Nr. 270 Erstes Blatt. Samstag dm 17. November
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Die Gießener
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
___1894
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Amtliche»' Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Versicherungsactiengesellschaft „Allianz" in Berlin.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Versicherungsgesellschaft „Allianz" in Berlin ihren Geschäftsbetrieb nunmehr auf die Haftpflicht- und Cautions- versicherung ausgedehnt hat, und daß diese Erweiterung des Betriebs von Großh. Minsterium des Innern und der Justiz genehmigt worden ist.
Gießen, den 14. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutscher Reich.
Berlin, 15. November. Die lange und von mancherlei seltsamen Erscheinungen begleitet gewesene Krisis in den Berliner Regierungskretsen ist jetzt endlich wieder völlig beigelegt. Nachdem bereits vor einigen Tagen die Ernennung des LandeSdirectorS Freiherrn v. Hammer« stein Loxten zum LandwirthschaftSminister an Stelle v. Heyden amtlich bekannt gegeben worden war, ist nun auch der Wechsel im Justizministerium officiell zur Veröffentlichung gelangt. Wie schon allgemein angenommen wurde, ist der Präsident deS OberlandeSgerichtS in Celle, Schönstedt, e*.3T Just iz Minister ernannt worden - der zurückgetretene Justizminister Dr. v. Schelling erhielt die Brillanten zum Großkreuz des Rothen Adlerordens. Zugleich werden vom „Reichsanzeiger" die umlaufenden Gerüchte über bevorstehende weitere Veränderungen im Staatsministerium sämmtlich als unbegründet erklärt, so daß also die Bildung des „Cabinets Hohenlohe" als vollendet gelten darf. Nun wird es sich zeigen müssen, welche politische Richtungslinie der „neueste CurS" eigentlich innezuhalten gedenkt, worüber wohl die allseitig erwartete EtnsührungSrede des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe im Reichstage eine erstmalige Aufklärung bringen wird. —Herr Schönstedt, der neue Letter des preußischen JustizreffortS, hat vor seiner Berufung in die Regierung schon längere Jahre daS Präsidentenamt beim Celler Ober- landesgericht bekleidet. Er wird als eine ebenso begabte wie charactervolle Persönlichkeit bezeichnet und gilt er als ein hervorragend tüchtiger Verwaitungsbeamter im Bereiche de» Justizwesens. Politisch ist er niemals besonders hervor» getreten, doch soll er auf dem Standpunkte der Mittel» Parteien stehen. Herr Schönstedt gehört der katholischen Kirche an.
— Der R eichskanzler Fürst Hohenlohe traf mit seiner Gemahlin am Donnerstag Vormittag zum Besuch beim Großherzoglichen Paare in Baden-Baden von Straßburg aus ein. Der Besuch erklärt sich auS den überaus freundschastlichen Beziehungen, welche seit langem zwischen dem Großherzog Friedrich und dem jetzigen Reichskanzler bestehen. Natürlich wird es in Baden-Baden aber trotz des äußerlich familiären CharacterS des Vorganges auch zu einer politischen Aussprache zwischen dem badischen Herrscher und dem leitenden Staatsmanne des Reiches gekommen sein und dürfte diese Besprechung vielleicht nicht ganz ohne Nachwirkungen bleiben.
Ausland.
Paris, 15. November. Die Madagascar-Angele- genheit wird nunmehr für die Franzosen auf geraume Zeit mit im Mittelpunkte stehen. Am DienStag sind die Regierungsforderungen, welche 15000 Mann und 65 Millionen FrcS. für den neuen Feldzug gegen Madagascar verlangen, in der Deputirtenkammer eingebracht und vom Minister deS Auswärtigen, Hanotaux, mit einer glänzenden Rede begründet worden. Die zuversichtliche, und an patriotischen Tönen reiche Sprache des Ministers verfehlte ihren tiefen Eindruck auf die Volksvertretung nicht, und sicherlich werden die Credite für die MadagaScar-ExPedition mit überwältigender Mehrheit Genehmigung finden. Trotzdem giebt sich weder im Parlamente noch im Lande irgendwelche Begeiste» rung für den Krieg auf Madagascar kund, man weiß in Frankreich sehr wohl, daß es sich auf alle Fälle um ein kostspieliges und schwieriges Unternehmen handelt.
Die Einnahme der wichtigen chinesischen Seefestung Port Arthur durch die Japaner bildet den neuesten und sehr bedeutsamen Erfolg Japans im Kriege gegen China. Im ' Besitze dieses ungemein wichtigen Platzes, können die Japaner nunmehr ihre weiteren Operationen gegen Peking mit noch
größerem Nachdruck betreiben. Die in die Mandschurei ein- gedrungene japanische Armee unter Marschall Aamagata besetzte auf ihrem Vormärsche Linsankwan nach Zersprengung starker chinesischer Cavalleriemaffen. Ueber einen Erfolg der Intervention Nordamerikas behufs Einleitung von Friedens- Verhandlungen zwischen Japan und China verlautet noch nichts Bestimmtes.
