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14.1.1894 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 14. Januar

Nr. 11 Zweites Blatt.

1894

Hichemr Anzeiger

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.Der deutsch-russische Handelsvertrag.

Die schwebenden Handelsvertragsunterhandlungen zwischen Deutschland und Ruhland sind nach übereinstimmenden und glaubwürdigen Meldungen der letzten Tage nunmehr im Großen und Ganzen zum Abschluß gelangt. Es wird bestimmt versichert, es sei über alle wesentlichen Punkte eine Einigung erzielt worden und habe speziell Rußland dem deutschen Partner sehr erhebliche Zoll Zugeständnisse auf industriellem Gebiete gemacht, lieber reinen äußerlichen Formfragen sollen nur noch die Fragen der Vertragsdauer, sowie der authentischen Classification der in den Vertrag aufzunehmenden Maaren ' ihrer Erledigung harren. Die Berathungen hierüber werden vielleicht noch einige Wochen beanspruchen, da es auch in s diesen Punkten noch mancherlei Schwierigkeiten zu beseitigen giebt; alsdann dürfte die endgültige Formulirung und Unter­zeichnung des Schlußprotokolls statifinden, worauf der neue , Vertragsentwurf unverzüglich dem Bundesrathe zugehen soll, um hierauf mit möglichster Beschleunigung auch dem Reichstage , unterbreitet zu werden. \

Die am ersten October des vergangenen Jahres in i Berlin eröffneten commtssarischen politischen Unterhandlungen zwischen Deutschland und Rußland stehen demnach endlich vor ihrem befriedigenden AuSgange, nachdem sie mehr wie einmal zu scheitern drohten. Die russischen Delegirten hatten eben im Anfänge nur ziemlich engbegrenzte Vollmachten, denen zufolge sie den deutschen Vertretern zunächst nur wenig be* i langreiche Zugeständnisse zu bieten vermochten, während sie , anderseits ganz erhebliche Gegenconcessionen Deutschlands ver- . langten. Zu letzteren waren aber die Vertreter der Reichs- 1 regierung, soweit hierbei überhaupt nicht gewichtige deutsche Interessen geschädigt zu werden drohten, nur im Falle eines entsprechenden Entgegenkommens Rußlands bereit, und diesen i berechtigten Standpunkt hat man deutscherseits auch in allen j Phasen der schwierigen und verwickelten Verhandlungen , energisch gewahrt. Der Erfolg dieser deutscherseits beobachteten » Ha tung ist denn auch nicht ausgeblieben, die russische Regierung zeigte sich wohl oder Übel immer entgegenkommender in ihren Instructionen an ihre Berliner Unterhändler und jetzt i|t endlich das mühsame Werk deS deutsch-russischen Handelsvertrages soweit gediehen, daß dessen definitives Zustandekommen nur noch eine Frage der nächsten ; Wochen ist.

Im Bundesrathe wird nun der zu erwartende Vertrag

kaum besonderen Hindernissen begegnen, dagegen ist es zweifel­los, daß er im Reichstage noch bedenkliche Klippen zu passiren haben wird. Denn war daselbst schon gegen die neuen Handelsverträge mit Spanien, Serbien und Rumänien eine , starke und energisch auftretende Opposition vorhanden, so wird die parlamentarische Gegnerschaft beim russischen Ver­trage unstreitig noch größer sein, als bei den früheren Ver­trägen, dies erhellt schon jetzt aus den betreffenden Stimmungsberichten aus dem Reichstage. Glauben doch vor Allem die Vertreter der Landwirthschaft deren Interessen durch den deutsch-russischen Handelsvertrag noch mehr bedroht, als dies nach ihren Behauptungen bereits bet den bisher , von Deutschland abgeschlossenen Handelsverträgen der Fall gewesen ist, es wird daher nicht an nachdrücklichster Be­kämpfung des russischen Vertrags von der genannten Seite fehlen. Gewiß werden sich aber auf der anderen Seite auch zahlreiche Befürworter einer endlichen zoll- und handels­politischen Verständigung zwischen Deutschland und Rußland, welche beiden Reiche ja doch vielfach auf einander angewiesen sind, im Parlamente finden und auch die Vertreter der Reichs­regierung selbst werden offenbar den Vertrag mit Rußland nachhaltig vertheidigen. Außerdem ist Graf Caprivi schon jetzt sichtlich bemüht, im Lager der Vertragsgegner eine dem deutsch-russischen Abkommen günstigere Strömung hervorzurufen, durch die von ihm brieflich angekündigte Aufhebung des Jdenditätsnachweises für die Getreideausfuhr, womit eine alte Forderung der Landwirthe im Osten Deutschlands erfüllt werden würde. Jedenfalls bedeutet dieses Vorgehen des Reichskanzlers einen geschickten Schachzug, der vielleicht noch manchen dem russischen Vertrag widerstrebenden Parlamen­tarier zu dessen Gunsten umstimmen dürfte.

