Ausgabe 
15.11.1894 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1894

Donnerstag den 1» November

Erstes Blatt.

Nr. 268

Gießener Anzeiger

Generat-Unzeiger.

Redaction, Expedition, imd Druckerei:

Schutstratze ^lr.7.

Fernsprecher 51.

vierteljähriger NSoanemeatsprei«: 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Mg.

Die Gießener Jiamtrienbkätler werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal brigelegt.

Der

Gießener Anzeiger erlcheint täglich, mu Ausnahme deS MonlagS-

Zlints- und

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Amtliche* Theil.

Lehrer-Conferenz

des Conferenzbezirks Lich - Hungen

Donnerstag, den 22. November, Vormittags

10 Uhr, in Hungen.

Lieder: 2. 4. 37.

Gießen, den 14. Novemher 1894.

Büchner, Schulrath.

Zur Reorganisation des Getreidehandels.

Am 5. und 6. d. M. ragte, wie kurz gemeldet, im Ab- geordnetenhause unter Leitung des zweiten Bundesvorsitzenden Rösicke der zur Berathung über die Reorganisation des Ge­treidehandels eingesetzte Ausschuß des Bundes der Land- wirthe. Es wurden folgende Beschlüsse gefaßt:

1) a. Der dermalige Preisstand deS Getreides deckt die ProductionSkosten nicht mehr, so daß die Landwirthschaft Deutschlands, die auf den Getreidebau in erster Linie an­gewiesen ist, in ihrer Existenz schwer bedroht erscheint. Der heute geltende Grundsatz des schrankenlosen internationalen Ausgleichs der Getreidepreise auf der PreiSbafis der nied« rigft entwickelten Culturvölker bedeutet eine wesentliche Stö­rung der kulturellen Entwicklung unseres Vaterlandes, b. Der Rückgang bezw. der Ruin des deutschen Getreidebaues und feer deutschen Landwirthschaft stellt eine Preisgabe des Vater- landes seinen äußeren und inneren Feinden dar. c. Dem- gemäß liegt es im Interesse der Gesammtheit, daß schien- nigst Wandel geschaffen werde.

2) Eine Besserung der Verhältniffe ist durch die Selbst- Hülse allein nicht zu erwarten, sondern Staat und Reich müssen rückhaltlos alle geeigneten Wege beschreiten, die vor­handenen, offenliegenden Schäden zu beseitigen und die Folgen feer geschlossenen Handelsverträge und der internationalen Getreidespeculation abzuschwächen bezw. zu beseitigen.

3) Hiernach erscheint vor Allem eine durchgreifende Reform der Getreidebörse auf der Basis des reellen Ge­schäfts in Effectivwaare nothwrndig. Das internationale Zusammenwirken der Börsen in seinem jetzigen Umfange und in seiner jetzigen Gestaltung ist eine der Hauptursachen des heutigen traurigen ZustandeS der Getreidepreise.

4) Die Bestrebungen zur Ordnung der internationalen Währungsverhältniffe sind aus nationalwirthschaftlichen Grün­den möglichst zu unterstützen, und zwar in Verbindung mit einer besonderen Controle der Aufnahme öffentlicher Anleihen für daS Ausland.

5) a. Die Errichtung von staatlichen Kornhäusern und feie Organisation der Landwirthschaft zwecks genoffenschaft« licher Benutzung derselben ist gleichzeitig inS Werk zu setzen, b. die rückhaltlose staatliche Förderung und Unterstützung der Kleinbahnen, besonders eine entsprechende Subvention der­selben muß gefordert werden, da Kanäle und Großbahnen in erster Reihe dem Großhandel und dem internationalen Verkehr dienen. In dieser Beziehung wird insbesondere auch das Tarifwesen einer völlig neuen Regelung bedürfen, mit dem Ausgangspunkte,.daß der Jnlandsverkehr entgegen dem bisherigen Verfahren, dem Transitverkehr gegenüber eine nachdrücklichere Bevorzugung erfährt.

6) Die Aufhebung der sog. gemischten Transitläger für Getreide, die keinerlei Förderung der nationalen Wirthschaft bewirken, erscheint unbedingt nothwendig.

