Ausgabe 
19.10.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 245 Erstes Blatt. Freitag den I^October

1894

Der

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.

Der Turnverein zu Hungen beabsichtigt, um die Vittel zum Bau einer eigenen Turnhalle zu gewinnen, eine «erloosung von Ausstattung»-, LandwirthschaftS-, Haus, und Gebrauchs-Gegenständen zu veranstalten.

Seitens des Großh. Ministeriums desJnnern und der Justiz ist die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Der- loosung durch Entschließung vom 9. October d. I. unter der Bedingung ertheilt worden, daß nicht mehr als 10000 Loose zu 1 Mk. da» Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Gleichzeitig ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet worden.

Gießen, am 15. October 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.__________________

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 17. October. Die Abreise Kaiser Wilhelms von Darmstadt nach Wiesbaden erfolgte heute Nachmittag um 3 Uhr vom Main-Neckarbahnhof aus. Wie bet der Ankunft des Kaisers am Montag Morgen, so hatte sich auch heute ein nach Tausenden zählendes Publikum am Bahn- Hof und in den Straßen eingefunden, um den Kaiser noch- mals zu begrüßen. Punkt 3 Uhr fuhr der Kaiser mit dem Großherzog, beide in grauen Militärmänteln und Helm, im offenen zweispännigen Wagen zum Bahnhof, mit brausenden Hochrufen und Tücherschwenken begrüßt. Zur Verabschiedung vom Kaiser hatten sich noch im Bahnhof eingefunden Prinz Wilhelm von Hessen, Prinz zu Holstein, Graf und Gräfin Dönhoff, sowie ein distinguirtes Publikum. Nachdem sich der Kaiser von dem Großherzog, sowie von dem Prinzen Wilhelm und den anderen Herrschaften auf das herzlichste verabschiedet hatte, bestieg er den Salonwagen, worauf sich der Zug, der den Kaiser nach Wiesbaden führte, unter tausendstimmigem Hoch des Publikum« in Bewegung setzte. Zahlreiche Ordensverleihungen haben aus Anlaß der An­wesenheit deS Kaisers stattgesunden. Es erhielten Cabinetsrath Römheld den Kronenorden 2. Klasse, Excellenz General Wernher den Rothen Adlerorden 3. Klaffe, Oberbürger, meister Morneweg den Preußischen Kronenorden 3. Klasse, Polizetrath Fey den Rothen Adlerorden 4. Klaffe, ferner die Hauptleute v. Cleve und Werner vom 115. Regiment und Rittmeister v. Gelder und v. Normann den Rothen Adler- orden 4. Klaffe. Mit hohen preußischen Orden wurden ferner noch ausgezeichnet: Staatsmiuister Finger, Graf Dön­hoff, preuß. Gesandter, Oberhosmarschall von Westerweller, Freiherr v. Riedesel, Oberceremonienmeister von Werner, Kammerherr von Bellersheim und von Frankenberg- LudwtgSdorff. Seine Königl. Hoheit der Großherzog verlieh dem Grasen Dönhoff das Großkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen und dem Secretär der preußischen Gesandtschaft Hofrath Kannengießer das Ritterkreuz 1. Klaffe demselben Ordens. Der frühere Präsident der Krieger- kammeradschaft Hassia, Oberst Gerlach, wurde zum General befördert.

Berlin, 18. October. Die bekannte SensationS- affaire deSKanzlerSLeist vonKamerun hat soeben ihren gerichtlichen Abschluß gefunden. Am DienStag stand Leist vor der kaiserlichen Dtscipltnarkammer zu Potsdam, angeklagt der Ueberschreitung seiner Amtsbefugniffe und eines unwürdigen Betragens innerhalb wie außerhalb seines bis- herigen Amtes. Die Anklage wirst Leist die bekannten Aus- schreitungen Durchpeilschung der völlig entblößten Dahomey- Weiber und Benutzung der sogenanntenPfandweiber", nicht nur zu Nationaltänzen, sondern auch zu unsittlichen Hand­lungen vor, und bezeichnet diese Vorgänge als die directe Ursache des Ausstandes der Dahomey Soldaten. Weiter wird dem Angeklagten vorgeworfen, durch sein Verhalten das An­sehen und die Würde des Reiches geschädigt und die größte Erbitterung gegen Deutschland an der afrikanischen Westküste erzeugt zu haben. Nachdem diese Anklagen vom Geheimen LegationSrath v. Rosen, von Dr. v. Dierksen und von Dr. Vallentin näher ausgeführt worden waren, nahm Leist da« Wort zu seiner persönlichen Dertheidtgung, wobei er die einzelnen Anklagepunkte möglichst zu entkräften suchte,- immer­hin mußte er seinen unsittlichen Umgang mit denPfand-

