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Nr. 271 Erstes Blatt. Sonntag den 18. November

1894

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

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Gießener Anzeiger

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Ainttiche* Theil.

Gefunden: 1 Brosche, 1 Brille mit Futteral, ein Portemonnaie mit Inhalt, 1 Rosenkranz, Geld. 1 Taschentuch, 1 Handschuh, 1 Pferdeteppich, 1 Korb mit Kraut, 1 Knopf einer Fahnenstange, 1 Deckchen und 1 Hundehalsband.

Zugelaufen: 1 braun- und weißgefleckter Hund.

Gießen, den 17. November 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Nerrefte Nachrichten»

WolffS telegraphische» Lorrelpondenz-Bureau.

Straßburg, 16. November. Heute Nachmittag empfing der Reichskanzler das Präsidium des Landesausschusses, der Consiftorten der Protestanten und Israeliten, den Ge­meinderath, Deputationen der Gemeinderäthe aller Städte und vieler Landgemeinden der Reichslande, Handelskammern und Vertreter von Vereinen. Der Fürst hielt längere An­sprachen. Abends war Festvorftellung im Theater, wo beim Erscheinen deS Fürsten und seiner Familie Tusch erklang und die Jubelouverture von Weber vorgetragen wurde. Zum Schluffe erhob sich das Publikum- es wurde derSang an Aegir" vorgetragen und der Director sprach den Abschieds- grüß des Elsaffes, der mit einem Hoch auf den Fürsten endete.

Rom, 16. November. Heute wurden starke Erdstöße In Catanzaro, Messina, Reggio und Calabrien constatirt.

Messtua, 16. November. Das heutige Erdbeben dauerte zwölf Stunden. Ein Theil des oberen Leuchtthurmes ist eingestürzt, der Wächter wurde verletzt- viele Häuser sind beschädigt, die Gesimse vieler Kirchen herabgeschleudert, eine Person wurde getödtet. Die Panik dauert an. Die Er­schütterung wurde in der ganzen Provinz und in Calabrien verspürt.

Paris, 16. November. Casimir Peri er empfing heute Bormittag den Vorstand der Progesfiftengruppe der Kammer, der sich zum Präsidenten begeben hatte, um gegen die Angriffe zu protestiren, deren Gegenstand Casimir Perier sei. Der Präsident dankte den Delegtrten und versicherte, er habe stets der Republik angehört und werde ihr auch in Zukunft immer angehören. Nicht durch Rückwärtsblicken, noch durch Auf dem Flecke Stehenbleiben, sondern nur durch fortwährendes VorwärtSschreiten könne man die Schwierig­keiten lösen und die Pflichten einer demokratischen Regierung gegen die arbeitenden Klaffen erfüllen. Der erste Beamte der Republik sei kein Parteiwann und werde es niemals sein. Dieser hohe Posten könne und müsse eine moralische Macht sein, aber nur unter der Bedingung, daß ihm das Vertrauen der Republikaner zur Seite stehe.

Brüffel, 16. November. Nach Schluß der heutigen Kammersitzung brachte die sozialistische Gruppe einen Antrag ein auf Amnestie aller politischen Verurtheilten.

Petersburg, 16. November. Bet dem Empfange der Mitglieder des Reichsraths am Mittwoch hielt der Kaiser Nikolaus folgende Ansprache:Durch den Willen des Allerhöchsten ist über uns alle ein schwerer Kummer herein- gebrochen. Mein theurer Vater, Kaiser Alexander III., ist vorzeitig gestorben. Der entschlafene Monarch vermochte mir vor seinem Tode nicht seinen Willen wegen des Aus­druckes des Dank-S an die Mitglieder des Reichsrathes für ihre treuen Dienste zu übermitteln- allein, da ich weiß, wie mein unvergeßlicher Vater stets mit den Arbeiten des Reichs­raths zufrieden war, kann ich bestimmt das Recht übernehmen, Ihnen im Namen des Verewigten zu danken. Gott helfe mir, das schwere Amt des Staatsdienstes, welches mir vorzeitig auferlegt ward, zu tragen! Ich hoffe, meine Herren, auf Ihre volle Mitwirkung!"

