Nr. 90 VMes Blatt. Donnerstag den 19. April
1894
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Amts- unb Anzeigeblatt für den Tkveis Gietzen.
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fatfmbm Lag erscheinenden Nummer bi« 8onn. 10 Uhr. ^IUIDVCUU|JC. ^UlllU ItHVUlllCl. »„zeigen für den „Gießener Anzeiger- entgeg«.
Amtlicher Theil.
Lehrer-Conferenz
des (<onferenz-Berirks Grünberg Mittwoch den 585. April, Bormittags 10 Uhr in Grünberg.
Lieder: 190, 175, 39.
Gießen, den 18. April 1893.
Büchner, Schulrath.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 17. April. AuS Coburg, 16. April, wird der „D. Ztg." geschrieben: Heute Nachmittag um 4 Ahr, 5 bezw. 4 Uhr 50 Minuten trafen Seine Kaiserliche Hoheit der Großfürst Thronfolger von Rußland, Ihre Kaiserlichen Hoheiten der Großfürst und die Großfürstin Wladimir, der Großfürst und die Großfürstin Serge und der Großfürst Paul von Rußland hier ein. Zum Empfang war Seine König!. Hoheit der Herzog, Ihre Kaiser!. Hoheit die Frau Herzogin, Seine König!. Hoh. dec Erbprinz, Seine Königl. Hoh. der Großherzog von Hessen, Ihre Königl. Hoheit Prinzessin Biclorta, die erlauchte Braut, Ihre Großh. Hoheit Prinzeß Alix von Hessen, sowie das rumänische Thronsolgerpaar, Prinzessin Alexandra und Beatrice von Sachsen^Coburg- Gotha, Seine Durchlaucht Prinz Ludwig und Ihre Großh. Hoheit Prinzessin Ludwig von Battenberg erschienen. Der Hofstaat von Coburg-Gotha, sowie das Gefolge der Höchsten Herrschaften von Hesien, Rumänien und Battenberg waren ebenfalls anwesend. Beim Einlauf deS Zuges in den Perron intonirte die Regimentscapelle die russische Nationalhymne. Die Begrüßung der Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften war eine äußerst herzliche. Nachdem Ihre Kaiser!. Hoheiten die Großfürsten, sowie Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog von Hesien, der Herzog und der Erbprinz von Sachsen-Coburg, sowie der Kronprinz von Rumänien und der Prinz Ludwig von Battenberg die Front der aufgestellten Ehrencompagnie abgeschritten hatten, nahmen Höchstdieselben noch den Parademarsch ab und fuhren unter lebhaften Zurufen der Bevölkerung, die wieder in großen Schaaren herbeigeströmt war, nach dem Palais. Herrliches Wetter begünstigt unsere Festtage. Zahlreiche Extrazüge aus den benachbarten Städten führen unzählige Fremde nach der lieblichen Residenz. Alle wollen sie die hohe Braut, die Tochter des geliebten Landessürsten, noch einmal sehen. Auch auS weiterer Entfernung sind Viele hierhergeeilt, u. A. sieht man die Zeichner englischer Blätter, die mit Eifer bemüht find, die interesiantesten Scenen mit dem Stift festzuhalten. Alle Hotels sind überfüllt und viele Privatlogis mußten in Anspruch genommen werden, um pasiende Quartiere für das Gefolge der Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften zu beschaffen. Die combinirte EScadron des ersten Garde-Dra- groner-RegimenlS (Königin von Großbritannien) traf heute Nachmittag 3 Uhr 5 Minuten hier ein. Ein zahlreiches Publikum hatte sich versammelt, um dem Ausladen der Pferde u, s. w., einem hier ungewohnten Ereigniß, zuzuschauen. — Morgen Nachmittag 4 Uhr 50 Minuten trifft Ihre Majestät die Königin Viktoria mit großem Gefolge hter ein und wird im Residenzschloß Wohnung nehmen. Außerdem werden morgen noch erwartet: Seine Königl. Hoheit der Prinz von Wales, I. I. K. K. H. H. der Herzog und die Herzogin von Connaught, I. I. K. K. H. H. Prinz und Prinzessin Heinrich von Battenberg. Für heute Abend ist eine Theater- Vorstellung befohlen worden. Gegeben wird: Der Bogel- Händler. Seine Majestät der Deutsche Kaiser trifft am 18. hier ein. Das hier in Garnison stehende Bataillon des 95. Infanterie-Regiments, dte Escadron deS ersten Garde- Dragonerregiments, sowie die 56 Vereine des Coburger Kriegerverbandes — 3000 Mitglieder — werden vor Seiner Majestät in Parade stehen.
