Nr. 190 Erstes Blatt. Donnerstag dm 16. August 1894
Der Hitßener Anzeiger erscheint täglich, rnit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Giefzen.
Alle Annonccn-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Theil
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß auf Grund der §§ 82 ff. des Unsallversicherungs- Gesetzes die nachgenannten vier Herren:
1. Albert Otto in Magdeburg,
2. Sigismund v. Ehrenstein in Breslau,
3. Leo Frühling in Braunschweig,
4. Dr. O. Vibrans in Helmstedt
<letzterer als Stellvertreter), von der Zucker-Berufsgenoffen- schäft als Beauftragte angestellt worden find.
Der Wirkungskreis dieser Beauftragten erstreckt sich über das Gebiet des Deutschen Reiches und wechseln dieselben alljährlich mit den Revisionsbezirken ab, sodaß alle vier Beauftragte nacheinander im hiesigen Bezirk thätig sein können.
Gießen, den 14. August 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, am 14. August 1894.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Landeswaisenanstalt; hier Pflegegeldsätze und Lehrlingsunterstützungen.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Hinweis auf unsere Bekanntmachung rubr. Betreffs vom 29. Juni d. Js., in Rr. 151 des Gießener Anzeigers, beauftragen wir Sie, auf den im September l. I. an den Rechner der Landeswaisenkaffe einzusendenden Quittungen über Lehrlingsunterstützungen den mit Wirkung vom 1. April l. I. ab genehmigten Mehrbetrag für jedes Lehrjahr genau zu berechnen und auf jeder Quittung auch den Beginn der Lehrzeit anzugeben.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Am 14. August ist dahier am Mai->Weser Bahnhof ein gelb und weiß geschecktes Stierkalb stehen geblieben.
Der Eigenthümer wird aufgefordert, seines Ansprüche dahier binnen 4 Wochen geltend zu machen., Gießen, den 15. August 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
6745 I- V.: Roth.
Deutsche» Reich.
Berlin, 14. August. Ein Gesetzentwurf über die Ab- änderung der bisherigen Bestimmungen, betreffend die Strafbarkeit jugendlicher Personen, befindet sich gutem Vernehmen nach im Reichsjustizamte in Vorbereitung. Die betreffende Vorlage ist vom preußischen Justizminister Dr. v. Schelling angeregt worden, und zwar in Folge einer ihm unterbreiteten Eingabe des Landesvereins preußischer Dolksschullehrer, in welcher die Rothwendigkeit einer Hinaufsetzung der Strafmündigkeit auf das vollendete 14. Lebensjahr und der Einführung der Zwangserziehung jugendlicher Verbrecher und verwahrloster Kinder betont wird. Der in Ausarbeitung begriffene Gesetzentwurf soll im Wesentlichen diesen Vorschlägen entsprechen.
— Zu der Nachricht von dem silbernen Gürtel, der als Feldausrüstungsstück für die Offiziere der Fußtruppen in Aussicht genommen ist, kann noch ergänzend hinzugefügt werden, daß die alte Schärpe daneben bestehen bleibt. Der Gürtel dient also nicht als Dienstabzeichen, sondern nur zur Befestigung des Revolvers, des Fernrohrs und der Kartentasche. Die „Voss. Ztg." knüpft an diese Mittheilung eine Klage, die nur allzuberechtigt sein dürfte, nämlich daß sich die einst so einfache Ausstattung des Offiziers von Jahr zu Jahr vertheuert. Unter Zuhilfenahme eines Preiscourants vergleiche man nur die Ausgaben für die Achselstücke, die Portepees, die Degenkoppel, die Degen selbst gegen früher, ziehe dann ferner in Betracht, daß die hohen Stiefel jetzt auch zur Parade angelegt werden, und endlich, daß jeder Offizier jetzt sicher in erheblich kürzerer Zeit als früher einen neuen Paletot braucht.
