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18.11.1894 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt. Sonntag den 18. November

1894

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An,ts- und Anzeigeblatt ffir den Areis Gietzen.

chraiisßeikage: Hießener Kamitienökätter

iHttikwe von «n,eigen ,u der Nachmittag» für den fOlgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

MU» Kunoncen-Vureaux de» In. und Ausland«» nehm« Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger* entgegen.

Anzeichen eines bald l bar, so ist daß eine Mahnung zur Eile.

weilen dann auf der Rastftation nur so lange, als erfor­derlich ist, um in aller Eile ihre Nahrung zu suchen. Ist dies Geschäft erledigt, dann wird sofort der Weiterflug an-

Deutsches Reich.

Berlin. 16. November. Die Bildung der neuen Regierung im Reiche und in Preußen unter dem Fürsten Hohenlohe ist mit der Ernennung des Oberlandesgerichts- Prästdenren Schönstedt zum Justizminister abgeschlossen worden. DieNat.-Ztg." beurtheilt die politische Bedeutung der stattgefundenen Personalveränderungen in sehr nüchterner Weis. DaS national-liberale Blatt meint, wenn überhaupt der stattgefundene Personalwechscl in den höchsten ReichS- und Staarsäcktern eine politische Veränderung in sich schließe, so könne dieselbe höchstens in der Richtung einer geringen Verschiebung nach der liberalen Seite hin liegen. Zur Be kräftigung oieser seiner Ansicht weist das Blatt darauf hin, daß jetzt an Stelle des couservativen Grafen Eulenburg der liberale Fürst Hohenlohe an der Spitze des preußischen Staatsministeriums stehe, und daß auch der Wechsel im Just zministerium in ähnlichem Sinne beurtheilt werden könne. Im Uebrigen erblickt dieNat.-Ztg." die Bedeutung der stattgehabten Veränderungen darin, daß einerseits der unheilvolle Dualismus zwischen Reichskanzler und Minister­präsident beseitigt worden sei und daß anderseits an die Stelle der bisherigen Minister des Innern, der Landwirtschaft und der Justiz Männer getreten seien, von denen eine kräftige Initiative zu erwarten stehe. Andere Preßstimmen vertreten freilich die Ansicht, daß der stattgefundene Personalwechsel sich in seiner Gesammrheit vielmehr als eine Schwenkung nach rechts characterisire und betonen sie hierbei die politische Vergangenheit der neuen Minister des Inneren und der Landwirthschaft. ,

Die außerordentliche preußische General- synode ist am Donnerstag geschlossen worden. Ihr Haupt­werk besteht in der Berathung und schließlich einstimmig er­folgten Annahme der neuen Agende.

Der Bundesrath genehmigte in seiner Wochen- Plenarsitzung die Ausschußberichte über die Etats der Marine- verwattung, der Post- und Telegraphenverwaltung und der Reichsdruckerei. Ueberwiesen wurden den berrcffenden Aus­schüssen die Gesetzentwürfe wegen Aenderung des Zolltarifs, über Feststellung des ReichshaushaltSetats für die Schutz­gebiete auf das Etatjahr 1895/96 und über die Jnvalidt- täts und Altersversicherung farbiger Seeleute im Verkehr mit westafrikanischen Seehäfen.

Fenilleton.

Der Vögel Winlrrreisr.

Pon Dr. Friedrich Martin.

(Schluß.)

