Nr. 246
Der Hleß-ner Anzeiger crscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Ilamitien ötällcr werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelegt.
Erstes Blatt. Samstag den 20 October
1894
Gießener Anzeig er
Kenerat-Unzeiger.
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chrafisöeikage: Hießener KamitienbkäLter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
JJmtlid?«*» Theil.
Gießen, den 17. Oct ob er 1894.
Betr.: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.
Die
Grotzh. Kreis-Schulcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Die eingesandten Schülerverzeichnisse werden in den ersten Tagen br. m. an Sie zurückgehen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend die Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach, hier die Arbeiten des III. Abschnittes vom I. Felde.
Es wird hiermit zur Kenntniß der Betheiligten gebracht, »aß die rubr. Arbeiten, nämlich:
1. Die Zutheilungskarten,
2. Das Zutheilungsverzeichniß,
3. Die Gütergeschoffe,
4. Das AbschätzungSverzeichniß der übergehenden Obstbäume,
5. Das Besitzstandsverzeichniß über die aus der Gemarkung Garbenteich infolge GemarkungSgrenzregu- lirung zugezogenen Grundstücke,
6. Das Protokoll der Commission vom 11. August 1894 über verschiedene Abänderungen am Meliorationsplane,
in der Zeit vom 23. ds. Mts. bis einschließlich 5. November 1894 auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Steinbach zur Einsicht offen liegen und daß vom 1.—3. November ein Geometergehilfe zur Auskunfts- ertheilung bereit sein wird.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen gegen rubr. Arbeiten wird auf Mittwoch, den 7. November er., Vormittags von 10—12 Uhr im Rathhanse zu Steinbach anberaumt und weise ich die Bethelligten noch besonders darauf hin, daß dis Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschloffeü sind.
Gießen, den 18. October 1894.
Der Pollzugs-Commifsär Dr. Wallau.
Deutscher Reich.
Berlin, 18. October. Kaiserin AugusteVictoria tritt am bevorstehenden Montag in ihr 3 7. Lebensjahr ein, aus welchem Anlaß daS deutsche Volk im Geiste der erlauchten Monarchin seine herzlichsten Wünsche darbringt. Längst hat sich ja die regierende Kaiserin durch die sie zierenden mannigfachen persönlichen wie häuslichen Tugenden, vor Allem aber durch die echt menschliche Theilnahme, die sie den Unglücklichen, den Verlassenen und Elenden entgegenbringt, die innigste Zuneigung und die unbegrenzte Hochachtung der weitesten Volkskreise erworben. Lebhaftes Interesse nimmt man daher in der Nation an allen öffentlichen Acten und Handlungen der hohen Frau, wie an dem so überaus glücklichen Familienleben, welches sie an der Seite ihres kaiser- l.chen Gemahles und umgeben von einer blühenden Kinderschaar führt. Möge der Pfad der allverehrten Kaiserin auch in dem anhebtnden neuen Lebensabschnitte nur stets ein sonnenbeglänzter fein!
Ausland.
Paris, 18. October. Die Frage, ob die Franzosen einen Krieg gegen Madagascar werden führen müssen oder ob die Beilegung der französisch-madagassischen Differenzen noch gelingen wird, steht unmittelbar vor ihrer Entscheidung. Der Spectalgesandte Frankreichs, Le Myre de Vilers, hat ber Howas-Regierung in Tanamarivo das Ultimatum Frankreichs überreicht. Dasselbe fordert das vollständige und facttsche Protectorat Frankreichs über Madagascar und Zu« laffung einer französischen Garnison in der Hauptstadt Tana- nartvo. In Paris sieht man einer ablehnenden Antwort der HowaS. Regierung entgegen, weshalb denn auch die fran- zöstschen Expeditionstruppen nach Madagascar zur sofortigen Einschiffung bereitstehen.
Petersburg, 18. October. In dem Auf undNieder der Meldungen über das Befinden des Czaren gelangen endlich die düsteren Nachrichten zum Uebergewicht- ein officielles Petersburger Bulletin giebt jetzt selber zu, daß die Nterenkrankhetl des russischen Herrschers sich nicht gebessert hat und daß seine Kräfte im Schwinden begriffen sind. Wenn trotzdem von der angeblich am Mittwoch erfolgten
Abreise des Czaren von der Krim nach Corsu gerüchtweise verlautet, so würde dies wohl nur beweisen, daß die Aerzte einen letzten verzweifelten Versuch machen, dem schwer leidenden 1 Monarchen durch die Ueberführung nach Corsu wenigstens ! Linderung zu bringen.
Neueste Nachrichten»
Wolffv teiegr«pbischeS -oriespondorz-Bureau
Berlin, 18. October. Die „Kreuzzeitung" meldet: Der Viceadmiral z. D. Henk ist gestern gestorben.