Berlin, 17. April. An diesem Donnerstag findet in Coburg die feierliche Vermählung deS Groß- berzogS Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt mit der anmulhigen Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg statt. Die verzweigten nahen verwandtschaftlichen Beziehungen deS hohen Paares zu den europäischen Regentensamilien machen es erklärlich, daß eine ungewöhnliche stattliche Anzahl hochfürstlicher Gäste den Hochzeitsfeierlichkeiten am Coburger Hofe beiwohnt, denn eß werden die deutschen, englischen, russischen, bulgarischen und rumänischen Verwandten des erlauchten Brautpaares fast vollzäblich in der freundlichen thüringischen Residenzstadt am Strande der Jtz eintreffen. Abgesehen natürlich von den
Eltern und Geschwistern der Prinzessin Victoria Melita, sind bei den Vermähljingsfestlichkciten zugegen: Der deutsche Kaiser, die Königin von England, die Kaiserin Friedrich, der Großfürst- Thronfolger NicolauS, sowie die Großfürsten Wladimir, SergiuS und Paul von Rußland, der Fürst und die Fürstin von Bulgarien, daS englische Thronfolger - Paar, daS rumänische Thronfolger-Paar, die Prinzessin Alix, Schwester deS Großherzogs Ernst Ludwig, der Herzog und die Herzogin von Connaught, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, Prinz und Prinzessin Ludwig von Battenberg u. s. w. Die meisten dieser Fürstlichkeiten gedenken Coburg noch im Laufe deS Donnerstag wieder zu verlasien.
Deutscher Reichstag.
84. Sitzung. Dienstag den 17. April 1894.
Vor der Tagesordnung erklärt Graf zu Inn- und Knyphausen, er habe in der Wirthschastlichen Vereinigung nur gcäußert, er glaube, daß sich Minister Miquel für den Wollzoll tntereffire. Das betr. Gespräch mit Herrn Miquel habe aber vor Annahme des russischen Handelsvertrages stattgeiunden.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der Gesetzentwurf betr. Verlängerung der Frist für Gestattung von Ausnahmen von der Belltmir.ung der letzten Gewerbeordnungsnovelle über den SonntagS- unterricht in Fortbildungsschulen.
SiaaiSminisier v. Berlepsch: Die Vorlage solle nicht die Interessen der Kirche schädigen, sondern nur dazu dienen, für Ausführung des Compromisses, der seinerzeit im Interesse des Fort- bildungSschulwefens angestrebt worden sei, des Compromisses zwischen Kirche und Fortbildungsunterricht, eine lange Frist zu gewinnen. ES fei Tbatfache, daß bei Verlegung deS Fortbildungsunierrichts auf den Wochentag eine große Zahl von Lehrlingen telbständiger Gewerbetreibenden, welche jetzt den LronntagS - Unterricht genössen, fünfiig an dem werktäglichen Unterricht sich nicht mehr würden be- tbeiligen können. Auch die Unterbrechung des Unterrichts am Sonntag durch den Gottesdienst schädige den Unterricht. Der einzig gangbare Weg bleibe nun einmal, wenn man nicht einen besonderen Gottesdienst einrichten wolle, die Verlegung des Gottesdienstes. Die Bedeutung des Fortbildungsunierrichts für das Handwerk werde ja doch allgemein gewürdigt, und eine Schädigung dieses Unterrichts, der Fortfall auch nur eines Theiles desselben, würde sehr zu bedauern sein.
Abg. Kropatschek (cons.): Das Ziel, wonach man streben müsse, sei, den Unterricht überhaupt vom Sonntage fortzulegen, auf die Wochentage; und von diesem Ziele entferne man sich immer weiter, wenn man diese Vorlage annehme. In Magdeburg habe ja auch schon die Tischler-Innung ihren Zeichenunterricht auf den Wochentag Botmiltags verlegt.
Abg. Osann (ntl.): Vorredner übersehe, daß es sich ja hier nur um facultatioen Unterricht bandle, daß also gar kein Zwang eingesetzt werden könne, um den Unterricht an den Werktagen durchzuführen. Der Fortbildungsunterricht sei von höchstem Werth; der Sonntag sei tabcr dafür unentbehrlich. Es handle sich nicht nur um Lehrlinge, sondern auch um Gehilfen, die den Werktag zum Verdienen nicht missen konnten. Die nationalliberale Partei werde einmüthig für die Vorlage stimmen.