Petersburg, 16. November. Beim Empfange der Ge­neraladjutanten, Generalmajore der Suite und Flügel­adjutanten im AnitSschkow-Palais sagte der Kaiser:Ich danke Ihnen, meine Herren, Namens meines heißgeliebten Vaters für den ihm geleisteten treuen und ehrlichen Dienst. Ich bitte Sie die Gefühle der Ergebenheit und Liebe, welche Sie für ihn hegten, auf mich zu übertragen." Nach einer Meldung der Blätter trug der Kaiser gestern beim Empfange des Großherzogs von Heffen und der Herzöge von Coburg und York auf dem Bahnhofe die Uniform des Leibgarde- Preobraschenski-Regiments. Sämmtliche ausländischen Fürstlich­keiten wohnten gestern mit der kaiserlichen Familie den Trauermessen am Sarge Kaiser Alexanders bei.

Petersburg, 16. November. Der Petersburger Stadt- hauptmann macht bekannt, daß am Montag, den 19. d. Mts.,

dem Tage der Beisetzung des Kaisers Alexander, an 42 Stellen I der Stadt etwa 45500 Arme gespeist werden. ' Die Petersburger Presse legte gestern am Sarge des Kaisers [ einen großen Kranz aus Silber und Gold nieder.

Depeschen des Bure« .Herold".

Darmstadt, 16. November. Nach einer Meldung von hier ist die Beisetzung in Petersburg endgiltig auf Montag den 19. November festgesetzt worden.

Berlin, 16. November. DerRetchsanzeiger" publicirt die Ernennung des bisherigen Gesandten in Buenos-AyreS, Dr. Krausch, zum außerordentlichen Gesandten bei den Vereinigten Staaten von Brasilien.

Berlin, 16. November. DerBerliner Localanzeiger" läßt sich aus Petersburg melden, daß am Sa,rge des Czaren Offiziere der deutschen Militärdepu- tationen gemeinsam mit den russischen Offizieren die Ehrenwache halten. Die Katafalkstufen sind mit Silber­kränzen gänzlich bedeckt, stündlich kommen neue hinzu. Der Zudrang des Publikums soll ganz enorm sein.

Berlin, 16. November. DerVorwärts" bezeichnet die vorgestrige Rede Bebels über den Frankfurter Parteitag als berechtigte Kritik, die jedem Genoffen zuftehe. Von einer Rebellion Bebels zu reden sei Unsinn.

Berlin, 16. November. Der bisherige Justizminister Dr. von Schelling hat sich gestern in besonderer Mintste- rtalsitzung von den Vortragenden Rälhen deS Ministeriums verabschiedet und denselben für die treue Mitarbeiterschaft herzlich gedankt. Dem scheidenden Minister widmete Unter- staatssecretär Nebe-Pflugstädt warme Worte.

Berlin, 16. November. An der feierlichen Weihe des neuen RetchstagsgebäudeS wird'auch, wie eine Localcorrespondenz mittheilt, eine Deputation des österreichischen Reichsraths theilnehmen.

Berlin, 16. November. Dem bisherigen Director im Reichspostamte, Wirkl. Geh. Rath Sachse, ist aus Anlaß seines am 1. October d. I. erfolgten Ausscheidens aus dem Reichsdienste das Btldniß deS Kaisers in Lebensgröße mit eigenhändiger Unterschrift verliehen worden.

Varzin, 16. November. Das Befinden der Fürstin Bismarck hat sich gebeffert, so daß das Fürstenpaar gestern eine gemeinsame Spazierfahrt unternehmen konnte.

Wien, 16. November. Der Präsident deS Herrenhauses, Fürst Trautmannsdorf, hielt in heutiger Sitzung eine Trauerrede für den Czaren Alexander III., worüber Pro­tokoll ausgenommen wurde.

