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20/09/1894 Erstes Blatt
 
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1894

Donnerstag den 20. September

Nr.Mtt Erstes Blatt.

Gießener Anzeiger

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Wolff« telegrnphtsche« Lorrespond-n-- Burenn

Berlin, 18. September. DerReichsanzeiger" meldet: Wegen der Klauenseuche in mehreren Schweinebeständev ist der Centralviehhof vom 17. September ab auch für den Abtrieb von Schafen und Rindern gesperrt.

Paris, 18. September. Casimir Perier hielt tn Vaujours bei dem Frühstücksmahl', baß zu Ehren der Oberosfiziere veranstaltet war, eine Rede, tn der er auS- führte: Er wolle durch seine Anwesenheit bei den Festungß- manövern bekunden, daß die öffentlichen Gewalten und die ganze Nation mit lebhaftester Empfindung und mit Vertrauen die Thätigkeit der Heerführer und Soldaten begleiten. Er wolle dem tapferen General und treuen Freunde, der die Operationen leite, sowie Allen, die den General unterstützen, seine vollste Sympathie bekunden. Die französische Jugend bilde sich bei den Manövern für den Frieden und den Krieg aus. Die Liebe zum Vaterlande, die Achtung vor den Ge­setzen und die Unterwerfung unter die rechtmäßige Autorität seien Tugenden des Soldaten wie des Bürgers. Der Prä­

friedens nur noch verstärken.

Diese Stimmung kann auch durch die Betrach­tungen, welche Graf Kalnoky im letzten Theile seines Exposes über Serbien, Bulgarien und Rumänien anstellte, nicht weiter beeinträchtigt werden. Hinsichtlich Serbiens bemerkte Kalnoky ausdrücklich, daß das Verhältniß Oesterreich.Ungarns zu diesem Balkanstaat ein viel besseres, als es vor !Vz Jahren gewesen, geworden sei. In Betreff Bulgariens erwähnte er den in Folge des Sturzes Stambuloffs eingetretenen Um­schwung in den innerpolitischen Verhältniffen dieses Landes, wobei Kalnoky dem festen Regime Stambuloffs rückhaltlos Anerkennung spendete. Doch sprach er die Zuversicht aus, daß Bulgarien nach den bevorstehenden Wahlen wieder zur Ruhe gelangen und daß auch unter demneuen Cours" sich nichts Wesentliches in der bulgarischen Gcsammtpolitik ändern werde. Lebhaftes Lob spendete der österreichische Minister schließlich der dreibundsfreundlichen und loyalen Haltung Rumäniens, freilich fehlte es nicht an einem deutlichen Wink für die rumänische Regierung, die gegen Ungarn gerichteten Wühlereien gereifter Elemente in ihrem Lande ja hübsch zu überwachen. r .

Den Schluß der Kalnoky'schen Rede füllten in der Hauptsache handelspolitische Ausführungen aus, die in ihrem Ausgange indessen wieder rein politisch wurden. Einerseits erklärte Graf Kalnoky, daß Oesterreich-Ungarn nach tote vor daran festhalte, es dürfe keinerlei fremde Einmischung in die innere Entwickelung der Balkanstaaten, speciell Bulgariens und Serbiens, stattsinden. Andererseits versicherte er, die Gerüchte über eine geplante förmliche Annexion Bosmens durch Oesterreich seien völlig unbegründet, die österreichtsche Regierung denke an keine Veränderungen in den bestehenden staatsrechtlichen Verhältnissen der coupirten Provinzen.

Annahm« von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

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Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das i. Vierteljahr 1894 laden wir hiermit ergebenst ein Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrrch- tcn-Bureaus sowie zahlreiche Mittheiluugen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist derGießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur' Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigclegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine

