Nr. 296Z Erstes Blatt.
Dienstag den 18, December
1894
Der Hietzeuer Jhtjdgtr erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».
Die Gießener Itamilieu v kälter werden dem Anzeiger wüchentlich dreimal beigelegt.
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Bieriekjähriger x >, Avouncmcutsprei»r 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Txpcditiotz und Druckerei:
Kchukstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gissten.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
Hratisöeikage: Hießener Kamitienökätter.
Alle Lnnonccn-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Im Interesse des Publikums wird nachstehende Bekanntmachung zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, 15. December 1894.
Großh. Kreisamt Gießen v. Gagern.
Berlin, den 15. October 1894.
Bekanntmachung.
Im Laufe der letzten Wochen find an verschiedenen Orten einzelne falsche Ztnsscheine von Schuldverschreibungen der 3procentigen Anleihe des Deutschen Reichs zum Borschein gekommen, durch welche denjenigen Personen, die solche in Zahlung angenommen haben, Verluste entstanden sind.
Wir machen hiermit besonders darauf aufmerksam, daß für falsche Zinsschetne in keinem Falle von uns Ersatz gewährt wird. Das Publikum kann sich vor Verlusten der erwähnten Art dadurch schützen, daß dasselbe die Annahme von ZinSscheinen bet Zahlungen ablehnt, da dieselben nicht dazu bestimmt sind, als Zahlungsmittel im Privatverkehr zu dienen. Die Zinsscheine haben lediglich den Zweck, von den dazu bestimmten Kassen eingelöft zu werden.
Reichsschuldenverwaltung, gez. v. Hofs mann.
Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „Gietzener 2ln$eigcr" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzerrer Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Famllien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom ^ge der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
Deutsches Reich.
Berlin, 15. December. Wie verlautet, wird die An- gelegenheit, welche den kaiserlichen Zuschuß beim Gehalte des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe betrifft, bei der Etatberathung im Reichstage zur Sprache gebracht werden.
— Die Uebersicht der Ergebnisse des Heeres- Ergänzungsgeschäfts für das Jahr 1893 ist dem Reichstage zugegangen. In den alphabetischen und Restantenliften werden 1522076 geführt. Von diesen find 45 522 unermittelt, 117 483 ohne Entschuldigung ausgeblieben, 375 390 anderwärts gestellungspflichtig geworden, 517 186 zurückgestellt, 1431 ausgeschlossen, 30 496 ausgemustert, 90217 dem Landsturm ersten Aufgebots, 84394 der Ersatz Reserve, 334 der Marine-Ersatz Reserve überwiesen, 234,685 ausgehoben, 8350 überzählig geblieben, 15 814 in das Heer, 774 in die Marine freiwillig eingetreten. Von den 234 685 find 226 519 zum Dienst mit der Waffe, 4065 zum Dienst ohne Waffe für das Heer, 1898 aus der Landbevölkerung, 2203 aus der seemännischen und halbseemänischen Bevölkerung für die Marine ausgehoben worden. Es sind vor Beginn des militärpflichtigen Alters 15922 in das Heer, 978 in die Marine freiwillig eingetreten. Wegen unerlaubter Auswanderung sind 25471 bezw. 380 verurtheilt, 14279 bezw. 243 noch in Untersuchung.
Berlin, 15. December. In der heutigen Stu de nte n- versammlung wurde der Antrag der Universität Bonn, dem Fürsten Bismarck zum 80. Geburtstage eine großartige, künstlerisch ausgeführte Ehrengabe mit einer Adresse zu überreichen, mit 19 gegen 10 Stimmen angenommen. Der Vertreter der Universität Tübingen'hatte sich der Abstimmung enthalten. Die Ehrengabe soll die Form eines Obelisken erhalten und im Vestibüle des Bismarck'schen Schlosses zu Frtedrichsruh aufgestellt werden.
