Nach alledem würden seine Freunde, wie in zweiter Lesung, den Vertrag ablehnen
Abg. v. Heeremann (Ctr): Ich habe s.Z. gegen den rumänischen Vertrag gestimmt und würde das unter den gleichen Verhältnissen auch hier thun. Jetzt aber haben wir die ganze Kelte der Handelspolitik hinter uns und haben es nur noch mit einem einzigen Staate zu thun. Auf die politischen Erwägungen für den Vertrag will ich nicht eingehen. Was die landwirtschaftliche Seite anlangt, so stehe ich zwar auf dem Boden meiner westlichen Heiwath, kann aber auch die Interessen des Ostens nicht außer Acht lasten. Eine ernstliche <«efahr für die Landwtrthschaft kann ich in diesem Vertrage nicht erblicken. Um der Landwinhschaft zu helfen, mästen andere Mittel und Wege beschritten werden. Darüber in Piüfung einzu- treten hat die Regierung jetzt die doppelte Pflicht. (Redner spricht -ungemein leise und ist daher auf der Tribüne schwer verständlich.) Man muß bis zum Jahre 1820 zurückgehen, um zu sehen, welchen Mangels an Fürsorge für die Landwirtbschaft stch die Regierung in der Vergangenheit schuldig gemacht. Das größte Unglück für die Landwtrthschaft ist die Mobilität deS Grundbesitzes gewesen. Hier muß Abhilfe geschafft und außerdem gewtste Beschwerden durch ein Agrarier- und Erbrecht beseitigt werden. Die Verbindung von Industrie und Grundbesitz muß aufrecht erhalten bleiben, unbegrenzte Schutzzölle sind nicht möglich. Um die Grenze zu finden, müssen die Bedürfntste der Landwtrthschaft und der consumirenden Bevölkerung sorgsam abgewogen werden. In der Voraussetzung, daß die Regierung die gegen den Rothstand der Landwtrthschaft erforderlichen Maßnahmen treffen wird, wird ein Theil meiner Freunde mit mir für den Vertrag stimmen.
Abg. v. Hammerstein (cons.): Wenn ich gegen den Vertrag spreche, so weiß ich, daß ich auf einem verlorenen Posten stehe, und daß durch Handelsgeschäfte und durch den ausgeübten Hochdruck eine Mehrheit für den Vertrag gesichert ist. Der Gedanke, Rußland uns anzugliedern, steht im directen Widerspruch zu, dem mitteleuropäischen Zollbund. Man hat uns nicht beweisen können, daß die vermehrte russische Einfuhr unserer Landwtrthschaft keinen Schaden thun werde. Die Ziffern, die der Staatssecretär v. Marschall dagegen angeführt hat, halten der Wirklichkeit gegenüber nicht Stand. Man hat uns nachgesagt, wir selber wünschten nicht ernstltchdas Scheitern dieses Vertrages. Nun, machen Sie doch die Probe 1 Commandtren Sie Leute ab! Sie werden ja sehen, ob wir die Verantwortung für die Ablehnung des Vertrages auf uns nehmen werden! Durch diesen Vertrag wird die russische Landwtrthschaft so gestärkt, daß dort sogar die Rassen Landwirthschast werden betreiben können, während dies mit Erfolg bisher nur die deutschen Colonisten in Rußland thaten. Wenn man annimmt, durch den Vertrag feurige Kohlen aus das Haupt der Russen zu sammeln, nun — täuschen Sie sich da nicht! Der Schädel eines russischen Tschinowinks ist zu dick, um feurige Kohlen zu fühlen. Die Annäherung in England und die Behandlung der Polen waren dagegen geeignet, den Draht mit Rußland abzuschneiden. Ich bedauere das, benn ob Rußland nach Eonstantinopel geht, hat, wie ich schon in Der Commission sagte, für Deutschland nur fecunbäre Bedeutung. Der Kaiser von Rußland, so loyal er die wirthschaftliche Vereinbarung auszuführen bestrebt sein wird, — aber seine Macht reicht nicht hin, den geschlossenen Ring des TschtnowinkstbumS zu brechen. Was die innere Politik anlangt, so hat Graf Caprivi gesagt, er bleibe so lange im Amte, als der Kaiser dies wünsche. Er will mit dieser Majorität weiter arbeiten, aber wenn die Zett gekommen sein wird, wo er unserer nicht mehr Wird entrathen können, da werden wir sagen: Der Worte find genug gewechselt, nun laß uns Thaten sehen! Auf den Zustimmungs- Rummel für den Vertrag gebe ich nichts. Die Industrie ist keineswegs so entzückt von diesem Vertrage, sie hat nur nicht den Muth, mit der Sprache herauszukommen, wegen ihrer Beziehungm zur Börse. Auch befürchten die Industriellen, wenn sie den Vertrag ablehnen, chicanirt zu werden. Für mich ist dieser „Markstein" ein „Leichenstein," auf welchem auf der einen Seite steht „hier hat man die deutsche Landwtrthschaft zu Grabe getragen," und auf der anderen Sette wird man später schreiben: „die Industrie folgte ihr nach." (Heiterkeit.) Wir lehnen geschlossen den Vertrag ab, denn wir wollen die Verantwortung dafür nicht tragen. Man wird uns einst noch Dank dafür sagen.
