Ausgabe 
15.12.1894 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 294 Zweites Blatt. Samstag den 15 Decemdn

1894

Der crlchkint täglich, itt NuSnahm« bd IRentagl.

Dir Oitßmer y«eiMte6f6tt« werben betn «nzeigkr w-chnitlich dreimal Idgckgl.

Gießener Anzeiger

Keneral-Itnzeiger.

BierleltährtHsr X6<macaunUprdat 2 Mark 20 Psg. arit BxiagrrUlin. Durch die Pap brzagaa 2 Mark 50 Psg.

Äebfletiin, (Syprbitiea und 5)iudci< i:

KchalstraßeNr.7.

Fernsprecher dl.

Amts- unb Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

..................I Hr-Ii-öeilag-! Kich-ner KamikiniöMt-r.

folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Benn. 10 Uhr. | u ic __|

Anrtlicher Theil.

Bekanntmachung.

k» wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert pro Monat November für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:

Hafer Mk. 13,90, Heu Mk. 6,30, Stroh Mk. 4,50.

Gießen, den 13. December 1894.

Großhsrzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Vermischtes.

Bittschriften in ungeheurer Zahl find bezüglich des bevorstehenden WeihnachtSfesteS von Bewohnern Potsdams bei den Hofmarschallämtern des Kaisers und des Prinzen Friedrich Leopold eingegangen. Dieselben sind sämmtlich der Potsdamer Armendtrection zur Begutachtung der Würdigung der Petenten überwiesen worden. Besonders hervorhebenS- werth ist das Gesuch einer LehrerSlochter an die Kaiserin, in welchem die Bittstellerinprompte" Zustellung einer ihr zuzuwendenden Spende zur Bedingung macht und zwar ohne erst Recherchen bei einem namhaft gemachten Hosprediger an­zustellen,da eS sonst doch nichts nützen würde".

* Die Bahuhoföbutterbrodche». Berliner Blätter melden: Ein Reichstagsabgeordneter kaufte: sich auf der Reife von Frankfurt nach Berlin auf allen größeren Bahnstationen je ein Butterbrod, ohne daffelbe zu effen. So kam er endlich mit einer Sammlung von 23 Butterbroden in Berlin an und gab dieselben in dem Institut zur Untersuchung von Lebensmitteln zur Untersuchung auf Margarine ab, und eS wurde hier festgestellt, daß von den 23 Bahnhofsbrödchen nicht weniger als 17 mit Margarine gestrichen waren!

Som alten Reichstag. Zu den regelmäßigsten Tribünen- besuchertnnen des Reichstages gehörte vor einer Reihe von Jahren die Gattin eines schon verstorbenen Abgeordneten, der in seiner norddeutschen Heimaih ein Gemeinwesen leitete. So oft die Dame ihren Stammsitz oben einnahm, geschah«-, daß der Gatte sich unten von seinem Sitz erhob und sich zum

Wort meldete. Böse Zungen behaupten, es sei die einzige \ Gelegenheit, bei der es dem Abgeordneten möglich sei, seiner Gattin zu tmponiren. Da geschah eS eines Tage-, daß der Präsident den sich zum Worte meldenden Abgeordneten übersah und zwar zu wiederholten Malen. Dem Abgeord­neten riß der GeduldSfadeu. Er erhob sich und rief zum Präfidententisch hinüber:Ich habe mich bereits zum dritten Male zum Wort gemeldet." Um den Mund des Präsidenten spielte ein Lächeln- er wandte den Kopf zur Tribüne und sagte:Entschuldigen Sie, erst jetzt sehe ich s i e !" Ein Heiterkeitssturm durchzog nach dieser Aeußerung daS ganze HauS.

Eiserne Hochzeit. Im braunschweigischen Flecken Langelsheim wurde am vorigen Montag ein ungemein seltenes Fest, daS Fest der eisernen Hochzeit begangen. Am Montag waren eS 65 Jahre, als der damalige Herzoglich braunschweigische Gardehusar Heinrich Andreas Boffe der Johanne Sophie Christiane Kronjäger die Hand zum ehelichen Bunde reichte. Vom Regenten wurde dem Jubelpaar, daS 1804 geboren ist, eine Prachtbibel überreicht. Während der Jubelgreis schon sehr hinfällig und stumpf ist, erfreut sich dessen Frau noch einer recht guten körperlichen und geistigen Frische.

