Ausgabe 
18.8.1894 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 192 Erstes Blatt. Samstag bett 18. August

1894

Der Gießener Aasiger erscheint täglich, tnit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamirienvrätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Zivonnemcatspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit

Bringerlohn. , Durch die Post bezognr 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Sckiukilrahe Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- unö 2litjet$eWatt für beit Hveis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

Hralisöeikage: chießener Kamikienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Neueste Nachrichten.

Wolff» telegraphisches Correspondenz-Bure«-.

Berlin, 16. August. DieNat.-Ztg." bestätigt die Ver­haftung von 40 Anarchisten, darunter einer Frau. Sie wurden auf dem Polizeipräsidium photographirt und anthropo- metrisch gemessen; fünf davon sind wieder entlasten worden. Der Anarchist Schewen, der die beiden Polizeibeamten verwundete, spielte in der anarchistischen Bewegung eine große Rolle. In einer Versammlung der revolutionären Metall­

arbeiter wurde er in ein Comite gewählt, um die Bildung ! eines Vereins vorzubereiten. Derselbe kam aber nicht zu Stande.

Potsdam, 16. August. Die Kaiserin ist mit den kaiserlichen Kindern heute Nachmittag 5 Uhr hier eingetrosten. Sie wurde von dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich 'Leopold auf dem Bahnhofe empfangen.

Köln, 16. August. Wie dieSt Ztg." aus Belgrad meldet, erscheinen die Gerüchte vom Rücktritte des Mi­nisteriums noch verfrüht. Der Bestand des Cabtnets hänge von dem Ausgange der Berathungen in Nisch ab.

Königsberg i. Pr., 16. August. Heute Nachmittag ex- plodirte das Berscher eck'sche Feuerwerkslabo­ratorium in Vorderhufen. Die Frau und zwei Kinder wurden getödtet, Berschereck lebensgefährlich, sechs andere Personen mehr oder minder erheblich verletzt.

Rom, 16. August. Der Aetna droht mit einem neuen Ausbruch.

Amsterdam, 16. August. Heute sind hier fünf Personen, in Haarlem drei Personen und in Maastricht eine Person an Cholera erkrankt. In anderen Städten kamen zwei Cholera- rrkrankungen vor.

Serajewo, 16. August. Zu Ehren deS Anthropo­logen- und Archäologen-Congresses veranstaltete der Landeschef General Freiherr v. Appel gestern ein Diner, bei dem er einen begeistert aufgenommenen Toast auf den Kaiser ausbrachte. Professor v. Ranke, der in Vertretung des Geheimraths Professor Dr. Virchow erschienen war, brachte einen Trinkspruch auf Frhrn. v. Appel aus, der in einem zweiten Toaste die Verdienste des Retchsfinanzministers Kallay feierte. Hofrath Benndorf-Wten brachte ein Hoch aus auf die Armee, die dem Lande die Wege zur Cultur geebnet habe. Martillet-Paris und Pegarini-Rom toasteten auf Bosnien. Heute begannen in Anwesenheit eines distinguirten Publikums die Vorlesungen.

Depeschen deS Bure«: .Herold*

Berlin, 16. August. Die Cholera-Commission tritt in den nächsten Tagen zur Berathung weiterer Vor- beugungSmaßregeln im Hinblick auf die Cholerafälle in Ost« Preußen zusammen.

Berlin, 16. August. Wie dieKreuzzeitung" meldet, ist als Tag der Einberufung für die außerordentliche General-Synode zur Berathung des AgendewEntwurfs dem Vernehmen nach der 27. October er. inS Auge gefaßt.

Kassel, 16. August. Die Steif er in ift mit ihren Kindern nach Potsdam abgereist.

Budapest, 16. August. Nachträglich wird hier bekannt, daß gestern auf den zwischen Orsova und Wien verkehrenden Scknellzug kurz vor Budapest aus nächster Nähe ein Re- dolverschnß abgefeuert worden ist. Die Kugel blieb in einer Wand des Restaurationswagens stecken; es wurde Nie­mand verletzt. Da sich die Attentate auf Eisenbahnen in letzter Zeit in bedrohlicher Weise gemehrt haben, hat der Minister des Innern die strengste Ueberwachung angeordnet.