7) Da aber auf den bisher gekennzeichneten Wegen eine schleunige und zureichende Besserung der Verhältniffe allein nicht zu erwarten steht, ist es Aufgabe deS Staates, Mittel zu finden, um ohne Schädigung der wahren Jntereffen der Confumentenkreise einen den ProductionSkosten entsprechenden Preis des Getreides im Jntereffe der Erhaltung des wich­tigsten Gewerbes im Staate zu erzielen.

Behufs weiterer Verfolgung und Ausgestaltung dieser Beschlüffe im Einzelnen wurde ein Unterausschuß eingesetzt.

Deutsche- Reich.

Berlin, 13. November. Mildem jetzigenpreußischen LandwirthschaftsministerFreiherrn v. Hammer­stein- Loxten ist wiederum einneuer Mann" auf den Berliner Regierungshöhen erschienen. Der neue Landwirth. schaftsminister hat gleich seinem nunmehrigen Collegen im Reffort des Inneren, Herrn v. Köller, politisch früher au dem Standpunkte der entschiedenen Rechten gestanden, ob er jedoch diese Anschauungen auch als Minister geltend machen wird, dies bleibt ebenso noch abzuwarten, wie bei Herrn v. Köller. Jedenfalls ist bei der liberalen Vergangenheit

lzeigeblcrtt für den

ratisbeilage: Gießener Kamikienötätt<

des Fürsten Hohenlohe, als deS leitenden Staatsmannes, anzunehmen, daß weder die Berufung des Herrn v. Köller noch diejenige des Herrn v. Hammerstetn in die Regierung eine zu einseitige Strömung in derselben nach rechts hin zur Folge haben wird. Im Uebrigen sind über den neuen Landwirrhschaftsminister mancherlei Gerüchte verbreitet worden, die sich als leeres Gerede Herausstellen. So hieß es u. A., Freiherr von Hammerstein-Loxten habe welfische Gesinnungen bekundet, welches Gerücht indeffen imHannov. Cour.", dem Organe Herrn v. Bennigsens, als unbegründet mit Ent­schiedenheit zurückgewiesen wird. Es hätte aber dieses Dementis überhaupt kaum bedurft, denn es ist doch sonnen­klar, daß ein activer preußischer Minister niemals zugleich auch ein Parteigänger des Welfenthums sein kann.

Die Ernennung des Nachfolgers für den zu-ückgetretenen preußischen Just i z Minister D r. v. Schelling verzögert sich auffällig. Es ist daher er­klärlich, wenn immer neue Muthmaßungen über die Persöu- lichkeit des künftigen Justtzministers austauchen. Am meisten genannt wird hierbei der Name des Präsidenten des Ober- landesgerichtes zu Celle, v. Schoenstaedt, daneben wird jedoch versichert, es sei das Portefeuille des Justizministers noch über den Kreis der bekannten Namen hinaus angeboten worden, jedoch überall ohne Erfolg. Daneben scheint die Combination, wonach der Cultusminister Dr. Bosse das Justizreffort wahr­scheinlich übernehmen würde, wieder fallen gelaffen worden zu fein.

lieber die politische Sei te des Aufenthaltes des Reichskanzlers Für ft enHohenloheinMünchen verlautet, es sei in den Besprechungen deö Kanzlers mit den dortigen leitenden Persönlichkeiten namentlich die Frage der Bekämpfung der Umsturzbeftrebungen zur Erökterung gelangt. Es heißt, die wesentlichen Aenderungen, welche an dem ur­sprünglichen Entwürfe der Vorlage gegen die Umsturz­bestrebungen vorgenommen worden seien, hätten ernste Be­denken der bayerischen Regierung erregt. Wahrscheinlich sei Fürst Hohenlohe während seines Aufenthaltes in der bayerischen Hauptstadt bemüht gewesen, diese Bedenken zu zerstreuen, mit welchem Erfolge, dies stehe noch dahin.

