Ausgabe 
20.5.1894 Erstes Blatt
 
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SHr. 115 Erstes Blatt. Sonntag den 20. Mai 1894

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Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Theil.

Bekanntmachung, betreffend Handels* und Schifffahttsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Rußland.

Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 10. v. MtS. (Anzeiger Rr. 86) bringen wir nachstehenden Erlaß zur öffentlichen Kenntniß.

Gießen, den 18. Mai 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Darmstadt, am 7. Mai 1894. Zu Nr. F. M. St. 11550.

Das Großh. Ministerium der Finanzen

Abteilung für Stcuerwcscn

au die Groftherzoglichen Hauptsteuerämter.

Unter Bezugnahme auf unsere Circularverfügung vom 11. v. MtS. zu sJir. F. M. St. 8651 und unter Mittheilung der von dem Großherzoglichen Ministerium des Innern und der Justiz an die Gr. Kreisämter erlaßenen Verfügung in obigem Betreff setzen wir Sie zu Ihrem Bemeffen davon in Kenntniß, daß Großherzogliches Ministerium der Finanzen die Hauptsteuerämter und Steuerämter des GroßherzogthumS sowie das Großh. Salzsteueramt Wimpfen ebenfalls zur Aus­stellung von Ursprung-zeugniffen über Waaren, welche zur Ausfuhr nach Rußland bestimmt sind, ermächtigt hat, info- fern bei Prüfung des deutschen Ursprungs der betr. Waare Bedenken nicht bestehen.

Die Ihnen unterstellten Steuerämter wollen Sie mit entsprechender Weisung versehen.

F. d. A.: (gez.) Müller.

Bekanntmachung,

betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des GroßherzogthumS.

Der Mainzer Gartenbauverein beabsichtigt mit der vom 15. bis 23. September d. I. in Mainz ftattfiudenden all­gemeinen deutschen Gartenbau-Ausstellung eine Verloosung von Ausstellungsgegenständen, als Pflanzen und Geräthe und dergl., zu verbinden.

Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10000 Loose zu 50 Pfennig das Stück ausgegeden werden dürfen und

Feuilleton.

Meister Valentins Leiblied.

Von Christoph Wild.

(Schluß.)

WaS?" rief fie,hier soll aufgeräumt sein? Rein, Valentin, Du machst mir alle Tage mehr Schande. Wenn heut ein fremder Meister käme, man müßte sich schämen. Der Lehrjunge fort die Gesellen fort dtr Meister «och nicht angezogen und murxl an einem Bilderrahmen. Karline!" schrie fie nach der Küche,Waffer und Besen - wir müßen hier den Herrschaften nachräumen - ich will doch mal sehen, ob das hier zu den Feiertagen so auS- sehen muß!"

Und nun gingS lo8; das flog nur io. Die fertige Arbeit wurde bei Seite gesetzt, die andere in eine Ecke ge- schoben. Karline mußte die Fenster aufreißen und sprengen, die Frau fegte den Gang, der nickt einmal sauber war.

Während Frau und Magd tüchtig arbeiteten, stand Balentin verlegen daneben und wußte nicht recht, waS er thun sollte. Am besten ist'S so dachte er bei fick er versckwände mit polnisckem Abschied und drückte fick, denn mit seiner Therese war in solcher Stimmung schwer zu ver­kehren. Als er aber sacht zur Thür hinausschleichen wollte, erwischte ihn seine Frau am Hosenträger.

Halt, Valentin. Wir sollen uns schinden und Du willst Dich auS dem Staube machen- nein, davon schreibt PauluS nichts! Vorwärts, Karline, Spiritus und Leder­lappen, hier setz' Dich und putze Fenster!"

mindestens 50% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der I Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.

Gießen, den 18. Mai 1894.

Grobherzogliches Krei-amt Gießen.

v. Gagern.

Bekauntmachtma.

Nachdem Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen sich in Folge erheblicher Steigerung des Wasserverbrauchs gcnöthigt gesehen hat, die Abgabe von Waßer aus der Waßerleitung einzuschränken, untersagen wir hiermit auf Grund der Polizei­ordnung vom 25. Mai 1893, betr.: die Benutzung der öffentlichen Brunnen und der städtischen Quellwasserleitung, die Verwendung von Waßer aus der Waßerleitung seitens der Privaten zum Speisen von Springbrunnen, zum Be­sprengen von Gärten und Trottoirs, sowie zu gewerblichen Zwecken bis auf Weiteres unter Androhung von Bestrafung im Nichtbefolgungsfalle.

