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Nr. 139 Erstes Blatt. Sonntag den 17. Juni
1894
Der chieheuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.
Die Gießener AamikiensttLIIer werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Durch die Post bezöge« 2 Mark 5-) Pfg.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
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chratisßeikage: chießener Iamikienbsätter.
Alle Annoncen-Bureaur deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den .Gießener Anzeiger" entgegen.
Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „Gieszcner Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1894 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kcnntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mitthcilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener- Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so süihzcitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Bcvbachttmgen und Erfahrungen in Haus- wirthschast, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärttge Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu
wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrci zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger wcitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lasten, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
Deutscher Reich.
— Aus einer statistischen Zusammenstellung der Bcsitzwe chsel, die sich in den Jahren 1889 biS^1892 im Königreich Sachsen vollzogen haben, ergibt sich, daß die Vcr- kausswerthe der landwirthschastlichen Grundstücke bis Ende 1892 fortdauernd im Steigen begriffen waren. Die amtliche „Leipz. Ztg." begleitet die Meldung von dieser Thatsache mit der Bemerkung, daß darin unzweifelhaft der Hauptgrund für die schwierige Lage zu suchen sei, in der sich gegenwärtig die Landwirthschaft befindet.
Neueste Nachrichten.
Wolff- telegraphisches Corr espondenz-Bureau.
Kol«, 15. Juni. Der Vorstand des Afrikavereins deutscher Katholiken hat für die im deutschen Schutzgebiete thätigen Missionsgesellschaften, wie die „Kölnische Volkszeitung" mittheilt, 105,000 Mk. bewilligt.
Budapest, 15. Juni. Der „Budapester Correspondenz" zufolge fand bet Aladar Andrassy, welcher gegen die Ehevorlage gestimmt hat, eine Conferenz von Magnaten statt in Anwesenheit WekerleS und SztlagytS. Ein Theil der Oppositionellen beharrte streng auf dem ablehnenden Standpunkte- andere regten Abänderungen an, welche ihnen die Genehmigung der Vorlage ermöglichen würden. Die Minister lehnten die gemachten Vorschläge als das Wesen der Vorlage beeinträchtigend ab und erklärten, die Initiative zur Aufnahme neuer Bestimmungen in das Gesetz nicht zu beabsichtigen, sie forderten jedoch die oppositionellen Mitglieder, ! welche dies wünschen, auf, concrete Vorschläge zu machen.
Loudon, 15. Juni. AuS Westport wird weiter gemeldet, daß sich auf dem Schiffe, welches in der Nähe von Westport kenterte, 110 Personen befunden haben. ES war« irische Arbeiter, die das Schiff, dos kein Dampfer, fonbent eine Schaluppe war, von der Insel Achill nach Westport bringen sollte. Bisher find dreißig Leichname aufgefund« worden.
Petersburg, 15. Juni. Das (Somite für den Bau einer sibirischen Eisenbahn beschloß die Entsendung einer Expedition zur hydrographischen Aufnahme der Mündungen deS Jenisieis, des Obs und eines TheileS des karisch« Meeres.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 15. Juni. Heute Vormittag begaben sich der Kaiser und die Kaiserin auS Anlaß des Sterbetage« Kaiser Friedrichs III. nach dem Mausoleum in der FriedenS- ktrche zu Potsdam. Dort wurden schon von früh Morgen« ab zahlreiche kostbare Kranzspenden niedergelegt. Einen der ersten Kränze überbrachte eine Deputation deS Offiziercorp« des Großh. badischen Infanterieregiments Kaiser Friedrich ID. Nr. 114.
Berlin, 15. Juni. Die Saalsperre für focla« ltstische Bersamml ungen in Berlin und Umgegend hat heute begonnen. Zuwiderhandelnde Brauereien zahlen 5000 Mk., Wirthe 500 Mk. Conventionalstrafe.
Potsdam, 15. Juni. Die Ersatzmann schäft für die ostafrtkantsche Schutztruppe wurde heute Mittag zur Vorstellung beim Kaiser hierher befördert. Der Kaiser hat eine große Momentausnahme von der Truppe herzustell« befohlen.
