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Nr. 88 Erstes Blatt. Dienstag den 17. April
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Bekanntmachung.
Tas Programm für die aus Veranlagung der Vermählung Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzogs und der Prinzessin Victoria Melita von Sachsen Coburg - Gotha stattsindenden Festlichkeiten ist festgesetzt wie folgt:
I. Freitag, den 20. April:
Um 111 Uhr Bormittags erfolgt unter Glocken- \ getaute der Einzug des Allerhöchsten Paares von der Bahnüberführung der Odenwaldbahn aus durch die frankfurter-, Promenade-, Caserne-, Bahnhofs-, Rhein- und Wilhelmineuftraße nach dem Neuen Palais. Der von 2 EScadron» Dragonern begleitete, im Schritt fahrende Wagenzug wird von Ehrenreitern und Postillonen angeführt. Vor der am ehemaligen Nheinthor errichteten Ehrenpforte wollen Ihre Königlichen Hoheiten die Begrüßung des Stadtvorstandes entgegcnnehmen.
Längs des gesammten Einzugsweges stellen hiesige und auswärtige Schulen, Studentenschaft und Vereine «mit ihren Fahnen, sowie Truppentheile der hiesigen Garnison geschloßenes Lpatter.
Um 6 Uhr Nachmittags begeben sich Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin vom Neuen Palais in das Großh. Residenz- ichloß zur Galatafel unb kehren gegen 8 Uhr wieder in das Neue Palais zurück.
Bou S*/5 Uhr Abends an allgemeine Illumination der Stadt. Die Allerhöchsten Herrschaften unternehmen gegen 9 Uhr, zur Besichtigung der Illumination, eine Fahrt durch die Stadt nach dem Großh. Residenzschloß, wo Allerhöchstdieselben von dem Balkon über der ; Vorderbrücke
gegen S'/r Uhr die Serenade auf dem Marktplatz entgegennehmen wollen. Die hiesigen Gesangvereine, welche die Serenade darbringen, werden von anderen hiesigen und auswärtigen Vereinen in festlichem Fackel- und Lampions zug nach dem Marktplatz geleitet. Letzterer ist während der Munkvorträge electrisch beleuchtet.
II. Samstag, den 21. April:
Um 7 Uhr Abends begeben sich Ihre König- lichen Hoheiten von dem Neuen Palais nach dem Großh. Residenzschloß, wo um 71/, Uhr eine Cour der dazu eingeladenen Damen stattfindet.
Um 8*/, Uhr Abends gesellige Bereinigung der Einwohnerschaft bei Concert in der fefthalle auf dem Exercierplatz.
III. Sonntag, den 22. April:
Bon 2 Uhr Nachmittags an Bolksfeft auf dem Exercierplatz. Ihre Königlichen Hoheiten werden dasselbe mit Allerhöchst ihrem Besuche beehren.
Um 7 Uhr Abends festvorftellung im Großh. Hoftheater.
Um 9 Uhr Feuerwerk auf dem Festplatze.
IV. Montag, den 23. April:
Nachmittags gesellige VereinigungdeiConcert auf dem Platze des Volksfestes.
Für den Abend haben Ihre Königlichen Hoheiten • die Einladung zum Ball der „Vereinigten Gesellschaft" gnädigst angenommen und werden sich nach 8 Uhr dahin begeben.
Darmstadt, den 7. April 1894.
Der Großhersogliche Dberbürgermeifler
Morneweg.
Deutsette- Reich.
Darmstadt, 14. April. Die „Coburger Zeitung" veröffentlicht folgendes Programm zu der am 19. April 1894, Mittags 12 Uhr, im Herzoglichen Residenzschloffe zu Coburg stattfindenden Vermählung Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha, Herzogin zu Sachsen, mit Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein:
Die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften versammeln sich um 3/412 Uhr im Rothen und Gobelin-Zimmer, das Ge
folge in der großen Bildergallerie und im Riesenfaal, mit Ausnahme des Ihrer Majestät der Königin, welches sich um */« 1 Uhr im Vorzimmer zum Aufzug (links vom Hauptportal) versammelt.
Das 3. Bataillon des 6. Thüring. Infanterie-Regiment- Nr. 95 stellt die Doppelposten.
Um 12 Uhr werden Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin-Braut, begleitet von Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit der Frau Herzogin, und Seine Königliche Hoheit der Großherzog-Bräutigam im Residenzschlosse eintreffen.
Bei Annäherung an den großen Schloßhof, wo als Ehrenwache eine Compagnie des hiesigen Bataillons mit der Fahne und dem RegimentS-MufikcorpS aufgestellt ist, spielt letztereS die Nationalhymne.
