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21.1.1894 Erstes Blatt
 
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91t*. 17. Erstes Blatt. Sonntag den 21. Januar

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Oketzeier Auzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 brauner Ueberzieher, 2 Herrenhüte, 3 Glacehandschuhe, 1 Fächer, 1 Kindertaschentuch, 1 Schuh­knöpfer und 1 Wagenkette.

Gkeßen, den 20. Januar 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresen ius.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 19. Januar. Am 24. Januar findet im Palais am Luisenplatz ein coftumiertes The dansant statt. Zur Thetlnahme an demselben werden die Herzoglich Sachsen- Eoburg-Gothaischen Herrschaften am 23. Januar hier ein- rreffen, im Grobherzoglichen Schlöffe absteigen und bis zum 25. Januar hier verweilen. Die Vermählungsfeier des Großherzogs soll derD. Ztg." zufolge Ende April in Coburg stattfinden.

Berlin, 19. Januar. Der Vorschlag eines Staats­monopols für den Getreidehandel. Im Ratiborer landwirthschaftlichen Vereine erklärte nach einem Vortrage des OeconomieratheS Dr. Strehl aus Popelan über Erspar­nisse in der Landwirthschaft, Geh. Rath von Selchow, Heilung mit den angegebenen Mitteln sei nicht zu erreichen. Das Unglück für die deutsche Landwirthschaft sei, daß wir einen Weltmarkt in Getreide haben, und deßhalb der Landwirth keine Preise erhalte, welche den Productionskosten entsprechen. Nur die Einführung des Staatsmonopols für den Getreide­handel könne helfen. Nach dem Berichte desOberschles. Anz." hat Oeconomierath Dr. Strehl die Richtigkeit der Selchow'schen Ausführung zugegeben und es nur für Pflicht des Landwirths erklärt, so viel er kann, zur Besserung seiner Lage zu thun. Bezüglich des Vorschlages eines Getreidemonopols wäre es nun aber von größter Wichtigkeit, daß der Herr Geh. Rath von Selchow seinen Plan über die Einführung des Getteide- monopols genau bekannt macht, um ihn auf seine practische Durchführbarkeit prüfen zu können. Jedenfalls erweckt schon die Thatsache, daß es jetzt einen Weltgetreidemarkt giebt, und kein Staat für sich allein die Getreidepreise bestimmen kann, große Bedenken gegen ein Staatsmonopol.

Berlin, 19. Januar. Der Gesetzentwurf über die Land- wirthschaftskammern bezeichnet als Hauptaufgaben dieser Körperschaften: Hebung der auf die Besserung der Lage des ländlichen Grundbesitzes zielenden Einrichtungen, namentlich auch Förderung von entsprechenden Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung, seiner Begünstigung des technischen Fortschritts der Landwirthschaft und eventuell noch Mitwirkung bet der Verwaltung der Productenbörsen.

Deutscher Reichstag.

30. Sitzung. Freitag den 19. Januar 1894.

Am Bundesratbstische: Dr. Miquel, Graf PofadowSky u. A.

Die erste Berathung der Weinsteuer-Vorlage wird fort? gesetzt.

Abg. Zorn v. Bulach (conf.): In Süddeutschland betrachtet man den Wein als ein nothwendtges Nahrungsmittel. In Elsaß- Lothringen beträgt der Weinconsum 57 Liter pro Kopf, gegenüber nur 6 Liter pro Kopf in Gesammtdeutschland. Dabei bringt der Wein in Elsaß Lothringen schon jetzt über 2 Millionen Mk. Steuer. Wir finden, es ist genug, den Wein mit 15 pCt. zu besteuern, sobald er über 50 Mk. pro Hectoliter Werth hat. Aber da beginnen schon die Schwierigkeiten. Denn der Wein bekommt seinen Werth auf dem Weltmärkte. Der Werth kann von Jahr zu Jahr, von Stunde zu Stunde wechseln. Sie müßten der Werthsteuer halber die Pro­ducenten ständig controliren. Sie sehen das ja auch am Brannt­wein. Die kleinen Brenner in Süddeutschland beklagen sich weit weniger über die Steuer selbst, als über die Belästigung durch die Eonirole. Die Schaumweinsteuer würde unsere lothringische, im Entstehen begriffene Industrie zu Grunde richten. Ehe man den Schaumwein besteuert, müßte man doch zum Mindesten erst den Zoll daraus erhöben. Eine Kunstwem-Steuer ist unmöglich. Auch der finanzielle Erfolg der ganzen Weinsteuer ist die Belästigungen nicht werth, die mit ihr verknüpft sind.