Berlin, 18. October. Der Colonialrath erledigte i in der heutigen Vormittagösitzung zunächst die zur Begut- ( achtung vorgelegten Etatsentwürfe für Kamerun, Togo und ! Südwestafrika. Der Etat von Kamerun gab Anlaß zu ein- , gehender Berathung, namentlich wegen der Vorschläge zur Erschließung des Hinterlandes. Woermann warnte vor Entsendung einer größeren kriegerischen Expedition und wünschte kleinere, ausschließlich für Handelszwecke. Bei der Berathung des Etats für Südwestafrika wurde die Frage einer besseren Schiffspostverbindung sowie der Besiedelung bis zur Berathung der Vorlagen verschoben. Am Nachmittag erfolgte die Berathung und Beschlußfassung über Regelung der Auswanderung nach den Schutzgebieten. Der Colonialrath empfiehlt, gesetzlich anzuerkennen, daß die Ueberfiedelung Reichsangehöriger in deutsches Schutzgebiet nicht als Auswanderung zu betrachten sei, ferner die Ueberfiedelung möglichst zu erleichtern, insbesondere die Leistung der allgemeinen Wehrpflicht in den Schutzgebieten zuzulassen.
Berlin, 18. October. Der berüchtigte Berliner Bankier Hugo Löwy ist aus dem Zuchthause in Rawitsch entflohen. Mit ihm ist ein Wärter verschwunden.
Berlin, 18. October. Die Entweichung des früheren Bankiers Hugo Loewy aus dem Zuchthause in Rawitsch soll mit Hülfe eines Gefängnißbeamten erfolgt sein, der gleichzeitig verschwunden ist. Man nimmt an, daß Beide über die russische Grenze gegangen sind. Das umlaufende Gerücht besagt, daß es sich um einen lang vorbereiteten Plan handele, zu dessen Gelingen der durch die Macht des Geldes verführte Gefängnißbeamte mitgearbeitet habe. Es wird erzählt, daß eine Summe von 25,000 Mark das Lockmittel gewesen sei, dem der Aufseher erlegen sei. Inwieweit dies indessen zutrifft, wird erst die Untersuchung ergeben.
Berlin, 18. October. In einer Zuschrift an die „Berliner Zeitung" erklärt Virchow bezüglich seiner Stellung zu dem Werthe des Diphtherie-Heilserums, es sei ein Jrrthum, ihn für das Heilmittel ungünstig gestimmt zu halten. Er meine nur, die bisherigen Erfahrungen gestatteten noch nicht ein Urtheil über die Dauer der Immunität beim Menschen und über die erforderliche Dosengröße. Er meine ferner, daß die Heilwirkung keine absolute sei, sowie daß es nicht sicher zu beurtheilen sei, wann diese erwartbar ist. Nichtsdestoweniger halte er es für eine zwingende Pflicht, das Mittel anzuwenden. — Die Stadtverordneten genehmigten heute 6000 Mark zur Beschaffung von Heilserum für die städtischen Krankenanstalten.
Potsdam, 18. October. Anläßlich der heutigen Fahnenweihe sand um 5 Uhr Nachmittags im neuen Palais ein Diner von 300 Gedecken statt, an dem außer dem Kaiser, der Kaiserin und dem König von Serbien die zur Fahnenweihe anwesenden deutschen Fürstlichkeiten, Prinzen und Prinzessinnen sowie die Generalität rc. theilnahmen. Der Kaiser brachte unter Hinweis auf die besondere Bedeutung des Tages einen warmen Trtnkspruch auf die Armee auß.
Potsdam, 18. October. Der Kaiser verlieh dem König von Serbien den Schwarzen Adlerorden.
Elbing, 18. October. Bei der Landtags-Ersatzwahl für Elbing-Marienburg fielen von 314 Stimmen 298 auf den Landrath a. D. Rittergutsbesitzer Birkn er- Cadinen (conservativ und Agrarier). Rechtsanwalt Stadtrath Wagner-Graudenz, der Candidat der Nationalliberalen, erhielt j 16 Stimmen.
Tiflis, 18. October. Bei dem Brande einer Naphta- fontaine in Grosny find 17 Arbeiter verbrannt.
Petersburg, 18. October. Dem „Regierungsboten" zufolge macht die Braut des Thronfolgers, Prinzessin Alix von Hessen, bemerkenswerthe Fortschritte in ber ' Erlernung der russischen Sprache. Dieselbe habe sich bis ! zum October, erst in England und dann in Deutschland, eifrig mit der Geschichte ber Glaubenslehre unb der Liturgie ! ber orthodoxen Kirche beschäftigt. Die erfolgreiche Absol- . virung dieser Beschäftigung, welche der ProtopreSbyter ' Janyschew leitete, habe letzterem gestattet, sich gegenwärtig nach Livadia zu begeben, um das Amt des Religionslehrers der Kinder des Kaiserpaares wieder aufzunehmen.
