Ausgabe 
20.6.1894
 
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Mr 141

Mittwoch den 20. Juni

1894

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Gießener Anzeiger

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Theil.

Bekanntmachung, betreffend die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1894.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1894 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschluffes von dieser Prüfung

spätestens bis zum 1. August 1894

bei der unterzeichneten Commission einzureichen.

Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- ciellen das Folgende bemerkt:

1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs-Com­mission nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Grotzherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthalts­ort hat.

2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem

17. Lebensjahr erfolgen.

3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckmäßig, wenn die nähere Adreffe angegeben wird.

4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a. Geburtszeugniß;

b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des VaterS oder Vormundes beglaubigt sein-

c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde aus- zustellcn ist-

d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.

Feuilleton.

Dss Morseblümchen.

Novellette von Friedrich Bücker.

(1- Fortsetzung.)

Wie ein electrischer Schlag durchzuckte eS die Braut deS Attache bei Nennung des NamenSvon Taube". Ihre Augen flogen empor- einen einzigen Blick voll Angst und Entsetzen heftete sie auf das ernste Antlitz der Baronin, dann entrang sich ein Schrei ihrer Brust nnd ohnmächtig taumelte sie in die Arme des Attache.

Einige Damen sprangen herbei, dem bestürzten und rath« losen Attache die leblose Bürde abzunehmen und auS dem Saale zu schaffen.

Herr v. Wormstall war eben im Begriff, sich von der Baronin Aufklärung über den räthselhasten Fall zu erbitten, als eine der Damen, die Fraulein von Adlar Beistand ge­leistet, ihn benachrichtigte, die Kranke sei wieder zu sich ge­kommen und wünsche ihn zu sprechen.

Der Attache eilte in das Gemach, wohin man die Ohn­mächtige getragen, und fand seine Braut bleich und erschöpft in der Ecke des Sophas. Sie schaute ihm fragend und ängstlich ins Auge, und als sie darin nur Sorge und Zärt- lichkeit gewahrte, reichte sie ihm die Hand und bat, sie nach Hause zu geleiten.

Auf der Fahrt nach der v. Adlar'schcn Wohnung erfuhr der Attache, daß seine Braut im Augenblick der Vorstellung einen heftigen Schmerz in der Gegend des Herzens em­pfunden und dann die Besinnung verloren habe. Sie schrieb den Anfall der Hitze im Saal, wie dem Tanzen zu, welches ihr vorn Arzt wiederholt untersagt worden sei.

Herr v. Wormstall würde sich bei dieser Erklärung völlig beruhigt haben, wenn seine Braut nicht eine Gesprächigkeit an den Tag gelegt hätte, die ihrer angeblichen Schwäche widersprach und nur zu deutlich eine heimliche Unruhe ver­bergen sollte. Sie kam immer wieder auf die Baronin v. Taube zu sprechen, wollte wissen, seit wann und auf wie lange sie in der Residenz weile, ob ihr Bräuttgam ihr einen Besuch machen werde, und als dieser verneinte, mußte er ihr das Versprechen geben, heute Abend nicht mehr auf den Ball zurückzukehren. .

Der Attache würde Wort gehalten haben, wenn feine

5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, La­teinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.

6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prü­fung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegen.

Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 Regierungs-Blatt Nr. 5 von 1889) Aufschluß.

Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt entweder weitere Bekanntmachung oder schriftliche Mittheilung.

Darmstadt, den 30. Mai 1894.

Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige. Der Vorsitzende:

Freiherr v. Gemmingen.

Deutscher Reich.

Berlin, 18. Juni. Obwohl der Sommer nun auch officiell seine Herrschaft angetreten hat, tagen bei uns in Deutschland doch noch zwei Versammlungen parlamentarischen CharacterS, der BundeSrath und der badische Land­tag. Indessen wird wohl auch für diese beiden gesetzgebenden Körperschaften die Stunde der Erlösung von langer an­strengender Arbeit bald schlagen. Der badische Landtag hat keinen Anlaß mehr, noch längere Wochen zu tagen, nachdem daö Hauptwerk seiner Session, die geplante Reform deS Wahlrechtes, so gut wie gesckeitert gelten muß. Der BundeS­rath seinerseits ist mit seinen Geschäften ebenfalls so ziemlich zu Ende, es giebt nur noch kleine Ueberbleibsel aus der letzten Reichstagssession aufzuarbeiten, sieht man von dem Beschlüsse des Parlamentes über die Aufhebung des Jesuitengesetzes ab. In letzterer Frage scheint der Bundesrath jedoch erst in nächster Session endgiltig Stellung nehmen zu wollen und zwar, wie zu vermuthen steht, dahin, daß er den betreffenden Reichstags- beschluß ablehnt.

