Ausgabe 
15.12.1894 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Unverfälscht und echt ist die Darstellung derSchlierseeer", ungezwungen reden fle die Sprache ihrer Berge, lassen sie ihre Jodler und Jauchzer erschallen. Man kann über die Gewandtheit und Vorzüglichkeit der Darstellung nicht genug staunen. Komik und Tragik gelangen zur Geltung, nie verfehlen sie die Wirkung, niemals erwecken sie den Eindruck des Trivialen. Sie geben sich vor und nach der Vorstellung wie sie sind: echt, ungeschminkt, ungekünstelt, treu, bieder und naturwahr. Sie rekrutiren sich aus den hübschesten Typen des bayerischen Oberlandes".Berliner Tagblatt", Nr. 341 vom 7. Juli 1893: Heute traten die Schliersee'r Bauernschauspieler zum ersten Male in einem Gesammt- gastspiel, fern von ihrem heimathlichen Seegestade, auf fremdem Boden, im Gärtnerplatztheater auf und erzielten nicht etwa einen wohlwollend aufmunternden, sondern einen wahren künstlerischen Erfolg. Es ist ganz erstaunlich, welch ein Fortschritt in der Darstellungskunst sich hier in verhälttitß- mäßig kurzer Zeit offenbarte. Es muß in unseren ober- bayerischen Bauern wohl ein unbewußt mit aller Kraft zu Tage drängendes Darstellungstalent stecken, das ja auch bet den Oberammergauer Passionsschauspielen elementar zum Durchbruch kommt.....Die Schlierseeer stehen sogar in

mancher Hinsicht über denMünchnern", die ja bekanntlich auch am Gärtnerplatztheater zuerst ihre Schulung genossen, bevor sie ihre weiten Reisen angetreten hatten.

** -g- Abounemevts-Concert. Mit den K ängen der Ouvertüre zur OperOberon" von Weber wurde das gestrige vierte AbonnementS-Concert im Festsaale des Cas« Leib er­öffnet , welcher unter der geschickten Leitung des Herrn Musikdirectors Krauße die Ausführung eines herrlichen Programms folgte. Es sei erwähnt, daß der zweite Theil die dramatische SinfonieKönig Lear" von Heidtngsfeld, ein Werk, deffen characteristisch-lebendige, im zweiten Satz etwas herbe, im Finale jedoch erhebende Melodik ungetheilt bei­fällige Aufnahme fand. Einer Wiederholung dieses groß­artigen Werkes wird stets der Beifall sicher sein. Der 3. Theil bot eine Novität: das letzte Werk des jüngst verstorbenen Componisten Czibulka,An Dich!", eine Walzerserenade, deren subtile Ausführung die Schönheiten der Composition voll und ganz zur Geltung brachte. Eine weit über alles Schülerhafte hinausragende technische wie musikalisch vortreffliche Leistung bot der Solist des Abends, Herr Köhler, in der anmuthig empfundenen Interpretation von WebersConcertino für die Clarinette". Aufrichtige Bewunderung und reicher Beifall lohnte den Künstler. Den Schluß des Abends machte die geistreiche Fantasie aus der OperCarmen". Das Concert war trotz der allenthalben im Gong befindlichen Rüstungen für die kommenden Feiertage gut besucht.

** Da8 Schleifen auf den Trottoirs und auf den Fuß­wegen in den Anlagen rc. tft verboten. Dieser Sport, der nicht allein von Kindern, sondern auch von Erwachsenen gern betrieben wird, hat schon viel Unheil angerichtet, schon mancher Passant ist infolge deffen gestürzt und sind Arm- und Bein­brüche die Folgen gewesen. Dte Eltern werden gebeten, ihre Kinder davon abzuhalten.

** Die Leitung des allgemeinen Verbandes alter Corps­studenten geht mit dem 1. Januar 1895 vom bisherigen Vorort München für die Dauer von 5 Jahren auf Berlin über. Nach dem Beschlüsse einer vom Berliner Bezirks­verband alter Corpsstudenten einberufenen Versammlung ist nunmehr ein von vielen angesehenen, alten Corpsstudenten unterzeichneter Aufruf erlaffen worden, in dem auf die Ehren­pflicht hingewiesen wird, daß auch Berlin sich in würdiger Weise an dieser Leitung bethätige. Zur Wahl des Gesammt- ausschuffes ist auf Moniag den 17. December, Abends 8^/, Uhr imSpaten" eine Versammlung angesetzt, zu der die allen Corpsstudenten in Farben geladen sind.

