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Nr. 87
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Der Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mH Ausnahme des Montags.
Die Vießmrr Aa mtttea v läller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.
Drittes Blatt. Sonntag den 15. April
1894
Gießener Anzeig er
Kenerat-Mnzeiger.
vierttliähriger ASonnementrpreis: 2 Mark 20 Psg. mit Vringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Amts- und Anzeigeblutt für den Ttveis Giefzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Aamikienökätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In. und Auslände« nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
2lmtlid?cr Thetl.
Gießen, am 11. April 1894.
Betr.. Die Ernennung der Vertrauensmänner der land« und forstwirthschafllichen Berufsgenofsenschaft und deren Stellvertreter.
DaS Großherzogliche KreiSamt Gießen an die (Yrofih. Bürgermeistereien der Landgemeinden deS Kreises und daS Großh. Polizeiamt Gießen.
Nachdem der Genossenschaftsvorstand der land« und forst- wirthschaftlichen Berufsgenofsenschaft eine anderweitige Ein« theilung der Vertrauensmännerbezirke vorgenommen hat, bringen wir die Namen der Vertrauensmänner und deren Stellvertreter nachstehend zu Ihrer Kenntniß, indem wir Ihnen empfehlen, Diejenigen, welche Unfälle bei Ihnen an« zeigen, aufzufordern, dem Vertrauensmann eine Abschrift dieser Anzeige zuzustellen, den Vertrauensmann zu der von Ihnen vorzunehmenden Untersuchung des Unfalls (§ 57 des Reichsgesetzes vom 5. Mai 1886) rechtzeitig einzuladen und demselben auf Antrag Abschrift der UntersuchungSprotocolle gegen die taxmäßige Gebühr mitzutheilen.
v. Gagern.
Die internationale Wirthschaftskrifis.
Die großen Hoffnungen, die in allen betheiligten Streifen in Bezug auf die Hebung deS GeschäftSlebenS gehegt werden, aber noch immer unerfüllt bleiben, sowie der thatsächlich unberechenbare Preisrückgang der wichtigsten Getreidearten mit seinen Übeln Folgen für die Erträge der ohnedies nur mit geringem Nutzen arbeitenden Landwtrthschast und daS fortdauernde, ober vergebliche Bestreben, durch allerlei Reformen die wirthschaftlicken Calamitäten zu bekämpfen, liefern den Beweis, daß die gesammre moderne Culiurwelt sich in einer internationalen WirthschaftskrisiS befindet, von welcher man thatsächlich noch nicht sagen kann, ob wir daS Ende oder gar erst den Anfang vor unS haben.
Die hoch entwickelte Mobilisirung aller Capitalien und die Einführung einer im hohen Grade leistungsfähigen Credit- wirthschaft im Staats- und Privatleben, wodurch selbst Schuldverschreibungen und Antheilscheine (StaotSpapiere, Eisenbahn- Obligationen, Actien usw.) zu Capital in bequemster Verwendungsform werden, und ferner ein großartiges Verkehrsleben, welches die Entfernungen auf dieser Erde theilS aufgehoben, theilS abgekürzt hat, haben sozusagen die ganzen Schätze und . Güter der Welt flüssig gemacht und für jeden Bedarfsfall i ein so riesiges Angebot geschaffen, daß seit Jahren die Preise
für fast alle Maaren und Leistungen im fortwährenden Sinken begriffen sind.
Dies ist die gewaltige elementare Ursache der unzähligen wirthschaftlkchen und socialen Calamitäten, welche man mit Recht als eine internationale MirthschastSkrisis bezeichnen kann, da sie in jedem Culturlande auftritt. Unmöglich kann aber diese große Krisis durch eine Reform der Währung, durch Handelsverträge oder durch hohe Schutzzölle beseitigt werden, denn wir sehen alle Staaten, einerlei ob sie Freihandel oder Schutzzollpolitik treiben, ob sie Gold« oder Silberwährung besitzen, an dieser Krisis leiden, und merkwürdiger Weise liegen gerade in demjenigen Lande, welches bis vor einem Jahre als daS reichste galt und welches die höchsten Schutzzölle auf fremde Maaren erhebt, nämlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die geschäftlichen und finanziellen Zustände am schlechtesten. Da kann aber doch offenbar kein Staatsgesetz wirklich und dauernd helfen, denn die ganze Frage spitzt sich doch auf Ueberproduction und Mangel an großer Nachfrage zu. Die Staatsgesetze können doch den Landwirthen, den Fabrikanten usw. nicht vorschreiben, daß sie weniger produciren sollen oder den Kaufleuten befehlen, daß sie weniger fremde Maare kaufen sollen. Und umgekehrt kann auch nicht gesetzlich vorgeschrieben werden, daß jeder Consument seinen Bedarf an Lebensmitteln, Kleibern,
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Bezirke.