Budapest, 16. November. Gestern Abend sand eine Straßendemonftration für Franz Cossuth statt. Die Polizei mußte einschreiten und verhaftete sechs Studenten.

Bukarest, 16. November. Anläßlich der Silber­hochzeit des Königspaares übersandte Kaiser Wilhelm prachtvolle Geschenke.

Belgrad, 16. November. Die Bürgerschaft der Stadt hat beschloffen, am Begräbnißtag e des Czaren Alexander alle Geschäfte zu schließen und die Häuser schwarz zu beflaggen.

Büffel, 16. November. Die Kammer beschäftigte sich heute Nachmittag mit der Wahl in Alost, die heftige Debatten hervorrief. Die Soctalisten beantragten gerichtliche Untersuchung, um Licht in dem Wahlbetrug zu schaffen. Die ganze Rechte lehnte jedoch diesen Antrag ab. Zwei klerikale Mandate wurden für gütig erklärt, bei den übrigen zwei, worunter Woeste und Abbö DaenS sich befinden, ist auf Mitte December Stichwahl angesetzt.

London, 16. November. Wie dieTimes" meldet, hat der chinesische General Lien mitgetheilt, er sei am 11. d. M. von den Japanern im Gebirge angegriffen worden, habe aber dieselben zurückgeworsen. Am 12. November hätten die Japaner, bedeutend verstärkt, einen erneuten Angriff gemacht, seien aber wiederum zurückgeschlagen und verfolgt worden.

Petersburg, 16. November. Heute Vormittag trafen der König von Dänemark nebst Sohn und Gefolge hier ein. Dieselben wurden am Bahnhofe vom Kaiser und den anwesenden Fürstlichkeiten empfangen.

Petersburg, 16. November. In der technischen Hoch­schule brach heute eine Revolte aus, weil die Schüler das mouar-chische Regiment nicht anerkennen wollen. Mehrere Verhaftungen sind vorgenommen worden.

Warschau, 16. November. Die Deputation der Warschauer Bürger hat die Reise nach Petersburg zum Begräbniß des Czaren angetreten. Die Deputation will eine Audienz beim Czaren Nikolaus nachsuchen, um Be­schwerde über den Gouverneur Gurko zu führen, welcher durch seine fortgesetzt feindselige Haltung in Polen Unruhe verbreite.

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Gießen, den 17. November 1894.