Gießen, den 19. Mai 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Gesunde»: 1 Spazierstock, 1 Corallenkette, 2 Taschen- meßer, 1 Gummistempel, 1 Cylinderhut, 1 Thürdrücker, 1 Erdbohrer, 1 Schraubenschlüssel, 1 Pinsel, 1 Hundemaul­korb, Theile eines Pferdegeschirrs, 1 seid. Halstuch, 1 Um­hängetuch, 1 Handschuh, 1 Strickzeug und 1 Badehose.

Gießen, den 19. Mai 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

UcMefic Nachrichtett.

DolffS telegraphisches Correspondenz-Bure««.

Berlin, 18. Mai. DerReichsanzeiger" meldet: Die laufenden Drucksachen der Silbercommisston, ein­schließlich der Sitzungsprotocolle, sollen weiteren Kreisen durch Verkauf zugängig gemuckt werden. Der Berkaus erfolgt durch die Reichsdruckerei.

Berlin, 18. Mai. Der Berg ar beit er-C ong r beschloß folgende Erklärung: Der Congreß ist der Meinung, daß der einzige Weg, um einen zu behaglichem Leben aus- reichenden Lohn zu erhalten, die Organisation ist und daß keine den Lebenslohn betreffende Frage entschieden werden kann, ohne daß die Interessenten Kenntniß nehmen können von den Gewinnen, Verlusten, Verkaufspreisen rc. Dafür stimmten die Mehrzahl der Engländer, Vertreter von 525,000 Arbeitern, dagegen die Deutschen, Franzosen und

Belgier (462,300). Der Abstimmung enthielten sich die Ver­treter von Northumberland und Durham (120,000).

Berlin, 18. Mai. In der Angelegenheit de« Au«, stände« der Brauereiböttcher waren heute Abend in verschiedenen Stadttheilen neun von etwa 25,000 Personen besuchte Versammlungen einberufen, in denen die Maßnahmen der Berliner Brauereien und die Aussperrung der organi- sirten Brauereiarbeiter von socialdemokratischen Rednern be­sprochen wurden. In einer Versammlung, in der Bebel sprach, wurde eine Resolution angenommen, derzufolge der Boykott so lange ausrechterhalten werden soll, bi« die Braue­reien die entlaßenen Arbeiter bedingungslos wieder aus­genommen haben werden. Gegenwärtig striken 708 Brauerei­arbeiter.

Berlin, 18. Mai. Eine von 2500 Personen besuchte Versammlung erklärte heute, nur dann auf der im Jahre 1896 zu veranstaltenden Gewerbe-Ausstellung auSzu- stellen, wenn Treptow gewählt würde. 1500 bindende schriftliche Erklärungen gingen sofort ein.

Braunschweig, 18. Mai. Zweite Versammlung de« Vereins deutscher Strafanstaltsbeamten. Zum Vereinsvorsitzenden wurde der Geh. Juftizrath Wirth, zu» Schriftführer Jnspector Denzner, beide Plötzensee, wieder- gewählt. Dann wurden eingehende Thesen für die Aende- rungen auf dem Gebiete der Gefängnißverwaltung feftgestellt, die dem Strafvollzug beßere Wirkung zu sichern bezwecken, al« eS unter dem gegenwärtigen Gefängnißregime der Fall sein kann. Ferner wurde zu dem folgenden Thema der Be­schluß gefaßt: der Verein muß eine gesetzliche Regelung de« Strafvollzug« verlangen, weil die Thatsachen lehren, daß ohne fie ein einheitlicher gleichmäßiger Vollzug der im deutschen Reiche erkannten Freiheitsstrafen nicht möglich sei.

Braunschweig, 18. Mai. Die Versammlung des Ver­eins deutscher Strafanstaltsbeamter wurde heute Mittag geschloßen, nachdem die ausgestellten Thesen größten- theils angenommen waren. Als Ort für die nächste Ver­sammlung (1897) wurde Darmstadt bestimmt.

Depeschen de« Bureau »Herold-.