Coeote» ttitt- provinzielle».

Gieße«, 12. Januar 1894.

** Der Kaufmännische Verein beging am gestrigen Abend die Einweihung seiner neuen Vereinslocalitäten imPostkeller" durch eine gesellige Vereinigung. Die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste wurden von dem Vorsitzenden, Herrn Orbig, mit einer Ansprache begrüßt, in deren weiterem Verlauf Redner auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zu­kunft des Vereins zu sprechen kam. Danach hat der seit 20 Jahren bestehende Verein bewiesen, daß er in Verfolg

seiner Ziele bisher viel erreicht hat, durch die sich neuerlich ge­stellten Aufgaben aber in Zukunft ganz Bedeutendes im I«- teresse des Kaufmannsstandes leisten wird. Fortbildung S- cur f e und Lehrlingsheim (letzteres ebenfalls neben freier Vereinigung der Lehrlinge deren Fortbildung dienend) sind die neuesten Ziele, die sich der Verein gestellt hat, und nach der Zahl der Theilnehmer zu urtheilen, mit gutem Erfolg. In Anerkennung der Bestrebungen des Vereins sind demselben denn auch eine Anzahl von Zuwendungen, darunter einzelne mit hohen Beträgen, zu Theil geworden, wofür der Vor­sitzende den betr. Stiftern den Dank des Vereins abstattete. Auch angesichts sonstiger dem Verein gewordener Unter­stützungen in Verfolg seiner Ziele konnte der Vorsitzende nicht umhin, allen Freunden und Förderern der Sache den ge­bührenden Dank abzustatten. Der gestrige Abend verlief unter beherzigenswerthen Ansprachen einer Anzahl älterer Herren und Gäste, unter Gesang und Musikvorträgen vortrefflich.

** Bei der letzte« Volkszählung im Großherzogthum Hesse» belief sich die Gesammtbevölkerung auf 992883 Seelen, vo« diesen waren aber nur nach einer soeben veröffentlichte« Zusammenstellung 886 305 Hessen, die übrigen 106 580 ver- theilen sich auf 101 718 andere deutsche Unterthemen und auf 4862 Ausländer. Von den Deutschen nehmen im Groß­herzogthum Hessen die preußischen Unterthanen den größte« Rang ein, indem mehr als die Hälfte sämmtlicher in Hesse« anwesender anderer deutscher Reichsangehöriger preußische Untertanen sind, nämlich 58 788, unter diesen sind die größte Hälfte wieder, nämlich 32 793, Hessen-Nassauer. Das Königreich Bayern ist in Hessen mit 22 790 Untertanen vertreten, dann kommt Baden mit 7763, Württemberß mit 5270, Elsaß-Lothringen mit 1969, Königreich Sachse« mit 1283, dann kommt Sachsen-Weimar mit 887, Sachsen- Meiningen mit 472, Coburg-Gotha mir 444, Oldenburg mit 267, die beiden Mecklenburg mit 259, Waldeck mit 278, Braunschweig mit 211; die Stadt Hamburg ist mit 174 und Bremen mit 134 vertreten, der Rest vertheilt sich auf die kleinen übrigen Fürstenthümer. Von Ausländer« sind am meisten die Oesterreicher mit 1159 vertreten, dan« kommt die Schweiz mit 786, Frankreich mit 749, die Ver­einigten Staaten in Amerika mit 699, England mit 309, Rußland mit 286, Italien mit 211, Belgien mit 87 rc. Außerdem leben in Hessen 33 Asiaten, 31 Australier und 17 Afrikaner.