An der großen Schloßtreppe wird das Durchlauchtigste Brautpaar durch den Oberhofmarschall empfangen und nach den Gemächern Ihrer Majestät der Königin geleitet, woselbst der standesamtliche Act durch Seine Excellenz Herrn Staarr- minister v. Strenge vollzogen wird.
Die Vertreter fremder Höfe und die geladenen Gäste versammeln sich um 12 Uhr in der Herzoglichen Hofkirche, wo ihnen ihre Plätze durch die Kammerherren Graf Griebenow, v. Ebart, v. RekowSky und v. WolterSdorff angewiesen werden.
Zu den Emporen der Kirche werden Eintrittskarten vou dem Oberhofmarschallamt auSgegeben. Der Raum zu beiden Seiten der Orgel ist für die Mitglieder des Kirchenchors, die erste Abtheilung auf der östlichen Seite für die Vertreter der Presse reservirt.
Nach Schluß der Civiltrauung begeben sich die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften in vier Zügen mit Bortritt und Gefolge zur Kirche. Die Züge sind unbeschadet bestehender Rangverhältnisse geordnet.
Nach Eintreffen des ersten Zuges begibt sich der Vortritt in den Vorraum der Kirche zurück, um von da aus dem zweiten Zuge voranzugehen, ebenso beim dritten und vierten. Nach Eintreffen deS letzteren stellt sich der Vortritt zu beiden Seiten des Mtttelganges auf.
Am Altar wird da- Hohe Brautpaar von der Geistlichkeit empfangen.
Feuilleton.
Der verhängnißvolle Mokka.
Humoreske von M. Andcrssen.
(Fortsetzung.)
Frau Maihof-Mutter schläft ausgezeichnet. Ihr Schlaf ist ein so fester, daß er durch den Eintritt Linas am nächsten frühen Morgen nicht unterbrochen wird. Diese ist leise gekommen, um die Stiefelchen des Gastes zu holen, was sie gestern Abend vergessen.
Lina schaut sich neugierig in dem bereits erhellten Gemache um. Ihr Blick fällt auch auf die Commode, wo die beiden Gläser nebeneinander stehen.
Plötzlich schlägt sie die Hände zusammen und unterdrückt nur mühsam einen Aufschrei. DaS eiue der beiden Gläser stellt nämlich ein Nachtlämpchen dar, in dem über dem Wasser sich eine Schicht Brennöl ausbreitet, in die, auf einen Korkschwimmer gesteckt, der kleine Docht eintaucht. Auf dem Grunde des Glases liegt ein Etwas, daS Lina aus eigener Praxis bekannt ist: ein Guttapercha-Gaumen, der an seinen beiden Enden einige künstliche Zähne aufweist.
Lina fischt mittelst ihres Haarpfeils das Kunstwerk aus der Tiefe des NachtlämpchenS heraus- alsdann läßt sie ?S in das daneben stehende GlaS mit reinem Wasser fallen. „So," sagte sie, „da merkt sie eS gar nicht. Der Geschmack de» Brennöls wässert sicher auS, bis sie daS Ding wieder gebraucht."
Sehr befriedigt über ihr Rettungswerk verläßt Lina unbemerkt, wie sie gekommen, daS Zimmer.
Bald darauf erhebt sich Frau Rittergutsbesitzer Maihof, eine Frühaufsteherin aus Gewohnheit, kleidet sich rasch an und begibt sich dann hinab ins FrühstückSzimmer, wo das lunge Paar bereits mit dem Morgenkaffee auf sie wartete.
Nach den üblichen Begrüßungßworten erklärt der junge Mann vergnügt: „Heute wirft Du auch die Sorge los, liebste Mama, daß ich mein LieblingSgetränk nicht so zubereitet erhalte, wie ich eS von Deiner Hand gewohnt bin. Eva ist Meisterin in der Kaffeebereitung, die sie stets eigenhändig besorgt. Du wirst Dich sogleich überzeugen."
Die Angeredete nickt der freudig erröthenden jungen Frau wit liebenswürdigem Lächeln zu und läßt sich von ihr eine Taffe lieblich duftenden Mokkas eingießen.
„Nun?" fragte stolz herausfordernd der Sohn, als seine Mutter vorsichtig prüfend gekostet hatte.
DaS Lächeln der Gnädigen erhält etwas Gezwungenes. Sie setzt die feine chinesische Schale mit großer Erregung auf den Tisch zurück.
„Großartig, Mama!" rühmt Max. „Nur mit Deiner Karlsbader zu vergleichen."
„In der Thal —" erwiderte zögernd die Mutter.
Eva blickte mit auffallend großen Augen zu ihr hinüber.