Abg. Fürst Radziwill (Pole) bedauert die Mandatsnieder- lcgung des Abg. v. Koscielski, die so viel Staub aufgewirbelt habe. Aber die sanguinischen Consequenzen, welche man daraus gezogen
Von diesen Gedanken gequält stand Baronesse Gertrud am Nachmittage des ersten Ostertages auf dem Balkon des Schlosses und blickte mit schmerzlich zuckenden Lippen auf die herrliche Landschaft, welche wegen der Feindschaft der beiden Herrschaftsbesitzer dem einzigen Kinde des Freiherrn von Bruneck wie ein verlorenes Paradies vorkam. Wo war seit gestern all der übersprudelnde Frohsinn, die heitere, glück- liche Jugendlust der Baronesse hin? Nur Schmerz und Qual fühlte sie noch im Herzen. Aber war sie wirklich dazu verdammt, ihr Herz den Eltern nicht offenbaren zu dürfen. „Ich bin ja ihre einzig geliebte Tochter," dachte das junge Mädchen, „und mein Leid trägt sich leichter, wenn ich es wenigstens der Mutter offenbart habe."
Die Liebe macht die Menschenkinder nicht nur erfinderisch, sondern auch muthig, und so geschah es, daß Baroneffe Gertrud, welcher die Mittheilung ihres gestrigen Erlebnisses au die Eltern noch vor einer Stunde als die vollständige Unmöglichkeit erschienen war, jetzt entschlossen zu der geliebten Mutter, die sich bekümmert über die riefe Schwermuth der Tochter in ihr Boudoir zurückgezogen hatte, trat, um dieser ihr Herzeleid zu offenbaren.
An die Brust der Mutter geschmiegt, begann Gertrud die Schilderung ihres Erlebnisses im Walde. Sie beschrieb lebhaft den ganzen Vorgang, wie sie in das schöne Thal und au den blauen See gekommen war, wie ihr dort plötzlich Graf Rothburg drohend entgegengetreten, und ihre Umkehr gebieterisch verlangt hätte, wie dann bei der raschen Wendung das Pferd scheu geworden und gerade auf den See losgestürmt sei, und wie sie durch die heldenmüthige That des jungen Grafen Rothburg dem Tode des Ertrinkens in den Fluthen des blauen Sees entgangen sei. Gertrud vergaß auch nicht zu erwähnen, daß Graf Curt Rothburg gefällig ihr Pferd beruhigt und von der gefährlichen Stelle zurückgeführt habe. Und mit hochwogender Brust schilderte die Baronesse schließlich, wie Graf Curt sie gebeten habe, seinem jähzornigen Vater zu verzeihen und als Zeichen dafür, daß die Feindschaft der Väter sich nicht aus die Kinder vererben solle, einen frisch gepflückten Strauß Osterblumen anzunehmen.
„Und so gewiß diese schlichten Blumen den nahenden Lenz verkünden, so gewiß ist es auch in meinem Herzen, daß ich Graf Curt Rothburg als den edelsten und ritterlichsten Mann unter Denen, die mir bisher entgegentraten, verehren nnd lieben werde, bis an mein Lebensende trotz aller Feindschaft, die zwischen unserer und seiner Familie besteht!"