Nach einer Mittheilung desReichsanzeigers" ist die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes über die Reform des Börsenwesens im Gange. DaS amtliche Blatt meint, der Gesetzentwurf werde vermuthlich binnen Kurzem dem Bundesrathe vorgelegt werden können.

Ausland.

Petersburg, 12. November. Eine bedeutsameKund- gebung des russischen Ministers des Aus­wärtigen, Herrn v. Giers, anläßlich des RegierungS- antrittes des Kaisers Nicolaus wird soeben bekannt. Sie ist in die Gestalt einer Circulardepesche des Petersburger Auswärtigen Amtes an die diplomatischen Vertreter Ruß­lands im Auslande gekleidet. In der Depesche wird ver­sichert, Czar Nicolaus werde alle seine Kräfte der Entwicke- lung des inneren Wohlstandes Rußlands weihen und in nichts von der durchaus friedlichen, loyalen und festen Politik seines VaterS abweichen. Weiter erklärt die Depesche, Ruß­land werde seinen Ueberlieferungen treu bleiben, mit allen Mächten fortgesetzt freundschaftliche Beziehungen zu unter­halten suchen und fortgesetzt in der Achtung vor dem Recht und der gesetzlichen Ordnung die beste Gewähr für die Sicherheit der Staaten erblicken. Schließlich versichert die Depesche, die Regierung des neuen Czaren werde an dem Streben der Regierung des vorigen Czaren, ein starkes und glückliches Rußland zu deffen eigenem Besten und zu Niemandes Schaden zu schaffen, fefihalten. Diese Versiche­rungen bilden eine werthvolle und wohlthuend berührende Ergänzung der Erklärungen in dem Manifeste des jungen Czaren.

Neueste Nachrichten.

Wolff» telegraphische» Eorrespondm,- Bureau.

Berlin, 13. November. Die hiesige chilenische Gesandt­schaft erklärt die Meldung desNewyork Herold", daß in Chile die Truppen confignirt feien', für vollständig unbegründet.

Hamburg, 13. November. Seit heute früh 3 Uhr wüthet ein orkanartiger Südwestfturm, der viele Schäden an Dächern, Schornsteinen, Fenstern und kleinen Fahrzeugen angerichtet hat. Auf der Elbe wurde der Lloyd- dampserPreußen", der bei der Werft von Blohm u. Voß lag, losgeriffen und verursachte mehrfach Schaden, blieb aber selbst unbeschädigt. Von Verletzungen von Menschen ist nichts

Kreis Gieszen.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

bekannt geworden. Der Telephonverkehr mit Lübeck ist unter brochen, nach anderen Richtungen nur erschwert.

Lübeck, 13. November. Ein orkanartiger Süd- weststurm hat an den Häusern großen Schaden anaerichtet- der Glockenthurm der Marienkirche gerieth inS ^wanken. Auf dem DampferStraßburg" wurde ein Matrose durch den Sturm vom Mast herabgeschleudert und schwer verletzt.

Brussel, 13. November. In der Kammer und im Senate wurde die Erklärung verlesen, die die Regierung anläßlich des Todes des Czaren nach Petersburg sendet. Der socialistische Senator Desessarts weigerte sich, dieser Er- klärung zuzuftimmen. .

Petersburg, 13. Mwember. DerRegierungsbote meldet: Der Kaiser hielt bei dem gestrigen Empfange der Vertreter der Stände Moskaus folgende Ansprache: Mir ist es schwer schmerzlich, jetzt in Moskau zu fein, das mein unvergeßlicher Vater so herzlich liebte. Allein die Kaiserin und ich finden einen wahren Trost in den Gebeten, die ganz Rußland in diesen Tagen emporsendet in Thronen, die ganz Rußland weint. Gott helfe mir, unserer heißgeliebten Heimath ebenso dienen, wie mein dahingegangener Vater diente und sie führen auf den Hellen strahlenden Weg, welchen er gewiesen. _