roetbern" zugeben. Hierauf hielt noch der Vertheidiger Leisis, Rechtsanwalt Müseler, sein Plaidoyer zu Gunsten deS Be­klagten, alsdann sprach der Gerichtshof nach kurzer Berathuug das Urtheil auS. Daffelbe erkennt auf Freisprechung von der Anklage, Leist habe durch sein Verhalten die Empörung in Kamerun direct verursacht, dagegen findet daS Urtheil den Angeklagten der Ueberschreitung seiner AmtSbefugniffe wovon jedoch die Auspeitschung der Dahomeyweiber aus­genommen wird unsittlicher Handlungen und Dienstvergehen für schuldig und verurtheilt ihn zur Versetzung in ein anderes Amt mit Verminderung seines Einkommens um ein Fünftel. Leist ist also noch glimpflich genug weggekommen, er hätte für sein schimpfliches Verhalten recht gut die Strafe der Dienstentlassung verdient. Hoffentlich wird aber die deutsche Colontalverwaltung auS dem nun abgeschlossenenFalle Leist" die Lehre ziehen, künftighin die zu einem größeren Colontalposten auserfehenen Beamten namentlich auch nach der Sette .ihrer moralischen Qualification hin einer schärferen Prüfung zu unterziehen.

In der ReichShauptstadt tobt derBierkrieg" seit dem definitiven Scheitern der Einigungsverhandlungen zwischen den beiden Parteien mit neuer Wuth weiter. In 27 von den Socialdemokraten einberufenen Volksversammlungen wurde am DienStag Abend beschlossen, den Boycott gegen die Brauereien mit allem Nachdruck weiter zu führen und die Berliner Arbeiter aufzufordern, bis zur völligen Beendigung deS BoycottS keine Festlichkeiten in den gesperrten Sälen zu veranstalten. Anderseits ist aber auch von den vereinigten Brauereien und Saalbesitzern beschlossen worden, den Kampf gegen die Soetaldemokrarte fortzusetzen, außerdem soll die Saalsperre aufrecht erhalten bleiben und schließlich an die ganze Berliner Bürgerschaft ein Appell um materielle wie moralische Hilfe gerichtet werden.

Berlin, 17. October. Die Hopsen- und Gerste- auSstelluug ist heute im Beisein zahlreicher Betheiligten auS allen Thetlen des Reiches und Oesterreich-Ungarns er­öffnet worden. Die Ausstellung wurde von 291 Gerste- und Hopfenbauern und 25 Industriellen besucht. Die meisten Preise in Gerste erhielt Schlesien, in Hopfen Bayern und die Provinz Posen.

Ausland.

Das Ergebnis; der am vergangenen Sonntag voll- zogenen belgischen Parlamentswahlen steht endlich fest. Es sind in die neue Deputirjenkammcr gewählt 77 Clericale, 7 Liberale und Radicale und 12 Sozialisten, während 56 Stichwahlen vorzunehmen sind, bei denen die Sozialisten zweifellos noch eine weitere Reihe von Mandaten erringen werden. Im Senat werden, abgesehen von 9 noch vorzu­nehmenden Stichwahlen, voraussichtlich 54 Clericale und 23 Liberale sitzen. Das hervorstechendste Charakteristikum der belgischen Wahlen ist also der Sieg der Sozialdemokraten, Dank dem neuen Wahlgesetz. Sie, die bisher noch überhaupt kein Mandat zur belgischen Volksvertretung besaßen, werden nunmehr in dieselbe gleich mindestens 25 Mann stark ein- ztehen, die verschiedenen Gruppen des Liberalismus, der ja die Kosten des Wahlsieges der Rothen fast ausschließlich be­streiten muß, zusammen werden nur wenig Mann mehr zählen. Der belgische Liberalismus hat demnach eine Nieder­lage erhalten, an der er noch lange, lange zu kauen haben wird. Mit einem blauen Auge sind die Clericalen davon­gekommen, da sie in beiden Häusern des Parlaments auch fernerhin über die Mehrheit verfügen werden, freilich kann dieselbe schon bei den nächsten Wahlen in die Brüche gehen. Unter den bevorstehenden Stichwahlen beanspruchen diejenigen in Brüssel das meiste Jntereffe. Hier stehen den 18 cleri­calen Candidaten 18 liberale und radikale Candidaten ent­gegen, die Sozialdemokraten geben den Ausschlag. Der Generalrath der Arbeiterpartei hat die Parteigenossen auf­gefordert, bei Stichwahlen zwischen Candidaten^ der anderen Parteien für diejenigen Candidaten zu stimmen, welche sich schriftlich verpflichten, für das uneingeschränkte allgemeine Stimmrecht bei Communal- und Provinzialrathswahlen zu stimmen, aber gegen Schutzzölle zu votiren.

In Ungarn hat jetzt das Abgeordnetenhaus Stellung zu den kirchenpolitischen Entscheidungen des Oberhauses zu nehmen. Die liberale Partei des Abgeordnetenhauses be­schloß, für die unveränderte Aufrechterhaltung der Gesetz­entwürfe über die freie Religionsübung und die Juden- Rcception einzutreten. Dem Gesetzentwürfe über die Reli- * gion der Kinder will die Partei zwar in der neuen Fassung ! deS Oberhauses zustimmen, aber nur unter der Voraus­setzung, daß in dem Gesetzentwürfe, betr. die freie Religions­übung, die vom Oberhause ausgemerzten Bestimmungen deS

Gesetzentwurfes über die Religion der Kinder durch einen neuen Paragraphen wieder Aufnahme finden. In der Dienstagssitzung des österreichischen Abgeordneten­hauses legte Minister Dr. v. Plener den neuen Staats- Voranschlag vor und gab hierbei ein längeres finanz- und steuerpolitisches Exposü, daS vom Hause mit lebhaftem Bei­fall ausgenommen wurde.