§ Gedern, 11. December. Ein bedauernswerther Un­glücksfall trug sich heute in dem benachbarten Fürstlich Jsenburgischen Walddistrict Wolfhain zu. Der Holzhauer Christian Eichenauer war mit Holzfällen beschäftigt. Bet Fällung eines schweren Buchenbaumes wollte derselbe aus- weichen, er kam jedoch zu kurz und der Baum fiel auf ihn. Er erlitt mehrere Bein- und Armbrüche, auch wurde ihm die rechte Seite mit sämmtlichen Rippen eingedrückt. Der Verunglückte starb, nachdem man ihn nach Haus gefahren, an den inneren Verletzungen. Eichenauer war 44 Jahre alt, er hinterläßt zwei Kmder im Alter von 12 bis 15 Jahren.

Helpershain (Vogelsberg), 13. December. Ein schwer/r Unfall begegnete vorgestern Abend den hiesigen beiden Fuhrleuten Hohmann. Dieselben hatten auf der Slation Mücke Kohlen geladen. Als sie mit dem schwer belasteten Wagen den steilen Berg hinab fahren wollten, der in den Ort führt, versagte das Hemmwerk. Der Wagen gerieth ins Rollen und da auch eine Koppelkette zerriß, ver­mochten die Pferde dem herabsausenden Wagen keinen Wider­stand mehr entgegenzusetzen. Mit aller Wucht sauste der Wagen zum Dorf hinein in eine Hofraithe, dort wider einen Wagen rennend. Das eine Pferd stürzte zusammen und wurde tobt gedrückt, das andere nahm wunderbarer Weise keinen Schaden. Von den beiden Fuhrleuten wurde der eine zu Boden geschleudert und erhielt so schwere Verletzungen, daß er in das Spital nach Ulrichstein gebracht werden mußte. Der andere Fuhrmann kam glücklicher Weise mit heiler Haut davon.

B. Aus dem Kreise Büdingen, 9. December. Von ver- sch'edenen Seiten wird über die mangelhafte Entwickelung des 1894r Aepfelw eines geklagt. Die Klagen stammen, nach den bis jetzt beim Einsender vorgekommenen zahlreichen Fällen, sämmtlich aus Laienkreisen, während die Wlrthe und Obftweinfabrikanten mit dem Gährungs- und Weiterentwickelungsversuch des Astheimers ganz zufrieden sind. Die langanhaltende Nässe im August und September war die Veranlassung, daß das Obst, besonders die Aepfel, viel Feuchtigkeit aufnahmen und Neigung zum Faulen erhielten. Dieselbe Erscheinung zeigt sich bei den Kartoffeln und dem Gemüse. Der diesjährige Aepfelmost ist darum etwas wäfferig

i und die Gährung geht etwas langsamer vor sich. Eine Hauptsache ist und bleibt aber die Behandlung der Fässer und hier scheint in 99 von 100 Fällen bei den Laien gefehlt worden zu sein. Die Fäffer müssen mit peinlichster Sauberkeit behandelt werden, wie die Fässer für Bier, Traubenwein und Spiritus. Sind die Fässer unrein, so theilt sich dies dem Aepelwein mit, er bleibt trübe und nimmt einen schlechten Geschmack an. Auch zeigt sich nicht selten Essig. Wir rathen: den ktänkelnden Aepfelwein in ein sehr sorgfältig gereinigtes Faß zu werfen, dieses vorher kräftig auszuschwefeln und zuzuschlagen.

ReuZfenburg, 12. December. Ein in der Waldstraße dahier wohnendes Ehepaar wurde vom Schicksal hart heimgesucht. Sonntag Nachmittag sollte das verstorbene zweijährige Kind beerdigt werden, weshalb schon am Vor­mittag die Einsargung vollzogen worden war. Nachdem letziereS geschehen, verließ die Mutter des tobten Kinbes ihre Wohnung unb besuchte eine im oberen Stockwerke desselben Hauses wohnende Frau, um dieser ihren Schmerz zu Lagen. Als sie nach etwa einer halben Stunde ihre Wohnung wieder betreten wollte, kam ihr ein dichter Qualm entgegen. Auf ihre verzweifelten Hilferufe waren im Nu die übrigen Haus­leute herbeigeeilt, die ein im Zimmer befindliches Bett, sowie das für das tobte Kind besonders hergerichtete Lager in hellen Flammen antrafen. Das Bett war ganz unbrauchbar ge­worden, während die Leiche auf der einen Seite starke Brand­wunden im Gesichte aufwies. Ein bei der Leiche brennender Wachsstock hatte, als er abgebrannt war, das Nachttischchen entzündet und die Flamme dann das Bett und das Lager der Leiche erfaßt.

