Ausgabe 
20.12.1894 Erstes Blatt
 
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Wr 298

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamirteuv kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.

Erstes Blatt. Donnerstag den 20. December___________

Gießener Anzeig er

Aenerat-Wnzeiger.

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viert ekjShrig« ASonnementrpretsr 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

-chukstraße Zlr.7.

Fernsprecher 51.

Amts- «nd Anzeigeblatt für den Kreis Gieszei».

Deutsches Reich.

Magdeburg, 16. December. Das kriegsgericht­liche Urtheil gegen die auf der hiesigen Cttadelle inhaf. tirten Oberfeuerwerksschüler ist gestern gefällt worden. Die Verhandlungen dehnten sich, derMagdeb. Ztg." zufolge, bis in die zehnte Stunde aus. Die höheren Justizbeamten des Kriegsgerichts sind bereits gestern Nacht nach Berlin zurückgekehrt. Selbstverständlich ist über das Urtheil selbst hier nichts bekannt geworden. Die Feuerwerker befinden sich noch in der Cttadelle. Wann die Freigesprochenen entlasten werden, darüber kann man auch nichts sagen, die aus Baden und Württemberg stammenden sind bereits in der vergangenen Woche entlasten worden. Wie es heißt, sollen Mitte nächster Woche die sonst in der Cttadelle einquartirten Infanteristen ihre alten Quartiere wieder beziehen.

Die große Strafexpedition, welche kürzlich vom General-Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Obersten v. Scheele, gegen die Wahehe unternommen worden war, hat ihren Zweck nur sehr unvollkommen erreicht. Denn die Zerstörung der Hauptstadt der Wahehe, Kuirenga, und die von ihnen erlittenen empfindlichen Verluste haben auf die wettere Haltung dieses Räubervolkes durchaus keinen nachhaltigen Eindruck geäußert. Wie aus Ostafrtka ge­meldet wird, haben die Wahehe ihre Raubzüge schon wieder ausgenommen und benehmen sich höchst herausfordernd gegen die Deutschen, so daß ein abermaliger Zug gegen sie wohl unvermeidlich sein wird. Wie verlautet, beabsichtigt Oberst v. Scheele tn der That, einen zweiten Kriegszug in das Land der Wahehe auszuführen, wozu der Gouverneur schon die nöthigen Vorbereitungen treffen soll. Ob die neue Ex-

Gratisbeilage: Gießener Aamitienbkätter

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Mantel Waffenrock Tuchhose Halsbinde Hemd Unterhose

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1 Leibriemen mit Tasche und Schloß

1 Säbeltroddel

Nr. 44 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 15. d. M., enthält: Ä m .

Nr. 2203: Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien über die Auslieferung der Verbrecher zwischen den deutschen Schutzgebieten, sowie anderen von Deutschland abhängigen Gebieten und den Gebieten Ihrer Großbritannischen Majestät. Vom 5. Mai 1894.

Gießen, am 19. December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Besondere Kennzeichen: Tätowirung in Herzform auf linken Arm.

Bekleidet war derselbe mit:

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IIII.

n.

Gießen, den 18. December 1894.

Seit.: Die Regelung der Sonntagsruhe im Müllereigewerbe.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzen

e* Die «r»tzh. R arger meiner eie* de« «reife«.

Steckbrief.

Der unten näher bezeichnete Musketier Wilhelm Pfeiff der 6. Compagnie Infanterie - Regiments Graf Barfuß (4. Westfälischen) Nr. 17 ist, nachdem derselbe am 12. dss. Mts. während des Gefechtsschießens bei ChAteau Brehain Poften gestanden hat, bis jetzt noch nicht zurück- gekehrt und ist daher der Fahnenflucht dringend verdächtig.

Sämmtliche Militär- und Civilbehörden werden ergebenst ersucht, auf den rc. Pfeiff zu vigiliren, ihn im Betretungs- falle zu verhaften, und durch die nächste Militär-Behörde hierher transportiren zu lassen.

Mörchingen, den 16. December 1894.

Königliches Commando des Infanterie-Regiments Graf Barfuß (4. Westfälischen) Nro. 17.

Signalement.

Vor- und Familiennamen: Wilhelm Pfeiff.

Alter: 23 Jahre, 4 Monate, 14 Tage.

R. II. B. 6

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N. II. B. 6

R. II. B. 6

R. II. B. 6

All« Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Helm, gestempelt: 17 I. R. II. B- 6 C. II 17 I. R. II. B. 6 C. III.

----" C. UHL

Amtlicher Theil.