Berlin, 15. December. Der „Lokalanzeiger" meldet aus Magdeburg, die Verhandlung in der Angelegenheit der Oberfeuerwerkerschüler werde wahrscheinlich heute noch nicht beendet. Die Verhandlungen finden in einem innerhalb der Ctradelle belegenen Gebäuoe statt. Die Anklage wird durch den Auditeur Goebel vertreten.
Berlin, 15. December. In der Amtswohnung des Reichskanzlers hat heute Vormittag eine Sitzung des Staatsministeriums stattgefunden.
Berlin, 15. December. In dem Wucherprozesse Treuherz und Genossen wurde heute das Urtheil gefällt. Treuherz erhielt drei Jahre Gesängniß, 4500 Mk. Geldstrafe und fünf Jahre Ehrverlust, Spiegel zwei Jahre Ge- fängniß, 3000 Mark Geldstrafe und drei Jahre Ehrverlust, Bruck ein Jahr Gesängniß, 900 Mark Geldstrafe und zwei Jahre Ehrverlust, Winter zwei Monate und Aufrichtig vierzehn Tage Gesängniß.
Berlin, 15. December. Wie ein Berichterstatter meldet, hat die Centrumsfraction des Reichstages sich gestern mit landwirthschaftlichen Fragen beschäftigt und ihre Anschauungen in einer Resolution zusammengefaßt, welche zum Etat etn- gebracht werden soll. In derselben soll u. A. eine Erleichterung des landwirthschaftlichen Kredits seitens der Reichsbank gefordert werden.
Berlin, 15. December. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist von seinem Unwohlsein wieder hergestellt und hat heute Vormittag einer Sitzung des Staatsministe- rtums prästdirt, an welcher sämmtliche Minister theil- nahmen.
Berlin, 15. December. Adt und Genossen brachten eine Resolution ein, in welcher die Geschäftsordnungs Commission des Reichstags aufgefordert wird, alsbald den Entwurf einer Aenderung und Vervollständigung der Geschäftsordnung auszuarbeiten und dem Reichstage znr Beschlußfassung vorzulegen, durch welche die DiSctplinargewalt des Reichstags und des Reichstagspräsidenten angemessen verstärkt wird.
Berlin, 15. December. Die (officiöse) „Berl. Corresp." schreibt: Hiesige und auswärtige Blätter verbreiten die Nachricht, der Kaiser habe dem Reichskanzler zum Ersatz deS Verlustes, den er durch seine Berufung nach Berlin in seinen Bezügen erleidet, eine Entschädigung von 100,000 Mk. auS einem allerhöchsten Dispositionsfonds zugewieseu. Diese Nachricht ist nur insoweit richtig, als der Kaiser diese Absicht kundgegrben, der Reichskanzler aber gebeten habe, von diesem Gnadenbeweise Abstand zu nehmen.
Köln, 15. December. Die „Köln. Ztg." meldet auS Petersburg: Gegenüber den übertriebenen Behauptungen über den neuen russischen CurS versichert ein guter
Kenner der russischen Hofverhältnisse, daß der Zar zwar gute Beziehungen zum deutschen Nachbar sehr Hochschätze, aber an der für Rußland vortheilhaften Stellung Frankreich gegen- , über nichts ändern werde. •
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Ausland.
Wien, 15. December. Die türkis che Regierung ! versicherte angeblich dem Vatikan, daß sie der Verwirk- I lichung der kirchlichen Bestrebungen keine Hindernisse in den Weg legen werde. Der Papst läßt dem Sultan ein reich gebundenes Exemplar der Constitution der orientalischen . Kirchen überetchen.
Budapest, 15. December. In Regierungskreisen wird ; bestimmt versichert, daß die Tage Wekerles als Minister- Präsident gezählt sind. Wekerle dürfte einen von einem | hiesigen Bankhause ihm angetragenen Posten übernehmen.