Vermifd?te$»

* Berlin, 11. December. Wegen Unterschlagung in der könisglichen Münze ist die gerichtliche Unter­suchung gegen den daselbst beschäftigten Vorarbeiter E. ein- geleitet worden. In dem erwähnten königlichen Institute wird das Geld in bet Weise fertiggestellt, daß es nach der Prägung in eine dreifach ouslaufende Röhre Waage geworfen wird. Diese Röhre ist derartig gebaut, daß die geprägten Münzen durch dieselbe hinausrollen und zwar läuft jedes Geldstück mit richtigem Gewicht durch den mittleren, mit zu schwerem Gewicht durch den rechten und mit zu leichtem durch den linken Abfluß. Die nicht corrrct gefer­tigten Münzen werden wieder eingeschmolzen und von Neuem geprägt. Der oben genannte Vorarbeiter E. ist nun be­schuldigt, durch fortgesetzte Aneignung falschwichtigen Geldes die königliche Münze geschädigt zu haben. Die eingeleitete Untersuchung hat auch so viel Material gegen E. ergeben, daß der Staatsanwalt Anklage wegen Unterschlagung gegen den Angeschuldigten erhoben hat.

* Die Bevölkerungszahl Berlins betrug am 18. Novem­ber 1,719,717.

* EiSlebev, 11. December. Nach Berechnungen entführt das Stollenwasser (rund) pro Minute 8466 Kilo­gramm 3,9 Cubikmeter, pro Jahr 4,380,000 Kilo­gramm 2 Millionen Cubikmeter Salz. Zwei Millionen Cubikmeter festen Steinsalzes jährlich, wird wie es trifft, schafft die Mansfelder Gewerkschaft aus dem Schoße der Erde. Daß ein so gearteter Betrieb irgendwo zum Einsturz des Deckgebirges führen muß, ist so klar wie irgend etwas auf der ganzen Welt. Die Stadt Eisleben hat das grausige Sch'cksal, ihr Fundament nach Maßgabe der obigen Berech­nung von Minute zu Minute zu verlieren- die Erderschütte­rungen und die während derselben (aber auch zu anderen Zeiten) erfolgten ganz eigenartigen Bodenverschiebungen be­weisen das. Aber nicht allmählich wird Eisleben versinken, sondern ruckweise, in getrennten Catastrophen wird Eisleben in die T ese stürzen; denn das Deckgebirge oberhalb des Steinsalzes ist viel zu mächtig und compact, um jedem weg­gewaschenen Cubikmeter sofort nachfolgen zu können. Es wird dann gesagt, daß die bedrohten Einwohner EiSlebens sich nach Wimmelburg und Kreisfeld auf das Ausgehende der Zeichsteinformation oder auf das Rothliegende retten möchten. Diese Aussührungen eines Fachblattes mögen der Wahrheit etwas entsprechen, dürften immerhin aber einen wesentlichen Kern der Angelegenheit enthalten.

* Dresden, 13. December. Fünf italienische Gipsfiguren­arbeiter zündeten in der vergangenen Nacht in ihrem Scklaf- raume ein Holzkohlenfeuer an, um sich zu wärmen. Heute früh wurden zwei derselben tobt, bie anberen schwer krank aufgefunden.

* Ein standesamtliches Aufgebot in elf verschiedenen Orten dürfte wohl zu den Seltenheiten gehören. Ein solches Aufgebot ist gegenwärtig in Köpnick bei Berlin zum Aus­hang gekommen. Inhalts desselben beabsichtigt nämlich ein Carousselbesitzer in Rudorf mit seiner Kassirerin in den Stand der Ehe zu treten. Da das Brautpaar sich natur­gemäß fast immer auf Reisen befindet, muß bas Aufgebot nach ber gesetzlichen Vorschrift in benjenigen Ortschaften öffentlich bekannt gemacht werben, in welchen beibe Antrag­steller sich im Verlaufe ber letzten sechs Monate aufgehalten haben. Es sinb bies im vorliegeuben Falle elf Orte, welche sämmtlich in ber Umgebung Berlins belegen sinb.