Neueste
Wolff» telegraphische» Lorrespondenr» Bureau.
Berlin, 15. November. Die außerordentliche Gene» ralsynode wählte bet den Ergänzungswahlen für den Shnodalvorstand zu Stellvertretern mit 127 Stimmen gegen 54 unbeschriebene Zettel den Synodalen Stöcker, ferner durch Zuruf Pfeiffer und König.
Alost, 15. November. Als die GenSdarmerte mehrere Personen, die in Burst einen Schenkwtrth ermordeten, verhafteten, wollten die erregten Einwohner die Verhafteten lynchen. ES erfolgte zwischen der Menge und den GenSdarmen, welche die Gefangenen schützten, ein Zusammenstoß, wobei es auf beiden Setten Verwundete gab. Die Ordnung wurde aber bald wieder hergestellt und die Gefangenen inhafttrt.
Loudon, 15. November. Reuter-Meldung aus Ti ent st n vom 15. November: Chinesischen Nachrichten aus Port Arthur zufolge leisten zwei Forts von Tahienwan noch Widerstand, es sanden heftige Kämpfe statt. Die Japaner hätten die Forts allmählich eingeschlossen- in der Nähe von Port Arthur seien jedoch keine Japaner, die Garnison von Port Arthur werde energischen Widerstand leisten. Kintscheu sei von einem Detachement der Armee deS Generals Sung wieder genommen, Mothianling auf dem Wege nach Peking sei wieder erobert und die Japaner seien einige Meilen weit verfolgt worden.
Petersburg, 15. November. Heute trafen hier ein der Prinz und die Prinzessin Heinrich von Preußen, der Großherzog von Hessen, Prinz Albert von Sachsen-Altenburg mit Gemahlin, der Herzog von York und die bayerische Deputation. Dieselben wurden vom Kaiser, den Großfürsten, den Ministern und Würdenträgern am Bahnhofe empfangen.
Depeschen deS Bureau .Herold".
Berlin, 15. November. Bet der Mittags stattgehabten Truppenvereidigung der Berliner Garnison hielt der Kaiser eine Ansprache, worin er die Soldaten auf- sorderte, stets an ihren Eid zu denken, unverzagt und todeS- muthig zu gehorchen, nicht nur zur Vertheidigung des Vaterlandes nach außen, sondern auch nach innen zur Vertheidigung unserer heiligen Religion.
Berlin, 15. November. Die deutsche Regierung lehnte daS Anerbieten Chinas, eine Vermittelung in dem chinesisch-japanischen Conflicte herbeizufühen, ab. Nur wenn beide kriegführende Mächte darum nachsuchen, könnte eine Verständigung herbeigeführt werden.
Berlin, 15. November. Prinz Friedrich Leopold von Preußen ist gleichzeitig mit der Beförderung zum Generalmajor zum Commandeur der 4. Garde-Infanterie» Brigade ernannt worden.
Berlin, 15. November. Es verlautet, daß der Termin zur Verhandlung in der Oberfeuerwerkerschüler- Affatre, welcher auf den 16. November festgesetzt war, hinauSgeschoben worden ist.
Berlin, 15. November. Nach einem Beschluß des Centralvereins für Arbeitsnachweis ist den zuziehenden Arbeitern die Einschreibung in die ArbeitSlisten so lange versagt, bis die Nachfrage der Berliner Arbeitslosen gedeckt ist.
Berlin, 15. November. Im zweiten Berliner Wahlkreise sprach gestern Bebel über den Frankfurter Partei» tag. Redner tadelte, daß Leute, welche von Socialdemokratie keine Ahnung haben, mit Parteiämtern betraut werden. Wenn das so weitergeht, werde er, Redner, gezwungen, seine Thätigkeit in der Parteileitung niederzulegen. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen, worin getadelt wird, daß der Parteitag gegenüber den bayeri-chen Genoffen nicht energischer vorgegangen ist. Ferner wurde gegen die parti- kularischen Bestrebungen in Baden protestirt.
München, 15. November. Ein neuerdings von dem Ministerium eingesorderter Bericht des BezirkSamtmanneS in der Fuchsmühler Affatre weist im Wesentlichen nichts Neues auf.
Budapest, 15. November. Die Kundgebungen gegen die von Franz Kossuth unternommenen Reisen im Jnlande
nehmen zu. Mehrere Stadtvertretungen haben beschloffen, Kossuth überhaupt nicht zu empfangen.