Abg. Graf Bernstor ff-Lauenburg (Reichsp.) erklärt sich aus denselben Gesichtspunkten wie der Abg. Kropatschek gegen das Gesetz. Wenn die Regierung mit demselben Hochdrucke, wie jetzt für dieses Gesetz, eine andere Lösung anstreben wollte, so sei das besser, als wenn man die UebergangSperiode jetzt um 3 Jahre verlängere. Der Compromiß habe überhaupt nur dem Zwecke dienen sollen, daß man langsam aber zielbewußt auf gänzliche Freigebung des Sonntags vom Unterricht hinarbeite im Interesse vollkommener Sonntagsruhe.
Abg. Schmidt-Elberfeld (frf. Vp.) erklärt Namens seiner und der süddeutschen Volkspartei, daß diese der Vorlage zustimmen werden.
Abg. Schadler (Str.): Seine Partei könne auf keinen Fall einer Vorlage zustimmen, von welcher die protestantische Kirche erkläre, daß sie in ihre Rechte und Befugnisse eingreife.
Abg. Vogtherr (Soc.) glaubt, daß die Kirche bei gutem Willen sehr wohl eine Verständigung hätte herbeiführen können. Den Liberalen könne er nur rathen, das Fortbildungsschulwesen nicht mit, sondern gegen die Kirche zu fördern. Am richtigsten fei es, den Unterricht auf die Vormittage in der Woche zu verlegen. DaS könne aber nur geschehen, wenn man die Forlblldungsfchule obligatorisch mache. Deshalb stimmten seine Freunde gegen die Vorlage.
Abg. v. Stumm (Rp.) Widerhall seine frühere Erklärung, daß er gegen die Vorlage stimme. Dieselbe werde auch keineswegs durch das Jntereffe des Zeichenunterrichts erfordert. Zum Theil könne berfelhe sogar bester bei künstlichem Licht ertheilt werden.
Minister v. Berlepsch: Diejenigen Herren, die gegen die Vorlage seien, wollten ein Princip wahren, verschlössen aber ihre Augen mit Gewalt den praciUchen Bedürfnissen. Als der § 120 beschlossen worden sei, da hätten auch die jetzigen Gegner der Vorlage princ-piell den Sonntag als für den Fortbildungs-Unterricht unentbehrlich erklärt. Heute rnüffe er aus den Ausführungen der Herren Kropatscheck und Graf Bernstoiff entnehmen, daß das Richtigste im obligatorischen Foitbildungsuntcrricht und zwar der Unterricht an den VoiMittagen in der Woche sei. Es wäre nicht unmöglich, daß, wenn ich einmal einen Gesetzentwurf vorlege, ich mich dieser Ihrer Ausführungen erinnere, und dann werde ich Sie beim Wort nehmen! (Hört! hört!)
Nachdem noch die Abgg. Rickert und Möller für die Vorlage eingetreten, wird dieselbe in erster und zweiter Berathung abgelehnt. Dafür nur süddeutiche unb freisinnige VolkSpartei, Nationalliberale unb einige Reichsparteiler.
Es folgt britte Berathung des Gesetzentwurfes zur Sicherung deS Wahlgeheimnisses (Antrag Gröber und Genossen und Rickert und Genosten).
Abg. Bassermann (natl) erklärt kurz, ein Theil seiner Partei werde gegen, ein anderer Theil für daS Gesetz stimmen. Diejenigen unter seinen Freunden, welche gegen den Entwurf seien, hielten inS- befonbere die Einrichtung des Jsolirraums für undurchführbar.
Nachdem noch Abgg. Gröber (Str.) unb Rickert (frf. Vg.) । ben Entwurf empfohlen haben, wirb derselbe mit einem Amenbement j Easselmann (frs. Vg.) angenommen, woburch ausdrücklich au8« gesprochen wird, daß wer Punkt 7 Uhr im Wahllokale ist, noch zur j Abgabe seines Stimmzettel« berechtigt ist.
Es folgt die erste Lesung deS von den Abgg. Lutz, v. Heere- mann, Graf Dönhoff-FriebrichSstetn unb Genossen beantragten Ent- ! wurfS eine« Heimstättengesetzes.
Abg. v. Dönhof f-FriedtichSstein (cons.) empfiehlt ben Entwurf im Interesse der Anfässigmachung ländlicher Arbeiter.
Abg. Schönlank (Soc.): Die große Masse der Besitzlosen könnte sich nach biefem Gesetze gar keine Heimstätte schaffen. Die Beschränkung ber Belastung der Heimstätten auf bie Hälfte beS WertheS fei nur schädlich für das berechtigte Erdintereste der jüngeren Söhne, schaffe bäuerliche Majorate unb werbe — waS sicherlich nicht Absicht ber Antragsteller sei — bie jüngeren Söhne in bie Arme ber Socialbemokratie führen. Wenn überdies das Reich nach Ansicht des Reichskanzlers nicht einmal eine Agrarstatistik machen könne, wie könne daS Reich da zu einer solchen Agrargesetzgebung berechtigt fein? Mit dem Gesetz wolle man sich nur an bie Heimstätte gefesselte Tagelöhner »(hoffen, neue Hörige.
