Nr. 168 Erstes Blatt. Samstag den 21. Juli
1894
Der Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
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Feuilleton.
Der falsche Preuße.
Von Georg Paysen Petersen.
(Nachdruck verboten.)
Am Stammtisch des Gasthofs „Zur freien Stadt Hamburg" führte der Herr Commerzienrath Winkler das große Wort. Er that es gewöhnlich und fand selten Widerspruch, denn den Honoratioren des Kreisstädtchens galt der reiche, mit Titel und Orden geschmückte Mann als eine Autorität, und da Widerspruch seine Laune verdarb, wie man solches im Laufe des letzten Jahrzehnts zwei- oder dreimal erfahren hatte, widersprach ihm Niemand, weil Niemand es mit ihm verderben wollte. Mochte nun der Herr Commerzienrath die segensreiche Wirkung der Kornzölle preisen oder sich über die unverschämten Forderungen strikender Bergleute entrüsten, mochte er gegen Juden oder Socialdemokraten zu Felde ziehen, dem eisernen Kanzler eine Lobrede oder irgend einem „perfiden Reichsfeinde" eine Schmährede galten, gleichviel, man widersprach ihm nicht, und wer von der Tafelrunde ihm nicht ausdrücklich beipfltchtete, nickte doch wenigstens mit dem Kopfe.
Heute hatte die liebe Schuljugend den Herrn Commerzienrath erzürnt und er ließ seinem Grimm wacker die Zügel schießen. Diese Schlingel! In seinen Obstgarten waren sie eingebrochen und hatten die Birnbäume geplündert- er hatte die Rangen zwar glücklich verscheucht, aber der Rädelsführer war mit unerhörter Frechheit im Baume sitzen geblieben und hatte vor den Augen des Erbosten weitergeschmaust. Der Herr Commerzienrath hatte den Frevler iudeß erkannt und sich daher am Abend aufgemacht, ihn bei seinen Eltern zu verklagen. Was ihm dort geboten worden, setzte aber aller Unverschämtheit die Krone auf: die Mutter des Schlingels versicherte nämlich, der Herr Commerzienrath müsie sich irren, sie wolle ihren August keineswegs in Schutz nehmen, wenn er es nicht verdiene- denn sie wifie sehr gut, daß er ein Ausbund und zu allen tollen Streichen aufgelegt sei, aber diesmal treffe ihn keine Schuld- er sei ganz elend aus der Nachmittagsschule heimgekehr« und sofort ins Bett gekrochen, der arme Jungel Da lag es nun wirklich auf seinem
| Hralisk-ikage: Hi-ß-ncr Kamili-nMUcr. “•■.T? folgenden Tag erscheinenden Nummer biS Norm. 10 Uhr. tf
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Wegen Vornahme von Straßenarbeiten wird die Hollergaffe für den Fuhrwerksverkehr von nächsten Montag ab bis ans Weiteres gesperrt.
Gießen, 19. Juli 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli. Gegen den verantwortlichen Redacteur des „Vorwärts", Pötzsch, ist das Zengnißzwang- v er fahr en eingeleitet, weil er sich weigert, den Einsender der Verfügung des Niederbarnimer Landraths über die Kennzeichnung solialdemokratischer Rekruten zu nennen. Zunächst ist eine Strafe von 50 Mark oder sieben Tage Hast über ihn verhängt. In der Begründung heißt es, er müsse Zeugniß ablegen, da sichs nicht um eine Strafsache, sondern um ein Disciplinarverfahren gegen Ungenannt wegen Verletzung der Amtsverschwiegenheit handle. Dagegen ist Beschwerde eingelegt. Fr. Ztg.
Neueste Nachrichten.
Wolff« telegraphische« Correspondenz-Bureau.
Paris, 19. Juli. Casimir Perier nahm heute Nachmittag vom Elyse Besitz. Zum Empfange waren die Offiziere deS Militärstaates anwesend.
Kopenhagen, 19. Juli. Der Justizminister erließ heute eine sofort in Kraft tretende Verfügung, wonach Provenienzen aus Danzig vor der Landung einer ärztlichen Beob- a ch t u n g und Desinfection unterworfen werden. Die Einfuhr von Lumpen aus Danzig ist verboten.
Lyon, 19. Juli. Die Anklagekammer beschloß die Verweisung Caserios vor das Schwurgericht. Die Acten werden sofort dem Präsidenten zugestellt.
Sofia, 19. Juli. Die Zeitungsnachricht, daß die bei dem Sturze des Fürsten Alexander beteiligten bulgarischen
Offiziere aus Rußland zurückkehrten, ist unbegründet. Nur Capitän Gherghinow ist mit Stambulows Erlaubniß zurückgekehrt.
Depeschen de« Bureau »Hrroö*.