Gießen, 18. December 1894. «etr.: Die Kranken-, Jnvaliditäts- und Altersversicherung der Kreisstraßenwarte.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzeu an die Grosth. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Sie wollen den Gemeinde-Einnehmer anweisen, bezüglich der bis Ende December 1894 für die Kreisstraftenwarte vorlagsweise gezahlten Beiträge zu den Kosten der Gememde- krankenversicherung und zwar für 51 Wochen, sowie derjenigen für Jnvaliditäts- und Alters-Versicherung mit der KrerSkasse abzurechnen und die Vorlagen gegen Abgabe der Quittungen hierüber, zu welchen die den Gemeinde-Einnehmern demnächst zugehenden Formularien zu benutzen sind, in Empfang zu "^Wir sehen Ihrem Bericht darüber, daß die gedachte Ab- \ rechnung erfolgt ist, bis spätestens 1. Februar 1895 entgegen, f v. Gagern.

Wir sehen binnen 8 Tagen Ihrem Berichte darüber : entgegen, ob und welche Mühlen in Ihrer Gemeinde resp. ! Gemarkung bestehen, welche ausschließlich oder vorwiegend ! mit durch unregelmäßige Wasserkraft bewegten Trieb, werten arbeiten.

Unregelmäßig ist jede Wasserkraft, welche dem Be­triebe nicht jederzeit regelmäßig oder in vollem Umfange zu Gebot steht. Sie ist namentlich dann vorhanden, wenn bei ordnungsmäßiger Benützung der vorhandenen Sammel- und Stauvorrichtungen in einem nicht unerheblichen Theile des 1 Jahres wegen der Schwankungen in der Art und dem Maße des Wasserzuflusses dem Triebwerke weniger Wasser zugeführt wird, als nach den vorhandenen Einrichtungen zum Betriebe erforderlich ist.

Sollten solche Verhältnisse bei einer Mühle in Ihrer Gemarkung vorkommen, so wollen Sie den Grund der Un­regelmäßigkeit genau anführen.

v. Gagern.

Dienstzeit: 2 Jahre, 1 Monat, 9 Tage. Größe: 1 Mtr. 645 cm.

t Ort: Beltershain, Vaterland: \ Ärei6; Gießen. Religion: evangelisch.

Profession: Fabrikarbeiter.

Haare: dunkel.

Stirn: frei.

Augen: schwarz.

Augenbrauen: schwarz.

'Nase: gewöhnlich.

Mund: gewöhnlich.

Zähne: voll und gesund.

Bart: kleiner schwarzer anfangender Schnurrbart.

Kinn: gewöhnlich.

Gesicht: gewöhnlich. Gesichtsfarbe: blaß. Gestalt: mittel.

Feuilleton.

Weihnachtsbilder.

(Nachdruck verboten.)

I.

Die Weihuachtspuppe.

E. Welche Fülle von Spielarten schließt der Begriff WeihnachtSpuppe" in sich? Wenn w'r sie alle an unserem Auge vorbeiziehen lassen, so werden wir gewahr, daß das Scepter der Mode auch auf diesem Gebiete die größten Um- Wälzungen zu Wege gebracht hat.

Wo sind die Zeiten hin, da die schlichte Holzpuppe und die ebenso nüchterne Lebkuchenpuppe daS Helle Entzücken der Kinderwelt wachrufen konnte! Unsere Großmütter müssen wir fragen, wenn wir uns Bescheid holen wollen über jene ältesten und primitivsten Puppenformen, denn in den Spielwaarenläden der mittleren, großen und größten Städte bekommen wir sie schwerlich noch zu sehen. Vielleicht, daß auf einem bescheidenen Christmarkt, in den kleinen Buden, an welchen das zahlungsfähige Publikum schnell vorüber- hastet, hie und da eine solche überlebte Puppenfigur auf­taucht ! Heber die Holzpuppe mit ihrer grellrothen Bemalung hinaus führt dann die Porzellanpuppe, der wieder von Ihrer vornehmeren Schwester, der Wachspuppe, der Platz sortgenommen wird.

