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Nr. 87 Erstes Blatt. Sonntag den 15. April
1894
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Kießenet Anzeiger
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(befunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Brille, 1 Taschenmesser, 1 Zirkel, 1 Peitsche, 1 Mädchenhut, 1 Handschuh, 1 Lederbeutel und 9 Dielen.
Gießen, den 14. April 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
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Deutsche- Reich.
Tarmftadt, 13. April. Die erste Kammer hat heute 100,0:0 Mk. für das Denkmal Ludwig« IV. bewilligt und diesen Betrag dem Großherzog Ernst Ludwig als Hoch- zeitSgeschenk zur Verfügung gestellt. Di- ersten Präsidenten beider Kammern werden das Geschenk nächster Tage mit einer kurzen Adresie überreichen. Die Kammer vertagte sich sodann bis zur Budgetberathung.
Deutscher Reichstag.
81. Sitzung. Freitag den 13. April 1894.
Aus der Tagesordnung stehen zunächst Rechnungssachen. Die RechnungS Kommission beantragt, die llebersicht der Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete von Kamerun, Togo und des südwest- airikanischen Schutzgebiete» pro 1892 93 durch Kenntnißnahme für erledigt zu erklären.
Abg. Richter (srs. Vp.) hält eS mit Beziehung daraus, daß in die Kameruner Ausgaben auch die Besoldung deS Personals gehört, für angebracht, daß sich die Regierung zu den gegen dortige Beamte erhobenen schweren Anklagen äußere.
Staatssekretär v. Marschall thctlt mit, die von Reg.-Rath Rose angcstellten Ermittelungen hätten in der That Dinge ergeben, die den Kanzler Leist aus's Schwerste belasten (Hört! Hort!) Derselbe sei sofort zurückberufen worben; nach seinem Eintreffen werde iogleich die Disciplinaruntersuchung gegen ihn eingelettet werden. E« müsse abgewartet werden, ob die Untersuchung auch aus weitere Personen ausgedehnt werden müsse. Der Staatssecretär ersucht, sich nicht durch die Veröffentlichungen der TageSblätter beeinflussen zu Uff en: kein Schuldiger werde seiner Strafe entgehen. Die Oeffcnt- tichkeit solle auch sofort von dem Ergebnth der Untersuchimg in Kenntnis; gesetzt werden. ES würden auch Maßnahmen ergriffen werden, um der Wiederholung solcher Vorkommnisse vorzubeugen.
Abg. Bebel (Soz.) bittet, die Untersuchung auch aus die gegen den Assessor Wehlau erhobenen Anklagen auszuvehnen.
Damit schließt die Debatte. Die llebersicht wird für durch Kennt- ntßnabme erledigt erklärt. Der Gesetzentwurs betreffend die Reichs- Ha ushaltscontr olle für die beiden letzten Etatsjahre wird genehmigt. Zu diefem Gesetzentwurf beantragt die RechnungScom- tniffton, durch Resolution die verbündeten Negierungen zu erfuchen, den allgemeinen Rechnungen über den Reichshaushalt summarische Nachweisungen über die entlassenen justtfictrenden Cabinets- OrdreS beizusügen. — Die Resolution wird nach kurzer Debatte angenommen. — Es folgt hierauf eine Reihe von Petitionen, u. A. eine solche rheinischer Landbürgermeister wegen Gleichstellung mit den Staatsbeamten in Bezug auf Tagegelder und Reisekosten in gerichtlichen Angelegenheiten. Diese Petition wird ebenso wie einige andere dem Reichskanzler zur Erwägung Überwiesen. — Eine Petition deS Allg. deutschen Musikerverbandes klagt Über die (^oncurrenz der Militär-Musiker. Die Petitions-Commission beantragt, die Petition dem Reichskanzler zu überweisen und zwar 1) zur Berücksichtigung dahin, daß den Militär-Musikern bei Reisen zu außerdienstlichen Musikauffährungen die Vergünstigung hinsichtlich des EtsenbahnfahrpretseS entzogen werde. 2) zur Erwägung, inwieweit bet außerdienstlichen Musikaufführungen daS Tragen der Uniform zu verbieten fei.
Abg. Graf Bernstorfs (Rchsp.) beantragt, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen.