* Aus dem Leben König Victor Emanuel». Der erste König des neuen Italien- war ein leidenschaftlicher Jäger und dabei zu einem guten Spaße, wenn dieser auch mitunter etwas derbe auSltef, immer ausgelegt. Einst schoß er in der Nähe vou Rom auf einen Hasen, als gerade auch ein anderer Jäger, den er vorher nicht bemerkt hatte, auf Lampe sein Gewehr abschoß.Mein Herr, den Hasen habe ich ge­schaffen!" rief der König.So, meinen Sie, da- könnte Jeder sagen," schrie der Andere.Mir gehört er, ich nehme den Haien."Das möchte ich doch sehen!" Der König ballte die Fäuste, aus seinen kleinen Augen sprühten Blitze und eS begann eine förmliche Balgerei, in welcher, tüchtige Püffe auStheilend und empfangend, der Eroberer beider ©teilten Sieger blieb. Der andere Jäger ergriff die Flucht, im Laufe dem ihn verfolgenden König alle möglichen Titu­laturen an den Kopf werfend. Beim Südthore Roms befahl der König dem Wachtcommandauten, dem Jäger bis zu seiner Wohnung zu folgen und über ihn Bericht zu erstatten, und schon nach einer Stunde meldet der Oifizier, der unbekannte Jäger sei ein Tischlermeister NamenS Salvini. Am nächsten | Morgen wurde der brave Tischlermeister mittelst eines Hof­

wagens in den Quirinal gebracht- er konnte sich nicht er­klären, was der König eigentlich von ihm wolle, und be­klommenen Herzen- ließ er fich auf den Seidenpolstern nieder. Ju dem eiutretenden König erkannte er jedoch zu seine« Schrecken seinen Gegner von gestern.Meister Salvini," sprach der König zu dem Erschrockenen,ich ließ Sie zu mir bitten, weil ich in dem Hasen neben den meinigen auch fremde Schrotkörner gefunden. Wir beiden find also i« Rechte. Wlffen Sie waSk Esten wir den Hasen miteinander." Und schon öffnete sich die Thür deS Speisezimmer-, wo zwischen zwei Gedecken der streitige Hasenbraten dampfte.

Eine deutsche Kirche in Pari». Man schreibt der Frkf. Ztg." auS Pa riS vom 10.d. M.: Man hat die neue deutsche Kirche nicht etwa irgendwo seitab versteckt. Sie steht da, im Centrum der Stadt, auf der großen und be­lebten Rue Blanche, mitten in der Straßenfront sie ist ein Stück Paris und ist doch eine deutsche Kirche. Sie steht da, al- ein Versöhnungszeichen. Und wenn man, wie gestern am Einweihungstage, au- dem Wagengerostel deS Trinitö-Platzes heraufkommt an der schmucken Triniiö- Kirche vorbei, in der MaupastantS Bel-Ami die arme Frau Walther trifft wenn man also da aus dem Pariserischesten Paris kommt und durch das Eichenholz - Thor deS neuen Tempels tritt und drin eine deutsche Gemeinde findet, die deutsche Kirchenlieder singt und deutschenP edigten zuhört- da weht Einem ein Hauch des Friedens an: man hört der Orgel zu, dem deutschen SonntagSklang der Orgel, und träumt von Brüderlichkeit unter den Völkern. Eine deutsche Kirche in Paris: man denke nur! DaS besagt, daß die schlimmsten Zeiten vorüber find, daß der Haß sich nicht mehr so unverhohlen hervorwagt, wie früher, daß er ohnmächtig zusehen muß, wie das Werk der Versöhnung fortschreitet, daß die Deutschen fich nicht in Paris zu verstecken brauchen, wie daS auch heute noch hier und da in verhetzender Absicht behauptet wird und daß Paris nicht jene vom blinden Chauvinismus erfüllte Stadt ist, als welche sie Manche hin­stellen, die fie nicht kennen oder nicht kennen wollen. Man darf die gemachten Fortschritte freilich nicht überschätzen. Noch ist der Weg weit bis zum Ziele. Aber auf diese« Wege ist daS weiße Haus in der Rue Blanche eine freund- liche Station. Ueber die Geschichte der deutschen protestantischen Gemeinden in Paris ist schon mehrfach an dieser Stelle be­richtet worden. «Die Geschichte des Ktrchenbaues ist kurz. Die Andachtsübungen der deutschen Gemeinde fanden Jahre

Feuilleton.

Graue Theorie.

Ein Stück Wirklichkeit.

Erzählt von Adele Hindermann.

(3. Fortsetzung.)

Bernd Lotthausen in seiner ganzen zigeunerhaften Schön­heit, ein weißgekleidetes Eischen neben ihm.

Sein rechter Arm war um ihre Taille geschlungen und die linke Hand legte gerade ihren langer, seidigen Blondzopf um seinen Hals eine glitzernde Fessel.

DaS Glück lachte beiden aus den Augen, und doch, heute wußte ich es: eS war ein thörichter Traum gewes:n.

Mehrere Monate später daS zweite Bild wett weniger idyllisch.

Im EmpfangSsalon eines Photographen.

Ich brauchte bet meiner demnächfttgen Abreise Bilder und wollte mich zu dem Zweck aufnehmen lassen.

Natürlich mußte ich warten, tote immer beim Photo­graphen- ein Herr und eine Dame seien augenblicklich im Atelier, wurde mir gesagt.

Seufzend fand ich mich in mein Schicksal, studirte die Albu«s, die Bilder an dm Wänden und ärgerte mich über die rothen und blauen Plüschrahmen.

Die da drinnen mußten sehr heiter sein beim Photo- graphtren- ihr Lachen klang laut, ein wenig zu laut inS Wartezimmer herüber.