Abg. Dr. Bachem (Str.) tritt für bas Gesetz ein unb er hofft von bemlelbcn, baß es ber ländlichen Bevölkerung einen festen Halt biete. Den ganz verschuldeten Bauer könne man allerdings nicht retten; auf dem hier oorgeschlagenen Wege werde wenigstens ber HalbverfchaldNte geschützt.
Abg. Günther (natl.) erklärt, daß seine Freunde dem Gesetz sympathisch gegenüber ständen, doch seien nicht alle Punkte beffclben ohne Weiteres anzunehmen.
Nachdem noch Abg. Schall (cons.) für den Antrag eingetreten, wird beschlossen, bie zweite Lesung beffclben auf morgen anzufetzen.
Der NachlragSetat (Befoldungen beim Patentamt) wirb genehmigt, ebenso bae Brieftaubengefetz.
Morgen: Heimstättenaeiek, Börsensteuer.
Neneste HacbHd>icit.
Wolffs telegraphisches Eorresponbenz- Bureau.
Köln, 17. April. Nach ber „Volkszeitung" erfolgten am 15. April auf den Zechen deS Essener Reviers Entlassungen und Kündigung en von Bergarbeitern- auf Zeche „Zollverein" allein 400 Kündigungen.
Hamburg, 17. April. Die „Hamburger Nachrichten" veröffentlichen ein gemeinschaftliches Schreiben des Fürsten und der Fürstin von Bismarck, worin allen Landsleuten und Freunden im Reiche und im AuSlande für den Ausdruck ihres wohlwollenden Gedenkens an den Geburtstagen des fürstlichen PaareS der wärmste Dank ausgesprochen wird. Wie die „Hamburger Nachrichten" ferner mittheilen, beträgt die Gesammtzahl ber diesmaligen Glückwünsche zum Geburtstage des Fürsten v. Bismarck über 11,000.
Venedig, 17. April. Die Deutsche Kaiserin wurde bei der Besichtigung der Akademie der Schönen fünfte von einer zahlreichen Menge, darunter einer großen Anzahl Fremder, besonders viele Deutsche, aufS Wärmste begrüßt. Nach dem Frühstück auf der „Christabel" wurde der Syndikus von Venedig empfangen, der den Willkommen Venedigs übermittelte. Die Kaiserin dankte für den herzlichen Empfang seitens ber Bevölkerung.
Venedig, 17. April. Zu Ehren der Kaiserin Augusta Victoria war der Marcusplatz Abends bengalisch beleuchtet. Eine dichtgedrängte Menge harrte auf die Ankunft der Kaiserin. Bei deren Erscheinen um 91/2 Uhr erfolgten wahrhaft stürmische Kundgebungen, die sich wiederholten, als dte Musikcapellen die deutsche Hymne spielten. Die Kaiserin, die vom Herzog Ernst Günther begleitet war, dankte wiederholt huldvollst für die enthusiastischen Kundgebungen und verließ nach 10 Uhr unter erneuten begeisterten Kundgebungen ben Marcusplatz.
Depeschen deS Bureau ,£>erolb'.
Berlin, 17. April. Der Kaiser gedenkt sich zur Beglückwünschung deS Königs von Sachsen an dessen Geburtstage, den 23. April, nach Dresden zu begeben.
Berlin, 17. April. Die Reisebestimmungen ber kaiserlich en Familie sind nunmehr dahin getroffen worden, daß dieselbe mit Anfang des Mai wieder im Neuen Palais in Potsdam vereint sein wird.
Berlin, 17. April. In der heutigen Sitzung des preußischen Staatsministeriums wurde beschloffen, daß sämmtliche dem preußischen Landtage bisher zugegangenen Vorlagen noch in dieser Session erledigt werden sollen. Die Sitzungen des Landtags können demnach nicht vor Pfingsten beendet werden.
Berlin, 17. April. Nach der „Kreuzzeitung" wurde durch eine kaiserliche CabinetSordre ben Offizieren der Armee und der Marine das Spiel am Totalisator verboten.
Berlin, 17. April. Der Hauptgewinn der preußischen Klaffenlotterie von 500,000 Mk. fiel auf daS L00S 199,609.