Lyon, 16. August. Die Hinrichtung Caserios vollzog sich folgendermaßen: Gegen 1 Uhr heute früh er­schienen Truppen und 300 Polizisten zur Absperrung des Platzes vor dem Paulsgesängniß. Um 3 Uhr fuhr der Wagen mit der Guillotine an, um 4 Uhr kam der Director der öffentlichen Sicherheit, der Staatsanwalt und die Gerichts­personen. Etwa 100 mit Einlaßkarten versehene Herren, Beamte, Offiziere uud Journalisten, umstanden die Guillo­tine. Um 4 Uhr 40 Minuten begaben sich der Gefängniß- director, Richter und der Vertheidiger Caserios in die Zelle des letzteren, der fest schlief. Der Gefängnißdirector weckte ihn mit den Worten:Fassen Sie Muth, Caserio, Ihre Stunde hat geschlagen!" Caserio richtete sich auf,- er wurde todtenbleich, die Zähne klapperten und die Knie schlotterten. <5r verweigerte jegliche Speise und Trank und erklärte dem Geistlichen, er habe ihm nichts mehr mitzutheilen, keinen letzten Wunsch auszudrücken. Man möge nur seiner Mutter den Brief, den er hinterlaffen, geben. Während des An- ckleidens steigerte sich die Angst Caserios und als der Ge­

fängnißdirector von feiner Mutter sprach, weinte er, ermannte sich aber alsbald. Von diesem Augenblick an sprach er nicht mehr. Im Wagen, den er bestiegen, um die kurze Strecke vom Gefängniß bis zum Vorplatz zurückzulegen, stieg die Angst Caserios aufs Höchste. Um 4 Uhr 55 Min. kam der ; Zug bei der Guillotine an. Während ihn die Henker er- i griffen, aufs Brett schnallten und unter das Fallbeil brachten, rief Caserio laut:Muth, Kameraden, es lebe die Anarchie!" Kaum war der Kopf in der Brille, da sauste das Messer hernieder. Die Hinrichtung Caserios erregt im Publikum Staunen, weil sie schon 13 Tage nach der Ver- urtheilung erfolgt ist, während sonst gewöhnlich ein Monat zwischen Verurteilung und Hinrichtung liegt. Caserio drückte gestern den Wunsch aus, man möge seine Leiche nicht feciren.

Loudon, 16. August. Der Bergarb eit erstrike im Kohlenrevier Staffordshire gewinnt weitere Ausdehnung. Die Zahl der Strtkenden beträgt bereits 25,000.

Petersburg, 16. August. Die bulgarischen Emigranten schlagen einen neuen Versöhnungsmodus zwischen Ruß. laod und Bulgarien vor. Danach soll Fürst Ferdinand zu Gunsten seines Sohnes Boris abdanken. Es heißt, mit dieser Lösung würde Rußland einverstanden sein.

Rewyork, 16. August. Das neue Tarifgesetz wird heute Nachmittag Cleveland zur Unterschrift vorgelegt.

Washington, 16. August. In Finanzkreisen hat die Nachricht von der definitiven Annahme deS Tarifgesetzes große Bestürzung hervorgerufen. DaS Parlamentsmitglied Carmine erklärte, daß die zollfreie Einfuhr von Zucker die Einnahmen des Staates um jLhrl'ch 28 M-'lNoncn Dollar vermindere. Johns fcklug im Senate vor, einen Zoll von 33 pCt. des Werthes auf Zucker zu legen. Der Senat ver­tagte sich.

totale» und pro»lttiteüc».

Sieben, den 17. August 1894.

** Rettungsmedaille. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 3. August dem Gerichtsasieffor Oskar B ö r k e l aus Mainz die Rettungsmedaille zu ver­leihen.