Daß die Witterung die Wanderzüge ungemein beeinflußt, kann allerorts beobachtet werden. Schlechtes Wetter mit Südwestwinden bringt dieselben sofort inS Stocken. Tage­lang ist kein Wanderer mehr zu erblicken, aber sobald die Witterung zum Guten umschlägt, fallen sofort dichte Schwärme ein. ES ist von hohem Jnteresie, einen Zug von kleineren Vögeln bei gutem Wetter zu belauschen. Namentlich sind es die Drosielarten, die es vorzüglich verstehen, das Nützliche die Winterreise mit dem Angenehmen die Nahrungs­aufnahme zu verbinden. Nachdem die Vorposten die Gegend untersucht und über den Befund Bericht erstattet haben, steht die Ankunft des Zuges baldigst bevor. Ist schlechtes Wetter, erscheint derselbe nicht, er bleibt so lange weg. als dasielbe andauert. Kaum aber lacht blauer Himmel mit Hellem Sonnenschein, dann ist sofort die ganze Gegend bedeckt von Vögeln. Langsam, aber stetig ziehen dieselben von Busch zu Busch, eifrigst ihre Nahrung suchend. Jedes kleine Gehölz, jede Hecke, jedes Gesträuch ist erfüllt mit Wandervögeln. Ueber die freien Felder fliegen sie ununter­brochen, jede Scholle, jeden einzelnen Strauch durchsuchend, alle dem Süden zustrebend. Wohin man immer blickt, überall dasielbe wunderbare Leben, dieselbe Eile im flüchtigen Auf- fuchen der Nahrung, dieselbe Unruhe, dasselbe rastlose Weiter­wandern. Am nächsten Morgen schon ist sicher in der ganzen weiten Flur auch nicht einer de- Zugvögel mehr zu

habt- es ist jetzt für Kinder unter 15 Jahren bei Strafe verboten, Vögel zu fangen. Die 15V< Jahre alten Jungen aber bis hinauf zum 70jährigen Jubelgreis dürfen nach wie vor unter den Thieren ausräumen, so viel sie nur immer können. Einen großen practischen Werth hat somit das Verbot nicht, es kann den Vögeln ganz gleich sein, ob ihnen von einem 14- oder einem 16jährigen Burschen der Hal« umgedreht wird.

Innerhalb Deutschland haben die Vögel noch eine weitere gefährliche Klippe zu umsegeln, ehe sie die südlichen Gebirgs­pässe erreichen. Es ist dies Thüringen und der Thüringer Wald, wo der Vogelfang in schönster Blüthe steht. Die Krammeisvögel", die dort zu Tausenden jeden Morgen ge­fangen werden, bestehen sicher zur Hälfte aus Drosseln. Ein Vogelschutz hat in Thüringen bis jetzt so gut wie gar nicht eriftin, war doch dort sogar die Lerche einjagdbares Thier . In neuester Zeit ist eine Besserung insofern angeregt worden, als die verschiedenen thüringischen Staaten in Unterhandlungen stehen, um ein für alle Theile des Landes giltlges Schutz- gesetz zu erlassen. Dasselbe verbietet da« Fangen und Schießen der Singvögel und gestattet den Fang der Kram- metsvögel auf dem Vogelherde erst vom 15. October ab. Werden andere Vögel unbeabsichtigt eingefangen, sind die- selben sofort wieder in Freiheit zu setzen. Hoffentlich erfüllt das Gesetz seinen Zweck. .

Am schlimmsten wird den armen Thieren mttgespielt beim Passiren der Gebirgspässe in der Südschwetz und namentlich in Oberitalien. Dort beginnt unter ihnen em wahres Morden. Alle nur möglichen Fangvorrichtungen erwarten die Züge, geschont wird weder Groß noch Kiew, noch Jung und Alt. Was in den Netzen zappelt, wird erwürgt ohne Gnade und Barmherzigkeit, in Körben und Kiepen wird die Beute zu Thal getragen und in den nächsten Ortschaften um einen Spottpreis verschleudert an Fein- schmecker, denen das Verspeisen der kleinen Vögel einGenutzt ist. Nimmt man hierzu noch all die anderen Gefahren, welche die Züge bedrohen, so muß es wirklich Wunder nehmen, daß sich in jedem Frühjahre wieder Schwalbe, Staar und Lerche in ziemlicher Anzahl bei uns etnfinden. Unsere Pflicht ist eS aber dann auch, die Thierchen zu hegen und zu pflegen, ihnen

