1894
Freitag den 20 Juli
Nr. 167
Der
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Deutsches Reich.
Berlin, 18. Juli. Die erste gemeinsame Nordlandsreise der kaiserlichen Majestäten hat jetzt in Dront- heim ihren Abschluß gefunden. 'Während der Kaiser von genannter Stadt aus die Weitersahrt nach Norden fortgesetzt hat, trat die Kaiserin die Rückreise nach Deutschland an. Auf derselben traf die hohe Frau am Dienstag Mittag in Christiania ein, hier von einer zahlreichen Menge auf das Lebhafteste begrüßt, und begab sich alsbald an Bord der Kreuzerfregatte „Stein". In Kiel soll die Ankunft diesen Freitag früh erfolgen- von Kiel begiebt sich Ihre Majestät direct nach Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel.
— Fürst Bismarck weilt seit Dienstag früh in seinem hinterpommerschen Tusculum Varzin, in dessen ländlicher Ruhe er die Zeit bis etwa Anfang September zu verbringen gedenkt. Wie man vernimmt, ist die Ueber- siedelung von Friedrichsruh resp. von Schönhausen nach Varzin dem Fürsten ganz gut bekommen, er befindet sich trotz der großen Anstrengungen, welche die Reise für ihn mit sich brachte, durchaus wohl. Ein jubelnder, herzlicher Empfang wurde dem Altreichskanzler allerorten, wo er etwas länger Station machte, bereiter, so vor Allem in Berlin, dann Stettin, Stargard u. s. w.
— In der inneren deutschen Politik herrscht sommerliche Stille, nach keiner Richtung hin ist ein bemerkcnSwertheres Ereigniß zu verzeichnen. Dafür fehlt es nicht an mancherlei sonstigen Angelegenheiten und Begebenheiten, welche immerhin von allgemeinerem Jnteresie sind. Hierher gehört namentlich der Bierboycott in Berlin, denn weit über die Mauern der Reichshauptstadt hinaus ist man auf den Ausgang dieses eigenartigen und von beiden Seiten mit größter Energie geführten Kampfes gespannt, der nun schon seit vielen Wochen zwischen den boycottirten Brauereien und der Socialdemokratie „tobt". Zunächst läßt sich indessen noch nicht mit Sicherheit beurtheilen, wer der unterliegende Theil sein wird- sollten aber die Socialdemokraten Sieger in dem Berliner „Bierkriege" bleiben, so dürften sich die politischen Wirkungen dieses Erfolges zweifellos in einer erhöhten Zuversicht der socialdemokratischen Partet zeigen. Viel Aufsehen erregt ferner der Zwischenfall mit dem clericalen Reichstagsabgeordneten für Metz, Herrn Haas, welcher Herr es als vereinbar mit seiner Stellung als Mitglied des deutschen Reichsparlaments ge
halten hat, seinen Sohn zum französischen Offizier ausbilden j zu lassen. Die Gerüchte, welche wissen wollten, Herr Haas habe doch das, gelinde gesagt, Unpassende seiner Handlungsweise eingesehen und darum sein Retchstagsmandat niedergelegt, haben sich bis jetzt nicht bestätigt, man muß also mit der Möglichkeit rechnen, daß der proteftlerisch angehauchte Abgeordnete für die lothringische Hauptstadt dem deutschen Parlamente die unter den obwaltenden Umständen mehr als zweifelhafte Ehre seiner Mitgliedschaft auch fernerhin anthun wird. Wie sich die Metzer Wähler des Herrn Haas in diesem Falle zu ihrem bisherigen Vertreter stellen werden, das scheint noch nicht ganz klar zu sein. Um so mehr wird man aber von dem Reichstage selbst erwarten dürfen, daß er nöthigenfalls die Sache in eigne Hand nimmt und sich mit Herrn Haas auseinandersetzt.