Altona, 15. Juni. Die Stichwahl in Pinneberg findet am 23. Juni statt.
St. Johann, 15. Juni. In der Grube „Reden" ist durch eine Schlagwetterexplosion eine Anzahl Bergleute verunglückt, zwei lebensgefährlich.
Troppan, 15. Juni. Das Unglück in dem „Franziska" - und „Johann"-Schacht wurde durch fünf Explosione» verursacht. Es ist das größte Unglück, welches bisher he Ostrauer Revier stattfand. — Ueber die Gruben-Kata- strophe werden der „Franks. Ztg." noch folgende Detail« mitgetheilt: DaS Gräflich Lartsch'sche Grubenrevier zerfällt in zwei Theile, den FranziSka-Schacht und den Johann-Schacht. Die Explosion erfolgte zugleich in beiden Betrieben. I»
Feuilleton.
Wochenbriefe sus der Residenz.
(Origtnalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 15. Juni.
Bom Hofe. — Das Mufikfest. — Verschiedenes.
Eine trübe Regenwoche liegt hinter uns. Nur selten rvagte sich die Sonne hinter dem dunkelen Gewölk hervor und sandte ein Paar kärgliche Strahlen zur Erde nieder. Dazu herrschte mitunter eine an winterliche Tage gemahnende Temperatur und die Lust zu Spaziergängen und Ausflügen wurde einem gründlich verleidet.
Unser Großherzog und seine junge Ge- mahltn werden sich unter diesen Umständen auf ihrem Sommersitz in Auerbach wohl auch nicht gerade behaglich gefühlt Haden, und so ist denn daS bei schönem Wetter ganz herrliche „Fürstenlager" schon am Mittwoch wieder verlaffen worden und der Großherzoglichc Hof wird nun für kurze Zeit im goldnen Mainz residiren, um dann wieder hierher zurückzukehren. Für den Herbst ist uns bereits wieder hoher fürstlicher Besuch angekündigt. Se. Majestät Kaiser Franz Josef von Oesterreich wird zu Beginn deS October in Darm- stadt zu mehrtägigem Aufenthalt erwartet und ein Gerücht will wiffen, daß auch der deutsche Kaiser noch im Laufe dieses Jahres hierher kommen werde. Großfürst Nikolaus von Rußland, der zukünftige Schwager unseres Großherzogs, soll schon ftüber zum Besuche seiner hohen Braut, der gegen- wärtig in England weilenden Prinzessin Alix, bei uns em« treffen. Natürlich werden diese Fürstenbesuche wieder Anlaß zu festlichen Empfängen usw. geben, doch sind vorläufig alle Nachrichten über die Zeit der Ankunft der verschiedenen hohen Herrschaften noch unzuverlässig.
Rüstig schreiten die Zurüstungen zum Mittel- rheinischen Musikfeft voran, das augenblicklich im Mittelpunkte des Interesses steht. Große Plakativerkünden an allen Straßenecken das auch schon an dieser Stelle mit-
getheilte Programm, bte Bilder der Solisten, unter denen sich ja thatsächltch nur Kunstgrößen ersten Ranges befinden, sind in den Schaufenstern der Kunsthandlungen ein Haupt- anziehungspuokt. Ganz einzig in seiner Art wird jedenfalls der Schauplatz aller der geplanten Festlichkeiten, die große Festhalle auf dem Exercierplatz werden. Die Kunst- und Handelsgärtnervereinigung, die dort in Form von großartig angelegten Pflanzendecorattonen eine Ausstellung ihrer Er- zeugnisse darbieten wird, macht alle Anstrengungen, diese wirklich großartig zu gestalten. Ein von Herrn Hoftheatermaler Schwedler angefertigter Entwurf, der zur Zeit öffentlich ausgestellt ist, veranschaulicht das Arrangement der ganzen Ausschmückung der Festhalle. Außer den Pflanzengruppen der verschiedensten Art wird auch ein großer Springbrunnen ausgestellt werden und ein künstlicher Wasserfall soll für die bei der gegenwärttgen Temperatur allerdings nicht unumgänglich nothwendige Kühlung sorgen. Für den großen Festball wird ein eigener Tanzboden hergestellt, da der Saalbau augenblicklich umgebaut wird und daher nicht zu benutzen ist. Uebrigens sei nicht vergessen, hier noch eine interessante Thatsache anzuführen, die eine mitwirkende fc-nnftlmn betrifft. Im Jahre 1853 nämlich, als in Darmstadt zum ersten Male ein mittelrheinischeS Musikfest abgehalten wurde, wirkte als Solo- Sopranlstin Frau Kammersängerin L e t s i n g e r auS Stuttgart mit, die Mutter von Frl. Elisabeth Leisinger, die nun diesmal genau denselben GesangSpart übernommen hat, wie vor vielen Jahren ihre Mutter,- gewiß ein eigenartiges Zusammentreffen. Die Anmeldungen von ftemdem Besuch zum Musikfest laufen übrigens sehr zahlreich ein und so darf denn jeder Festgast ein paar fröhliche und genußreiche Tage erwarten, an herzlicher und gastfteundlicher Aufnahme werden eS die Residenzbewohner gewiß nicht fehlen lassen.