Kriegsminister Bronsart v. Schellendors gibt zu, daß die Civilmusiker über die Concurrenz der Mtlttärmusiker klagen. Aber das Publikum würde sich in seinen berechtigten Interessen verletzt sühlen, wenn den Militär-Musikern der Erwerb erschwert werde. Die Fahrtverbtlltgung sei kein nennmswerthes Aequivalent für die Hindernisse, welche den Militär-Musikern in ihrer Erwerbsthätigkeit bereitet würben. Der Kriegsmtntster ersucht das Haus schließlich, den Passus 1 deS EommtssionsantrageS nicht anzunehmen
Abg. Weber (n.-l.) empfiehlt Ablehnung des Antrages Graf Bernstorsi und Annahme des Commissions-Antrages.
Abg. Stolle (Soz.) spricht sich gleichfalls für den Antrag der Commission aus, ebenso Abg. Schwarze (Ctr.)
Abg. v. Stumm (Rchsp.) ist für Den Antrag Graf Bernstorfs.
Abg. Richter (srs. Vp.) hält es für eigenthümlich, daß den Militärs Privilegien für privaten Erwerb gewährt werden.
.stach weiterer Debatte, an welcher sich die Abgg. Fr ege (conf.), Casfelmann (stets.) und Schönlank (Soz.) bethetltgen, wird der Antrag Gras Bernstorfs abgelebnt und der Antrag der Commission nur in seinem 1. Thetle angenommen, lieber die anderen Wünsche der Petenten wird zur Tagesordnung übergegangen. — Zwei weitere Petitionen betr. die Abstellung von Mißständen im Gastwtrlhschaftswesen und betr. ein Verbot der Vivtsection werden dem Reichskanzler überwiesen.
Es folgt die Gesammtabstimmung über den Gesetzentwurs betr. Abzahlungsgeschäfte; derselbe wird angenommen.
Das Haus tritt alsdann in die Berathung des Antrages des Abg. Graf Kanitz (conf.) ein, (betr. den Ankauf und Berkau! des
zum Verbrauch im Zollgebiet bestimmten ausländischen Getreides für Rechnung des Reiches.)
Abg. Graf .ftanitz begründet seinen Antrag. Du Lage der Landwirthschast fei heute schwieriger als je. Der Rothstand fei besonders unter der Limdwirthschast des Ostens groß, wo die Eoneurren, des billigen russischen Getreides sich in ihrer unmittelbaren Wirkung geltend mache. Die Regierung habe schon lbR7 die Rothwendigkeit erkannt, Maßnahmen zu Gunsten der Landwirthschast zu treffen -, beute seien solche Doppelt nöthig. Der Antrag bezwecke, die Preise der Landesproducte m angemessener Hohe zu den Prodructionskosten zu erhalten Mit den Preisen der letzten 1U Zähre könne nicht gerechnet werden. Redner betont, daß der Antrag nichts Soeialistisches enthalte; die Befürchtungen, die man an ihn knüpfe, feien unbegründet. Auch finanziell fei der Antrag bedeutsam. Traurig sei ev, daß nun zu Haufe gegangen und daß das Reich in der bedenklichsten Finanzlage zurück- gelassen werde. — Der Antrag habe nicht am wenigsten auch für die Vollscrnährung seine Wichtigkeit. Der Landwirthschast sei mit halben Maßregeln, als Landwirthschastskammern, Credithebung u 1 ro., absolut nicht gedient, sie brauche nur Schutz gegen die ausländische Produetion. (Beifall. Von Soeialdemokratcn und Freisinnigen ermatte man aller» dings nicht, daß sie deni Anträge zustimmen. Abg Richtern Da» wollen wir uns auch ausbitten!'
Abg. Dr. Barth ,frs. Vg.-: Der Antrag will durch eine Hinter- thur erreichen, was er durch die Vorderthur beim russischen Verträge nicht erreichen konnte Wie kann man der Regierung zurnuthen, auf einen solchen Antrag einzugehen, der es auf eine direkte Verletzung der Vertragsverpftichtung abgesehen hat! Es handelt sich hier um den Ver» such eines Getreidenionopolo, wie er noch nirgends unternommen morden ist. Der ausländische Getreide Fmportvcrkehr würde durch di.feS Monopol vollständig lahmgelegt, Zwischen dem Mindestpreis, den Sie sordern, und dem Mindestlohn, den die Socialdemokratie verlangt, ist kein großer Unterschied. Dann fchen Sie zu, wohin Sie als staats» erhaltende Partei mit Ihren Anträgen kommen, nämlich direkt in daS Fahrwasser der Socialdemokratie. Mit diesem Anträge haben Sie einen schlimmen taktischen Fehler begangen!