— Der neue Bischof von Fulda, Dr. Komp, hat sicherem Vernehmen nach die landesherrliche Bestätigung erhalten. Die Vereidigung und die Aushändigung der Anerkennungsurkunde wird voraussichtlich durch den Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau erfolgen.
— Noch immer werden aus dem Ost en des Reiches vereinzelte tägliche Cholerafälle gemeldet, speziell aus der Weichsel Niederung. Jndefien giebt der Stand der Cholerakrankheit in diesen Gebteten nach wie vor nicht den mindesten Anlaß zu Besorgnissen. Es handelt sich in fast allen vorgekommenen Fällen um Personen, welche sich die Krankheit durch eigene Schuld, durch Trinken des verdächtigen Weichselwassers u. s. w. zugezogen haben. Außerdem sind behördlicherseits gegen eine etwaige Weiterverbreitung der Cholera die umfassendsten Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden.
neucfte Nachrichten.
Wolffs telegrnphtfcheS Correfpondenr-Bureau
Lübeck, 18. Juli. Die bacteriologische Untersuchung der Leiche eines auf dem Dampfer „Helix" auf der Reise von Petersburg nach Lübeck verstorbenen Schiffskochs ergab als Todesursache astatische Cholera. Die aus Rußland kommenden Schiffe sind ärztlicher Controlle unterworfen.
Madrid, 18. Juli. Der Herzog von Sevilla ist auf See während der Uebersahrt von den Philippinen-Inseln nach Barcelona gestorben.
Pera, 18. Juli. Heute Mittag fand eine ziemlich heftige
Erderschütterung statt, ohne jedoch erheblichen Schaden zu verursachen.
Depeschen deS Bureau .Herold".
Berlin, 18. Juli. Der „Retchsanzeiger" veröffentlicht den Schriftwechsel zwischen Deutschland, Großbritannien und dem unabhängigen Congostaat, betreffend das zwischen der Großbritannischen Regierung und der Regierung des unabhängigen CongostaateS am 12. Mai 1894 getroffene Abkommen.
Berlin, 18. Juli. Das „Berl. Tgbl." meldet aus Rom, die nunmehr auch in officiöse Blätter übergegangenen Nachrichten über den Schwächezustand des Papstes seien völlig grundlos. Das Befinden desselben sei befriedigend.
Berlin, 18. Juli. Zur Erbauung eines Theaters großen Stils in der Gegend des hiesigen Zoologischen Gartens soll sich, dem Vernehmen nach, bereits eine Genossenschaft gebildet haben. Das Theater soll dem besseren Schauspiel und der Oper zugleich gewidmet sein und Raum für 2000 Sitzplätze bieten.
München, 18. Juli. An Privatspenden für die durch das Unwetter bei Schwaben betroffenen Land- bewohner waren in München bis gestern Abend 14498 Mk. etngegangen.
~ Rom, 18. Juli. Crispi zeigt sich sehr beunruhigt wegen der zahlreichen anarchistischen Drohbriefe, welche ihm wiederum in den letzten Tagen zugingen und worin ihm mit- getheilt wird, daß man seine in Neapel wohnende Tochter tödten werde.
Rom, 18. Juli. Bis jetzt find insgesammt etwa 3000 Anarchisten verhaftet worden.
Lüttich, 18. Juli. Heute früh fand in dem nahegelegenen Hermalle ein Dynamitattentat statt. Die Bombe war vor dem Hause des Bürgermeisters Francotte ntedergelegt, sie zerstörte den Balkon und zertrümmerte die Hausthür und alle Fenster. Francotte ist als Professor der Universität Lüttich bekannt. Er befand sich allein im Haus, während Frau und Kind sich auf einer Villa befanden. Der Grund des Attentats ist unbekannt. Die Polizei soll dem Attentäter auf der Spur sein.
