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Die Gießener AamitieoStälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelcgt.
Samstag den 16. Juni
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Gießener Anzeiger
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Tie bisherigen Wirkungen der neuen Handelsverträge Deutschlands.
Wiederholt schon ist in der politischen TageSdiScussion die Frage nach den bisherigen Wirkungen der neuen Handelsverträge Deutschlands für unser Vaterland aufgeworfen worden, aber erst jetzt hat sie zum ersten Male eine zuverlässige Beantwortung von authentischer Seite gefunden. In der „Zeitschrift deS $gL Statist. BureauS" berichtet Dr. L. Franke über den Handelsverkehr Deutschlands mit Oesterreich, Ungarn, Jralien, Belgien und der Schweiz im Jahre 1892, dem ersten Jahre der Wirksamkeit der mit den genannt^ Staaten abgeschlossenen Handelsverträge des deutschen Reiches, und da dem betreffenden Aufsatze ein reiches amtliches Quellen- ma erial zu Grunde liegt, so verdienen die in ihm enthaltenen Mittheilungen allgemeine Beachtung. Wir heben aus ihnen die Hauptpunkte hervor. Die Ausfuhr Deutschlands nach Oesterreich-Ungarn hat in den genannten Jahren um 28,75 Millionen Mark gegenüber dem Vorjahre zugenommen, allerdings ging dafür die Ausfuhr im Gewicht um 2,4 Millionen Meter- Centner zurück, indeß erklärt sich letzterer Verlust hauptsächlich aus einem verminderten Verbrauche der schlesischen Steinkohle. Am meisten betheiligt an der Werlhsteigerung der Ausfuhr deutscher Produete nach Oesterreich Ungarn waren Claviere, PianinoS und Harmoniums, Schieferwaaren, Spielzeuge, Näh- und Strickmaschinen, Tapeten, Paraffinen u. s. ro. Die deutsche Ausfuhr nach Jralien erfuhr im gleichen Zeiträume eine Zunahme von über 8 Millionen Mark, wobei Spirituosen und Biere, Colonialwaaren, Drogen, Tabak, Chemikalien, Apothekerwaaren, Farbewaaren und Seidenwaaren als die meistbegünstigten Artikeln erscheinen. Dagegen mußte die Ausfuhr nach Belgien im Jahre 1892 eine Verminderung um 13 Millionen Mark verzeichnen, wobei jedoch der Umstand in Berücksichtigung gezogen werden muß, daß der belgische Handel einen wichtigen Vermittler zwischen Deutschland und überseeischen, speeiell südamerikanischen, Ländern darstellt und die wirthschaftlichrn Krisen in letzteren zu Anfang des gegenwärtigen Jahrzehnts haben offenbar auch auf den deutsch- belgischen Handel zurückgewirkt. Der deutsche Export nach Belgien allein durfte jedoch ebenfalls eine Steigerung erfahren haben, obschon der Aufsatz deS Dr. Franke keine speeiellen Daten hierüber enthält. Was endlich den Handelsverkehr Deutschlands mit der Schweiz im Jahre 1892 anbelangt, so War hierbei allerdings auch eine Verminderung unserer Ausfuhr festzustellen, nämlich um 11 Millionen Mark, doch ist auch dieses Minus mehr ein eingebildetes, eß hängt mit gewissen Aenderungen zusammen, die in der Schweiz mit den statistischen Erhebungen über Einfuhr und Ausfuhr seit dem 1. Februar 1892 Platz gegriffen haben.