Dretbundrpovrik Kalnokys. Der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten des DonaukaiserreicheS knüpfte ,unächst an die frledekündenden Aeußerungen des Kaisers Franz Josef beim Empfange der Delegationen an und konnte Graf Kalnoky die allerhöchste Auffassung von der gegenwärtigen so beruhigenden Lage Europas nur vgll bestätigen. Dann kam der Minister auf den Dreibund zu sprechen, dessen friedliche Ziele und Bestrebungen erneut betonend, auch verfehlte Graf Kalnoky nicht, gegenüber der immer wieder sich zeigenden Unzufriedenheit der ruffenfreundlichen Jung- czechen über den Verbleib Oesterreich-Ungarns beim Drei­bund darauf hinzuweisen, tote gerade die Tripelallianz seit ihrem mehr als zehnjährigen Bestehen für Oesterreich-Ungarn von Vortheil gewesen sei. Im Grunde genommen, gesteht man sich dies selbst in den jungczechischen Kreisen trotz aller üblichen Schwärmerei für dasstammverwandte" Rußland heimlich ein, es kann aber nichts schaden, wenn öffentlich und officiell den Herren Czechen und sonstigen Widersachern des Dreibundes in der habsburgischen Doppelmonarchie das Vortheilhafte dieses Bündnisses für das Reich des Doppel­aares immer wieder vor Augen geführt wird.

Vom Dreibund ging Graf Kalnoky zu den Beziehungen Oesterreich-Ungarns vor Allem zu Frankreich und zu Ruß­land über, die er in dieser wie jener Richtung als überaus freundschaftliche bezeichnete. Speciell hob der Minister in Besprechung des österreichisch-russischen Verhältnisses hervor, tote nicht zum geringsten Theile der zwischen Oesterreich- Ungarn und Rußland abgeschlossene Handelsvertrag sich als förderlich für die guten Beziehungen beider R-lchc zu einander erwiesen habe. Auf Grund der unentwegten Fortdauer des Dreibundes tote des ausgezeichneten Verhältnisses Oester­reich-Ungarns zu Frankreich und Rußland kam nun Graf Kalnoky zu dem Schluffe, daß die gegenwärtige Lage Europas eine ungemein sichere sei und auch für weiterhin die Erhal­tung des kostbaren Völkerfriedens mit Zuversicht zu erwarten stehe. Diese mit solcher Bestimmtheit verkündeten und aus dem Munde einer in der europäischen Politik so maßgebenden Persönlichkeit kommenden Versicherungen werden gewiß allent­halben in Europa ein lebhaftes Echo wecken und die vor­herrschenden Empfindungen von der Sicherung des Welt-

die ja gerade in der Jetztzeit für Deutschland erhöhte Be- beutung durch die immer schärfer und rücksichtsloser hervor- tretenden nationalen Bestrebungen des preußischen Polen- thums gewonnen hat. In großen Zügen und von großen Gesichtspunkten ausgehend, zeichnete der greise Staatsmann vor den mehr als 1700 Vertretern des Deutfchthums der Provinz Posen ein treues Bild des Verhältnisses zwischen den Polen und dem preußischen Staate während der beiden letzten Menschenalter. Er wies hierbei auf den unheilvollen Einfluß hin, den in früheren Jahrzehnten eine schwächliche und schwankende Polenpotitik der preußischen Regierung wiederholt auf die Entwickelung der preußischen und deutschen Verhältnisse ausgeübt hat, und wenn er dann die heutigen Zustände nur leise streifte, so bekundete sich selbst in die er erklärlichen Zurückhaltung eine genügend erkennbare abfällige Kritik der Polenpolitik Preußens von heute. Als den ent- schiedenen und verbissenen Gegner des Deutfchthums bezeichnete Fürst Bismarck den polnischen Adel, während er die gleiche Stellungnahme hinsichtlich der unteren Stände der polnischen Bevölkerung nicht gelten lassen wollte. Doch blickte Fürst Bismarck wegen der Polengefahr keineswegs pessimistisch in die Zukunft. Ec betonte, daß den 2 Millionen Polen doch 48 Millionen Deutsche gegenüberständen und daß ferner daß fortschreitende nationale Bewußtsein im deutschen Volke dem Deutschthume ebenfalls zu Hilfe komme. Jedenfalls stehe die Wacht an der Warthe und Weichsel ebenso fest rote die Wacht am Rhein; doch mahnte der Altreichskanzler die Deutschen, das Beispiel der Polen zu befolgen und auch ihrerseits einmüthig in Wahrung ihrer Bolksinteressen ohne- Parteiunterschiebe so zusammenzuhalten, eine Mahnung, ole gewiß außerorbentlich am Platze ist. Die gelammte Rede des Altreichskanzlers, die noch mancherlei bemerkenswerthe Momente aufwies, wurde von den vor dem Varzlner Schlosse versammelten Tausenden mit Begeisterung ausgenommen, für die Tagespreffe aber wird diese Kundgebung sicherlich zum Ausgangspunkte gar mancher Betrachtungen werden. Fürst und Fürstin Bismarck haben diese Anstrengungen der Ewpfangssestlichkeiten vom Sonntag verhältnißmäßig gut überstanden.