Braut ihn nicht noch einmal beim Abschied daran erinnert und sich das Versprechen hätte wiederholen laffen. Das fiel ihm auf und machte ihn mißtrauisch. Jetzt erinnerte er sich auch der Bitte der Baronin v. Taube, ihren Namen der Vorzustellenden nicht zu nennen und nun war eS ihm kaum noch zweifelhaft, daß zwischen dieser und seiner Braut ein geheimes Band bestehe und daß die Ohnmacht nur eine Folge des plötzlichen Wiedersehens gewesen sei.

Der Attache bestieg eine Droschke und kehrte in daS HauS des Festgebers zurück.

Baronin v. Taube saß noch auf ihrem alten Platze und sah dem Attache mit ernstem Antlitz bezeichnend entgegen, als er sich ihr näherte und auf ihre Einladung an ihrer Seite Platz nahm.

Ich wußte, daß Sie wiederkehren würden, Herr von Wormstall," leitete sie das Gespräch ein.Sie wünschen Aufklärung von mir über jenen peinlichen Vorgang, den ich halb und halb vorausgesehen, auf den ich Sie aber nicht vorbereiten konnte, ohne den Effect abzuschwächen. Ich will Ihnen jetzt eine kleine Geschichte erzählen, vielleicht gelingt eS Ihrem Scharfsinn, daraus sowohl den Zusammenhang mit jenem peinlichen Vorfall, wie auch für sich practischen Nutzen zu ziehen."

Der Attache gab durch stummes Nicken seine Zustimmung und Baronin v. Taube Hub an:

Im vorigen Jahre trat die Nothwendigkeit an mich heran, mir eine Gesellschafterin zuzulegen, die auch für daS Wirthschaftliche einen umsichtigen, fest aufmerkenden Blick be­sitzt. Bei meinen hochgespannten Ansprüchen wollte sich aber nichts Besonderes finden, b«S mir eine Dame empfohlen wurde, deren einziger Fehler die große Jugend war. Daß sie blendend schön war, rechnete ich ihr nicht zum Nachtheil an, denn reine Herzen und edle Seelen sollen in einer schönen Hülle wohnen. Dennoch würde ich mich besonnen haben, eine so junge Dame zu meiner Gesellschafterin zu machen, wenn ihr nicht die glänzendsten Zeugnisse zur Seite gestanden hätten. So trat denn die bewußte Dame in mein HauS. Ich hatte es nicht zu bereuen, denn sie war ein Wunder von Gelehr­samkeit und besaß trotz ihrer großen Jugend einen wirth- schaftlichen Blick, der wich in Erstaunen setzte. Da geschah es, daß auf unserem Nachbargute ein junger Professor, tech- nisches Mitglied der electrointernationalen Telegraphen-Ge- sellschaft, zu kurzem Besuche bei seinen Verwandten eintraf.

Der frühere UnionSgesandte in Berlin, Walter PhelpS, ist in New-York nach längerem Leiden verschieden. Mit dem verblichenen Diplomaten ist ein warmer Freund Deutschlands heimgegangen- während seiner vierjährigen Thätigkeit aus dem Berliner Gcsandtenposten bekundete Mr. PhelpS diese seine deutschfreundliche Gesinnung bei ver­schiedenen Anlässen in hervorragender Weise. ES geschah dieS namentlich auf der Samoaconferenz und dann auch bei den seiner Zeit schwebenden handelspolitischen Sonflicten zwischen Deutschland und der Union, in den maßgebenden Berliner Kreisen bewahrte man darum Mr. PhelpS auch nach seinem Scheiden von Berlin ein warmes Andenken.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegruphischeS Correspondmi-Burnu-

Berlin, 18. Juni. Der Verband der Gast- und Schankwtrthe nahm in heutiger Versammlung eine Reso­lution an, worin erklärt wird, sich in dem daS Gastwirth- schaftSgewerbe schwer schädigenden Kampfe der Brauereien und Arbeiter mit keinem der streitenden Theile solidarisch erklären zu können. Beschlossen wurde ferner, eine AuSgleich- commission zu ernennen, die mit allen Kräften die Beilegung deS Streites anstreben soll.