Berlin, 19. Juli. Der „Localanzeiger" erfährt zur Affaire Kotze, die Untersuchung ist soweit gediehen, daß in 8 bis 14 Tagen die Entscheidung erwartet werden kann, ob das Hauptverfahren eingeleitet oder der ganze Proceß niedergeschlagen werden soll.
Berlin, 19. Juli. Eine gestern Abend aus Rußland angekommene, hier wohnhafte Frau ist in der letzten Nacht unter choleraartigen Symptomen erkrankt- sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Die Wohnung wurde des- infictrt.
Berlin, 19. Juli. In Altona sind gestern vier Personen wegen anarchistischer Umtriebe verhaftet worden.
Leipzig, 19. Juli. Gestern Mittag führte Schneider Dowe von Mannheim seinen kugelsicheren Panzer einem geladenen Publikum im Crystallpalast vor. Anwesend waren die Spitzen der Behörden, beinahe das gesammte Osfiziercorps und Vertreter der Presse. Der Kunftschütze Martin gab aus einem Jnfanteriegewehr Modell 88 einige Schüsse auf den mit dem Panzer bekleideten Dowe ab, bei dem nur ein leichtes Zucken nach jedem Schuß bemerkbar war.
München, 19. Juli. Anläßlich der Streu- und Futternoth war im vergangenen Jahre eine außerordentlich große Anzahl von Forstfreveln begangen worden. Gemäß ihrem Gesuch wurde nun 877 Forstfrevlerrr die gegen sie s. Z. ausgesprochene Strafe völlig, 347 weiteren zu einem erheblichen Theile erlaffen.
Wien, 19. Juli. Wie die „Pol. Corr." aus Rom meldet, erfahren die deutsch-feindlichen Erklärungen, welche der Abgeordnete Bonghi in Paris einem Redacteur gegenüber gemacht, in der italienischen Preffe eine vorwiegend abfällige Beurtheilung. Die Blätter meinen, Italien werde sich durchaus nicht vom Dreibunde, der eine Sicherung des Friedens sei, lossagen.
Budapest, 19. Juli. Die Leitung der ungarischen i Socialisten agitirt auf das Lebhafteste für einen
Generalausftand. Die Eisenbahnbediensteten sollen den Anfang machen. In der letzten Nacht hat in dieser Angelegenheit bereits eine Versammlung der Bahnconducteure stattgesunden.
Rom, 19. Juli. Für die morgen beginnenden Verhandlungen gegen den Anarchisten Lega sind vom Ministerium des Innern und der Polizei die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Außer Advokaten und Berichterstattern wird Niemand zugelaffen.
Paris, 19. Juli. Heute fand die Beisetzung des Präsidenten Carnot statt. Die Familie wohnte derselben bei und legte Kränze auf den Sarg nieder- letzterer wurde gegenüber demjenigen des Großvaters Carnots eingesetzt.
Lyon, 19. Juli. Das Verhalten Caserios ist immer noch dasselbe wie früher. Er ißt viel, schläft sehr ruhig und trägt in allen Aeußerungen und Bewegungen eine cynische Gleichgültigkeit zur Schau.
Madrid, 19. Juli. Die hier circulirenden Gerüchte, daß Oesterreich, Italien und Belgien ihre mit Spanien abgeschlossenen Handelsverträge gleich Deutschland zurückgezogen hätten, werden officiös für unbegründet erklärt.
Belgrad, 19. Juli. Der Kriegsminister steht mit der Krupp'schen Fabrik in Essen wegen der Erneuerung des Artillerie-Materials in Unterhandlung. Zur Deckung der hierfür nothwendig werdenden Ausgaben soll der Restbetrag der vorjährigen Anleihe, deren Emission im September in Paris erfolgte, verwendet werden. __
Sitzung der Stadtverordneten am 19. Juli 1894.
Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeordneter Georgi, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Emmelius, Faber, Flett, Habenicht, Heß, Helfrich, Homberger, Jughardt, Keller, Löber, Orbig, Petri, Scheel, Schiele, Schmall, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels.
In der Sitzung vom 5. Juli d. I. wurde die Rechnung der Realschule und deS Realgymnasiums über die sachlichen Ausgaben mit dem Vorbehalt genehmigt, daß über
angeblichen Schmerzenslager, dies Häuschen Sünde! Der Herr Commerzienrath konnte sich durch den Augenschein davon überzeugen, und er überzeugte sich auch davon, daß er thatsächlich dec Birnendieb war - aber was halfs ? Der Mutter galt des kranken Söhnleins Wort so viel und mehr als dasjenige des alten Herrn, der sich „irren" mußte. Das kommt davon, wenn mans den schlauen Burschen androht, sie , bet ihren Eltern zu verklagen- sie treffen dann auf ihre Art ihre Vorsichtsmaßregeln und entwickeln dabei eine Verschlagenheit, um welcher sie mancher erwachsene Spitzbube beneiden könnte, dachte der Herr Commerzienrath und zog grollend ab, um seinem Aerger am Stammtisch Luft zu machen. „Es ist kein Auskommen mehr mit der Jugend unserer Tage, die von Jahr zu Jahr roher wird," klagte er, „aber verwunderlich ist solches kaum, denn unsere Humanitätsduselei züchtet die Schlingel förmlich."
