. Im Ganzen stehen jetzt zur Bestreitung der Denkmalskosten 200,000 Mk. zur Verfügung. Hoffentlich läßt nun die endgiltige Entscheidung nicht mehr lange auf fich warten, daß wir noch im Lause des nächsten Jahres das fertige Denkmal ausgestellt bekommen und unsere Residenz damit eine neue Zierde erhält.

Die Jnstrumen tal - Concert - Saison ist nun auch eröffnet worden. Am Samstag fand das angekündigte große Concert des Mailänder Skalatheater-Orchesters tm Saalbau statt unb die trefflich geschulte Künstlercapelle wurde mit Beifall überschüttet. Nur die Ausführung des Wagner- Programms fand in der Presse lebhaften Widerspruch, dagegen wurden alle anderen Nummern mit den größten Lobes­erhebungen erwähnt. Am Montag findet das erste Concert der Hofmusik statt, dessen orchestraler Theil Beethoven ge­widmet ist. Als Solistin ist Frau Sophie Meuter, die gefeierte Clavierspielerin, gewonnen. Im Hoftheater bereitet man als nächste Novität Sudermanns,Heimath" vor, die am 6. November gegeben werden soll. Die großen musikali­schen Vereine sind sämmtlich mit Proben eifrig beschäftigt und bald wird die Hochfluth der Concerte wieder beginnen. Vielen Beifall fand wiederum dieDatterich"-Aufführung der Melomauen" am letzten Mittwoch, das Stück übt bei aus­gezeichneter Besetzung dauernd große Zugkraft aus.