Im Allgemeinen kann man demnach sagen, daß das erste Jahr der Wirksamkeit der am 1. Februar 1892 in Kraft getretenen Handelsverträge für den deutschen Ausfuhrhandel keineswegs ungünstig abgeschloffen hat. Da auch die aus dem Jahre 1893 bis jetzt vorliegenden Berichte über den Handelsverkehr des deutschen Reiches mit Oesterreich Ungarn und Italien, sowie mit der Schweiz einen Aufschwung unserer commerziellen Beziehungen zu den genannten Staaten erkennen laffen, so darf man hierin wohl eine erfreuliche Wirkung der betreffenden Handelsverträge erkennen. WaS die dann weiter abgeschlossenen Verträge mit Rumänien, Serbien und vor Allem mit Rußland anbetrifft — von dem deutsch-spanischen Handelsverträge braucht zunächst nicht mehr gesprochen zu werden — so ist die Zeit ihrer Geltung natürlich noch viel zu kurz, um da schon mit größeren Ziffern über Zunahme oder Verminderung der Ausfuhr Deutschlands nach den betreffenden Staaten aufwarten zu können. Jedenfalls müssen diejenigen Stimmen, welche darauf Hinweisen, daß speeiell im deutschen Handelsverkehr nach Rußland trotz des abgeschlossenen Handelsvertrages keineswegs die von den deutschen Interessenten erwartete Zunahme eingetreten ist, und nun den Abschluß des Vertrages mit Rußland als einen schweren Fehler unserer Regierung bezeichnen, als voreilige ; bezeichnet werden. Ein einigermaßen zutreffendes Unheil : über die Wirkungen der neuen Handelspolitik auf die com- merziellen Beziehungen Deutschlands zu Rußland, wie auch . zu Rumänien und Serbien wird sich nicht vor Ablauf deS gegenwärtigen Jahres fällen lassen, daher haben auch alle Lbfälligen Steuerungen, welche in dieser Beziehung bereits . zu hören sind, nur einen höchst zweifelhaften Werth.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Juni. Der Kaiser widmet sich foNgesetzt den Frühjahrsbefichtigungen der Truppen deS Gardeeorps mit großem Eifer. Am Mittwoch z. B. besichtigte der Kaiser
daS Regiment der GardeS-du-Corps und das Leib Garde- Husaren Regiment aus dem Bornstedter Felde bei Potsdam. An diesen Aet schloß sich eine größere Truppenübung an, an welcher die sämmtlichen Regimenter der Garde Cavallerie, sowie daS 1. Garde-Jnfanterie-Regiment und das Lehr-Jn- fanterie-Bataillon theilnahmen. — Ueber den Tag, an welchem der erlauchte Monarch seine diesjährige Reise nach England u. s. w. anzutreten gedenkt, schwanken die Angaben noch immer. Neuerdings wird in einer Berliner Meldung der 29. Juni als der betreffende Tag bezeichnet.
— Das leidige Thema der Finanz- und Steuerreform im Reiche ist aus der Versenkung, in welcher eS nach Schluß der vorigen Session des Reichstags verschwunden zu sein schien, plötzlich wieher ausgetaucht. Zunächst sind verschiedene Angaben über die Absichten der Reichsregierung auf diesem Gebiete in Umlauf; auf der einen Seite wird versichert, speziell der Plan einer Reform der Reichsfinanzen fei bis auf Weiteres als abgethan zu betrachten, auf der anderen Seite aber behauptet man, die Reichsregierung gedenke dieses vorläufig gescheiterte Project dem Parlament in seiner kommenden Session aus alle Fälle wieder vorzulegen. ES wird sich ja noch zeigen, welche von beiden Versionen Recht behält, vorläufig herrscht indeffen nirgends besondere Neigung, sich für die weiteren finanzpolitischen Pläne der verbündeten Regierungen zu begeistern. In Zusammenhang mit diesen Plänen sollen Erörterungen stehen, die man in maßgebenden Kreisen über die Schaffung eines Reichsfinaaz- ministerinmS angeblich pflegt, indessen dürfte eS mit der Verwirklichung letzteren Gedankens noch gute Wege haben. Als einen sommerlichen Scherz kann man wohl daS Dieft- Daber'sche Project eines Branntwein-Monopols betrachten, wonach daS Reich den Brennern den Branntwein zu einem bestimmten Preis abzukaufen hätte, wofür es dann den Branntwein zu einem beliebigen Preise wieder verkaufen könnte.___________________________________________________________
Neueste 2Zad>rid>tcti»
WolffS telegraphisches Korrespondenz- Buceau.