Mit dieser in stockenden, verlegenen Worten hervorge- ftoßenen Erklärung schloß Gertrud ihr Geständniß und verbarg schluchzend ihr feines Gesicht am Busen der Mutter.
hat, wird die wettere Entwicklung nicht entsprechen. Redner sucht bann nachzuweisen, daß die Conservativen zu wenig geneigt feien, den polnischen Wünschen entgegenzukommen, obwohl bte wirthschaft- liche Verwüstung, welche die Conseroat ven von dem Handelsverträge erwarteten, doch nicht einmal f.ststehe, während die geistige Verwüstung, welche aus der dtichtderückstchligung der polnischen Wünsche, durch Ausrottung der Muttersprache, entstehe, unleugbare Thalsache fei und viel schw.rer wiege.
Abg. Kardorff (Rp.) spricht gegen den Vertrag. Eine wirkliche wirksame Hülfe könne der Landwirtbschaft nur durch eine sachgemäße Lösung der Währungsfrage erwachsen.
Abg. Thomsen (frf. Vg.) erblickt für die Entwickelung unserer heimischen Landwtrthschaft das Hauptmoment in einer stabilen Grundlage, die der Vertrag bringe.
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis) hält den jetzigen Zeitpunkt — wo bc6 Geld zur Deckung der Kosten der Mnilär- vorlage am nöthtgsten sei — als am wenigsten geeignet, einen solchen Handelsvertrag abzuschließen, der die Reichseinnahme verringert und die Landwirthschast schädigt. Wenn man da so sehr die Agitation de8 Bundes der Landwtfthe verurtheile, so komme ihm das vor, wie der Zahnarzt, der früher Photograph war, und der beim Zahnausziehen fage: nur recht sirundlich. (Lachen ) Einen kräftigen Bauernstand brauchen wir schon der Erhaltung eines tüchtigen Heeres wegen. Die Männer unserer Regierung haben sehr viel gelesen, leider aber wenig erlebt. Mache man die Bauern unzufrieden, so fördere man dadurch die Geschäfte der Soctaldemokratte. Bezeichnend sei dafür ein gestriger Artikel des „Vorwärts", welcher auf einen starken Nachschub des Slaoenthums nach Westen — als Folge des Haodels- vertrages — rechne und die Nothwendigkeit, diese polnischen Arbeiter für die Socialdemokratie zu gewinnen betone. Bezeichnend sei ferner die gegenwärtige Unterstützung der Politik des Reichskanzlers durch die Freisinnigen. Rickert habe bereits so viel Verbeugungen vor dem Reichskanzler gemacht, obwohl dieser ihm, wie in Zeitungen gesagt sei, „ja nur auf die Schulter geklopft" babe. (Heiterkeit.) Beim Centrum fei ferner characteristisch, wie dasselbe nicht nur, zum Theil wenigstens, den Vertrag annehme, sondern sich auch neulich als judenfreundlich gezeigt habe. Rußland habe erst neulich wieder Erlaffe gegen die Anstellung Deutscher ergehen lasten. Dann möge der Reichskanzler wenigstens zu Repressalien greifen, gegen russtfche Juden. Um uns gegen Ueberfchwemmung gegen russischen Roggen zu schützen, werde nichts übrig bleiben als die Verstaatlichung des Getreidehandels. Alle von Heeremann empfohlenen Maßregeln würden vergeblich fein, wenn wir nicht zurückkehren zu den Grundfätzen des deutschen Rechtes. Von den Handelsverträgen werde man dereinst sprechen als von einem innern Jena. Hoffentlich werde sich aber auch der Mann finden, der uns aus Den Folgen dieses Jena retten werde.