— Eine Reform in der militärischen Schreibweise in Bezug auf die Bezeichnungen der Regimenter wird
Seitens vieler Miiitärs angestrebt und dürfte auch insofern Aussicht auf Erfolg haben, als die Erleichterung dadurch bereits gegeben ist, daß fast alle Regimenter, mit Ausnahme einiger wenigen, bestimmte fortlaufende Nummern haben. Beim Generalstab, im Kriegsministerium, bei allen Militärschulen und -Anstalten wird eö nämlich bei Anfertigung der schriftlichen Arbeiten schon lange als ein großer Uebelstand empfunden, daß die Regimenter mit ihrem langen Namen bezeichnet werden müssen. Denn die meisten Regimenter haben eine ganze Reihe von Bezeichnungen, deren vollständige Aufführung ungemein weitläufig und zeitraubend ist. Da gibt es z. B.: „Grenadier-Regiment Friedrich Wilhelm IV. (1. Pommersches) Nr. 2" — „Infanterie - Regiment Prinz Moritz von Anhalt - Dessau (5. Pommersches) Nr. 42" — Infanterie - Regiment Herzog Karl von Mecklenburg -Strelitz (6. ostpreußisches) Nr. 43" — „Viertes WürttembergischeS Infanterie-Regiment Nr. 122, Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, König von Ungarn" — „Husaren-Regiment Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, König von Ungarn (schleswig- holsteinischeS) Nr. 16" — „Feld-Artillerie Regiment General- Feldzeugmeister (2. Brandenburgisches) 97t. 18" u. s. w. Mögen auch diese Ehrenbezeichnungen den Regimentern als besondere Auszeichnungen bleiben — bei einer kriegswissenschaftlichen Arbeit, bei Corps-, Divisions- und Commandantur- befehlen verursachen sie jedoch zu viel unnöthige Arbeit und erschweren die Klarheit und Verständlichkeit. Und schon Graf Moltke soll hierüber in Bezug auf die Kriegsliteratur geäußert haben: „Unsere Kriegsgeschichte scheitert an den langen Regimentsnamen und der Verpflichtung, Jedermann zu nennen, der gefochten hat. Ganz besonders aber ist eine Vereinfachung im Bezeichnen der Regimenter bei Mobilmachung rc. geboten." Deshalb ist es denn auch in vielen Regiments - BureauS bereits jetzt üblich, die Benennung auf das Aeußerste abzukürzen.
Berlin, 14. August. Der General der Infanterie v. Oppeln-Bronikowski ist gestorben. Er war Ausgangs der achtziger Jahre Gouverneur von Metz und com- mandirte vordem die dritte Division in Stettin.
Danzig, 14. August. Der Polizeidirector meldet: „Von den in die Quarantäne - Anstalt übergesührten Angehörigen der in Althof an Cholera erkrankten Personen sind gestern zwei choleraverdächtig erkrankt- bei einer derselben wurde Cholera nachgewiesen." Der Staatscommissar meldet: „Bei
Feuilleton.
Der (Karten im August.
Von A. Ftntelmann, stadt. Garteninsprctor in Berlin.
(Nachdruck verboten.)
Der Monat August ist für den Obstgarten von gani besonderer Bedeutung infofern, als unfere Aufmerkfamkeit zu dieser Zeit nicht allein auf eine vollkommene Entwickelung des Kernobstes — der Birnen und Aepsel — im Speciellen, sondern auch vorzugsweise aus die gute Ausbildung der Fruchtaugen für das kommende Jahr bei sämmtlichen Obstbäumen im Allgemeinen gerichtet sein mutz. Wir düngen dieselben daher noch einmal mit verdünnter Stalldünger-Jauche, abgesehen von einer, bei etwa großer Trockenheit mehrfach zu wiederholenden reichlichen Bewässerung, im Umkreise der Baumkrone entweder durch Aufwerfen von bis auf die jungen Wurzeln gehenden Gräben oder durch Herstellung von Löchern mit einem Pfahleisen, die wir dann nach dem Einguß der Jauche wieder zusüllen.
Grade für die Entwickelung der Fruchtaugen, die in diesem Monat ihre Ausbildung abschließen und die zu einer segenbringenden Fruchtbarkeit erforderlichen Reservestoffe in sich aufspeichern, ist diese Arbeit von außerordentlicher Tragweite und darf unter keinen Umständen versäumt werden. Nur der Wein macht hierin eine Ausnahme, indem er nur einmal zu Beginn des Monats einen ausgiebigen Düngerguß erhält. Seine ohnehin größere Triebfähigkeit würde bet zu lange ausgedehnter Bewässerung einen zu späten Abschluß der Triebe im Gefolge haben und diese demgemäß, well nicht genügend ausgereift, leicht im folgenden Winter erfrieren. Ein rechtzeitiges gutes Ausreisen des Holzes unterstützen wir übrigens durch Entspitzen, Kappen sämmtltcher sich wiederholt bildender Triebe und nochmaliges Entfernen des Geizes, der Nebentriebe diesjähriger Ranken.