Berlin, 14. Juni. Dem „Reichsanzeiger" zufolge richtete der Landwirth schaftSminister an sämmtliche land- wirthschaftlichen Central- und Provinzialvereine einen Erlaß deS Inhalts, daß vom Standpunkt des Grundbesitzes der landschaftliche Credit vor dem durch Sparkassen vermittelten unzweifelhaft den Vorzug verdiene. Die bedeutende Inanspruchnahme der Sparkaffen für den Realcredit beweise aber, daß dos Bedürfniß in bestehenden Grnndcreditinstituten nur theilweise Befriedigung finde. ES werde sich darum handeln, daß die in den Sparkassenverwaltungen thätigen Landwirthe die Aufnahme von Bestimmungen betreffs Umwandlung der Sparkassenhypotheken in Amortisation-Hypotheken in den Statuten betreiben und daß von der gewährten Möglichkeit der Aufnahme von Amortisationsdarlehen Seitens der Landbevölkerung möglichst Gebrauch gemacht werde. Die Vereinsvorstände sollen binnen Jahresfrist über ihre Thätigkeit auf diesem Gebiete berichten.
Rom, 14. Juni. Nach der „Ag. Stefani" find die beunruhigenden Nachrichten über die Verhältnisse in Sicili e n unbegründet. Die Ausstände in den Schwefeldistricten hatten niemals den Character eines GeneralftrikeS; sie hängen mit dem Sinken des Schwefelpreises zusammen und zeigen eine Abnahme. In Racalmuto nahmen die Strikenden die Arbeit wieder auf. In Grotte bewilligten die Grubenbesitzer die Forderung der Strikenden. In Palma sperrten die Concesfionäre die Gruben wegen der angesichts des Sinkens der Schwefelpreise zu hohen Pachtzinse. Die Gruben- eigenthümer seien geneigt, Zugeständnisse zu machen. Die anderen Gruben bieten nichts Neues; überall herrsche vollständige Ruhe.
Depeschen brt Sur ecu „Herold*.
Berlin, 14. Juni. Im Auftrage deS Kaisers hat jfich der Flügeladjutant Graf Moltke nach Stendal begeben, um an dem Leichenbegängniß des bei dem Rennen in Hoppegarten verunglückten Lieutenants v. Poncet theilzunehmen und auf den Sarg einen Lorbeerkranz niederzulegen.
Berlin, 14. Juni. Der Kaiser hat dem Commandeur des englischen Regiments Royal Dragoons, Oberstlieutenant Tomkinson, eine goldene und dem Rittmeister Mac Mahon eine silberne Cigarrendose überreicht. Dem Premierlieutenant Prinzen v. Teck ist der rothe Adlerorden 1. Klasse verliehen worden.
Berlin, 14. Juni. In einigen Blättern ist daS Gerücht verbreitet, daß die Bezirks-Feldwebel und Unteroffiziere alljährlich eine 14tägige Hebung bei den activen ■ Truppen durchmachen müßten. In militärischen Kreisen ist davon nichts bekannt. Dagegen möchte, wie die „Kreuzztg."
schreibt, die Nachricht, daß Bajonnette an Stelle der Seitengewehre eingeführt werden sollen, der Wahrheit näher kommen.
Berlin, 14. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt einen Artikel über die Sicherung der Branntweinbrennerei als eines landwirthschaftlichen Nebengewerbe», welche sie im Interesse der.östlichen Provinzen für unbedingt nothwendig erachtet. Das Blatt sagt zu den systematischen Bemühungen einzelner Blätter, nachzuweisen, daß daS preußische Finanzministerium einseitig die zur Verbesserung des jetzigen Branntweinsteuergesetzes gemachten Vorschläge begünstige, da» Schwergewicht in dieser Beziehung liege beim Reiche, nicht beim preußischen Finanzministerium.