Abg. Lieber (Ctr.): Die Reizungen Rußlands, welche wir soeben gehört haben, gehen von Gegnern des Handelsvertrages aus. Wir wollen diese Gegner nicht unter stützen. Vorredner hat Herrn Bachem angegriffen wegen feiner neulichen Worte gegen den Antisemitismus. Ich antworte ihm da nur mit dem Worte: „Nicht mit; zuhasten, mitzuleben bin ich da." Die zur Rechten, die den Kampf gegen die polnische Muttersprache führen, wollen uns den Kampf Der Rusten gegen die Polen vor die Augen führen, und uns gegen die Rusten hetzen? Fürst Bismarck hat selbst 1887 den Grund zu dieser Vertragspolitik gelegt, indem er die Zollerhöhungen als „Vergleichsobject für Unterhandlungen mit anderen Staaten" schuf. Von dem Vorsitzenden meiner Fractton ist damals auch ausdrücklich gesagt worden, daß jene Zollerhöhungen der „Anfang der VertragS- politik" feien, und das hat mich veranlaßt, ihnen zuzustimmen. Sie haben jetzt noch einen Zoll, der nur V, Mk. höher ist als vor 1887, wie können Sie sich da über Zurücksetzung beklagen?! In Rußland ist offictös, wenn nicht gar officiell, nichts populärer, als der Pan- slaoismus und die Absperrung gegen Europa. Wenn es in Deutschland gelingt, Rußland in die europäische Wirthschastsgemeinschaft htneinzuztehen — ist das nicht ein Erfolg? Der Weg nach Con- stantinopel geht durch das Brandenburger Thor, ist ein Wort des Fürsten Bismarck, an das ich Sie erinnere. Wir haben kein Interesse daran, daß die Rusten nach Eonstantinopel gehen. In dem Augenblicke, wo die Rusten ihr Kreuz auf die Hagia Sophia pflanzen, schlägt die Todesstunde des germanischen Europa. Größer als ein Sieg in Waffen ist ein friedlicher Sieg. Und ebenbürtig dem Siege von 1870/71 ist der Erfolg, den heute hoffenllich der Enkel des Siegers von damals erzielen wird. (Beifall.)
Mit wachsendem Erstaunen hatte diese den Worten der Tochter gelauscht und hielt nun ganz verblüfft das geliebte Kind in den Armen. Die Freifrau von Bruneck hatte wohl ganz deutlich gemerkt, daß Gertrud ihr Herz an den helden- müthigen jungen Grafen, der ihr das Leben gerettet und so hochherzig nahe getreten war, verloren hatte, aber die stolze Freifrau, welche gleich ihrem Gemahl mit Groll und Verachtung auf die wenig begüterte gräflich rothburgische Familie herabsah, hütete sich, auf den wahren Grund, der Gertruds Herz erregte, irgend wie einzugehen und sagte, nachdem sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatte:
„Liebes Kind! Das sind jugendliche Schwärmereien und sentimentale Anwandlungen, welche Dein Herz erfüllen. Der junge Graf Rothburg hat nichts weiter gethan, als was jeder andere Cavalier in diesem Falle auch gethan hätte, Du bist ihm dafür keine Verehrung schuldig. Papa würde auch sehr ungehalten darüber sein, wenn sein schönes, stolzes Kind einem solchen Grasen von Habenichts seine Gunst schenken wollte. Außerdem weißt Du ja auch, wie wir mit den Rothburgs stehen!"
„Das ist ja eben das Traurige, das Jammervolle bei der ganzen Begebenheit," antwortete jetzt Gertrud und erhob selbstbewußt das schöne Haupt, „daß Ihr da Haß und Feindschaft von mir verlangt, wo ich Liebe 'und Freundschaft empfinde."
„Um des Himmelswillen, Gertrud, , laß solche Worte den Papa nicht hören," bot jetzt die Baronin ängstlich, „es gibt sonst einen bösen Auftritt. Der Vater Deines verehrten Helden hat sich uns gegenüber keineswegs als liebenswürdig gezeigt, er spielt vielmehr uns gegenüber die Rolle eines blinden Wütherich. Du hast es ja selbst zu Deinem großen Schaden erfahren und wir können und werden niemals mit den Rothburgs in ein friedliches, freundschaftliches Verhält- niß treten."
„Niemals?" stieß Gertrud wie mit einem wahren Angstschrei hervor. „Niemals, sagst Du, Mama! Diesem grausamen Familienbeschlusse füge ich mich nicht! Für heute Adieu, Mama!"
Mit diesen Worten zog sich Gertrud aus dem Boudoir der Mutter zurück und begab sich auf ihr Zimmer, in welches sie sich einschloß und viele, viele Thränen über den unvernünftigen Haß der Häupter der Familien Rothburg und Bruneck vergoß.
(Fortsetzung folgt.)