Das Haus beschließt nach einem diesbezüglichen Kentrumscmtraqe Vertagung.
Nächste Sitzung morgen (Samstag) 12 Uhr - Forts« tzung der Berathung des Antrages Graf Kanitz, Vorlagen betr. Handlrmgsgehülsen und betr. Schutz der Waarenbczeichnungen, Rechnungssachcn.
Schluß- 5i/2 Uhr.
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Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphische» Corresponbenz-Bureau-
Budapest, 13. April. DaS Abgeordnetenhaus hat bei der Spezialdebatte über die Eherechtsvorlage die ersten 27 Paragraphen unter Ablehnung aller Amendements nach unwesentlicher Debatte unverändert angenommen.
ifettilkten.
Der vcrhsngnißvoUk Mokka.
Humoreske von M. Anderssen.
(Nachdruck verboten.)
„Leugne eS nicht, Liebling, Dein Gesichtchen straft Dich Lugen — Du bist ganz blaß geworden!"
Die junge Frau verbirgt den zierlichen Kopf an der Schulter ihres Mannes. Er drückt einen leichten Kuß auf ihr seidenweiches Haar.
„Schweigen ist auch ein Eingeständniß, Evchen. Der Postbote hat Dir mit Mamas Brief Schrecken eingeflößt, nicht wahr?"
Sie richtet sich empor. „Ach, sei nicht böse, Herzensmax! ES ist neben der Freude, Deine liebe Mama in unserem Heim begrüßen zu dürfen, nur die große Achtung, die ich vor ihr empfinde, die mich ein wenig ängstlich macht, und daS Gefühl meiner eigenen — ja, Max, meiner Unzu» länglichkeit."
„Ei, ei, Evchen, ist das nun ganz aufrichtig gesprochen?"
„Aber, Max! Wie kannst Du innerhalb fünf Minuten zweimal an meiner Wahrheitsliebe zweifeln? Doch ich will ganz offen zu Dir sprechen. Sieh, Deine Mama ist eine solche Mustererscheinung als Hausfrau, wie als Salondame, io vielseitig gebildet, so streng gegen sich selbst, dabei eine io erfahrene Menschenkennerin, daß —"
„Um so bester, Herzchen," unterbricht sie Max, „um so schneller und sicherer wird sie Dich liebgewinnen."
„Ach, ich fürchte, sie hält mich unbedeutendes, unreifes Wesen von achtzehn Jahren nicht für würdig genug, den Platz an Deiner Seite auSzusüllen. Ich weiß es, daß sie Dir, ihrem einzigen Sohne, in Deiner Cousine eine Frau ganz nach ihrem Sinne erzogen hatte, während ich in ihren Augen bisher noch ein Kind, ein Wildfang war, dem alle Erziehung mangelt."
Der junge Amtsrichter hebt Evchens gesenktes Kinn empor und sieht ihr innig in die Augen.
„Und glaubst Du, meine Mutter sei so engherzig, Dir, dem „Wildfang", von welchem sie nur weiß, daß er daS Lebensglück ihres einzigen Sohnes ausmacht, nicht die Stelle und Rechte einer Tochter einzuräumen? Ich bitte Dich dringend, komm ihr als ihr Kind, das Du nun bist, entgegen. Sie wird bald inne werden, daß auch aus achtzehn
jährigen Wildfängen prächtige kleine Hausfrauen und sogar vorzügliche Köchinnen werden können."
EvaS liebliches Kindergesicht erglühte vor freudigem Eifer. „Sp laß mich los, Max! Ich muß noch einmal die ganze Wohnung mustern, vor allem das Fremdenzimmer."
„Aber mein Arbettsstübchen laß mir hübsch in Ruhe, Herz!"
Sie wirst ihm noch eine Kußhand zu und enteilt.
DaS junge Paar ist erst seit drei Wochen von seiner Hochzeitsreise in die kleine Kreisstadt eingekehrt, wo der Amtsrichter Maihof seine erste Anstellung gefunden hat und bewohnt hier, da es neben dem Gehalt über einen bedeutenden Zuschuß auS Privakmitteln verfügt, eine allerliebste kleine Billa, die innen und außen einem Schmuckkästchen gleicht.
Heute Abend soll die Mutter deS jungen Ehemannes, die verwittwrte Frau Rittergutsbesitzer Maihof, zu einem mehrwöchigen Besuche eintreffen, mit lebhaftem Herzklopfen empfängt Eva die trotz alledem von ihr heimlich gefürchtete Schwiegermama.