Vertrauensmänner.
Stellvertreter der
Vertrauensmänner.
Großen-Linden, Lang « Göns, Leihgestern, Klein-Linden, Heuchelheim, Allendorf a. d. Lahn, Watzenborn, Steinberg.
Großen - Buscck, Climbach, Alten- Buseck, Beuern, Trohe, Rödgen, Annerod, Bersrod, Winnerod, Burkhardsfelden, Oppenrod, Reiskirchen.
Gießen, Schiffenberg, Wieseck, Lollar, Heiberlshausen,Staufenberg,Mainzlar, Daubringen, Treis a. d. Lda., Allendorf a. d.Lda., Albach, Allerts« Hausen, Friedelhausen, Garbenleich, Hausen, Ruttershausen mit Kirchberg, Steinbach.
Holzheim, Ober - Hörgern, Obbornhofen, Bellersheim.
Amtsgerichtsbezirk Grünberg.
Leun, Bürgermeister, Großen-Linden.
D e m p e r , Johannes, Großen-Bufeck.
Geißler, Bürgermeister, Lollar.
Drücket, Bürgermeister, Lang-Göns.
Otto, Bürgermeister, Beuern.
Lang, Gememderechner, Wieseck.
Kratzmüller, Gilbert, Gambach.
Schmidt, Bürgermeister Queckborn, Post Grünberg.
Bopp, Bürgermeister, Bellersheim, Post Hungen. F a u l st i ch , Bürgermeister , Weitershain, Post Nieder-Ohmen.
Ord.-Nr.l
Bezirke.
Vertrauensmänner.
Stellvertreter der
Vertrauensmänner.
6
NüddingShaufen.
Braun, Heinrich, Müh- lenbes., Ober^ Ofleiden, Post Homberg.
Niklas II , Bürgermeister,Gontershausen, Post Homberg.
7
Hungen.
Jockel, Carl IV., Hungen.
Falk,Friedrich, Hungen.
8
Nonnenroth, Villingen.
Wolf, Johannes, Villingen, Post Hungen.
Koch, Konrad VI., Gemeinderechner , Villingen, Post Hungen.
9
Langd, Rodheim, Hof Graß, Stein- heim.
Schäfer, Bürgermeister, Rodheim a. d. Horloff.
Klingelhöser, Gutspächter, Hof Graß, Post Hungen.
10
Inheiden, Trais-Horloff, Utphe.
Fül b ert h.A., Pachter, Utphe, Post Hungen.
Schneider, Heinr.Karl, Utphe, Post Hungen.
11
Amtsgerichtsbezirk Laubach mit Ausnahme von Villingen.
Nafziger, Christian, Pachter, Henriettenhof, Post Laubach.
Bayer, Eduard, Freienseen.
12
Amtsgerichtsbezirk Lich.
Köhler, Bürgermeister, Langsdorf.
I h r i n g , Hermann, Philipp, Lich.
13
Rabertshausen mit Hof Ringelshausen.
Braun, Mühlenbesitzer, Nidda.
Schneider, Amand, Unter-Schmitten, Post Nidda.
Feuilleton.
Wochenbriefe sus der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt. 13. April.
Darmstadter Messe. — Decoriruogsfest des Odenwaldclobs. — Courert des Mozartvereinö.