H. Neues Theater. SudermannsH e i m a t h". Man mag über Sudermann denken wie man will, man braucht mit den letzten Zielen seiner Kunst durchaus nicht einverstanden zu fein, aber man muß rückhaltlos zugeben, daß er gewaltig an das Menschenherz zu rühren versteht, weil er seine Charactere aus dem frischen Menschenleben herausgreift. Auch diesmal war es ein gewaltiges Schicksal, daß der Dichter vor unseren Augen entrollte. Dm Inhalt des Stückes haben wir letzthin kurz skizzirt, brauchen ihn also nicht zu wiederholen und können uns gleich zur Dar­stellung wenden. Wenn wir es vorgestern als ein gewagtes Experiment erklärten, das Herr Reiners mit der Auf­führung derHeimath" unternommen, so dürfen wir heute mit großer Befriedigung feststellen, daß das Experiment vollständig gelungen ist. Wir waren in der That überrascht, ein Ensemble, das sich bis jetzt nur in leichteren Stücken versucht hatte, einer derartigen die Anspannung aller Kräfte heischenden Aufgabe gerecht werden zu sehen. Die in freier Weltanschauung lebende Künstlerin Magda, die kein Gesetz außer ihrem Willen kennt und sich demgemäß nicht in die engen Begriffe des ihr fremdgewordenen Vaterhauses bannen lassen kann, wurde von Fräulein Ronneberg ganz vor­züglich dargestellt. Das Temperament der Dame verhalf der Feuerseele, die der Dichter in diese Figur gelegt hat, in allen Lagen zum glücklichsten Ausdruck. Wahr und über­zeugend spielte sich der Kampf zwischen Kindespflicht und ihrem innersten so ganz anders gewordenen Empfinden vor uns ab, von den ersten Augenblicken' des Wider­strebens gegen das alte Joch bis zum gewaltigen Aus­bruch höchster, von verletzter Mutterliebe entfesselter Leiden­schaft. Wir wollen nicht Kleinigkeiten beanstanden, sondern dürfen die Darstellerin zu dem errungenen Erfolg aufrichtig beglückwünschen. Einen gleich vortrefflichen Partner fand Fräulein Ronneberg in Herrn Niemeier, in dem wir einen alten Bekannten vom vorigem Jahr begrüßen konnten. Sein Oberstlieutenant Schwartze war von Anfang bis zu Ende eine wohldurchdachte und fein abgetönte Leistung- besonders ergreifend wirkte der Ausdruck der bet allem Zorn und aller Entrüstung zum Durchbruch kommenden Liebe zu der nach der Ansicht des Vaters mißrathenen Tochter. Herr Otto präsentirte sich als Pfarrer Heffterdingk in ungewohntem Kleide, errang aber durch sein Spiel allseitige Anerkennung. Ebenso Frau Reiners, die in ihrer kindlichen Reinheit wahrhaft rührend wirkte, Herr Heyne in der Rolle des Strebers v. Keller, Herr Hacker als Max und Fräulein G e r l a ch als Frau Schwartze. Fräulein Patuschka als Tante Franziska gelang es, das Drückende der Situation einigermaßen durch derbe Komik zu mildern, auch die Nebenrollen genügten. Zum Schluffe bemerken wir noch, daß das Zusammenspiel im allgemeinen recht gut war- aber manchmal hätten wir doch gewünscht, eine allzu ausge­dehnte Inanspruchnahme des Souffleurs wäre unnöthig gewesen. Das Haus war nahezu ausverkauft, so daß auch in dieser Beziehung Herr Reiners mit seinem Erfolge zufrieden sein kann.

* Coucert. Der Hess. Fechtverein Waisenschutz veranstaltet morgen Sonntag Abend in Steins Saalbau ein großes Concert, das im Hinblick auf ein reichhaltiges und gut gewähltes Programm sehr prunkreich zu werden ver­spricht. Außer einer starken Mufikcapelle wirkt der Ba u er' sche Gesangverein mit. Mit Rücksicht auf den guten Zweck der Reinertrag ist zum Besten der Erbauung eines Waisen­hauses für hessische Waisen bestimmt ist ein zahlreicher Besuch zu wünschen.

** Im Leoz'scheu Felfeukeller finden morgen Sonntag zwei große Vorstellungen des Universalkünstlers Capt. Grey- Go e tz e statt. DemGemündener Tageblatt" entnehmen wir: Die Vorstellung des Universalkünstlers Grey-Goetze, welche gestern im Stadtsaale stattfand, hatte einen glänzenden Ver­lauf zu verzeichnen. Keines der originellen und unerklärlichen Zauberexpertmente, welche Herr Grey-Goetze mit bewunderns- werther Gewandtheit vorführte, mißlang, sodaß der Künstler einen vollen Erfolg erzielte und daS Publikum sich köstlich amüsirte. Das Programm enthielt durchweg intereffante Nummern, welche sämmtlich mit bewunderungswürdiger Finger­fertigkeit und Eleganz ausgeführt wurden. Ganz besonderen Beifall erntete Herr Grey - Goetze für seine großartigen Leistungen auf der Kinder-Mundharmonika, seiner Bauchrede- kunft und Hand-Schattenbilder, welche viel Heiterkeit hervor­riesen." Wir verweisen aus das heutige Inserat.

** Adreßbuch. Der Theil des NamensverzeichniffeS für das neue Adreßbuch vom Buchstaben D(Leszinsky) bis einschließlich