** Festzug des 16. Verbandsfestes Hessischer Freiwilliger Feuerwehren. Nach der eben erschienenen Zug-Ordnung werden sich an dem Festzuge am Sonntag Nachmittag circa 80 Feuerwehren und 20 Gießener Vereine betheiligen, so daß der Zug, die in ihm vertheilten Musikcorps und Einzel­gruppen eingerechnet, ein recht stattlicher zu werden verspricht. Der Zug stellt sich am Ludwigsplatze und in den diesen um­gebenden Straßen auf. Sobald der Zug sich in Bewegung fetzt, wird in der Ludwigstraße ein Gegenzug gemacht. Von hier aus bewegt sich der Zug durch die Gartenstraße, Ostanlage, Wallthorstraße, Schulstraße, Neuen Säue, Neuenweg, Kaplans- gaffe, Bahnhofstraße, Westanlage, Seltersweg bis Marktplatz, Marktstraße, Neustadt, Festplatz. Daselbst Begrüßungsrede des Ehrenpräsidenten, Herrn Oberbürgermeisters Gnauth. Der Zug wird, unter Vorantritt von Zugführern, eröffnet von den Gießener Radfahrern^ diesen folgt eine Abtheilung der Regimentsmufik, die Ehren- und Festpräsidenten, die Mitglieder des Hauptausschusses, des Ordnungsausschusses und des Empfangs- und Wohnungsausschuffes. Unter Führung des Herrn Dr. Pitz folgt fodann die 2. Abtheilung: zunächst die nichth essisch en Feuerwehren von Dillenburg, Herborn, Wetzlar und Bockenheim,- hierauf von rheinhessischen Feuerwehren diejenigen von Alzey, Bodenheim, Büdesheim, Finthen, Hechtsheim, Heimersheim, Gonsenheim, Gaubischofs­heim Gießener Zitherkranz Kastel, Kostheim, Mainz, Harmonie-Gießen, Veteranen-Verein-Gießen, Gemüthlich- keit-Gießen Marienborn, Ober - Ingelheim, Ockenheim, Weisenau, Worms Gießener Zitherclub. In der 2. Abtheilung marschiren unter Führung des Herrn Mayer und unter Vortritt des Ausftellungs- und Bauausschusses die Feuerwehren aus Starkenburg: Offenbach mit der Musik­kapelle Bauer'scher Gesangverein - Gießen Arheilgen, Bensheim, Bieber, Bürgel Gesangverein Heiterkeit- Gießen Darmstadt, Dudenhofen, Gernsheim, Erbach, Groß Umstadt, Hainstadt, Heppenheim, Heubach Concordia- Gießen Kelsterbach, Klein - Auheim, Klein - Krotzenburgs Langen, Mühlheim a. M., Neu-Isenburg Gießener Ruder- Gesellschast Pfungstadt, Rimbach, Rumpenheim, Seligen­stadt, Klein- und Groß - Steinheim Gießener Schützen- Gesellschaft. In der 3. Abtheilung kommt unter Führung des Herrn Challier die Entwicklung des Feuerlöschwesens im 19. Jahrhundert zur Darstellung. Die Musik dieser Abtheilung wird ausgeführt mit Unterstützung eines Trommler- corps von der Kapelle Gröninger. Diese Abtheilung

umfaßt folgende 6 Gruppen: 1. Fcuerlöschgerälhe und erste Hilfe beim Fcuerrus zu Anfang dieses Jahrhundert». 2. Feuerwehr in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. 3. Freiwillige Feuerwehr in den ersten Jahren nach der Gründung. 4. Ausrücken der freiwilligen Feuerwehr nach einem auswärtigen Brande. 5. Moderne Feuerlösch- und Rettungsutensilien. 6. Die Unisormirung der freiwilligen Hess. Feuerwehren. Die 4. Abtheilung wird geführt von Herrn Herbert. Unter Vorantritl der 2. Abteilung der Regimentsmusik folgen der Finanz--, Preß- und WirthschaftS- ausfchuß, darauf die Feuerwehren aus Ob er he ff en: Als­feld, Annerod, Asienheim, Büdesheim, Büdingen, Butzbach, Friedberg Turnverein Gießen Gedern, Großen-Linden, Groß Felda, Heuchelheim, Hungen, Gesangverein Lieder- kranz-Gießen Grünberg (mit Musik), Ilbenstadt, Kirtorf, Lang Göns Kriegerverein GießenLich, Lollar, Münzen­berg, Nieder-Eschbach, Nidda Bürgergesellschaft Gießen Ortcnberg, Rockenberg, Nodheirn v. d. H. Reichelsheim, Södel, Schotten Mänergesangverein Gießen Freiw. Gail'sche Feuerwehr, Gießener Freiw. Feuerwehr.