Abg. v. Manteuffel (c.), bestreitet, daß die 1887er Zollerhöhungen überhaupt nur als Compenfationsobject für künftige Ver- tragsverhandlungen beschlosten worden feien. Lieber habe von der Todesstunde des Germanenthums in Europa gefprodjen. Nun, diese Todesstunde werde sicherlich durch diesen Handelsvertrag erheblich näher gerückt. (Lachen links.) Namens meiner perfönlichen Freunde habe ich, so bemerkt Redner, zu erklären, daß uns jede persönliche Rücksicht fern liegt, daß wir nur aus sachlichen Gründen gegen den Vertrag stimmen. Selbstverständlich hat der^Kaiser das Recht, feine Räthe zu wählen und auch zu behalten, so lange er will. Aber wenn biefe Rätbe nicht heilsame Rathschläge geben, haben wir das Recht und die Pflicht, die Rathfchläge zu bekämpfen und ihnen zu oppontren. Wenn Graf Caprivi die vorgestrigen Reden der Abgg. Singer und Bcdel gehört hat, so müßte ihm eigentlich davor grauen hier von diesen Herren unierstützt zu werden. Es ist eigentlich unerhört, daß diese Herren, die das Reich und alle Ordnung negtren, das Recht haben, hier zu sprechen. Redner dankt dem Minister Miquel wegen dessen Theilnahme für die Landwirthschast. Die „Compensation" der Aufhebung des Identitätsnachweises könne der Landwirthschast unmöglich genügen; die Aufhebung der Staffeltarife schade derselben sogar. Nach seiner Urberzeugung werde man auch sehr bald zur Wiedereinführung von Nothstands-Ausnahmetarifen gezwungen fein.
(Während dieser Rede entstand eine kurze Unterbrechung dadurch, daß der Abgeordnete Hahn unter Beifall auf der Rechten und Heiterkeit der Linken seinen bisherigen Platz verließ und auf einer der konservativen Bänke Platz nahm.)
Abg. v. Stumm (Rp.) verbreitet sich nochmals eingehender über die Vortheile des Vertrages für die Industrie, über die Noth- wendigkeit feiner längeren Dauer und darüber, daß auch die Land- wirthschaft ernsthafte Nachtheile von demselben nicht zu befürchten habe. Auf Kosten der Landwirthfchaft verlange die Industrie überhaupt keine VortheUe.
Abg. Metzner (Ctr.), erklärt, angesichts der schwierigen Verhältnisse in seinem Wahlkreise werde er sich der Stimmabgabe über den Vertrag enthalten.
Hierauf wird die Generaldebatte geschloffen. In der Specialdebatte über Artikel 1 bemerkt Abg. Graf Herbert Bismarck: Der Abgeordnete Lieber habe dem früheren Reichskanzler das Wort in den Mund gelegt: „Der Weg nach Constantinopel gehe durch das Brandenburger Thor." Aber mit Unrecht. Dies Citat sei nicht ge* fallen zur Zeit seiner eigenen Amtsthätigkeit, sondern später, und es werde dem jetzigen Reichskanzler zugeschrieden. Er wolle nicht untersuchen, ob es zutreffend sei, aber dagegen sprächen schon die geographischen Verhältnisse! Das Brandenburger Thor liege dock im Westen.
Reichekanzler Graf Caprivi (welcher kurz vor Beginn der Specialdebatte bereits den Saal verlassen hatte): Wie mir gesagt wird, hat mir der Abg. Graf BiSmarck die Worte zugeschrieben. „Der Weg rc." Ich habe in der Commission diese Worte aus eine russische Quelle ausdrücklich zurückgeführt. Ich möchte doch den Herrn Abgeordneten bitten, sich ein ander Mal besser zu unterrichten, ehe er eine solche Behauptung aufstellt.
Abg. Graf Bismarck: Ich habe die betreffenden Worte nicht dem Herrn Reichskanzler zugeschrieben, sondern ausdrücklich gefaßt: Ich glaube auch nicht, daß der gegenwärtige Herr Reichskanzler diese Worte gesagt haben kann, schon der geographischen Lage halber.
Zu Art. 20, welcher das Inkrafttreten des Vertrages am 20 b. M. festfetzt, fragt Abg. Rösike, ob die Regierungen an dem festgesetzten Termin festhalten.
Bundescommissar Gesandter Tiedemann: Es besteht bte Absicht, den Vertrag am 20. d. M. Morgens 8 Uhr in Kraft treten 1 ^Abg. Graf Kanitz warnt nochmals vor der Annahme deS Vertrages; die in Folge des Vertrages mit Sicherheit zu erwartende ungünstige Finanzlage war die Ursache, weshalb gestern die Conser- vativen gegen Forderungen des Krtegsrntnisters stimmten.
Reichskanzler Graf Caprivi: Der Kriegsminister hat gestern bewilligt erhalten: 760000 Mk., geopfert hat er dafür 789000 Mk. Dies Haus hat also, wenn man es so nennen will, ein Geschäft von 29000 Mk. gemacht; ich verstehe nicht, was Graf Kanitz mit seinen Ausführungen beweisen wollte.
