Ausgabe 
14.10.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 241 Erstes Blatt.

Sonntag den 14. October

1894

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger

Amts- und Anzeigeblutt für den Ursis Gieren.

chratisöeikage: Hießener Jamilienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Die Gießener A>amilieu v kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

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Amtlicher Theil.

Gießen, am 12. October 1894.

Betr.: Die Fleischbeschauordnung und die Instruction für Fleischbeschauer vom 10. April 1880. (Regierungs­blatt Nr. 11 und 12 von 1880).

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grosth. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Sie wollen binnen 8 Tagen auf Grund genauer Erkundigung berichten, ob die Fleischbeschauer Ihrer Gemeinde und deren Stellvertreter im Besitze der Handausgabe der Fleischbeschauordnung nebst der dazu gehörigen Instruction sich befinden.

v. Gagern.

Gesunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Cigarren- Etuis, 1 Scheere, 1 Thürdrücker, 1 Bleifederhalter, 1 Paar und 2 einzelne Handschuhe, 1 Taschentuch, 1 Pferdeteppich, 1 schwarzes Tuch, 1 Koppelkette, 1 Arbeitsjacke und Gyps.

Zugelaufen: 1 Stallhase.

Gießen, den 13. October 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. October. Der Kaiser hat die Waldes- einsamkeit von Schloß Hubertusstock am Sonnabend wieder verlassen, um sich nach einem nur ganz vorübergehenden Aufenthalte in der Reichshauptstadt nach Schloß Friedrichs- Hof u. s. w. weiterzubegeben. Noch vor seiner Abreise von HubertuSstock empfing der Monarch den preußischen Minister­präsidenten Grafen Eulenburg, womit der voran­gegangene Besuch des Reichskanzlers Grafen Caprivi in HubertuSstock seine Ergänzung erfahren hat. Nach einer Meldung derNat.-Ztg." war der Abreise des Grafen Eulenburg zum Kaiser eine Unterredung zwischen den beiden Staatsmännern vorangegangen, woraus man wohl den Schluß ziehen kann, daß die mmhmaßlichen Vorträge derselben bei dem Monarchen über die Bekämpfung der Umsturzbestrebungen in übereinstimmendem Sinne gehalten worden sind.

Der Bundesrath überwies in seiner Wochen­plenarsitzung vom letzten Donnerstag verschiedene Entwürfe untergeordneter Bedeutung den zuständigen AuSschüsien. Von

I den Ausschußbeschlüssen über die Vorlage, betr. die Zoll- I behandlung der Verschnittweine und Moste, nahm der Bundes- . rath Kenntniß.

Die Eröffnung der neuen Retchstags- session wird, wie dieKreuzztg." behauptet, doch gleich im neuen Reichstagsgebäude im Anschlüsse an die übliche Feier im Weißen Saale des Berliner Refidenzschlosies stattfinden. Trotzdem sei es aber nicht ausgeschlossen, daß einige Sitzungen noch im alten Hause abgehalten würden. Unbestimmt sei es noch, unter welchen Förmlichkeiten sich die Feier der ersten Sitzung im neuen Reichstagsgebäude abspielen werde. Als Tag der Eröffnung des Reichstages wird jetzt der 17. November genannt.

Der heute in Braunschweig im Alter von noch ; nicht 60 Jahren verstorbene Generallieutenant Hans Her- ! warth v. Birtenfeld war ein Großneffe des General- ' feldmarschalls; er war zuletzt Commandeur der 27. Jnfan- . teriebrigade in Düsseldorf und vorher des 6. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 55 in Detmold und lebte seit 1890 im Ruhestände in Braunschweig.

Arr-laud.

Paris, 12. October. Die Vorbereitungen der 1 Franzosen für den drohenden Krieg gegen Ma da gas car ; nehmen ihren Fortgang. Hierzu gehört es auch, daß laut j einer am 11. October veröffentlichten Verordnung der fran- j zösischen Regierung die Einfuhr, der Verkauf, der Transport ; und der Besitz von Waffen und Munition für Diego Suarez, i Ste. Marie de Madagascar und Rossi, außerdem auch ' für die Colonie Obok am Rothen Meere, untersagt worden ift. . Diego Suarez ift ein unter französischem Schutze stehender nicht unbedeutender Hafen im äußersten Nordosten Madagas- * cars, Ste. Marie de Madagascar und Nossi sind zwei den Franzosen gehörige Inseln in den madagassischen Ge­wässern, jene östlich, nicht weit von der Küste, diese nord­westlich von Madagascar gelegen. Inzwischen ist der Special­gesandte Frankreichs, der Deputirte Lemyre de Vilers, in der Hafenstadt Tamatave auf Madagascar eingetroffen und nach dreitägigem Aufenthalte nach Antananarivo, dem Sitze der Howas-Regierung, weitergerelst.

Antwerpen, 12. October. Die vom belgischen Staate angeborenen 100,000 früheren Albini-Gew ehre wurden von einer Hamburger Firma mit 4 Frcs. bezahlt, während ein Lütticher Syndicat nur 65 Ctms. geboten hatte. Die Gewehre sollen nach China verkauft sein.