Die Futteraufnahme auf der Reise geht überhaupt mit der größten Schnelligkeit von Statten. Die Raftstationen sind wirklich für die Züge nur da, um zu» rasten für ganz kurze Zeit- dauert der Aufenthalt länger, so tragen hieran widrige Umstände die Schuld. Die Vögel wandern mit großer Schnelligkeit, ihre Flugkraft ist, wie wir schon an . einem Beispiel gezeigt haben, ganz gewaltig. Wir wollen noch ein zweites Beispiel anführen als Beweis dafür, daß auch minderwerthige Exemplare noch sehr achtungSwerthe Flugleistungen liefern können. An einem schönen Julitage fand ein Postvorsteher in einer kleinen thüringischen Stadt einen jungen Storch, der zu früh das Nest verlassen hatte, im seichten Wasser der Werra, hart bedrängt von einem halben Dutzend Gänsen. Dieselben wurden verjagt und das Störchlein war gerettet. Dasselbe weigerte sich hartnackig, Nahrung zu nehmen, und so ließ es sein Retter wieder auf das Nest bringen, nachdem ihm ein Messingtäfelchen mit ent­sprechender Inschrift angehängt worden war. Am 20. August verließen die Störche die Gegend und am 24. wurde der gezeichnete Storch vom Kirchthurm der Ortschaft Fornells, Provinz Gerona in Eatalonien, herabgeschossen. Dem Post- vorsteher wurde das Messingtäfelchen eingesandr und die näheren Umstände des Todes des Vogels mitgetheilt, so daß sich es in diesem Falle um Jägerlatein nicht handeln kann. Der schwächliche Vogel hatte somit 165 geographische Meilen zurückgelegt, also täglich über 40 Meilen.

Eine der beliebtesten Raststation:n bildet die Jn.el Helgoland. Es ist ganz erklärlich, daß dieser isolirte Fels, den Vögeln auS weiter Ferne sichtbar, für dieselben einen bedeutenden Anziehungspunkt bildet. Als die Insel noch englischer Besitz war, wurden bte erschöpften Thiere von den Insulanern zu Tausenden und Abertausenden gefangen und verspeist. So ist eS auch geblieben, als die Insel deutsch

Vor Kurzem erst veröffentlichten die Badegäste einen

erblick«!.^ Wanderungen sind die Züge natürlich

aenöthigt, hin und wieder eine Raststation zu machen. Finden dieselbe» auf der Reise Plätze, die ihnen besonders zusagen, so verweilen sie dort je nach der Witterung und nach sonstigen nur ihren bekannten Umständen kürzere oder längere Zeit. War die Wanderung verspätet angetreten oder machten sich

Dr. Oerrel m Sondershausen zu den Angeschuldigten gerufen. Gegen 5'/- Uhr Nachmittags traf Dr. Oertel in der Gcrlach- schen Wohnung ein. In der Wohnstube traf er den Ober- förster nebst Frau und Tochter an. Gerlach und Frau tlagten dem Dr. Oertel sofort über die Schlechtigkeit ihres Dienst- Mädchens Anna Köhler. Da« Mädchen habe ihnen wiederholt Zucker und Beeren gestohlen und in Folge des Genusses dieser Gegenstände leide dasselbe seit längerer Zeit an heftigen Durchfällen. Einen Arzt haben sie, da das Mädchen sich dagegen stets gesträubt habe, bisher nicht zu Rathe gezogen. Der Oberförster erzählte auch dem Arzt, daß er daS Mädchen wegen ihres diebischen Wesens wiederholt gezüchtigt habe. Dr. Oertel, dem das Gebahren der Gerlach schen Eheleute etwas verdächtig vorkam, verlangte die Patientin zu sehen. Bevor jedoch dem Verlangen des Arztes entsprochen wurde, erzählte ihm noch Gerlach, daß das erkrankte Mädchen am Hinterkopf eine Wunde habe, die ihr vor Antritt des Dienstes bei ihm von ihrem Bruder zugefügt worden sei. Auch aus dem Rücken habe daS Mädchen mehrere Wunden, diese habe sie sich aus Reue über ihr diebisches Wesen selbst zugesügt. Der Oberförster begab sich hierauf mit Dr. Oertel in eine zwei Treppen hoch belegene Kammer. Hier lag daS junge Mädchen in einem völlig verwahrlosten Zustande, nur mit einem Kleide bedeckt, den Kopf mit einem alten, nassen Lappen umwickelt, besinnungslos auf einem Bett. Auf Aufforderung des Arztes, den Lappen vom Kopse zu entfernen, ritz der Oberförster denselben mit solcher Gewalt dem Mädchen ab, daß der Arzt sich veranlaßt sah, dem Oberförster über dteS Verhalten Vorhaltungen zu machen. Eine flüchtige Unter­suchung ergab auf dem Hinterkopf eine Fünfmarkstück große, von Haaren entblößte, die Knochen bloslegende, völlig ver­eiterte Wunde. In der linken Nierengegend befand sich em handbreiter Hautdesect mit brandigem, geschwürigen Grunde. Der linke Oberschenkel wies die Spuren zahlreicher Schlage auf, die linke Wade war in Folge von Schlagen vollständig blutunterlaufen. Dr. Oertel erkannte schon auS dieser nur oberflächlichen und flüchtigen Untersuchung den völlig hoffnungS- losen Zustand des Mädchens. Er ordnete deshalb die so­fortige Uebersührung desselben in das Krankenhaus an. Aus Vorhalten des Dr. Oertel gestand Gerlach zu, das Mädchen ein oder zwei Tage vorher mit einem Stock gezüchtigt zu haben. Auf die Bemerkung des Dr. Oertel, daß man einen schwer kranken Menschen doch nicht noch schlagen dürfe, er-