Berlin, 18. Juni. Die gemischte Deputation zur Bor- berathung der städtischen Steuerreform lehnte die Umsatzsteuer, sowie einen Antrag auf Erhöhung der Betriebs- steuer und Einführung einer Lustbarkeitssteuer ab. Ebenso fand eine Anregung, außerhalb gebrautes, in Berlin ein- geführtes Bier zu besteuern und die Schlachthofsteuer zu erhöhen, keinen Anklang.

Berlin, 18. Juni. Der Landtagsabgeordnete vom Heede ist heute Morgen in einem hiesigen Hotel plötzlich ver­storben.

Hamburg, 18. Juni. Gegenüber den in der Pariser Ausgabe desNewyork Herald" enthaltenen salschen Gerüchten von angeblich in Hamburg vorgekommenen Cholerafällen kann nach amtlicher Auskunft conftatirt werden, daß diese Gerüchte in allen Einzelheiten vollständig erlogen sind. ES

Er hatte seine Angehörigen lange nicht gesehen, denn er war immer unterwegs, um überall den Morse-Telegrapben einzu­richten. Auch jetzt war er en route, um eine neu projectirte Telegraphenlinie zwischen dem Don und Kaukasus zu bereisen. Als ich nun mit meiner Gesellschafterin drüben einen Besuch machte, da gerieten zwei Herzen in Flammen und beim Ab­schied sagte mir der Professor:Sie ist ein Engel! Danke Ihnen, Frau Baronin, daß Sie mir diesen Engel zugesührt haben." Als ich dann meine Gesellschafterin dieserhalb scherzend neckte, verneinte sie eifrig alle wärmeren Gefühle und gestand nur zu, von den geistigen Gaben des Professors mächtig an­geregt zu fein. Einige Tage später theilte mir dann meine Gesellschafterin mit einer leichten Verlegenheit, die sie jedoch schnell zu beherrschen wußte, mit, daß sie den Professor auf seiner Tour zwischen Don und Kaukasus begleiten werde. Ich war starr vor Ueberraschung!

Sie werden begreifen, sagte ich, daß ich Ihre plötzliche Abreise nicht gleichgiltig hinnehmen kann. Mich erfüllt daS mit der größten Besorgniß für Ihren Rus und wirft auch ein zweideutiges Licht auf den Professor. Zuvörderst richten Sie ein Briefchen, welches Sie so anmuthlg abzusassen ver­stehen, an Ihre Mutter - sie wird Ihrem Plane in der an­gebeuteten Weise ihre Unterstützung versagen.

Meine Mutter ist bereits in Kenntniß gesetzt- sie hat nichts gegen meinen Plan einzuwenden, entgegnete sie. Die Reise dauert einen Monat und ich bitte im Verein mit meiner Mutter, mir so lange Urlaub zu bewilligen."

Ich warf noch dieses und jenes ein, aber es half nichts.

Sind Sie bereit, Fräulein? rief am anderen Tage der Professor aus seinem Wagen meiner Gesellschafterin zu, welche im Reisegewand, ein Köfferchen in der Hand, auS ihrem Fenster sah.

Ich bin eS! rief sie hinab.

So laffen Sie uns fahren!

Noch einen Augenblick zögerte sie- langsam drehte sie sich im Kreise um, ließ den Dlick auf jedem Möbel, jedem Gegen­stand ruhen, als wollte sie Abschied für immer von ihrem Zimmer nehmen, dann umarmte sie mich und folgte erhobenen Hauptes dem Rufe deS Professors, Binnen wenigen Minuten war der Wagen verschwunden. DaS ist meine Geschichte." (Fortsetzung folgt)