Fördernd für die Erhöhung der Schmackhaftigkeit und Schönheit der Trauben ist eine theilweise Ausbeerung derselben mit einer spitzen Scheere. Der Ausfall an Beeren ihrer Zahl nach wird bald durch die Zunahme des Volumens der stehenbleibenden ergänzt werden, denen allein dann die oben angedeulete Bewässerung zugute kommt. Versuche in dieser Beziehung haben ergeben, daß das Gewicht solcher ausgebeerten Trauben das der nicht ausgebeerten sogar um ein Bedeutendes übersteigt. Selbstverständlich können wir .diese mühsame Arbeit des Ausbeerens nur in solchen Fällen durchführen, in denen es sich in erster Linie um die Gewinnung schöner Tafeltrauben handelt.
Mit der fortschreitenden Reife der Trauben finden sich nun aber auch verschiedene unliebsame Gäste zum vorzeitigen Genuß derselben ein. Zu ihnen gehören vorzugsweise die Sperlinge und die Wespen, gegen die wir uns einerseits durch über die ganzen Wände
gezogene Gazedicken, andererseits indem wir die Trauben einzeln in eigens zu diesem Zwecke hergestellte Gazebeutel einbinden, zu schützen suchen.
Die letztere Art der Sicherung der Trauben gegen ungebetene Gäste aus dem Thierreich ist der ersteren insofern vorzuzieben, als sie eher geeignet ist, die Ernte der einzelnen Früchte nach Belieben vorzunehmen, während das erstgenannte Schutzmittel immer erst ganz entfernt werden müßte. Zwischen das Laub gehängte und mit Spiritus versehene Flaschen, deren Hals zuvor mit etwas Syrup beschmiert wurde, lenken des Weiteren die Wespen leicht von den Trauben ab und führen sie gleichzeitig sicher in den Tod.
Stark mit Früchten beladene Birnen- und Apfelbäume stützen wir, um ein Abbrechen der Zweige zu verhüten, rechtzeitig durch untergestellte Stangen. Die Haupternte diefes Obstes beginnt in diesem Monat und mag deshalb noch einmal darauf hingewiesen werden, daß ein Abschlagen der Früchte mit Stangen unter allen Umständen zu vermeiden ist, sowohl um eine unnöthige, bei dieiem Verfahren aber gar nicht zu vermeidende Zerstörung nächstjährigen Fruchtholzes zu umgehen, als auch um das Obst selbst vor zu großen, einen schnelleren Verbrauch bedingenden Beschädigungen zu bewahren. Regel sei daher, alles Obst ohne Ausnahme von der vorsichtig in den Baum hineingeschobenen einfachen ober von einer ihn so sanft wie möglich berührenden Stehleiter — Doppelleiter — nur recht behutsam mit der Hand zu pflücken und einzeln in ein mitgeführtes Körbchen zu legen. Mil der Hand nicht erreichbare Früchte aber holen wir mit dem sogenannten, an einer langen Stange befestigten Obstpflücker — einem mit Zinken und einen das Obst auffangenden Leinwandbeutel versebencn Ringe — herunter.
Je mühevoller die Ernte, desto lohnender der Ausfall derselben, desto länger dürfen wir und des Genusses der Früchte, weil sie unbeschädigt zur Erde kamen, erfreuen. Bessere Sorten von Acpfeln und Birnen können, sofern wir schöne untadelhaste Tafelfrüchte ernten wollen, in Papierdüten eingebunden werden, um Schmackhaftigkeit und Aroma zu heben. Bei der Ernte dergestalt behandelten Obstes müssen wir jedoch sehr vorsichtig sein und dasselbe nur bei trübem Wetter und nur kurz vor der vollen Reife abnehmen, da es andernfalls sehr leicht welken und an Ansehen verlieren würde.