Feuilletsn.

Wochendriksk «ns btt Residenz.

(Ortgüialberid)t für denGießener Anzeiger".) Darmstadt, 13. Januar 1894.

Verlobung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs. Laruevals'Erosfnuug. Ans der ersten Fastnachtszeituug.

Allerlei.

Ein überaus freudiges Ereigniß war es, welches in der Frühe des vergangenen Mittwochs die Herzen aller Refidenz- bewohner bewegte:Unser Großherzog hat sich verlobt!" so hörte man überall auf den Straßen und öffentlichen Plätzen dte Einzelnen sich sagen. Allerorts bildete dies Thema das Tagesgespräch, und die Empfindungen, mit denen die Nach- richl ausgenommen wurde, waren leicht ersichtlich, Alles freute sich herzlich, daß dem Hessenlande nach langen 16 Jahren wieder eine Großherzogin, eine Landesmutter werden solle. Möge des Himmels reichster Segen auf dieser Verbindung ruhen für unser Fürstenhaus und unser Vater­land !

Im letzten Briefe versprach ich Ihnen, ausführlich Be­richt zu erstatten über den Beginn der bevorstehenden Faschings« festlichkeiten. Nun ist bereits des Prinzen Carneval närrische Majestät in untere sonst so stille Residenzstadt eingezogen und hat mit dem großen Hofstaate feiner treuen Vasallen für ein paar Wochen sein fröhliches Herrscheramt begonnen. Am vergangenen Samstag fand daß große Ereigniß statt. Der städtische Saalbau war aus Anlaß des hohen carnevali- sttschen Festes, der Eröffnungsfitzung der Carnevals-Gesell« schäft, in ein närrisches buntes Gewand gehüllt, man kannte den großen Saal in seinem farbenprächtigen Schmuck kaum wieder. Die Narren- und Närrinnenschaar war ganz außer­ordentlich groß, und überall herrschte schon lange vor der formellen Eröffnung der Sitzung die fröhlichste und ausge­lassenste Fastnachtsstimmung. Pünktlich um 8 Uhr 11 Min. erschien, nachdem Herr Opernsänger Rupp vom Würzburger Stadthcater einen originellen Prolog vvrgetragen hatte, der Getammtvorstand der Gesellschaft in seinempudelnärrischen"

Ausschmuck. Nach einer Begrüßungsrede des Präsidenten

j begannen dann die einzelnen, für den Abend bestimmten Vox- träge. Da war einmal einDanneppelmann", der die : luftigsten Schnurren zum Besten gab, dann berichtete ein ! städtischer Laternenanzünder über seine Erfahrungen, desgleichen ! ein urkomischer Droschkenkutscher, einGigerl" u. s. w. Ganz besonders sollen zwei echteHeiner" gefallen haben, über die jedoch Ihr Referent nicht aus eigener Anschauung berichten kann, da er den Saal leider schon verlassen hatte. Zwischen den einzelnen Carnevalsreden erfreuten mehrere künstlerische Kräfte durch Liedervorträge, die natürlich alle der heiteren Stimmung Rechnung trugen und daher wahrhaft zündend wirkten. Selbstverständlich mußten in erster Linie Fragen von localem Interesse zu den Vorträgen herhalten, die electrische Straßen­bahn, über deren Anlage man immer noch nicht einig werden kann, die Markthalle, der Museumsbau, das neue Polytechnikum und namentlich das stark verregnete und doch so urfidel ver­laufene Turnfest vom letzten Juli wurden in witziger Weise verarbeitet". Auch fehlten natürlich die fröhlichen Fast­nachtslieder nicht, die diesmal ganz famoS ausgefallen waren. Zur Probe feien hier zwei Verse eines solchen von Herrn Ob ein verfaßten Ltedes mitgetheilt, das vom Turnfest handelt und auch für die Gießener, die ja das nächste Mal die rhei­nischen Turner in ihrer Stadt sehen werden, nicht ohne In­teresse sein dürfte:

Turnfest - Erinnerung e.