** Da8 neue GeräthehanS der Gießener Freiw. Feuer- wehr. Gestern Abend nahm das Corps von seinem alten Geräthehaus am Kirchenplatz Abschied. Die Mannschaften, welche in ihrer Gala Uniform erschienen waren, verbrachten die Geräthe auf einem kleinen Umweg und mit ihrem Tambour­corps an der Spitze nach dem neuen Geräthehaus am Brandplatz, woselbst sie für die Folge verbleiben. Die Ein­richtung des neuen Geräthehaufts ist eine sehr practische und beim AuSbrechen eines Feuers zum Handhaben der Geräthe eine sehr bequeme. Der die Aufsicht führende Verwalter des Geräthehauses und zugleich der neuen Marktlauben hat Wohnung im ersten Stock des Anbaues und ist dieselbe mit der Polizeiwache und damit auch mit dem Stadthurm tele- phontsch verbunden Wird dem Verwalter Nachts ein Feuer gemeldet, so erweitert derselbe einen in seiner Wohnung befindlichen zur Gasbeleuchtung dienenden Hahn, wodurch das Geräthehaus mittelst einer Wenhamlampe sofort hell erleuchtet wird. Hierauf begibt sich der Verwalter in das Geräthehaus, zündet die auf den Geräthen befindlichen Lampen an und öffnet sämmtliche Thore. Die herbeieilende Feuerwehr findet dann Alles zum Ausrücken fertig. Der hinter dem Geräthe­haus befindliche geräumige Hof dient zu Schulübungen der Feuerwehren, die Uebungen der Steiger finden an dem im Hofe neu errichteten hohen Steighause statt.

** Vom Fenerwehrftst. Nach den bis zur Stunde vor­liegenden Anmeldungen werden auf dem 16. Hessischen Feuerwehrtag 83 fteiwillige Feuerwehren vertreten sein. Die Zahl der zum Feste augemelbeten auswärtigen Feuerwehr­männer beträgt etwa 1400. Nach den Erfahrungen bei früheren Festen dürfte diese Zahl jedoch voraussichtlich nicht unwesentlich überschritten werden, wenn nur der Himmel dem Feste gnädig iftt denn Mancher entschließt sich noch in letzter Stunde zum Besuche des Festes.

** Proviuzialcoufereuz der evaug. Geistlichen OberheffeuS. Am 7. August tagte hier inSteins Garten" die diesjährige Provinzia lconf erenz der evang. G e i st l t ch e n Ob er Hessens. Wir entnehmen derDarmst. Zeitung" hierüber folgenden Bericht: Nach dem Gesang zweier Verse des LiedesEin' feste Burg" und dem durch Decap Hof- Mkyer von Nidda gesprochenen Eingangsgebet begrüßte der Vorsitzende der Conferenz, Herr Prälat vr. Habicht, die Versammlung und warf einen Rückblick auf die hauptsächlichsten kirchlichen Ereignisse des vergangenen Jahres, soweit sie namentlich auf Oberhesftn Bezug haben. Hierauf erhielt Herr Proseffor Dr. Reischle hier das Wort zu seinem Referat überDie Bedeutung der Sitte für das christliche Leben". Die lichtvollen, überaus gründlichen Ausführungen des Redners wiesen einleitend auf das Schwankende und Veränderliche im Begriff der Sitte im Laufe der Zeiten hin und gingen alsdann über auf die hohe Bedeutung, welche die Sitte, durch Christi Geist veredelt, für die äußeren Umgangsformen, Lebensgewohnheiten und als Wächterin der äußeren Ehrbarkeit hat und die ihr endlich auch als speciell christliche Sitte zukommt, namentlich im ganzen gottesdienstlichen Leben. Aber bei aller Werthschatzung einer durch christlichen Geist geheiligten Sitte müsse doch vor einer Überschätzung derselben gewarnt werden, denn sie könne unter Umständen der aus dem Glauben herausgeborenen Sittlichkeit eher hinderlich als fördernd sein. Das Referat bildete eine treffliche Einleitung zu dem nun folgenden Vor­trag über Feuerbestattung. Der Referent, Herr Pfarrer Wissig von Bad Nauheim, hatte das Thema formuliert Die Feuerbestattung auf der Wage des christ­lichen Glaubens und die Kirche gegenüber dem Feuerbestattungsact". Die Feuerbestattung, so führte