Diese Worte fanden bei der Tafelrunde der „freien Stadt Hamburg" überall Anklang. Wenn am Damenkaffeetisch die Rede auf die Dienstbolenplage kommt, kann die Zustimmung nicht allgemeiner sein, als es der Beifall war, den der Herr Commerzienrath heute erntete.
„Mein Vater, Gott hab ihn selig," begann der greise, längst pensionirte Magistratssecretär Eichler, „hatte uns Jungens anders in Zucht, als es heutzutage üblich ist. Es war Anno 1813 und die Franzosen waren noch nicht lange wieder heimgeschickt, da —"
„Da bekamen Sie jene berühmte Maulschelle von Ihrem seligen Herrn Vater," unterbrach der Commerzienrath die Rede des Alten, welcher sich anschickte, mit epischer Breite zum hundertsten Male zu erzählen, was allen längst schon bekannt war, „ja, mein lieber Eichler, damals waren auch noch bessere Zeiten, damals wußten die Eltern noch ihre Kinder zu erziehen, und wenn fie's nicht verstanden, fanden sie Rückenstärkung an löblicher Polizei- die aber hat sich heutigen Tages um ganz andere Dinge zu kümmern, um Straßenreinigung und Wahlversammlungen und, was weiß ich, um welche Teufeleien sonst noch- ob aber einem Bürger die Aepfel und Birnen am hellen Tage aus dem Garten ge- stöhlen werden, das ist ihr völlig gleichgiltig."
Der Magistratssecretär nickte befriedigt mit dem grauen Haupte und verzichtete auf seine Erzählung.
„Einsperren sollte man die Bengel," fügte Stadtkämmerer Kreuzer hinzu, „aber unsere Gesetze find viel zu zahm und ihre Handhabung wird leider Gottes immer zahmer- ist eS da ein Wunder, wenn die Zuchthäuser vom DlebSgefindel überfüllt sind? Man gewöhnt ja dem Zeug in der Jugend das Stibizen nicht ab." k v , ,,
So gings noch eine geraume Weile weiter und den halbwüchsigen Burschen des Kreisstädtchens mochten an diesem Abend die rechten Ohren weidlich klingen, denn zu ihrem Ruhm ward nicht ein Wörtlein gesagt- die alten Zetten aber und ihre derbe Kinderzucht wurden wacker gepriesen- auch darüber waren alle einig, daß die Handhabung der Gesetze eine viel zu milde sei, vornehmlich gegenüber der Jugend.
„Haben Sie denn ganz Ihre eigenen Jugendstreiche ver. gessen und haben Sie sich niemals gefragt, meine Herren, was aus Ihnen geworden wäre, wenn man gegen Sie selbst die ganze Strenge der Gesetze hätte walten lassen?" fragte plötzlich ein Herr in rüstigem Mannesalter, welcher bisher schweigend der Unterhaltung gelauscht hatte. Am Biertische Reden zu halten, gehörte nicht zu den Gepflogenheiten deS Herrn Senators Erich, welcher, ein geachteter Kaufmann des Städtchens, durch das Vertrauen seiner Mitbürger in den Magistrat gewählt worden war, aber — wie kopfschüttelnd Commerzienrath Winkler von ihm sagte — „zu den ewig negirenden Reichsfeinden gehörte" und als solcher nicht selten wagte, sogar dem gestrengen Herrn Bürgermeister „durch Widerspruch und scharfe Kritik lästig zu fallen". Schier unbegreiflich wars, daß dieser solches geduldig über sich ergehen ließ und dem Nörgler dennoch stets mit unverkennbaren Zeichen der Hochachtung begegnete.
„Den einen oder anderen dummen, auch wohl schlechten Jugendstreich," fuhr Senator Erich fort und betonte dabei das Wort „schlecht" gefliffentlich, „den einen oder andern schlechten Jugendstreich hat doch ein jeder von uns auf dem Gewiffen- wie, wenn man ihn dabei ertappt und ohne Erbarmen nach dem Buchstaben des Gesetzes gerichtet hätte?"
Aller Augen sahen starr den Kühnen an, der nicht nur dem Herrn Commerzienrath, sondern der ganzen ehrenwerthen Gesellschaft Widerpart zu halten und solch ketzerische Gedanken ganz unverblümt vorzutragen wagte. (Forts, folgt.)