Berliu, 18. Mai. Die Conservativen, Freiconservativen und Rationalltberalen des Abgeordnetenhauses haben heute FractionSsitzungen abgehalten, um zu dem geplanten Compromiß bezüglich der LandwirthschastSkammern Stellung zu nehmen. Das Centrum hält heute Abend die entscheidende Sitzung ab. In ParlamentSkreiien wird versichert, da« Com- promiß werde zu Stande kommen.

Berliu, 18. Mai. In der letzten Zeit wurde hier eine Anzahl Jndividuuen verhaftet, welche in anarchistischen Versammlungen sich bemerkbar gemacht und sich ihren Lebens­unterhalt durch Einbrüche verschafft haben.

Berliu, 18. Mai. In der heutigen VormittagSfitzung

Heute, am Sonntage?" fragte er verwundert.

Sollen wir etwa warten bis Pfingsten übers Jahr?"

ES ist Zeit zum Kirchgang."

Schadet nichts- ich will auch noch zurecht kommen." Die SonntagSarbeit bringt nie Segen"

Warum kümmerst Du Dich in der Woche nicht darum?"

Der Pastor wird schimpfen und bringts in der Pre­digt vor."

Der hat heut andere Gedanken al« Dich und Deine Fenster."

Na, schließlich ergab er sich in sein Schicksal.

Soll und muß es sein, so will ich mir wenigstens etwas dazu fingen", und nun legte er Io«:Vorwärts mit frischem Muth, Lieb ist mein Panier" und putzte, als wären die Scheiben von Blech und nicht von Glas.

Gerade begann er mit dem zweiten Theil, wo die Clannette den hohen Ton und die Trommel große Arbeit hat knax! da klirrte die Scheibe die Scherben fielen auf die Diele.

Oh, quel malheur? quel malheur! jammerte Valentin und schielte ängstlich nach seiner Therese.

Nun ja wer macht denn da« Malheur, als Du altes Kameel! Du stellst Dich ja, al« hattest Du nie­mals ein Fenster in der Hand gehabt. Da« einzige Gute dabei ist, daß Du mit dem Laftergesang aufgehört haft**

Ach, waS soll denn daS Singen dabei schaden? Was verstehst Du denn überhaupt vom Gesang? Man soll aber einem Storch keine Frisur kämmen

Die Therese schluckte den Aerger zwar hinab, aber schwieg, weil der Valentin gleich weiterputzte, ganz sacht und vorfichtig, aber seine Melodie lustig weiterpsetsend und richtig

noch einmal hat der Böse sein Spiel klirr! klirr! ertönte es wieder die zweite Scheibe war caput.

Die Therese dachte:WaS zu toll ist, ist zu toll! Ist'« just so, alS ob ers mir zum Trotz thut." Der Valentin jammerte zwar:oh mon dien! oh mon dien!* aber sie herrschte ihn an:Laß die Pfeiferei und Dein französische« Geplapper" und setzte sich in Positur, um ihm eine Standrede zu halten.

Aber ehe sie dazu kam, lachte der Valentin auf wie ein Verrückter und schrie:Deinen Willen haft Du nun gehabt Du hast'S gewollt tu Fas voulu. Nun will ich aber auch mein Vergnügen haben" und dabei warf er Putztopf jammt Spiritus und Lederlappen durchs Fenster auf die Straße, griff nach dem großen Hammer, der neben ihm lag, und schlug nun die übrigen vier Scheiben aus dem Rahmen heraus, indem er sagte:So, Therese! Die braucht fein Mensch mehr zu putzen. Nun bin ich wohl fertig mit der Pfingstarbeit?"

Ede sie sich erholte von dem Schrecken, war Valentin zur Thüre hinaus, über den Hof, und fie hörte ihn hinten tm Garten sein Leib lieb anftimmcn:

Vorwärts mit frischem Muth, Lieb ist mein Panier" das klang so fröhlich und vergnügt, als dächte er gar nicht daran, daß er soeben sich geärgert und in purem Uebermuth sechs Fensterscheiben kurz und klein geschlagen hatte.

Die Frau Tiichlermeifterin war für lange curirt. Jeden­falls hat sie den Valentin nie mehr zur SonntagSarbeit auf- gefordert. Sie dankte Gott, daß er die Woche über da« Geschäft im Gange hielt. Pfingsten wird noch lange in ihrer Erinnerung bleiben.