Die auf Schulbeeten im vergangenen Monat aufgepflanzten Rankenpflänzlinge und die Sämlinge der Erdbeeren werden nunmehr auf zuvor 60 Zentimeter tief gelockerte und gut gedüngte Beete verpflanzt, auf denen sie im kommenden Jahre Früchte tragen sollen. Die Entfernung der Pflanzen unter einander in Verband, auf 1,20 Meter breiten Beeten gewöhnlich drei Reihen, sei mindestens 0,50 Meter, da sie sich bei geringeren Abständen gegenseitig zu sehr beschatten und demgemäß nur mangelhaft ober gar keine Früchte liefern.
Zur Anpflanzung mögen, wenn fein geeignete« Material vor- hanben ist, folgende Sorten besonders empfohlen sein: Laxtons Noble, König Albert von Sachsen, Rothe Mammulh, Weiße Ananas, Walluf, Lucida perfecta, Latest of all White pine apple u. a. M. Zu be
merken wäre noch, daß ein leichter, gut gedüngter, sonnig gelegener Gartenboden dem schweren, lehmigen vorzuziehen ist, wenn wir ur.8 reicher Erträge versichert halten wollen.
Im Gemüsegarten setzen wir das Einsammeln der Gewürzkräuter, wie Majoran, Pfeffer münze, Krauseminze, Melisse, Beifutz, Bohnenkraut usw. für den Winterbedarf fort, bezw. beendigen eS und theilen alte, schon mehrere Jahre an einer Stelle stehende Stauden von Majoran, Beisuß, Pimpinellen, Raute, Lawendel, Salbei, Sauerampfer, Estragon, Melisse, Pfefferminze, Jsoy, Schnittlauch und Fette Henne rc., nachdem wir das für sie bestimmte Land 0,60 Meter tief gelockert und gut gedüngt hatten. Gebleicht werden ferner Endivien, Stengclsellerie und Eardy, indem wir die Pflanzen nach Entfernung etwa schlecht gewordener äußerer Blätter mit Stroh ober Bastfaden zusammenziehen und namentlich die letzteren beiden mit Stroh vollständig einhüllen. Selbstverständlich können immer nur soviel Pflanzen auf einmal gebleicht werden, als voraussichtlich in der Häuslichkeit zur Verwendung gelangen und rechnen wir als zum Bleichen nothwendig eine Zeit von etwa 10 bis 12 Jagen bei den Endivien, bei Eardy und Sellerie dagegen eine solche von 14 bis 20 Tagen.
Auf tief gelockerten Beeten werden sodann neue Aussaaten gemacht von Schwarzwurzel und Spinat, von Winter fresse, Kerbelrüben, Carotten, Radieschen, Teltower Rübchen — auf sandigem Boden — Pastinak und von den verschiedenen Kohlarten, die theilS während des Winters im freien Lande verbleiben, wie der Schnitt- fohl, theils zur Treiberei im Frühjahr in Frühbeeten, wie der Blumenkohl, in entsprechender Weise überwintert werden.
Sehr beliebt ist die Brunnenfresse, deren Anpflanzung in mit fließendem Wasser versehenen Gräben von etwa 1,60 Meter breiten und 0,60 Meter tiefen Gräben jetzt zu erfolgen hat. Zu diesem Zwecke ist es erforderlich, zuvor das Wasser aus den Gräben ableiten zu lassen, indem man es an hierzu geeigneten Stellen staut und demnächst die Pflanzen in den Grund der Gräben reihenweise nebeneinander fetzt. Das Wasser soll jedoch nicht nur fließend sein, sondern vor Allem auch einen gewissen Wärmegrad besitzen, der ein zu leichtes Gefrieren desselben thunlichst verhindert, um auch im Winter den BebarfM»on 14 zu 14 Tagen bei gelinder Witterung, bei fader Witterung, die einem schnellen Nachwachsen der Kresse hinderlich ist, etwas seltener schneiden zu können.
In dem Erdmagazin, der Düngerkammer eines jeden geordneten Gartenanwesens, sind die Erdhaufen mit den mannigfaltigen, sorgfältig aufgeipeicherien Abfällen aus Haus und Garten vom vergangenen Jahre wieberholentlich umzustechen unb mit Wasser zu übergießen, um bie Verwesung ber Stoffe zu beschleunigen. Wenn erforberlich, b. h. wenn bie Zersetzung zu langsam vor sich geht, burchsetzen wir außerbem ben ganzen Haufen lagenweise mit einigen Schichten ungelöschten Kalkes.
(Schluß folgt.)