Petersburg, 12. October. Die Abreise desKaisers von Rußland von der Krim nach Corfu soll nunmehr in den nächsten Tagen erfolgen, wahrscheinlich am Dienstag. Unentschieden ist noch die Frage der Einsetzung einer Regent­schaft für die Zeit der Abwesenheit des Czaren von russischem Boden, man nimmt an, daß der Kaiser sich bet wichtigen Angelegenheiten entweder die Entschließung Vorbehalten oder dem Czarewitsch ein im Vertrauen des Czaren stehendes Mitglied des Kaiserhauses zur Sette stellen werde.

Ueber geheime Pläne Rußlands im östliche» Afieu sind allarmirende Gerüchte aufgetaucht. Ihnen zufolge bezweckten die im Aufstande gegen die chinefische Regierung befindlichen Mongolen, ihr Land nach der Vertreibung der Chinesen Rußland zur Einverleibung anzubieten, in Rußland selbst sollen nur wenige Eingeweihte um diesen angeblichen Plan wissen. Natürlich wäre anzunehmen, daß die russische Regierung von demselben Kenntniß habe und ihn billige, aber zunächst klingt die ganze Nachricht noch wenig glaub­würdig, schon deshalb, weil die anderen Mächte schwerlich ohne Weiteres eine so ungeheuere Vermehrung des asiatischen Landbesitzes Rußlands, wie es die Einverleibung der Mongolei wäre, gestatten würden. Was die Frage einer Inter­vention der Mächte im japanisch-chinesischen Kriege anbelangt, so ist in dieser Beziehung offenbar noch nichts geklärt, auch bleibt vorläufig ein Eingreifen dieser oder jener einzelnen Macht in die ostasiattschen Wirren recht unwahrscheinlich. DieKöln. Ztg." hat jedenfalls nicht Un­recht, wenn sie meint, daß auch bet einer etwaigen Dictirung des Friedens seitens Japans in Peking die in den oftasia- tischen Dingen am meisten betheiligten Mächte noch immer Zett hätten, ihre Interessen zur Geltung zu bringen.

In den Meldungen vom ost asiatischen Kriegsschauplätze machen sich erneut Widersprüche gel­tend. Einerseits soll die Avantgarde der japanischen Armee über den Aalufluß zurückgeworfen worden sein, anderseits aber wird gemeldet, die japanischen Truppen hätten das Süd­ufer des Yaluflusses besetzt und den Feind zurückgedrängt. Dann wieder hieß es bezüglich der japanischen Flotte, ste sei infolge ihrer starken Beschädigungen bei der Seeschlacht im Ualubusen gar nicht mehr zu gebrauchen. Andere Meldungen indessen versichern im Gegensatz hierzu, die japanische Flotte beherrsche den Golf von Petschtli vollständig. Vor Wet-Hei- Wei, der starken chinesischen Festung am Südrande des Pet- schilt-Golfes, wird ein neues Seetreffen zwischen Japanern und Chinesen erwartet.

I entwickelten Familiensinn zur Schau und widmet sich mit großer Fürsorge der Pflege seiner Jungen, die in der Regel im Juni zur Welt kommen und die Zahl von drei bis vier Stück selten überschreiten.

Bedauerlicherweise hat das Eichhörnchen, wie wir bereits oben andeuteten, außer den aufgeführten verschiedenen guten Eigenschaften, die ihm volles Anrecht auf unsere Sympathie sichern, auch mehrere recht üble. Nicht selten kommt es vor, daß die Forstverwaltungen zu strengen Maßregeln greifen müssen, da die Eichhörnchen oftmals ganze Waldungen ver­nichten, wenn ihrem Treiben nicht energisch Einhalt geboten wird. Es wohnt dem kleinen Thier ein ungeheurer Zer­störungstrieb inne, der fich so recht zeigt, wenn man ein gezähmtes Eichhörnchen sich selbst überläßt. Wehe dem Buche, dem Tische, dem Stuhle, kurz, jedem festen und harten Gegen­stand, der ihm erreichbar ist. Mit großer Ausdauer und Hartnäckigkeit wird es alles zernagen und zerbeißen. Nicht weniger schlimm hausen die Thtere im Freien, wo sie eine wahre Landplage für das junge Grün sind und die frischen Bäumchen mitleidslos mit ihren scharfen Zähnen zernagen. Diese Thätigkeit ist um so bedenklicher, als das Eichhörnchen einen so lieben, unschuldsvollen Eindruck macht, daß man den niedlichen Thieren gar nichts Böses zutraut; die Forstbeamtea lassen sich durch diese scheinbare Harmlosigkeit nicht täuschen und strecken jedes dieser kleinen schmucken Waldfrevler erbarm­ungslos durch eine Ladung Schrot nieder.

Eine ganz besondere Vorliebe besitzt das Eichhörnchen übrigens für Eier, die es aus den Nestern der Vögel mit der Gewandtheit eines geschickten Diebes entwendet.