Kein „Staat im Staate" — wohl ober eine „Stadt in der Stadt" ist bei uns seit dem letzten Sonntag ent standen. Leider — muß man sagen, denn so freudig diese Tage von unseren Kleinen herbeigesehnt werden, des obligaten „MeßstückeS" halber, ebenso bänglich werden die Gesichter eines großen Theiles der erwachsenen Einwohner unserer Residenz, wenn sich jeweils im Frühjahr und itn Herbste des Jahres jene originelle „Stadt in der Stadt" constituin. Uebel nehmen kann man es jeren Leuten nicht, daß sie den Meßfremden nicht gerade Kränze winden, denn denken Sie sich nur, Sie körten direct unter den Fenstern Ihres Studir- oder Wohnzimmers täglich so ein paar hundertmal das schöne Lied von der „Male" in artiger Abwechslung mit dem nicht weniger erhebenden Camus von der „Mandoline, die mit mir weint und lacht", dazwischen stöhnt ein dritter geradezu phänomenaler Leierkasten mit wuchtigen Trompetenstößen, unbekümmert darum, daß er den musikalischen Effect seiner beiden Brüder vollkommen vernichtet die „temperamentvolle Arie" vom „Lindemann" — und Sie haben ungefähr die Lage ersaßt, in der ein bedeutender Bruchiheil unserer Ein wohnerschaft sich so fast 14 Tage befindet. Ja, Sie am Strande der Lahn haben es schöner in dieser Beziehung, da finden sich die oben vermeldeten Kunstgenüsse ja auch, aber
fein draußen, auf Oswalds Garten und stören keinen Menschen, | aber hier — da, was ist das, der Radau schweigt ja, ach so, das Vergnügen dauert nicht lange, denn schon höre ich die beiden AuSrufer der Bude, wo „Julia Pastrana, das weltberühmte Affenweib" zu sehen ist, sich gewaltig räuspern und gleich darauf beginnt ihre furchtbare Jeremiade, die dann nach einiger Zeit wiederum von den verschiedenen Drehorgeln „angenehm" übertönt wird. Genug des Jammers! Damit wären wir auf die Sehenswürdigkeiten der diesjährigen Frühjahrsmeffe gekommen. Nun im Großen und Ganzen muß man gestehen, ist diesmal etwas mehr „los" — so sagen die Darmstädter officiell von der Meffe — wie in den letzten Jahren, denn neben den unvermeidlichen Caroussels, Schießbuden und Waffelbäckereien, sind doch noch eine ziemliche Anzahl anderer, theilweise recht großer Buden auf dem Ludwigs- und Ernst-LudwigSplatze entstanden. Da sieht mau „Burghausers Panoptikum", „die schönste Dame der Welt, Frau Stevenson, preisgekrönte Schönheit von Spaa", „Maria, das schöne Albinokind", „Mellinls Theater-Variete" — man sieht, Ihr Correspondenr hat schon etwas profiiirt von den Expectoratioenn der Marktschreier. Fast kann er daS Aufzählen der Sehenswürdigkeiten, wie jene. Na ja, so geht es einem, noch verhöhnt man sich selbst, so toll wird einem der Kopf von all dem Rumor.
An festlichen Veranstaltungen war die vergangene Woche reich. Dor Allem muß ich da meinem Versprechen gemäß Ihren freundlichen L-sern Bericht erstatten über die herrlich verlaufene Decorirungsfeier des hiesigen Oden- waldclubs. Das Fest zeigte, daß gerade der Sport, deffcn Pfkege jener Verein sich zur Aufgabe gemacht hat, zu den beliebtesten unserer Residenz gehört und das mit vollem Rechte. Denn gibt es etwas Schöneres und Gesünderes, als htnzu- wallen durch die prächtigen Thäler, emporzusteigen zu den
wunderbaren Bergen unseres OdenwaldeS? Und daß wir gerade so ohne jede Beschwerde jetzt immer die schönsten Punkte auf dem kürzesten und vortheilhaftesten Wege erreichen können, har nicht zum Mindesten der Odenwaldclub fertig gebracht, der durch Markirung jener Wege, durch Errichtung von AuSsichtSthürmen, Herausg be von trefflichen und dabei doch enorm billigen Karten sorgte, daß den lange unbekannten landschaftlichen Reizen des Odenwaldes endlich die gebührende Würdigung der Allgemeinheit widerfuhr. So konnte, wenn eine Vereinigung so Treffliches geleistet hat, eS denn auch nicht fehlen, daß ihr Hauptsest des Jahres aufs Glänzendste verlief. U-beraus groß war die Zahl der Theilnehmer, welche sich am vergangenen Sonntag Abend in dem wundervoll ausgeschmückten großen Saale des städtischen Saalbaues zusammenfand. Man glaubte sich mitten im frischen grünen Odenwalde, so täuschend war die Landschaft nachgebildet. Neben Vertretern hiesiger Behörden waren Mitglieder des Frankfurter Taunusclubs, der beiden hiesigen Sectionen deS deutsch-österreichischen AlpenvereinS, des Heidelberger, Lichtenberger und Jugenheimer Odenwaldclubs rc. in größerer Anzahl anwesend. WaS das Fest selbst betrifft, so war auch hier für Genüsse der verschiedensten Art bestens gesorgt. Ein großes Mahl, während dessen die Capelle des hiesigen Dragoner-Regiments Nr. 23 concertirte, eröffnete dasselbe. ES folgten Reden und Toaste, Solovorträge mehrerer Sänger und Instrumentalisten unserer Hofbühne, endlich die eige-t- liche Decorirung von sieben Herren, welche sämmkliche Touren des letzten Jahres mitgemacht hatten und last not least ein prächtiges Festspiel, das ein Mitglied deS Vereins eigens für dielen Abend verfaßt hatte. „Frisch auf, in den Odenwald", heißt der Titel des humorvollen WerkchenS, das in frischer und lebendiger Weise unS in vier Bildern Scenen touristischen Inhaltes vorführt, die sich in einem Odenwälder Wirths-