Abg. Köpp (frs. Vg.) weist gleichfalls auf die großen Unkosten und auf die harte Arbeit beim Weinbau hin. Wenn in der Land- wtrthschast von einem Notbstande die Rede sein kann, so ist das in erster Linie bet unserem Weinbau der Fall. Wir verlangen keine Liebesgabe, wollen aber, daß man uns wenigstens mit Steuern in Ruhe lasse. Und bei dem Weinbau ist der Nothstand ein unver­schuldeter. Man hat gedacht, wenn die Weinsteuer falle, werde eine Licenzsteuer eintteten müssen. Auch diese würde den Weinbau schwer schädigen. Auch die Steuergrenze von 50 Mark ist viel zu niedrig. Redner schließt mit der Bille um Ablehnung des Gesetzes.

Director im ReichSschatzamt Aschenborn: Es dreht sich alles um die Hauptfrage, ob die Steuer auf den Winzer werde abgewälzt werde oder nicht. Man behauptet nur eine Abwälzung auf die Winzer und gleichzeichlig einen Consumrückgang. Beides ist aber unvereinbar, denn wenn wirklich zu Lasten der WWzer der Consum- preis derselbe bleibt, so braucht doch kein Consumrückgang stattzu- I

finden. Aber beide Befürchtungen erscheinen auch unbegründet, benn der Winzer verkauft meistens an dm Großhändler, und dieser braucht im Augenblicke des Einkaufs bie Steuer noch gar nicht zu erlegen, sonbern biese wird erst beim Weiterverkauf an den Confum entrichtet. Der Großhändler braucht also auch nicht auf dm Winzer zu drücken. Nach alledem möge man einen Versuch machen, sich über die Vor­lage zu verständigen. Eröffne dieselbe doch auch den Einzelstaaten und den Communen den Weg, den Wein rationell zu besteuern.

Abg. Garnp (Reichsp.): Wäre es richtig, daß die Steuer den Winzer träfe, so könnten meine Freunde und ich nicht dem Gesetz zustimmen. Allein für diese Behauptung ist kein Beweis erbracht. Bedenken erregen die Controllvorschriften wegen ihrer Strenge, die auch nicht nöthig erscheinen. Bei dem Schaum- und Kunstwein kann man das landwirthschaftliche Interesse nicht ins Feld führen, denn hier kommen hauptsächlich die gewerblichm Anlagen in Betracht. Die Production von Qualitätsweinen wird unter der Steuer nicht leiden. Die Besteuerung der Kunstweinfabrtkation kommt doch ge­rade den Winzern zu gute; die Kunstweinproduction ist sehr um­fangreich und schädigt den Weinbau.

Abg. Simonis (Els.) wendet sich zuerst gegen die Aeußerungen des Vorredners. Die Regieiung unterschätz! die sociale Tragweite der Vorlage. Die Steuer scheint so eingerichtet werden zu sollen, daß nach Belieben der Regierung die Weinsteuer stärker angezogen werden kann. Wie soll da der Weinbau gebeiben? Eigenthümlich ist eS, daß bei diesem Gesetze gar keine Fachmänner um Rath ge­fragt sind; sonst macht man uns stets den Vorwurf, daß wir mit unseren Ansichten gegen die Meinung der Techniker verstoßen; hier liegt die Sache anders, die Fachmänner haben gestern gesprochen und sämmtlich gegen die Vorlage. Besonders schädlich für die Wein­bauer wird die Preisgrenze wirken; sie wird einen allgemeinen Preisrückgang des Weins zur Folge haben, weil Jeder sich bemühen wird, die steuerpflichtige Preisgrenze zu vermeiden. Am besten wird eS sein, das Gesetz a limine abzulehnen. Objectio wird man die Vorlage betrachten müssen als eine. Mißgeburt, ohne jene beleidigmde Nebenabsicht für beteiligte Personen.

Hierauf vertagt das Haus die Weiterberathung auf morgen (Samstag) 1 Uhr. Schluß 5</< Uhr.