(Mei.: Die Musik kimmt.)

O sel'ge Turnfestzeit, Wie liegst du schon so weit! Mit Wehmuth denk ich dein

Man klettert aus dem Bett, Macht Tutnertoilett':

Und all der Lumpere» n, Die du un5 mttgebracht; Wer hätte je gedacht, Daß unser stillos Nest So frob gewest!

Du hast die ganze W:lt Fast auf den Kopf gestellt. Der Jüngling naiewets Und auch der Mummearets, Die Jungfer Rosalind' War'n all' mitetnand Aus Rand und Band.

En große Schlapphut uss; Dann aber nix wie naus Un regems auch, o Graus, Bald geht der Festzug um Mit Tschtng un Bumm. Wie strotzt die Residenz Von Blume, Fichtekränz, Gutrlande, Faboezetg, Dazu 'vielt Flöt' un Geig', Gut Heil!" schallt's voller Freud', Denn soviel fremde Leit Sieht unser Stadt net oft So unverhofft.

Des Morgens früh um sechs heium, Da ging's schon los mit Pfeif' und Tromm'. Das war e frtsch-fromrn-frei Halloh, Wie seiner Zeit bet Jericho!

Wenn auch von gestern Owend her

Der Kleeskopp ei'm noch dumm und schwer, Da hiltt fei Strecke und fei Zier'n, Jetzt geht's an's Amüfir'n.

Von Frankfort, Gieße, Bonames,

Von Krotzeborg un Etzeg'fäß,

Von Krumbach, Pfungscht (Pfungstadt) un aus em Vied Do lumme se in Reih un Glied;

Von Offe-, Bicke-, Waschebach Un schließlich von Schönmattewaag, Von Singe, Määnz un Biewertch Un Katze-Klapperich rc.

Pünktlich hat sich auch die erste Nummer der Fastnachts- Zeitung eingestellt, sie enthält sehr gelungene Beiträge unserer Localpoeten, deren Muse den närrischen Prinzen Carneval verherrlicht. Karl Schaffnit, dessenAllerhand Späß", eine Sammlung humoristischer Dialectdichtungen, hier weit ver­breitet sind, preist in einem schwungvollen LiedHochsDarmstadt" seine Heimathstadt und ein anderer, nicht minder bekannter Darmstädter Poeta laureatus weiß vomLuftbad" oder de« Indianern im Griesheimer Wald" einen lustigen Schwank aus alter Zeit zu berichten. Ganz famos ist dann noch eine Elegie von H. EnderS:

Die verlasse F e st h a 11":

Uff des Exerts (Exercierplatz) gälem (gelben) Sande Sieht die Festhall' stolz und ktthn, Halb die Dhorn schon umgerisse

Un die Fenster ei'gefchmisfe

Disch un Bänk stn kaa' mehr drin u. s. w.

Aus den mitgetheilten Proben läßt sich wohl schon erkennen, daß der Darmstädter Witz es trefflich versteht, die verschiedene« localen Ereignisse zu carnevalrstischen Dichtungen aller Art zu verwerthen. Die nächste Woche bringen noch einige Ver­anstaltungen der Carnevals - Gesellschaft: einen Herrenabend am 17. Januar, eine zweite Damen- und Herrenfitzung, die, um den auswärtigen Besuchern die Theilnahrne zu erleichtern, am Sonntag den 28. Januar, Abends 7 Uhr 11 Minute« beginnen wird, dann soll ein großer Gala - Maskenball den Abschluß des diesjährigen Carnevals bilden.