Endlich kamen sie heraus.

Ah, Bernd Lotthausen mit einer sehr eleganten Dame.

Ihre große üppige Figur umschloß eine schwarze, perlen- Rbersäete Seidenrobe, die einen grellen Contrast bildete zu dem mit großem Geschick geschminktem Gesicht unter den roth- goldenen, fest angeklebten Stirnlöckchen.

Mit dieser walkürenhaften Erscheinung verglichen, mochte da- Eischen allerdings ein kleines Ding genannt werden.

Durch die Anwesenheit einer fremden Dame wahrschein­lich genlrt, hielt fich der Herr cand. phil. von seiner Be- gleiteriu so fern, als wäre nicht soeben der schwarze und der

rothe Kopf auf einer Platte für die Mit- und Nachwelt ver- ewtgt worden.

Aber Schätzi, warum hilfst Du mir denn nicht beim Mantelanziehen?" tönte da die gemacht kindliche, Helle Stimme derDame" in dem Tone eines verzogenen Babys.

Seine Antwort hörte ich nicht mehr, ich hatte vor dem durchdringenden Patchoultduft, der seit Minuten das Zimmer anfüllte, schleunigst die Flucht ergriffen.

«

DaS war vor etwa sechs Wochen gewesen.

Heute Abend hatte- ich den traurigen Vorzug, da- dritte Bild dieses Dramas mitzuerleben.

Ein leiser Schauder überlief mich bei der Vorstellung wie das Ende hätte werden können

Ja, konnte ich denn überhaupt schon beruhigt sein? WaS hatte ich erreicht? Wie sollte dies enden?

Die ganze Nacht konnte ich doch nicht mit ihr am Lattenzaun auf und ab wandeln, und fie allein laffen ganz undenkbar!

Gerade alS wenn sie meine Gedanken errathen hätte! Sie nahm die Boa von ihrem Halse, gab mir den Muff und sagte mit einem schwachen Versuche, energisch zu sprechen:

Sie müssen nun gehen. ES ist spät."

Ich schüttelte den Kopf.

Noch nicht," und zog sie ein paar Schritte weiter bis an das Geländer der Saale.

Also da hinein wollen Sie?"

Will ich," verbesserte sie und aus ihrer Stimme klang es wie ein wilder, unbeugsamer Entschluß. Die Zähne hatte sie zusammengebisien und ihre Augen bohrten sich in daS schwarze unheimliche Getöse der Hochwafferwellen.

Die Laterne allein warf ein paar zitternde Reflexe in die düstere Fluth.

WaS soll ich denn noch? Mein Leben hat nickt den geringsten Inhalt mehr. Ich bitte Sie dringend, verlassen Sie mich jetzt. Sie ändern doch nicht-. Mir graut vor d m Weiterleben."

Fast ruhig hatte fie eS gesagt. - O, mein Gott, Au- gesicht- dieses grausigen WafferS wollte fie--

Wie unsäglich unglücklich mußte fie sein!

Also solch einen Jammer gab eS wirklich? Lieber Gott im Himmel, so verzeihe mir all meine in geistigem Hochmuth aufgestellten Theorien!

Könnte ich doch wie mit Engelszungen zu ihr reden.

Lind, Kind, sagen Sie mir erst mal Ihren Vornamen, ich muß Sie doch anreden können."

Frieda," murmelte fie ungeduldig.

So hv en Sie mich noch einmal ruhig an, Frieda! Sie sind so jung, ein ganze-, schöne-, reiche- Menschenleben liegt noch vor Ihnen- aber wenn Sie durchaus ein Ende machen wollen, nun, so thun Sie e-, Niemand hat ein Recht, Sie daran zu hindern. Im Gegentheil, ich bin ganz Ihrer Ansicht. (Hier fing ich an, ein wenig zu schauspielern.) Warum soll man etwa- nicht von fich werfen, waö keinen Werth mehr hat? Aber um Eins nur bitte ich Sie innig: thun Sie es nicht heut und nicht morgen, erst in einigen Wochen, sagen wir mal am 1. Februar, wenn Sie bann da- Leben noch immer so satt haben wie heute."

Sie blieb stumm.

Mein Gott, überlegen Sie doch, Frieda, eS ist ja gar nicht so viel, was ich von Ihnen erbitte- mit der Gewiß­heit, daß Sie an dem bestimmten Tage ein Ende machen wollen und dürfen, kann Ihnen die kurze Spanne Zeit ja gar nicht so unerträglich werden. Sie haben das Heilmittel doch so zu sagen in der Tasche. Bis dahin aber gehört Ihr Leben mir, und ich dächte, ein klein wenig Dank hätte ich mir wohl nm Sie verdient."

Immer noch keine Antwort.

Warum quälen Sie mich so," entrang e- fich endlich mühsam ihren Lippen.

ES lag kein direkte- Abweisen in ihren Worten, da- war schon unendlich viel gewonnen, nun rasch weiter handeln.

(Schluß folgt.)