„Aber Mama!" ruft der Sohn erschrocken, „Du machst ein Gesicht, als habest Du Tinte getrunken und nicht einen wahrhaft ambrosischen Mokka! — Nein — so ungerecht bist Du nicht. Prüfe noch einmal, Mama, und sage mir dann Deine aufrichtige Meinung."
Mit sichtlicher Ueberwindung greift die Schwiegermutter nochmals zur Tasse. Sie nimmt einen langen Schluck, schüttelt sich aber danach, als habe sie Leberthran getrunken und schiebt mit größter Entschiedenheit die Schale weit von sich fort. DaS war eine entrüstete Ablehnung dieses „Getränkes".
Auf Evas reizendem Gesicht wechseln Röthe Lunb Blässe wie Schlagschatten, ihre großen Kinderaugen sehen nun böse, ganz böse auf die Schwiegermutter. Keine Spur mehr von Scheu und Respect. DaS Autoritätsgefühl verleugnet sich, indem sie denkt: „Ich hatte doch recht mit meiner Ahnung. Alle Schwiegermütter sind gleich. Nicht umsonst verlästert sie der VolkSmund."
„Bist Du unwohl, Mama?" fragt der Sohn mit seltsam verhaltener Stimme.
„Ich versicherte Euch schon, daß ich mich selKn so wohl und frisch gefühlt habe, wie an diesem Morgen," entgegnete sie kühl.
„Aber daS Frühstück scheint Dir nicht zu schmecken," beharrt der Sohn.
Sie sieht ihn mit ihren gebietenden Augen zurechtweisend an, dann wendet sie sich zu ihrer Schwiegertochter:
„Nimm mirs nicht übel, Kind, aber diesmal ist Dir der Kaffee nicht gerathen! — Um Gotteswillen, Eva, so weine doch nicht gleich! Die Schuld liegt an Deinem Lieferanten, der Dir leider ein paar ölige Bohnen unter Deinen Mokka gemischt haben muß."
„Oelige Bohnen?" wiederholte der Amtsrichter, während die junge Frau, vor Erregung zitternd, kein Worr hervorbringt.
„Gewiß, Max, und zwar von ganz penetrantem Geschmack- Ich kann denselben gar nicht wieder los werden."
Eva springt auf und-stellt sich, dem Kaffeetisch bm Rücken zuwenbenb, mit unterbrücktem Schluchzen ans Fenster.
„Du hast ja von bemselben Kaffee getrunken, Max," fährt seine Mutter ruhig fort, währenb er in nervösem Spiele ein Stückchen Festkuchen zerbröckelt unb Kügelchen davon dreht. „Ich wundere mich, baß Du als Kenner nichts bation bemerkt hast. Freilich" — hier lächelt bie Dame recht überlegen — „Du bist in den Flitterwochen, ba soll man oft nicht wissen, was man ißt unb trinkt." ,
Eva wendet sich kurz um. ES ist beutlich zu vernehmen, wie ihr Absatz ben Boden stampft. „Gnädige Frau — ich muß doch bitten," erklärt sie, das Köpfchen im Nacken.
Mit einer wahrhaft königlichen Handbewegung erwidert die Schwiegermutter: „Keine Scene, Kind! Ich verlasse sogleich dieses Haus, um es nicht wieder zu betreten."
„Um Gotteswillen, Mama! — Eva!" Der Amtsrichter stürzt von einer zur andern.
„Ich lasse mich in meinem Hause nicht beleidigen," erklärt trotzig die junge Frau.
Frau Maihof-Mutter hat sich erhoben. „Um neun Uhr zwanzig Minuten geht der Schnellzug. Ich glaube, daß ich noch recht kommen könnte," sagte sie ruhigen Tones.
„Mama, — Du darfst uns nicht in solcher Sttmmung verlassen! Bedenke die kleinliche Ursache des Zwistes!" beschwört sie der Sohn.
„Und seine vollständige Grundlosigkeit!" ruft Eva dazwischen. „Er ist gänzlich vom Zaune gebrochen. Du selbst haft den Kaffee für gut erklärt, Max!"
„Allerdings," antwortete er, „und er ist auch gut."
Aber nun fragt ihn seine Mutter in schneidendem Tone: „Wer hat Dich zur Wahrhaftigkeit erzogen, Max? Wer hat Dir stets das Beispiel der Wahrheitsliebe gegeben ?"
„O Mutter!" stöhnt der junge Mann und fährt rathloL mit der Hand über die Stirn.
Sie ergreift seine Rechte. „Sei ruhig, mein Junge. Weißt Du denn gewiß, daß Du von demselben Aufguß getrunken haft?"
„Nein!" erklärt Eva, „ich habe für Mama einen besonderen, frischen Aufguß bereitet."
(Schluß folgt.)