Berlin, 14. Juni. In einer gestern Abend vom Deutschen Antisemitenbund einberufenen Volksversammlung wurde daS Thema „Socialdemokratie und Bierboykott" diScutirt. Zahlreiche Socialisten und Anarchisten waren an wesend. Der Verlauf der Versammlung war sehr stürmisch. Schließlich wurde eine geharnischte Resolution gegen den Boykott angenommen.
Potsdam, 14. Juni. Der König von Schweden ist um 4*/a Uhr hier eingetroffen. Er wurde am Bahnhof vom Kaiser empfangen.
Marienburg i. Westpr., 14. Juni. Die frühere Meldung, daß Marienburg auf besonderen Wunsch des Kaiser- Garnison ft adt werden solle, erfährt ihre Bestätigung. Jetzt verlautet, da» Infanterie-Regiment Nr. 18 solle von Osterode (Harz) nach hier verlegt werden.
Wien, 14. Juni. Die „Polit. Corresp." meldet auS Petersburg, die Großfürstin Elisabeth Feo- dorowna werde im nächsten Monat nach dem Auslande ab- reiten, um die Prinzessin Alix von Hessen nach Rußland zu bringen. Letztere wird theilS in Petersburg, theil» im Schlöffe JlinSkoje bei Moskau Aufenthalt nehmen.
Lemberg, 14. Juni. Da die Cholera in Polen immer festeren Boden gewinnt, werden alle aus Rußland kommenden Reifenden in Szakowa ärztlicher Controlle unterzogen. Da» Gepäck wird dcsinficirt.
Budapest, 14. Juni. Unter den Seitens WekerleS den oppositionellen Magnaten gemachten Concefsionen soll sich die Bewilligung der obligatorischen kirchlichen Eheschließung nach der bürgerlichen befinden. Die zweite Berathung deS Ehegesetzes im MagnatenhauS wurde auf nächsten Dienstag anberaumt.
Paris, 14. Juni. Falls die Ereigniffe in Marokko einen ernsten Character annehmen, soll eine dritte Division, bestehend auS dem Panzerschiff „Formidable" und zwei Kreuzern, nach Marokko abgehen. Die energischen Maßregeln deS Minister- des Aeußern rufen die größte Befriedigung hervor.
Loudon, 14. Juni. Bei Annagh in der Grafschaft Mayo an der Westküste von Irland kenterte heute Nachmittag auS noch unbekannter Ursache ein Passagier- Kämpfer mit einer großen Anzahl Landarbeiter von Achill- Island an Bord. Unter herzzerreißenden ©Centn sind etwa 60 Personen ertrunken. Die Katastrophe trat so plötzlich ein, daß eine Rettung unmöglich war.
Petersburg, 14. Juni. Zur Schlichtung von Streitigkeiten unter Offizieren ist ein neues Reglement erlassen worden. Ein Offiziers-Ehrengericht entscheidet, ob ein Duell unvermeidlich ist. Wird ein solches für nothwendig erklärt, so erhält ein Offizier, der daS Duell verweigert, feinen Abschied. Ueber daS Duell unter Offiziere« wird dem KriegSminister Bericht etftartct, welcher im (Sin- verständniß mit dem Juftizminister beim Kaiser die Niederschlagung eines gerichtlichen Verfahrens erbitten kann. Da» Ehrengericht ist befugt, die Ausschließung von Offizieren au» ihrer Mitte wegen mangelnden Ehrgefühls auch dann zu beschließen, wenn die betreffenden Offiziere formell SatiSfactto» gegeben haben.
Troppan, 15. Juni. In den Kohlengruben „Johann" und „Franziska" deS Grafen Larifch in Rar »in fände« Nachts mehrere Explofionen infolge schlagender Wetter statt. Em Ingenieur und über 150 Bergleute sind tobt; die Gruben gerieten in Brand, die Venttlatoren find zerstört. Die Bergung der Leichen ist vorläufig unmöglich.
Von dem elften deutschen Bundesschießeu.
A Mainz, 14. Juni 1894.
Während stet- und überall vorhandene Pessimisten dem Schützenfest mit Rücksicht auf die unfreundliche Witterung