Die gegen das hübsche Thierchen geschleuderten Vorwürfe sind mithin nicht unberechtigt und man kann Buffon nicht so unrecht geben, wenn er in seinem Buche über das Eichhörnchen sagt, daß fich dasselbe mit jenen liebenswürdigen Leuten ver­gleichen läßt, mit denen man gern in größerer Gesellschaft zusammenkommt, deren zweifelhafter Ruf es aber nicht zu­läßt, daß man ihre nähere Bekanntschaft sucht.

FernUeton.

Ein Wstdfrkvter..

Von Dr. Herrn, v. Kleinstadt.

(Nachdruck verboten.)

Wer hätte nicht schon an schönen Sommer- oder Herbst­tagen beim Durchwandern eines Waldes ein leiseS Knabbern oder ruckweises Sägen vernommen, das unsere Aufmerksamkeit erregt? Unwillkürlich bleiben wir stehen, um die Ursache dieses Geräusches zu ergründen, das bisweilen auS den höchsten Wipfelkronen der Bäume an unser Ohr dringt. Nicht lange währt eS und wir bemerken ein rothbrauues Thierchen mit buschigem Schweif, der länger ist als der Körper selbst, mit weißem Bauch, kleinen spitzen Ohren und zwei listigen schwarzen Augen es ist dasEichhörnchen" oder wie eS der DolkSmund allgemeiner nennt, dasEichkätzchen".

Munter sehen wir das ungemein scheue Thierchen, das durch seine hübsche Erscheinung, seine Anmuth in den Be­wegungen, vor allem aber durch sein so unschuldig aussehendes und dabei doch so spitzbübisches Gesicht einen unwiderstehlichen Reiz auf den Beschauer ausübt, von Zweig zu Zweig Hüpfen und nicht eher ruhen, bis eS sich auf dem höchsten ihm erreich, baren Punkt in Sicherheit glaubt. Und in der That kann es kaum etwas Drolligeres geben, als die tollen Sprünge dieses kleinen Waldbewohners, der gezähmt das Entzücken der Kinder und Erwachsenen hervorruft.

Wollen wir das Eichhorn in der freien Natur beobachten, so müssen wir unS völlig still verhalten und nicht die ge- ringste Bewegung machen, sonst entzieht fich das Thierchen schnell unseren Blicken, indem es in sein fast immer sehr hoch gelegenes Nest verschwindet und nicht eher wieder zum Vor­schein kommt, bis der Beobachter seines Weges gegangen ist.

Leider ist das sonst so nette Thierchen mit argen Fehlern behaftet und zwar sind es recht bedenkliche, die in der kleinen Brust wohnen. Wir werden diese Fehler noch näher be­leuchten, wollen aber doch die guten Eigenschaften voraus­schicken, um nöthigenfalls mildernde Umstände, deren es

. leider nur zu oft bedarf bei der Verurtheilung, ihm zusichern i zu können.

Der berühmte Zoologe Buffon nennt das Eichhörnchen ! ein lebendes Symbol der Thätigkeit, des Fleißes und der Reinlichkeit, und wirklich kann es kaum ein flinkeres, leb- ! hafteres Wesen als dieses geben. Allerdings hat man, und i nicht mit Unrecht, behauptet, das Eichhörnchen widme seine : ganze Zeit, oder doch wenigstens einen großen Theil derselben, dem Putze- esputzt" sich mit großer Lebhaftigkeit oft fünf bis zehn Minuten lang das kleine Mäulchen, daß man glauben kann, es reibe dasselbe mit seinen Füßen, die ganz das Aus­sehen von Händen haben, blank. Diese Koketterie und das Bestreben, fich von der besten Seite zu zeigen, ist übrigens nicht nur dem Eichhörnchen eigen, man findet das auch bei den Vögeln und den in der Wildniß lebenden Affen in noch höherem Grade.

Auch äußerst schlau ist das Eichhörnchen- es weiß sich stets vor Roth zu schützen und trägt zu rechter Zeit alles zusammen, waS ihm im kalten Winter als Nahrung dienen soll. Nicht gerade sehr wählerisch in seiner Nahrung, ver­speist es Eicheln, Nüsse, Kastanien und was fich sonst ihm bietet, ja, im zahmen Zustande kann man es sogar dahin bringen, Fleisch zu fressen, während Nüsse dann keinen Reiz mehr auf das Thierchen ausüben.

Auch ein ganz eminentes Gedächtniß weist das Eich­hörnchen auf- es weiß ganz genau, wohin es einen Gegen- stand verschlept hat und noch nach Monaten wird es seine Verstecke mit unfehlbarer Sicherheit wieder ausfinden.

Sein Nest baut das Eichhörnchen sehr kunstvoll; es ver­wendet hierzu alles, was ihm irgend erreichbar ist, wie Baum- rinde, Moos und ähnliches, und sorgt, daß, obwohl oben offen, der Regen in dasselbe nicht eindringen kann. Hier übersteht es auch wohlgemuth und guter Dinge die Stürme des Winters, wobei es fich mit dem angehäuften Borrath der Lebensmittel wohl einzurichten weiß.

Auch eine hervorragende Tugend, die nicht vielen Thieren innewohnt, besitzt das Eichhörnchen: es trägt einen sehr fein