Petersburg, 13. November. Um 8 Uhr Morgens wurde am Trauerzug auf der Station Ljubeny der Nikolai-Bahn von der Geistlichkeit ein Gottesdienst gehalten. Die An- fünft des Leichenzuges auf dem Bahnhofe in Petersburg wurde von der Ehrenwache erwartet. 60 Pagen waren mit brennenden Kerzen, auf jeder Seite sechs PalaiS'Grenadiere, sowie vier Leibkosaken vor dem Leichenwagen placirt. Im Innern des Bahnhofs, wo der Leichenwagen wartete, wurde das Publikum nicht zugelaffen. Die umgebenden Mauern waren von dem Volke dicht besetzt, auch einige Dächer, ob­wohl dies polizeilich verboten war. Als die Herrschaften auS dem Bahnhofe herauStraten, wurde der Sarg von Palast- Grenadieren auf den Katafalk des Leichenwagens aufgestellt. Hunderttausende erwarteten vor dem Bahnhofe die Leiche deS Kaisers. Vor dem Bahnhofe stand in erster Linie eine ES- cadron der Chevalier-Garde, eine Escadron Leib-Kosaken, läng« des großen Weges bis zur Polizeibrücke war eine halbe Stunde lang auf beiden Seiten Cavallerie aufgestellt, an letzter Stelle daS Leibhusarenregiment.

Petersburg, 13. November. Der Leichenzug de» Kaisers Alexander III. bewegte sich rn einer Ausdehnung von 5 Werst den Newsky-Prospect entlang, dann wie im Programm vorgesehen über den Admiralitäts-Prospect und den englischen Quai und war gegen 1 Uhr über die Nikolai- brücke und den UniversitätS-Quai an der Börse nach dem Alexander-Park eingebogen. Es war bereits gegen l/-2 Uhr, als die Leiche deS Kaisers unter dem Donner der FeftungS- geschütze an ihrem Ruheplatze, der Peter-PaulS-Kathedrale, anlangte. Zunächst seinem Ausgangspunkte, dem Moskauer Bahnhofe, wurde der Trauerzug von der dort belegenen Kirche mit Geläute empfangen, die Geistlichkeit war herauS- getreten, der Trauerwagen hielt an und eine kurze Messe wurde gelesen. Vor dem Anitschkow-PalaiS, dem Wohnsitze des verewigten Kaisers, ward ein weiterer Aufenthalt ge­macht und Gebete wurden in tiefer Andacht verrichtet- auch vor der Kasan Kathedrale und der Isaak Kathedrale, sowie, schließlich vor der historischen Dreifaltigkeitskirche in der Nähe der Peter-PaulS-Festung, stand der Zug stille zu kurzen Gottesdiensten. Kaiser Nikolaus, sowie der Prinz von Wales legten die ganze Strecke hinter dem Trauer­wagen zu Fnß zurück. Von den Fürstlichkeiten war nur Großfürst Wladimir als Oberftcommandirender des Garde- corpS zu Pferde. Der Kaiser trug die Oberstuniform de« Preobraschenski Regiments, der Prinz von Wales russische Marineuniform. Die gelammte Geistlichkeit Petersburg« schritt vor dem Leichenwagen einher, auf welchem vier Stabs­offiziere sich zu Seiten des Sarges bcfancen. Der Zug war von feierlichem und zugleich sehr großartigem Eindruck. Alles war aufgeboten worden, um die letzte Ehre dem Landes- Herrn glanzend zu gestalten. Auch die religiöse Seite de« Ceremouiells war von tiefer Wirkung. Auf dem Wege standen die Menschen Kopf an Kopf, alle Fenster waren dicht besetzt. Vor der evangelischen Petrikirche auf dem NewSki-Prospekt hatte sich die gelammte evangelische Geist­lichkeit Petersburgs ausgestellt, um dem tobten Landesherrn ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Ueberall verharrte die Menge, wenn die Leiche vorbeifuhr, in tiefernster Haltung und in stillem Gebete. An Trauerdecorationen auf dem Wege deS Zuges hatte Petersburg trotz der Kürze der Zeit Großartiges hergestellt. Wirkungsvoll erschienen die Trauer­pyramiden, die urnentragenden Säulen und die Trauerbogeu, welche die Municipalität errichtet hatte. Feierlich stimmte