Ikucftc Ha^ricWcn.

Wolff» telegraphische» Correspondmz-Burem».

Berlin, 18. October. DaS Petersburger NordbÜreau meldet: Der Zustand des Kaisers hat sich merklich ver- schlimmert, die allgemeine Schwäche (Herzschwäche) hat zu­genommen.

Potsdam, 17. October. Anläßlich des Eintreffens de« serbischen Königs war der Bahnhof festlich geschmückt. Zum Empfange waren der Kaiser, die Prinzen und fürst- lichen Gäste, der StaatSsecretär Marschall, der KrtegSminifter und die Generalität anwesend. Um 7 Uhr traf der König ein. Der Kaiser ging ihm entgegen und begrüßte ihn herz­lichst. Nach der Vorstellung der Gefolge und Abschreiten der Ehrencompagnie fuhren der Kaiser und der König unter einer Escorte der Garde du CorpS nach dem Stadtschloß. Später sand eine Galatafel im neuen Palais statt.

Potsdam, 17. October. Bei der Galatafel erhob fich der Kaiser und sagte:Ich trinke auf das Wohl Seiner Majestät des Königs von Serbien!" Der König erwiderte sofort in deutscher Sprache, er danke für den Empfang und Toast, brachte ein Hoch auf den Kaiser und die Kaiserfamilie aus und schloß mit dem Wunsch, daß sich die sreundschaft- lichen Beziehungen zwischen Deutschland und Serbien immer mehr festigen möchten. Nach dem Festmahl sand Kaffee und Cercle im Muschelsaal statt.

München, 17. October. DieNeuesten Nachrichten" melden aus Nürnberg: Der Magistrat beschloß die Schließung des socialistischen Mädchen- und Frauenbildungsvereins.

Pari», 17. October. Casimir-Perier übersandte dem Institut Pasteur 5000 Franken zum Zwecke der Ver­breitung des Diphtherie-Heilserums.

Dcveschcn bet Outenu

Berlin, 17. October. DiePost" bestätigt die Nach­richt, daß eine Sitzung des Staatsministeriums noch in dieser Woche stattfindet.

Berlin, 17. October. In der Königlichen M u n 111 o n 0 fabrit zu Spandau hat eine Lohn Herabsetzung statt- gesunden. Die Arbeiter wollen deswegen beim KriegS- ministerium vorstellig werden.

Berlin, 17. October. Soeben begann im Zeughause unter großem militärischem Pomp die Nagelung der 132 Fahnen. Die Straßen und Plätze, die die aller­höchsten und höchsten Herrschaften passtren, sind von einer dichten Menschenmenge besetzt. Das Wetter ist klar. Die königlichen Gebäude haben geflaggt.

Berlin, 17. October. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des mit Wahrnehmung der Geschäfte der Intendantur des Königlichen Theaters zu Wiesbaden betrauten Rittmeisters L la suite deS Garde-Kürassier-Regiments Georg von Hülsen zum Intendanten dieses Theaters und die Verleihung der Kammerherruwürde an denselben.

Berlin, 17. October. Dem BundeSrath ist ein Entwurf von Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz betr. den Schutz der Brieftauben und den Brieftaubenverkehr im Kriege, zur Beschlußfassung vorgelegt werden- ferner sind ihm folgende Theile de« Retchs^auShaltS-EtatS für 1895/96 zu- gegangen: Etat über den allgemeinen Pensionsfonds, Etat über den ReichS'Jnv.AtdenfondS, Etat der Reich« - Post-und Telegraphenverwaltung, Etat für die Verwaltung der Eisen­bahnen.

Berlin, 17. October. DieB. N. N." melden: Zu den jetzt vorhandenen acht Cadetten-An st alten wird etwa in zwei Jahren eine neunte, in Naumburg a. S. zu erbauende Cadetten-Austalt treten. Die Intendantur in Magdeburg beschäftigt sich bereit« mit den Vorarbeiten für diesen Neubau.

Köln, 17. October. DieKöln. VolkSztg." schreibt in ihrer heutigen Abendausgabe:Zur Kennzeichnung der gegen- »artigen Lage dürste ein Gerücht beitragen, welche« in sonst gut unterrichteten Kreisen umläuft, daß nämlich der Reichs­kanzler in der jüngsten StaatSministeriumS-Sitzung ange- kündigt habe, er werde feine Entlastung nachsuchen, falls er vom Staatsministerium überstimmt werde. Sollte er wirklich I diese Aeußerung gethan haben, wa« bezweifelt wird, so kann