Rom, 15. November. In der Nacht zum DienStag überfiel eine hundert Mann starke Räuberbande daS sardinische Städtchen Tortoli bei Lamuet und raubte dem reichen Patrizier Depan 52000 Franc», theilS in Baar, theil» in Schmuckgegenständen und StaatSpapieren. 'Bei dem Raubzug wurde ein Brigadier erschossen und ein Carabinieri schwer verwunder.
Antwerpen, 15. November. Während deS gestrigen anhaltenden Orkans wurde ein belgischer Schlepper in der Nähe von Nymwegen gegen die Düne geschleudert und vollständig zertrümmert. Von der Mannschaft sind neun ertrunken und nur zwei gerettet.
Paris, 15. November. Die radicale und die soctalistische Gruppe der Kammer hat beschlossen, gegen den Credtt für die Expedition nach Madagascar zu stimmen.
Paris, 15. November. Die Fsrma Rothschild hat 100000 Francs an 20 Arrondissements zahlen lassen zur Unterstützung der Armen, welche zur Bezahlung ihre» Mieth- zinseS nicht im Stande sind.
Pari», 15. November. In voriger Nacht wüthete hier und in verschiedenen anderenOnen Frankreichs ein furchtbarer Sturm, der großen Schaden angerichtet hat.
Paris, 15. November. Aus Tours wird gemeldet, daß dort der Orkan eine sieben Meter lange und sechs Meter hohe Mauer umgerissen hat, wobei fünf Arbeiter umS Leben kamen. Im Hafen von Cherbourg hat der Sturm an den dort ankernden Schiffen bedeutenden Schaden angerichtet.
Paris, 15. November. Gestern wurden chier zwei der Spionage verdächtige Deutsche verhaftet.
Parts, 15. November. Das Actenmaterial in der Drey fuS-Affaire wird heute dem Gouverneur von Parts übergeben. Die Untersuchung ist beendigt, daS Kriegsgericht wird in den ersten acht Tagen zusammentreten. Um die öffentliche Meinung zu beruhigen, sollen über den Fortgang dieser Angelegenheit in der Presse Mittheilungen gemacht werden.
Pari«, 15. November. Die Regierung hat sämmtliche Seepräfecten um ihre Ansicht gefragt über die Wichtigkeit der vom Hauptmann Dreyfus an Italien verkauften Schriftstücke. Die Antworten lauteten dahin, daß sich Frankreich um die Bedeutung der Schriftstücke nicht zu beunruhigen brauche. — Einer Depesche des französischen Bevollmächtigten Lemyre zufolge haben die HowaS die Stadt Tamatave verlassen, weil der Handel dort gänzlich darniederltegt.
Madrid, 15. November. Die Regierung brachte im Senat einen Gesetzesvorschlag über die definitive Regelung der handelspolitischen Beziehungen zu den Ländern ein, mit denen gegenwärtig Unterhandlungen über den Abschluß von Handelsverträgen schweben.
Loudou, 15. November. Nach einer Meldung aus Sh a n g h a i hat der japanische Befehlshaber Uamagata über die chinesische Cavallerie in der Mandschurei einen glänzenden Sieg erfochten.
London, 15. November. Nach einer Meldung aus Hemulpo arbeitet die coreanische Regierung eine neue Verfassung im japanischen Sinne auS. Dieselbe wird Anfang nächsten JahreS veröffentlicht.
London, 15. November. AuS Yokohama kommt die Nachricht, daß die Befestigung von Port Arthur auf der Landseite bedeutend verstärkt worden ist- militärische Fachleute glauben, der Angriff werde diesmal blutiger, da 100 Geschütze den Platz von der Lavdseite beschützen.
Petersburg, 15. November. In Hofkreisen versichert man, sofort nach der Vermählung deS Czaren werde ein umfangreicher Amnestie-Erlaß kundgegeben.
Warschau, 15. November. In einem Bericht, deu Gurko an den Czaren NtcolauS sandte, bezeichnete er die politische Situation in Polen, sowie da» Verhalten Polens als politisch höchst gefährlich. Er hält einen Ausnahmezustand als unentbehrlich.
Sitzung der Stadtverordneten
am 15. November 1894.
Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeordneter Georgi, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Flett, Jughardt, vr. Gutfleisch, Helfrich, Heß, Hehligenstaedt, Hom- berger, Keller, Löber, Orbig, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Dr.Thaer, Schmall, Vogt und Wallenfels.
Die Rechnung der Armenkasse für 1893/94 weist nach Mittheilung des Herrn Oberbürgermeisters ein