Der sächsische Minister des Innern, von Metzs ch, empfing am Montag eine größere Deputatiou von Bergleuten aus bem Freiberger wie bem Potschappeler Revier. Die Deputation überreichte einen von 7244 Berg­leuten unterzeichneten Protest gegen die von ben social- demokratischen Abgeordneten in der letzten Session des sächsischen Landtages vorgebrachten Anschuldigungen gegen königliche wie private Bergbaubeamte.

In Thüringen fanden letzter Tage zwei größere Partei-Versammlungen statt. In Gotha hielt die freisinnige Vereinigung für Thüringen am Sonnabend eine Vertrauensmänner - Versammlung ab und tn Erfurt waren die Delegierten der Deutsch- Conserv ativen Thüringens zu einer Berathung versammelt.

In Elsaß-Lothringen haben am Sonntag die Bezirkstagswahlen stattgefunden, welche als inbtrecte Wahlen zum Lanbesausschuß eine gewisse politische Bedeutung besitzen. Nach ben bisher bekannt gewordenen, allerdings noch spärlichen Wahlresultaten steht in der bisherigen Zu­sammensetzung der Bezirkstage keine wesentliche Ver­änderung zu erwarten. In Straßburg ist eine neue Wahl erforderlich, da keiner der von clericaler, freisinniger und socialistischer Seite aufgestellten Candidaten die nöthige Stimmenzahl erhalten hat.

Derrtscher Reich.

Berlin, 18. September. Der Kaiser traf am Sonntag Nachmittag am Bord der YachtHohenzollern", welcher die Manöverflotte folgte, vor Hela (Danziger Bucht) ein.

Die Rede, welche Für ft Bismarck beim Empfang der Rtesen-Deputation der Deutschen Posens in Varzin am letzten Sonntag gehalten hat, erregt nicht nur wegen der Persönlichkeit des fürstlichen Redners, sondern auch wegen des ungemein zeitgemäßen Inhalts dieser jüngsten öffentlichen Kundgebung des Altreichskanzlers allgemeines Interesse. Denn tn ihrem Mittelpunkte stand dte Polenfrage,

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Amtlichem Theil.

Nr. 37 des Reichs - Gesetzblatts, ausgegeben den 18. ds. Mts., enthält:

(Nr. 2195.) Bekanntmachung über die feiten« der Niederlande erfolgte Ratification der am 15. April 1893 zu Dresden abgeschlossenen internationalen Ueberemkunst, be­treffend Maßregeln gegen die Cholera. Vom 9. Sept. 1894.

iNr. 2196.) Bekanntmachung, betreffend die Beziehungen zu Griechenland wegen gegenseitigen Markenschutzes. Vom 14. September 1894.

Gießen, am 19. September 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

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' Hochachtend

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Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch), j

Graf Kalnoky über die politische Lage.

Der Wiederzusammentritt der österreichisch-ungarischen , Delegationen hat, wie sich erwarten ließ, eine bedeutsame Kundgebung des Grafen Kalnoky über die auswärtige Politik Oesterreich Ungarns und weiter auch über die allgemeine Sage überhaupt gebracht. Anlaß hierzu gab die im Budget- ' Ausschüsse der österreichischen Delegation am Montag statt- gefunbene Debatte über ben Etat des Ministeriums bes Auswärtigen unb das im Verlaufe berfelben beEunbete feinb« elige Auftreten ber jungczechischen Delegtrten gegen die