Loudon, 18. Juli. Die „Times" meldet, daß der ehemalige Großvezier von Marokko, Mohammed el Arbi Ben el Moghtar, und sein Bruder, der ehemalige Kriegsminister Mohammed Ben el Arbi Ben el Moghtar,
Der Cyklon in Bberdsyern.
Es ist kaum möglich, eine anschauliche Schilderung der Verwüstung zu geben, welche die Windhose in dem schwer heimgesuchten oberbayerischen District angerichtet hat. Auf der ganzen langen Strecke, die sie durcheilte, ist kaum ein Haus, das nicht zerstört wäre. Ganze Häuser sind auf den Boden niedergedrückt, wie wenn sie mit einem fürchterlichen Schlag zusammengepreßt worden wären. Ein Theil. der Dachsparren ragt in die Luft hinaus. Die übrigen find zerknickt über die Umgebung verstreut. Dachschindeln, Schiefer, Blechbedachung und Ziegeln sind weit herumgestreut. Namentlich sind die Blechstücke weit getragen worden. Um die Dachsparren find die Strohvorräthe, die unter den Dächern lagen, ordentlich herumgewunden. In den Häusertrümmern und in den Höfen liegen die Dorräthe zerstreut. Die Mauern find oft weit ins Feld geschleudert, mächtige Trümmer sind im Ganzen auf ziemliche Entfernungen geworfen. Die Bäume sind nach allen Richtungen zerrissen und abgebrochen, sowie weit in die Felder geschleudert. An den Straßen find mächtige Bäume, darunter von Meter-Dicke, mit sämmtlichen Wurzeln und gewaltigen Ecdrundstücken aus dem Erdboden herausgezogen. In den Gärten sieht man nur zersetzte Baumstücke und wirr durcheinander liegende Holz, Schtndel- und Steinmassen.
Die Zerstörungen an den Häusern zeigen die mannigfaltigste Gestalt. Bald ist eine Reihe von Häusern nur auf einer Seile völlig zerstört, die andere ist nahezu unversehrt- dann kommt eine Reihe solcher, die gerade an der entgegengesetzten Seite gefaßt find. Bald liegt ein Haus völlig in Trümmer und nur eine Ecke ist erhalten, bald find ganze Seiten im Ganzen abgerissen und auf die Seite geworfen. Bald find viertel und halbe Häusertheile geradezu umgestürzt. Die meisten Häuser find in dem kleineren Theile zu Wohnungen eingerichtet, während der größere Theil zu Scheunen- zwecken dient. Meist ist dieser letztere Theil vom Sturme ganz zerstört worden, während die Wohnungsabtheilung weniger hart, aber immer noch sehr schlimm mitgenommen
wurde. Dies erklärt es auch, warum zum Glück die Menschen | so wenig Schaden genommen haben. Vielfach flüchteten die Bewohner sich auch in die Keller. Dabei sind die Häuser 1 durchweg gut und solid gebaut und man sieht ihnen in der Zerstörung noch an, daß sie sorgsam unterhalten und fortgesetzt in ihnen verbessert worden war. An vielen Wohngebäuden sind mächtige Stücke aus der Fayade gerissen. Namentlich von oben herab, unter der Wucht des Absprengens der Dachgiebel find die Wohnräume der oberen Stockwerke arg verwüstet, Betten, Möbel, Kleidertruhen zerstört, ihr Inhalt herausgertssen und zerstreut. Viele neugebaute massive Häuser sind völlig demoltrt, andere zeigen unter der Wucht der abgerissenen Dachtheile lange und breite Risse. WaS nicht vom Orkan zerstört ist, ist so zugerichtet, daß es abgetragen werden muß. Es ist traurig, zu sehen, mit welch tiefer Niedergeschlagenheit die Leute daran gehen, aufzuräumen und das Wenigs an Dorräthen und Hausrath, was noch geborgen werden kann, aufzuladen und zu Verwandten in der Nähe zu bringen. Don einem Erwerb ist auf lange Zeit keine Rede. An denjenigen Häusern, die völlig zerstört sind, sieht man die Familien in der Apathie stiller Verzweiflung herumstehen. Sie wissen nicht, wo sie anfassen sollen. ES ist eben nirgends anzufassen.