Galt ehedem schon diePuppe zum Aus- und Anziehen als ein kleines Wunder in der Kinderwelt, so ist dieses Wunder längst überholt und übertrumpft durch dieAugen auf und zu machende", diePapa und Mama sagende" und mitwirklichem" Haar auSgestartete Puppe. Die neueste Errungenschaft besteht augenblicklich in einer Puppe, die einen ganzen Phonograph m sich trägt und vermöge dieses Apparats sprechen, beten und fingen kann. Wer Phantasie besitzt, kann aus den quiksenden Lauten dieser Puppe das LiedchenKommt

ein Vogel geflogen" und das GebetMüde bin ich, geh zur , Ruh" . . . undeutlich heraushören. Dreißig Mark kostet der Spaß. Wer nicht gerade auf das Neueste und Sensationelle erpicht ist, wird ihn für den zweifelhaften Genuß etwas zu theuer finden. Weir ästhetischer berührt uns hingegen eine andereWunderpuppe", welche, kraft der Anwendung eines sehr einfachen mechanischen Gesetzes, sobald man sie an der Hand führt, kleine, allerliebste Schritte macht, also wirk­lich geht!

Zu denNovitäten", welche wir hauptsächlich nur m den Läden der Weltstädte antreffen, gehören auch noch immer die meist auf Bestellung gearbeiteten historischen Puppen. Da haben wir eine Puppe, die als Königin Luise, eine andere, die als Frau Rath Goethe gekletdet ist rc. rc. Auf den ersten Blick präsentirt sich der Einfall ganz originell, aber im Grunde widerstrebt er der Idee der Puppe. Diese soll nichts Fertiges sein, nicht eine bestimmte Figur, sie em­pfängt ihr Wesen und ihre Bedeutung erst durch das Spiel des Kindes und dieses verfolgt in der Regel doch kein anderes Ziel, als in der Puppe ein Kind zu sehen, welches gewiegt, gehätschelt nnd geputzt sein will. Mit den ernsten Costüm- figuren hört selbstverständlich solch kindliches Spiel auf. Die Garderobe der Puppe ist ein sehr wichtiges Moment und die Erfindungskunft ist hier wahrlich auch nicht müßig ge­wesen. Vom ausgesprochenen Babyanzug bis zum Staat der Balldame findet sich alles beisammen, was nur irgend den Sinn reizen kann. Ein Zuviel macht sich leider auch hier bemerkbar. Ich will nicht davon sprechen, daß die Menge der Kinkerlizchen und bunten Fähnchen, die da in so graziöser Anordnung geboten werden, der Börse der Eltern erhebliche Mehrausgaben stellen unsere Industriellen wollen auch leben und schließlich muß jeder selbst am besten wiffen, wie weit er bei den Weihnachtseinkäufen gehen kann ich möchte nur darauf Hinweisen, daß bei dieser Fülle fertiger Toilettengegenstände für die Puppen und Püppchen der eigenen

Erfindungsgabe der Kleinen fast gar kein Spielraum mehr gelaffen wird und das muß dazu beitragen, einen unsteten, flackrigen Sinn und Oberflächlichkeit zu erzeugen.

Mit der Puppe selbst und ihrem Anzuge hat sich natur­gemäß auch die Wohnung verändert und ist zu den Be- dürfniffen des modernen Luxus aufgestiegen. Das kleine, bescheidene Puppenstübchen mit seinen glatten drei Wänden und jener bürgerlichen Ausstattung, die im Allgemeinen den Character derBerliner guten Stube" trug, ist zwar auch noch vorhanden, muß sich aber verstecken vor den großen Prunkstücken, die alsPuppenhaus", Villa, Schloß rc. die Blicke auf sich ziehen. Ein dreistöckiges Haus, nach den modernsten Bedürfnissen eingerichtet, kostet die Kleinigkeit von 120 Mk. Aber neben dem Wohnhaus hat die Spielwaaren- industrie noch eine Menge anderer Gebäude gestellt, die eine frühere Zeil in diesen Miniaturausgaben auch noch nicht kannte. Da blitzt uns ein ganzes Oeconomiegebäude entgegen mit sauberen Stallungen, Milchkammern, Tauben­schlag rc. rc. Wenn uns auf diese Weise der Segen des Landlebens vor Augen geführt wird, so bringt und ein nied­liches Modewaarengeschäft in nächster Nachbarschaft die Bedürfnisse der Stadtpuppe zur Anschauung, und eine Markthalle versetzt uns mitten in das Treiben der Groß­stadt. Das find die Ableger, welche die primitiven Formen Puppenstube" undKaufladen" getrieben haben.

Und nun gar erst die Einrichtung von Stube und Küche! Ueber den Küchenschrank der Puppe ließe sich heute schon eine besondere Plauderei schreiben. Das ent­zückendste Porzellan wetteifert mit den zierlichsten Messern, Gäbelchen, Löffelchen rc. rc. In den Zwerghaushalt hat man nun auch schon Thermometer, Eismaschine, Fruchtpresse u. dgl. geschafft. Was soll eigentlich noch weiter kommen? Wir wissen es nicht.

(Fortsetzung'folgt.)