Paris, 15. December. Die Leiche des verstorbenen ! Kammerpräsidenten Burdeau sist gestern im großen Saale des Palais Bourbon ausgestellt worden. Im Laufe 1 des gestrigen Nachmittags defilirte eine zahlreiche Menschen- j menge an dem Katafalk vorbei. Das Begräbniß des Ver- storbenen wird am SamStag Nachmittag stattfinden. Ob der , Präsident Casimir Perter der Begräbntßfeter beiwohnen wird, i ist noch nicht feftgestellt.
Paris, 15. December. Der Präsident der Republik, Casimir Perier, hat den Botschafter Grafen Münster gebeten, Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm seinen Dank zu übermitteln für die Beletdsbezeugung Seiner Majestät auS Anlaß des Ablebens des Kammerpräsidenten Burdeau.
Paris, 15. December. Die Beerdigungsfeier für Ferdinand v. Lesseps fand heute in der Kirche Ruo des Gros Cailloux in Anwesenheit mehrerer Mitglieder deS diplomatischen CorpS, sowie einer überaus zahlreichen Menge statt. Auf dem Kirchhofe Pdre la chaise wurden mehrere Reden gehalten. Eine militärische Ehrenbezeugung wurde dem Tobten nicht erwiesen, weil der Leichnam im Grabgewölbe beigesetzt wurde und militärische Ehrenbezeugungen ; nur in der Wohnung des Verstorbenen dargebracht werden können.
Loudon, 15. December. Einer Meldung aus Hiroshima zufolge soll der japanische Kriegs Minister im Begriff stehen, sich nach Port Arthur zu begeben, um, wie eS heißt, eine Untersuchung über die von den Japanern verübten Greuelthaten einzuleiten. Anderseits wird versichert, : daß der Kaiser von Japan nur deßhalb byi Kriegsminister j nach dem Kriegsschauplätze entsandt habe, um mit den japa- I nischen Generälen einen »Eroberungsplan gegen Peking zu verabreden.
Loudoo, 15. December. Die „Times" meldet auS > Tientsin, daß die chinesische Legierung bei den fremden । Mächten gegen die nach Peking gesandten Militärpoften zum Schutze der verschiedenen Legattonen pro- testirt. Die Militärposten werden sich nach Tientsin zurückziehen und sich für alle Eventualitäten bereit halten. Deutschland, Frankreich, Rußland, England, Spanien und Italien hatten je 50 Mann nach Peking geschickt. Augenblicklich lagern Schiffe aller europäischen Mächte, mit Ausnahme Italiens, vor Tientsin.
Loudon, 15. December. Nachrichten aus Shanghai melden, daß der Kaiser von China schwer erkrankt sein soll.
Petersburg, 15. December. Wie verschiedene Blätter melden, wird ein außerordentlicher Gesandter Persiens dem Kaiser den höchsten persischen Orden „Agdas" überbringen, | welcher das mit Brillanten geschmückte Bildniß des Schahs enthält. Der Kaiserin überbringt der Gesandte ein kostbares Perlen-Collier.
Warschau, 15. December. Außer dem Generalgouverneur Gurko erhielten auch der Chef des Warschauer Unterrichtsbezirks und der Chef der Censurbehörde ihre Entlassung.
Deutscher Reichstag.
7. Sitzung. Samstag deu 15. December 1894.
Das Haus setzt die Besprechung der Zucker-Interpellation Paasche-Friedberg fort.
Abg. Dr. Meyer (srs. Vgg.): Wir sehen in der Verordnung der Ausfuhrprämien ein ungerechtes Verlangen, weil dasselbe nur auf Kosten der Steuerzahler zu erfüllen ist. Wir sind auch deshalb gegen Prämien, weil jede Echellonirung von Ausfuhrprämien nach einem Ausspruche des früheren Reichskanzleramtspräsidenten vom Uebel ist. Redner wies dann als auf die Hauptursache der Kalamität aus die Ueberproduction in Zucker bin, welch letztere gerade wiederum durch das Prämicnsystem mitverschuldet worden fei. Einer Production, welche so schnell fortschreite, daß ihr die Eonsumtion nicht folgen könne, könne Niemand helfen. Helfen könne da höchsten-