Nenefte Nachrichten.

Wolffs telegraphifcheS Correspondenz- Bureau.

Prag, 19. Januar. Omladinaproceß. Das Be­tragen des Angeklagten Feysar ist so unziemlich, daß der Präsident erklärte, eine solche Frechheit sei ihm noch niemals vorgekommen, und den Befehl ertheilte, daß der Angeklagte sofort abgesührt werde. Hierauf großer Lärm unter den Angeklagten. Die Vertheidiger springen empor, der Ver- theidiger Just bittet für den Angeklagten um Nachsicht, während andere Vertheidiger sich gegen Just wenden und die Angeklagten Partei für Feysar nehmen. Der Präsident erklärt, noch einmal Nachsicht walten zu laffen, worauf das Verhör beendet wird.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 19. Januar. In parlamentarischen Kreisen ver­lautet, daß gegenwärtig Verhandlungen zwischen Mitgliedern der conservativen Partei und dem Staatssecretär des Reichs­schatzamtes, Posadowsky, stattfinden, welche sich auf die beab­sichtigte Aufhebung des Identitätsnachweises be­ziehen. Die Centrumsfraction des Abgeordnetenhauses hat die Abgeordneten Heeremann und Glisczynski einstimmig als Vorsitzende wiedergewählt, ebenso die Mitglieder des Vorstandes und des Seniorenconvents. Zum Vor­stand gehören auch Huene und Ballestrem. Die Budget- Commission des Reichstags nahm heute den Antrag Möller und Singer an, wonach im nächsten Etat die mittleren und unteren Postbeamten, soweit es möglich sei, nach den Dienstaltersstufen besoldet werden sollen. Hierauf fand eine längere Debatte über die Sonntagsruhe der Beamten statt. Der Regterungscommissar erklärte das Unterlassen der Packet- beförderung an Sonntagen für undurchführbar. Der Reichsanzeiger" veröffentlicht ein Gesetz, betreffend die Ge­währung von Unterstützungen an Invaliden aus dem Kriege von 1870 und deren Hinterbliebenen.

Erfurt, 19. Januar. Nach einer authentischen Meldung derThüringer Zeitung" treten vom 1. April 1895 an Stelle der bisherigen 11 Dtrectionsbezirke 26 kleinere Bezirke mit 26 Eisenbahndirectionen. Dieselben ressortiren direct vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Die Verkehrscontrolen, Tarifbureaus, Drucksachen werden centralisirt. Erfurt erhält eine Direction.

Frankfurt a. M., 19. Januar. Der Belgrader Corre- spondent derFranks. Ztg." versichert, aus authentischer Quelle erfahren zu haben, daß Exkönig Milan seinen Sohn in dringlichster Weife vor jedem inconstitutionellen Schritte warnte und ihm den Rath ertheilte, nur in Uebereinstimmung mit den parlamentarischen Factoren vorzugehen. König Alexander gab im Laufe des gestrigen Tages seinem Vater die telegraphische Versicherung, daß er seinen Rath befolgen | werde.

Wien, 19. Januar. Nach Mittheilung derA. W. Z." soll sich die Kriegsverwaltung ernstlich mit der Frage bezüg­

lich der Anschaffung von Winteruniformen für die ge- sammte Armee beschäftigen.

Prag, 19. Januar. Der Präsident des Strafgerichtshofs verlas heute im Omladinaprozeß ein anonymes Schreibe«, in welchem die beiden Staatsanwälte mit dem Tode be­droht werden. Die Entrüstung im Publikum ist groß.

Prag, 19. Januar. Bei der heutigen Gerichtsverhand­lung gegen die Omladiniften wurden die Angeklagte« Simaczek, Pospischil, Kradek und Kunisch verhört. Alle vier leugnen jede Antheilnahme an den stattgehabten Exceffen der Omladina und bestreiten entschieden, daß die letztere ein Ge­heimbund sei und die Bedeutung einer politischen Fraktion besitze. Die Angeklagten ließen sich in schärfster Weise gegen den ermordeten Rudolf Mrva aus- der Präsident rief sie wegen dieser Aeußerungen zur Ordnung.