Ncwyork, 18. October. Gestern versammelte sich eine große Menge vor dem Gerichtshause ber Stadt Washington in Ohio, um einen wegen eines Sittlichkeitsvergehens zu Zuchthaus veruriheilten Neger zu lynchen. Die Miliz feuerte auf bie Menge, wobei fünf Personen getöbtet unb 23 verwunbet wurden. In ber Stabt herrscht große Aufregung. Gestern Abend um 11 Uhr war das Gerichtshaus noch von der Menge umlagert.
Tientsin, 18. October. Reutermeldung. Nach einer Depesche aus Port Arthur vom 16. d. M. verließen die Japaner Thornton Haven in der Bah von Korea und begaben sich nach Taitong, welches sie befestigten. Gerüchtweise verlautet, daß am 15. ds. Mts. eine große Schlacht nördlich vom Aaluflusse ftattgefunben habe, doch fehlen Einzelheiten. Die chinesischen Beamten wissen von dem Gerüchte nichts. -
WB. Petersburg, 19. October. Das „Nordbureau" meldet, daß bis Abends 7 Uhr im Befinden des Kaisers keine Veränderung eingetreten sei.
Devefchen bei Burern „Herold^.
Darmstadt, 18. October. Hier treffen über das Befinden des Czaren sehr schlechte Nachrichten ein. Prinzessin Alix reist morgen in Begleitung ihrer Schwester nach Livadia. (S. Privatdepesche.)
Berlin, 18. October. Bei der heute programmmäßig verlaufenen Fahnenweihe hielt der Kaiser eine Ansprache an die Truppen, wobei er an den 18. October als Gedenktag für Heer und Land erinnerte. Ferner gedachte der Monarch seines Großvaters, welcher im Jahre 1861 ebenfalls am Denkmal Friedrichs des Großen die Fahnenweihe vollzog. Im weiteren Verlauf seiner Rede äußerte sich ferner der Kaiser wie folgt : „Der heutige Tag erinnert daran, daß damals wie heute die Reorganisation des Heeres oft wiß* verstanden und in ungerechter Weise bekritelt ward. Die Ereignisse haben aber meinen Großvater gerechtfertigt und es hat sich gezeigt, daß damals wie heute die einzige Säule das Militär ist- wie zu jener Zeit, so herrscht auch heute noch Zwietracht im Volke. Von Euch verlange ich aber unbedingten Gehorsam, Treue bis in den Tod und ferner, daß Ihr den Fahnen folgen werdet gegen jeden äußeren unb inneren Feind.
Berlin, 18. October. Dem Vernehmen nach hat der Reichskanzler bisher noch nicht entschieden, ob gegen baß Urtheil der Potsdamer Disciplinarkammer in Angelegenheit des Kanzler Leist Berufung an den Disciplinarhof in Leipzig erhoben werden soll. — Der Co l onialr ath ist heute im Auswärtigen Amt zusammengetreten.
Berlin, 18. October. Der „Vorwärts" bringt in seiner heutigen Nummer einen Geschäftsbericht des social- demokratischen Parteivorstandes pro 1893/94. Derselbe, welcher für den Frankfurter Parteitag bestimmt ist, gibt bie Einnahmen der Parteikasse auf 330877.18 Mk. an. Gegen 19 Parteiblätter wurden mit 45 000 Mk. fuboentlonirt. Der Reingewinn beß „Vorwärts" stellt sich in biefem Jahre auf 47 504.50 Mk.
Berlin, 18. October. Die Criminalpolizei ist fortwährend mit neuen Erhebungen und Haussuchungen beschäftigt, welche mit dem im nächsten Monat zu verhandelnden großen Wucherprozeß gegen den verhafteten Bankier Treuherz unb dessen 7 ebenfalls verhafteten Genossen im Zusammenhang stehen. Treuherz, der Hauptangeklagte, ein mehrfacher Hausbesitzer, wirb von Rechtsanwalt Friedmann verthetdigt.
Berlin, 18. October. Die Blätter bringen heute weihevolle Artikel zum Gedächtniß des Geburtstages deS Kaisers Friedrich.
Berlin, 18. October. Nachrichten aus Petersburg zufolge hat sich der Zustand beß Czaren merklich verschlimmert, bie allgemeine Schwäche unb bie Herzschwäche sollen zugenommen haben. — Der Thronfolger soll schon Inden nächsten Tagen zum Regenten ernannt werden. Als Mitregenten werden die Minister Woronzow-Daschkow, Pobjedo- noszew, Durnowo, Witte, WannowSki und ber Staatssecretär Kulmosin functioniren.
Brüssel, 18. October. „Patriote" sagt, wenn die ßibet ralen am nächsten Sonntag für bie Socialisten stimmen, wie es liberale Blätter verlangen, so wird bie socialistische Revolution in Belgien zuerst ausbrechen unb bie preußischen Ulanen über die Grenze rücken.
Brüssel, 18. October. Das Organ ber christlichen De- mokraten „Union" fordert in einem längeren Artikel die Liberalen auf, ihre Stimmen im eigenen Interesse am nächsten Sonntage für die Katholiken abzugeben. Die Republik stehe in Aussicht, wenn nicht die socialistischen Elemente