Der Mozarrverein hatte ttotz aller Arbeit und Proben für das Fest doch noch Muße gefunden, für nächsten SamStag ein So mm er fest im städtischen Saalbaugarten vorzubereiteu; nun hat aber der Himmel doch einen Strich durch die Rechnung gemacht unb das Fest mußte verschoben werden. Hoffentlich werde ich jedoch den Lesern Ihres Blattes demnächst über den Ausfall der in ein großes Gartenconcert
und einen Ball zerfallenden Veranstaltung einen kurzen Bericht erstatten können.
Unmittelbar vor dem Musikfest wird übrigens auch noch ein größeres studentisches Fest in Darmstadt gefeiert werden, das Corps „Hassia" an der hiesigen „Technischen Hochschule", eine der ältesten und stärksten studentischen Verbindungen, wird zu Anfang Juli sttn 50jährigeS Stiftungsfest begehen und plant dafür verschiedene Auffahrten usw. Die rege Antheilnahme der Darmstädter Einwohnerschaft ist der angesehenen und beliebten Eorporation gewiß.
Seit unserem letzten Wochenbericht ist auch der rasch vorwärts schreitende Bau unserer Johanniskirche zu eine« neuen Abschluß gelangt, indem nunmehr schon das stattliche Kreuz mit dem Üblichen Wetterhahn auf der Thurmspitze an- gebracht werden konnte. Die gesährliche Arbeit ist glücklich vollendet worden, und der Leiter deS ganzen Baues, Herr Kirchenbaumeister Schwartze, hofft zuversichtlich, bafe da« neue Gotteshaus noch vor Beginn des Winters seiner Bestimmung übergeben werben könne. Die Ausschmückung de« Jnneuraums ist durch zahlreiche hochherzige Stiftungen gesichert und Herr Professor Noak ist zur Zeit mit der Anfertigung von zwet^großen kirchlichen Gemälden beschäftigt, die für die neue Studie bestimmt sind. Die archilectonifche Wirkung deS schönen Baues läßt sich bereits jetzt recht gut erkennen und es ist ganz zweisellos, daß die Johanniskirche baulich die schönste Kirche unserer Residenz «erben wirb.
Sonst bleibt auS der vergangenen Woche nichts Besonderes mehr zu berichten. DaS Mainzer Schützenfest bildet natürlich auch für Darmstadt ein beliebtes Gesprächsthema, vor Allem wegen der schlechten WitterungSauSfichten- Haben wir ja doch während deS Turnfestes im letzten Jahre auch mit der Ungunst deS Wetters zu kämpfen und darunter zu leiden gehabt. Wir wünschen unseren Nachbarn in Mainz von Herzen gutes Wetter und ein paar heitere Festtage. Daß auch die Darmstädter Schützen nach der alten Rheiuftadt pilgern werben, unb mit ihnen noch Hunberte von ander« Leuten auS der Residenz, die vom Schießsport weiter nicht viel verstehen, ist selbstverständlich.