Eine Räuberbande vor Gericht. In Palermo ist der Proceß gegen die berüchtigte Bande Manrina, der Schrecken Siziliens, eröffnet worden. Nur zehn Banditen (darunter auch eine tiefverschleierteBanditenbraut") stehen vor Gericht, die übrigen haben sich gerettet und setzen ihre Schandthaten fort. Die zehn Räuber darunter ihr ele­ganter und gebildeter, auch poetisch veranlagter Führer Botindari sind der fürchterlichsten Greuel, welche sich überhaupt die Phantasie nur ausmalen kann, angeklagt unb ganze Familien haben bie Unholbe jermorbet; um sich an einem Manne zu rächen, welchen sie fälschlicher Weise für einen Pvlizeispion hielten, rissen sie beffen 14jährigem Sohne das Herz aus dem Leibe und schnitten ihm den Kopf ab; einen angeblichen Verräther es war ein armer Bauer

verbrannten sie lebendigen Leibes rc. Leider ist eine bet Hauplbestien, Candino, entkommen und droht nun in Briefen fürchterliche Rache.

* Die Tower-Brücke und der Verkehr über dieselbe in den ersten zwei Monaten seit ihrer Eröffnung. Seit diese neue Verkehrsader zwischen Nord- und Süd-London dem Publikum geöffnet ist, stellt es sich immer mehr heraus, wie überaus nöthtg die Anlage derselben war, und überall fragt man sich, wie es möglich war, ohne dieselbe für so lange Zeit fertig zu werden. Vom ersten Tage an nahm sie ihren Rang als die hauptsächlichste Verkehrsstraße Londons ein, unb scwohl Lonbon Bribge, wie auch die von Blackfriars, die beiden bisher belebtesten Brücken, stehen bereits hinter ihr zurück. Die Verwaltungsbehörde der Brücke hat soeben einen Bericht über den Verkehr auf derselben feit der Eröffnung pub- lizirt, dessen Statistik uns ein Büd des geschäftlichen Lebens und Treibens der Riesenstadt London giebt. Die größte Anzahl von Fuhrwerken, die an einem Tage die Brücke pas­sierten, unb wir bürfen nicht vergessen, baß ber bei weitem größte Theil berselben schwer delabene Frachtwagen sind, war 8200, bie geringste Anzahl, am Sonntag, wo ja in Englanb alles Geschäft ruht, 742. Die Durchschnittszahl in 59 Tagen war per Tag 6074. Bei Fußpassagieren muß natürlich die allgemeine Neugierde des Publikums, die zum Theil heute noch fortbauert, in Anschlag gebracht werben, aber keine Stabt wie Lonbon kann solche Zahlen aufweisen. In 62 Tagen pa'firten 3441572 Fußgänger bie Brücke, was im Durchschnitt etwa 55 509 Personen pro Tag auS- macht. Der Durchschnitt stellt sich jeboch wohl noch höher, wenn wir bie Sonntage in Abrechnung bringen, denn nach beiben Seiten hin münbet bie Brücke in reine Geschäfts- gegenben, die am Sonntag gänzlich verlassen sind. DaS Interesse des Publikums an dem Riesenwerke hat bis jetzt noch in keiner Weise nachgelassen, und ist es namentlich baS Oeffnen unb Schließen des Wasserweges, welches stets eine Menge Zuschauer findet. Die Maschinerien arbeiten vortrefflich, und der Verzug für Fußpassagiere und Fuhrwerke, veranlaßt durch Oeffnen und Schließen des Wasserwegs, was im Durch­schnitt etwa 21 mal in 24 Stunden stattfindet, beträgt nicht mehr als zwischen 5 bis 7 Minuten. Diese Unterbrechung des Verkehrs ist so kurz, daß man bis jetzt bie angelegten pneumatischen Aufzüge in ben Thürmen, nach unb von bem oberen Fußwege, nicht in Betrieb gesetzt bat, bie einzige Maschinerie, bie, wie sich zeigt, hätte in Wegfall kommen können, besovbers ba im Nothfalle btefer obere Weg burch Treppen zu erreichen ist. Nicht oft zeigt ein solches Werk so schnell unb so sicher seinen ungeheuren Nutzen, als es bie Towerbridge thut. Was wir in dcm Bericht ber Verwal­tung vermissen und was wir hoffen in bem nächsten zu finden, ist die Zeitersparniß eineß Frachtwagens in einem Tage über den neuen Verkehrsweg gegen früher stromaufwärts und über London Bridge.