Budapest, 19. Januar. Infolge der andauernden Futter- uoth in Böhmen berief die Generaldirectton der Staatsbahn sämmtliche österreichische Bahuverwaltungen zu einer Sitzung, in welcher weitere Frachtermäßigungen für Futter- und Streumittel beschlossen wurden.

Paris, 19. Januar. Der parlamentarische ArbeilS- rat h ist zusammengesetzt aus 17 Republikanern, 2 Ralliirten, 11 Radicalen und 3 Socialiften.

Paris, 19. Januar. Die Schutzzöllner haben bet der gestern in der Deputirtenkammer gewählten Commission für Zollangelegenheiten 28 von 33 Sitzen erhalten. Es wurde beschlossen, die Getreidezölle baldigst zu erhöhen.

Florenz, 19. Januar. Der Ausstand in Toscana scheint endgiltig, Dank der Energie der Regierung, nieder- geworsen zu sein. Die Aufrührer sind in die Berge geflohen. Verschiedene Blätter verzeichnen das Gerücht, alle Revolten seien von der französischen Regierung inscenirt worden, welche im Höhepunkte der Verwirrungen einen militärischen Hand­streich auszuführen beabsichtigt habe.

Zur wirthschaftlichen Krisis in Deutschland.

Es ist vielleicht einer der größten Fehler, daß die seit längeren Jahren in Deutschland andauernde wirthschaftliche Krisis mit vielen anderen Fragen verknüpft oder vom Stand­punkte jeweiliger Berufsinteressen aus behandelt wird. Ein Blick auf die öconomische Situation sämmtlicher Culturstaate« zeigt nämlich, daß sie alle von einer großen Krisis betroffen wurden, und diese Thatsache beweist doch wohl, daß nicht die Handelspolitik der einzelnen Staaten, die ja bekanntlich sehr verschieden ist, sondern eine große gemeinsame Ursache die ganze Krisis heraufbeschworen hat. Viele Geschäftsleute und Landwirthe nennen diese Ursache Ueberproduction an Gütern. Diese Erklärung ist nicht ganz unrichtig, aber sie trifft doch nicht den Nagel auf den Kopf, denn seltsamer Weise tritt daS Maffenangebot an Waare, z. B. auf dem Getreidemarkt, gerade oft dann am stärksten hervor, wenn man das Gegen-- theil davon erwartet. Wir möchten deshalb behaupten, daß die Krisis ihren Grund in dem Eintritte in die Periode der Weltwirthschast hat, daß in Folge der großen Vervollkommnung der Verkehrsmittel jedes Angebot, jede Nachfrage und jede Preisbildung nach den Gesetzen des Weltmarktes mit erhöhten und rascherem Drucke stattfindet und daß die Krisis das noch nicht genügend vollzogene Einrichten des Marktes und der Production der einzelnen Staaten auf den Weltmarkt und die Weltwirthschast bedeutet. Inwiefern kann nun ein besseres Einrichten und Anpassen der einzelnen Staaten an die günstigen und ungünstigen Einwirkungen des Weltmarktes stattfinden? Giebt man die'staatlichen Schutzzölle ganz preis, so würde man allerdings die billigste Waare bekommen, aber viele industriellen Productionsgebiete mit sämmtlichen land- wirthschaftlichen Productionen würden total unrentabel werden. Erhöht man aber die Schutzzölle bis zum Fernhalten der auswärtigen Producte, so schraubt man den Jnlandsmarkt auf eine Preishöhe, die jeden Export verhindert und zumal die Industrie vollständig lahm legen würde. Da nun Deutsch- land nicht mehr allein Ackerbaustaat, sondern auch Jndustrie- und Handelsstaat geworden ist, und die meisten anderen Staaten Europas aber bezüglich der Production (England und Frank« reich ausgenommen) noch nicht auf der Höhe Deutschlands stehen, so sind Handelsverträge, welche den wichtigsten land­wirthschaftlichen und industriellen Producten, welche in Deutschland viel gebraucht werden, einen namhaften Schutz, allen anderen Producten aber einen leichteren Absatz nach dem Auslande gewähren, die einzig richtige Lösung der Krisis.

totales unö provinzielles.

Hießen, den 20. Januar 1894.

** Gabelsbergrr Stenographen Verein Gießen. Einen sehr genußreichen Abend bot den am 18. ds. Mts. im Vereins-