Frau Maihof die ältere ist eine hohe Gestalt von gebietender Haltung. Der Blick ihrer großen, dunklen Augen hat etwa» Durchdringendes, man merkt ihm au, daß er scharf zu beobachten versteht. Eva staunt, wie wenig an daS nahende Alter Gemahnende diese Frauengestalt in dem nach neuestem Geschmack gearbeiteten und tadellos sitzenden schwarzen Atlas» kleide hat. Auf dem braunen Wellenscheitel ist ein schwarzer Spitzenschleier mit Brillantnadeln leicht und gefällig befestigt/ Niemand sieht eS diesem immer noch schönen Fraucnkopfe an, daß siine Trägerin an der Schwelle der Fünfziger stehl. Alles an ihr ist Anstand und Würde, jedes ihrer Worte treffend und geistvoll. Die junge Frau hat neben ihr ein ähnliches Gefühl, wie sie als Schülerin hatte, wenn sie der verehrten und gefürchteten Anstaltslehrerin gegenüber sich be- fand. Fast möchte sie ihr deßwegen heimlich grollen und trotzen, aber die unnahbar scheinende Frau ist doch auch wieder hinreißend liebenswürdig gegen ihr Schwiegertöchterchen- sie kann es nicht leugnen. Und als sich die Dame nach dem anregend verplauderten Theestundchen auf ihr Zimmer zurück» gezogen hat, erklärt Eva ihrem Manne, daß sie für seine Mutter schwärme. Dann drückt sie auch ihre Bewunderung über daS vortrefflich bewahrte Aeußere der Matrone aus.
Max lächelt fast verlegen und sagt: „Ich, der ich MamaS vorzügliche Eigenschaften kenne, darf wohl auch ein
mal von ihrer einzigen kleinen Schwäche reden und will Dich hiermit bitten, dieselbe zu schonen. Mama hat stets, wie sie auf die besten Umgangsformen hält, auf ihr AeußcreS gehalten. Sie zeigt sich nie im Morgenkleide, auch im bildlichen Sinne nicht. Stets ist sie fertig angezogen, sei es im einfachen WirthschaftSanzuge daheim oder in Besuchstoilette. Man könnte versucht werden, diesen Zug für Eitelkeit zu halten. Ich kenne aber ihre Beweggründe besser. Sie ver» abscheut alles „Sichgehenlaffen". So wie sie Kundgebungen von Schwäche und Krankheit nach außen vermeidet, so will sie auch dem herannahenden Alter keinerlei Zugeständnisse machen. Sie verschmäht die bequemere Tracht ihrer Jahre, wie sie den Nachmittagsschlaf und anbete Erleichterungen nicht kennt. Sie ist immer noch von früh bis spät anhaltend und vielseitig thätig."
Eva seufzte: „Ach, eS fehlt mir noch viel zur Vollkommenheit !"
Er schließt sie in die Arme. „So wie Du bist — so bist Du gut!"
Frau Maihof-Mutter hat in befriedigter Stimmung daS behaglich eingerichtete Fremdenzimmer im ersten Stock betreten. „Sie macht sich wirklich recht nett, die Kleine!" denkt sie anerkennend in Bezug auf ihre Schwiegertochter. Einen buf» tenben Rosenstrauß, den diese im Garten für sie gepflückt, fetzt sie ins Nebenzimmer, um während der Nacht nicht den Duft einathmen zu müffen. Auf dem Nachttischchen brennt ein Armleuchter. Frau Maihof entkleidet sich ohne Hilfe,- sie hat sich dabei niemals von einer Zofe bedienen lasten. Als sie daS Licht gelöscht hat, tritt sie im Dämmerschein deS Sommerabends noch einmal an die Commod-, auf der sie vorhin zwei Gläser mit Master nebeneinander stehen sah. In einS derselben läßt sie schnell einen Gegenstand gleiten, worauf sie daS einladende Ruhelager aufsucht. Sie wird noch einmal durch Lina, daS Factotum ihrer Schwiegertochter, die ein Mittelding zwischen Kammerjungfer und Stubenmädchen vorstellt, gestört. Lina will ihre Hilfe beim AuSkleiden anbieten, sieht aber die Arbeit schon beendet.
„Soll ich der gnädigen Frau nicht die Nachtlampe an» zünden ?"
„Nein, gehen Sie nur; ich schlafe nie bei Licht. Gute Nacht
„Wünsche der gnädigen Frau eine angenehme Ruhe!" (Fortsetzung folgt.)