Die Toaste nieder.' DerPester Lloyd" schreibt: Nicht immer bilden Tischreden die Würze des Mahles. Ins­besondere bet uns zu Lande, wo das Toastiren nachgerade zu einer Landplage geworden ist, werden dem Gastgeber sowohl als auch den Gästen sehr oft die Freuden deS MahleS durch bie vielen überflüssigen Trinksprüche verborben. Diesem Uebelfianbe abzuhelfen, hat ein sreunblicher geistlicher Herr, ber seine Freunbe für einen ber nächsten Tage zum Diner geloben, ber EinlabungSkarte bas folgenbe bemerkenswerthe Avis au lecteur hinzugefügt:Da der Gastgeber feine ge­ladenen Gäste herzlich gern bei sich sieht unb ihnen zugleich auch olles Gute wünscht; ba er ferner vorauSsetzt, baß Der­jenige, ber bie Einlabung annimmt, dem Hausherrn dieselben Gefühle entgegenbringt: bittet er, beim Diner alle Trink- sprüche zu unterlaßen." Wahrscheinlich werden, durch diese Bemerkung angelockt, Viele der Einladung Folge leisten, aber ba bie Katze das Mausen nicht läßt, wird wahrscheinlich der erste Toast auf die glückliche Idee des Gastgebers ausgebracht werden.

Eingesandt.

Gießen, 14. December 1894.

Wir erhielten nachstehende Zuschrift:

An verehr!. Rebaction desGießener Anzeiger".

Gestatten Sie in Nachstehendem eine Maßregel an der hiesigen Stadtknabenschule in Ihrem geschätzten Blatte zur Kenntniß zu bringen. Von Seiten des dort angestellten Schuldieners wird Morgens den Kindern ber Eingang in die Schulräume vor Beginn der angesetzten Zeit nicht erlaubt, sodaß die Kinder, welche weit von der Schule entfernt wohnen und infolge dessen angebalten werden, eher etwas früher fortzugehen, um rechtzeitig im Schullocal zu fein, genöthigt sind, wenn sie früher kommen, bei dem gegenwärtig schlechten Wetter im Freien vor dem Schullocal sich aufzuhalten. Es wäre zu wünschen, daß Seitens der Schuidirection veranlaßt würde, früher als zur festgesetzten Zeit eintreffenden Kindern den Aufenthalt in den erwärmten Schulzimmern zu gewähren und den Diener ent­sprechend zu bedeuten.

Citerafur unb Kunft.

I. Kreyher. Nachtschatten «nd Morgerrlicht auf der Wende der Zetten. Bilder aus dem Untergang Der ai.t'ken unb dem Ausgang der chrichtlichen Welt. 1894. 2 Thle. Stuttgart. Steinkopf. (5 Mk). Unter den vielen culturgeschichtltchen Bildern aus dem ersten Jahrhundert des Chnstenthums, die unseren gebildeten Christen e n Licht über die Ursprünge ihres Glaubens und einen Spiegel ihrer Versuchungen und Aussicht.n vorhalten, sind die Schilderungen in obigem Buch ganz besonders inhaltreich und lebenswahr. Von den Zeiten d>s Tiberius bis hin zu Domitian, und von den Anfängen der judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem bis zu dem weltweiten Heidenchrtstenthum in Ephesus, ziehen in bunter Abwechselung tief dunkle Gemälde von heidnischem und jüdischem Lebenszersall und lichte hohe Figuren ber ersten christlichen GotteS- unb Bruderliebe an unserem geistigen Auge vorüber, voll von ungesuchten Beziehungen zu den Kämpfen und Hoff­nungen unserer Gegenwart. Und das Alles nicht in jenem unklaren Gemisch von alter Geschichte und modernem Roman, wie es mit Ausnahme von UhlhornsKampf des EbristenthumS unb Heibenthums" unb Kingsleys einzigartigerHypatia" allen ähnlichen Erzählungen bedauerlich andängt, fondern burchgebenb in geschichtlich begrünbeien unb reich aus ben Quellen belegten Darstellungen, die nur jin einzelnen Details unb Combinationen bie geschichtlichen