Abg. Graf Kanitz erwidert, daß seine Freunde genothigt gewesen find, gegen die Forderungen zu stimmen wegen der durch diesen Vertrag bedingten Finanzlage.
Der Rest -er Vorlage wir- genehmigt ««- schließlich -er Vertrag in -er Gesammtabstimmnng mit großer Mehrheit angenommen. (Das Ergedniß dieser Abstimmung konnten wir nach einer uns zugegangenen Privatdepesche bereits in einem Theile der gestrigen Auflage unseren geehrten Lesern mittheilen. Red.)
Der Reichskanzler wird von verschiedenen Seiten lebhaft beglückwünscht.
Schließlich wird der ReichshauShaltsetat für 1894/95 in brr Gesammtabstimmung angenommen.
Nächste Sitzung: 5. April: Interpellation betr. Fortbildmrgs- unterricht am Sonntag und betr. Silberprägung, Stempelsteuer.
Technische Fortschritte.
— Die Herstellung von waster-ichtem Mauerwerk Wie das Fachblatt „National Builder" berichtet, wird jetzt wieder auf ein altes Verfahren zurückgegrissen, um durch geeignete Anwendung von Kohlentheer Mauerflächen wasferdicht zu machen. Die gemauerten Flächen werden gleich im Grunde dreimal mit siedendem Kohlentheer gestrichen, wodurch sich eine wasserundurchdringliche Schicht bildet, auch über die Mörtelfugen weg. Das Verfahren soll besonders bei dem Bau öffentlicher Gebäude, Museen u. bergt, von hochfchätzbaren Diensten sein. Die porösen Steine nehmen den heißen Theer leicht auf, ebenso die Mörtelfugen, in denen die zerfetzende Tbätigkeit des Wassers, sogenannte Ausschwitzungen, infolge der im Mörtel ent- »altenen K-M-I»-, 8eud)tt6!dt und Schw-mm nach M jteM. G-- ♦beerte (und zwar febr heiß und wiederholt) Mauerflachen in der Erde haben sich bei 15 Meter Tiefe völlig als wafserundurchläsfig erwiesen. Holzbeizen. Neue Holzbeizen theilt nach einem Berichte der „L. Ztg." das technologische Gewerbemuseum in Wien mit und heben wir davon folgende empfehlenswerthe Arten des Holz- hrhenS beroor. Wird gut getrocknetes Tannen- und Eichenholz mit ber Lösung von 50 Gramm käuflichem Alizarin ind. Waffer und bet erforberlichen Menge Salmiakgeist zweimal überstrichen, so nimmt eine braungelbe Farbe an, Ahornholz eine röthlichbraune. Die Rarbuna wird aber bei allen Hölzern ausgesprochen braun, maut man sie vor dem Einstreichen mit ber Alizarinflüssigkeit mit Chlor' bariumlösung (10 Gramm pro Liter) bestreicht. Ersetzt man M Cblorbarium burch 10 Gramm Chlorcalcium, so färbt sich Sannen5 bolz mit ammoniakalischem Altzarin braun, Eichenholz röthlichbraw, Ahomholz dunkelbraun. Bei Anwendung von 20 Gramm schwefri- faucrer Magnesia fallen Tannen- und Eichenholz bunfelbraun, Ahomholz dunkelviolettbraun aus. Mit Alaun, wie mit schwefü- faurer Thonerde, wird Tannenholz nach dem Alizarinanstrich hocd- roth Ahorn- und Eichenholz blutroth, während Chromalaun zu einem Rothlichdraun auf Ahorn- und ,Tannenholz und zu einem Havannahbraun auf Eichenholz führt.
Citeratur ttttö Itanft
— „Wiener Mo-e". Das soeben erschienene 12. Heft ist — sehr zeitgemäß — vorwiegend der Jugend gewidmet. In einer fast unübersehbaren Reihe von Abbildungen ist die ganze Bekleidung des Kindes, vom zartesten Säugling bis zum zierlichen Backfischchen, dargestellt. Auch Kleider für Knaben sind nicht vergeßen, sodaß eine Mutter, die dieses Heft erwirbt, für lange Zeit hinaus der Sorge um billige und geschmackvolle Kindertoiletten enthoben ist, und D«-> umsomehr, als die „Wiener Mode" bekanntlich ihren Abonnentinnen Schnitte nach Maß gratis liefert.