Die Vorlage über die Bekämpfung der Umsturzbestrebungen sieht nach neueren Meldungen vor: Bestrafung der Verherrlichung von Verbrechen, der An­stiftung von Militärpersonen zum Ungehorsam, und der Be­drohungen. Außerdem bringt sie eine Ausgestaltung der bekanntenKautschuk-Paragraphen" des Strafgesetzbuches, §§ 130 und 131. Preßerzeugniffe können, wenn sie unter dieses Gesetz fallende Artikel enthalten, vorläufig beschlagnahmt werden. Endlich heißt es noch, die Vorlage werde auch das Uebergreifen der social-revolutionäre» Propaganda auf die Heeresorganisation berücksichtigen. .

Für neue Marineforderungen plaidirt die Nordd. Allg. Ztg." in einem Artikel, der Folgendes aus­führt : Die deutsche Marine sei im AuSlande noch nie so in Anspruch genommen gewesen, wie jetzt. In Ostasien befänden sich drei Kreuzer und zwei Kanonenboote. Von den dahin bestimmten weiteren Kreuzern werdeComoran" undCondor" zunächst in die Delagoa Bai, undIrene" nach Marokko gehen, da der dort ftationirteSperber" vor Kamerun erforderlich sei. In der Südsee sei kein Kreuzer entbehrlich. Im Westen Südamerikas befinde sich nach Abgang der Kreuzerdivision kein deutsches Kriegsschiff, obgleich der Auf­stand in Peru immer dringender einen Schutz der Landsleute erwünscht sein lasse. Der Mangel an Kreuzern sei drängend. Es verlaute, die Marine-Verwaltung wolle im nächsten Etat vier neue Kreuzer beantragen und sich dafür aller weiteren SchiffSneubau-Forderungen enthalten. Wer werde fragt das Regierungsblatt Muth finden, gegenüber den Zeichen der Zeit abzulehnen?

Eine Dienstboten - Mißhandlung vor Gericht.

Ein Verbrechen, das die kühnsten Phantasien aller Roman­schriftsteller weit in den Schatten stellen dürfte, gelangte am 14. d. Mts. vor dem Schwurgericht des Königlichen Land­gerichts in Erfurt zur Verhandlung. Auf der Anklagebank erscheinen, au« der Untersuchungshaft vorgeführt: 1) der Fürstlich-Schwarzburg-Sondershäusische Oberförster Gerlach, 2) dessen Ehefrau, aus Sondershausen. Bei dm An­geklagten stand seit Anfang März d. I. ein junges Mädchen, Namens Anna Köhler aus Gotha in Diensten. Am Nach­mittage des 11. Juli d. I. wurde der practische Arzt