Die Stätte langjährigen Erwerbes ist zu einem Haufen Schutt und ein riesiger Kehrichthaufen geworden, in dem die Hühner scharren. Von einem stattlichen Hause ist nur die Giebelfront stehen geblieben. Auch von ihr ist die Spitze abgebt öckelt und traurig sitzen die Tauben auf der Mauer. Sie wollen sich von der Stätte nicht trennen, auf der ihre Nester gewesen. Ein erschütterndes Bild bietet die ärmliche Aufbahrung des Jungen, der neben seiner Mutter vom einstürzenden Gemäuer erschlagen wurde. Der Knabe war von EberSberg, wo er bei seiner Tante weilte, nach Hause gekommen, weil ihm der Vater, ein allgemein als fleißig geschilderter Zimmermann, einen Sonntagsanzug für die bevorstehende Firmung kaufen wollte. Der Junge befand sich mit der Mutter und mehreren kleineren Geschwistern in der Wohnstube, als der Sturm losbrach. Der Windstoß riß das Dach
des neugebauten Hauses auseinander und die Zimmerdecke drohte einzustürzen. Da flüchtete sich die Mutier über den Hausgang in die Zimmermannswerkftätte - als sie unter die Thüre trat, brach jedoch die Decke ein und die Frau wurde bis zur Brust verschüttet. Die kleinen Kinder blieben im Gang, dessen Decke auch zur Hälfte niedergebrochen war, vor Angst stehen und kamen mit dem Schrecken davon. Die Mutter wurde später herausgegraben und ist unverletzt. Man vermißte den Knaben und hatte keine Ahnung, daß ihm etwas zugestoßen sei. Man glaubte, er sei im Schrecken nach Ebersberg zurückgelaufen. Als von dort die Nachricht kam, daß er nicht angekommen sei, grub man im Schutt nach und fand ihn tobt unter den Steintrümmern. Die Mutter, mit der er doch in die Werkstätte getreten sein muß, weiß nicht zu sagen, wie er hineinkam. Sie hat es aus Schrecken ver- gessen. Nun liegt der Junge in einem Kämmerchen. Auf zwet Stühlen liegt ein Brett, darauf ruht die Leiche, wie mau sie gefunden, mit zerschundenem, grauschwarz unterlaufenem Gesicht, in Wolleuhemd und Hose, ein Stück weißes Linnen über den unteren Theil des Körpers gebreitet. Der eine Arm ist wie zur Abwehr etwas in rechtwinkelicher Lage erhoben, die andere Hand auf der Brust gekrampft, über der das blaugeftreifte Hemd geöffnet ist. Zu Häupten brennt ein kleines Oellämpchen. Neben dem Z'mmerchen auf dem Schutte steht der unangestrichene Sarg, über den die zerrissene Gangdecke hereinhangt. Die Mutter, ein ärmliches dürftiges Weiblein, steht fassungslos unter der Thüre. Sie jammert um den Jungen und um die gleichfalls erschlagene einzige Kuh. Eben, als ich dies schreibe, wird das Militär alarmirt, da die Reste des Hauses einzustürzen drohen.
Ein 12jahriger Knabe, der über die Felder nach Hause ging, wurde von der Windhose aufgehoben, fortgetragen, niedergesetzt, wieder aufgehoben, wieder fortgetragen, etwa eine Viertelstunde weit. Außer leichten Abschürfungen hat er keinen Schaden genommen. Ein zweijähriges Kind soll vom Sturme aufgehoben und fortgetragen worden sein, es ist angeblich noch nicht gesunden. Eine Frau, die vor ihrem Hause stand, wurde in die spitzen Eisenzacken einer Egge ge-


